Klassismus bei den Grünen – was Bündnis 90/Die Grünen beim Sprung zur Volkspartei unbedingt beachten sollten

Ein soziologisch gedeuteter Erfahrungsbericht zweier Jugendlicher und einige Anmerkungen zum Hamburger Schulkampf

von Tobias Fabinger

„Es ist sehr verletztend, wenn man ausgegrenzt wird oder die Anderen einen wie Luft behandeln“, sagt der 19jährige Richard. Wir sitzen zusammen im Café und ich interessiere mich für seine Erfahrungen mit der Grünen Jugend. Er ist sichtlich betroffen, Ärger und Verletzung sind ihm noch anzumerken. Richard hat gerade sein Abitur gemacht, ist Arbeiterkind und hat in einem der Stadtteile, die den Ruf als „sozialer Brennpunkt“ haben, ein Gymnasium besucht. „Hochgearbeitet“ hat er sich allerdings von der Hauptschule. Ein lebendiger und intelligenter junger Bursche, der über Politik reflektieren kann wie jemand, der vielleicht bereits etwas Politikwissenschaft studiert hat. Richard verfügt eindeutig über rhetorische und analytische Fähigkeiten, Politik scheint „sein Ding“ zu sein. Wie er berichtet, hat er sich ein Jahr lang bei den Grünen engagiert, dann hielt er es nicht mehr aus. Ihm wurde signalisiert, dass seine Persönlichkeit nicht zu den Grünen passe. Auch hinterfragte er einige Glaubensgrundsätze der Grünen, wie er sagt, allerdings nur, um zu einer fundierteren Argumentation zu gelangen, aber das kam gar nicht gut an. Ich spreche mit ihm über das Habitus-Modell von Bourdieu und wir versuchen, seine Erfahrung etwas aufzuklären. Zum Hintergrund: Die aktive Parteibasis der Grünen bildet ein sehr geschlossenes soziales Milieu, welches mit sehr viel „kulturellem Kapital“ und mit relativ viel „ökonomischem Kapital“ ausgestattet ist. Das soziale Milieu der Grünen bewegt sich im oberen Bereich und somit sind Konflikte mit den wenigen Parteimitgliedern aus „proletarischen“ Milieus kein psychologisches oder subjektives Phänomen, sondern sollten soziologisch gedeutet werden. Mit seinem Sozialraummodell und Begriffen wie „ sozialer Habitus“ hat der Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002), die Beziehungen zwischen den Klassen bzw. sozialen Milieus beschrieben. Dieses Sozialraummodell hat sich in den Sozialwissenschaften stark durchgesetzt und eignet sich gut für eine Anwendung in der Analyse der politischen Parteien.

Feldforschung im Café

Wie der Zufall so will, Richards einstiger Kontrahent, Philip M., Sprecher der Grünen Jugend vor Ort, ist auch im Lokal. Und dann passiert etwas, das für die Begegnung zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus typisch ist. Richard möchte den Konflikt nochmal ansprechen, Philip M. wehrt zunächst ab und will gehen, offensichtlich sieht er Richard nicht als satisfaktionsfähigen Gesprächspartner an. Doch Richard gelingt es schließlich, ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Es fallen auch Worte, wie die, dass Richard bei der Linksjugend, wo er jetzt ist, besser aufgehoben sei. Damit ist seine engagierte Art zu sprechen gemeint, etwas, das die anderen vielleicht als „revolutionär“ oder undifferenziert bewerten. Es schwingt Abwertung mit, bei der Anspielung auf die Linke, so, als seien dort eben die etwas Ungehobelteren und undifferenziert Radikalen. Nach dieser interessanten „Feldforschung“ im Café reden wir weiter. „Die sind ungeheuer arrogant zu mir gewesen“, sagt Richard und meint damit seine Zeit bei den Grünen. Ebenso erging es Patrick, der aus einem ähnlichen sozialen Milieu wie Richard kommt und der sich ebenfalls bei der Grünen Jugend engagiert hat. Im Interview mit ihm zeigen sich ähnliche Strukturen. Patrick berichtet, dass er eine Rede zu einem Thema vorbereitet hatte, aber auf einmal, als er seinen Redebeitrag referierte, wurde er letztlich ignoriert und nicht wahrgenommen. Auf einer Podiumsdiskussion mit einem grünen Verteidigungspolitiker wagte er die Frage zu stellen, ob nicht der Afghanistan-Krieg primär etwas mit den US-Interessen und der Bündnistreue gegenüber der USA zu tun habe, weniger mit einem humanitäre Einsatz. Dies scheint ein Tabubruch gewesen zu sein und er erntete mit dieser Frage viel Empörung. Auch Patrick fühlte sich trotz eines großen politischen Interesses nach einiger Zeit so wenig anerkannt, dass er sein Engagement bei der Grünen Jugend beendete. Auch bei ihm kann angenommen werden, dass es sich nicht um ein Problem der Qualifikation handelt, da er großes politisches und philosophisches Interesse mitbringt und ebenso wie Richard ein „analytischer Kopf“ ist.

Konfliktpotentiale durch unterschiedliche soziale Herkunft

Was Richard und Patrick erlebten, aber was auf der anderen Seite vielleicht auch die Mitglieder der Grünen Jugend erleben, die sich ebenso mißverstanden fühlen und denen Richard und Patrick fremd vorkommen mögen, hat einen Hintergrund in der Sozialstruktur. Der Soziologie Dr. Lars Schmitt vom Marburger Zentrum für Konfliktforschung hat sogenannte „Habitus-Struktur-Konflikte“ untersucht, undzwar solche, die an der Universität vorkommen: Studentinnen und Studenten aus verschiedenen sozialen Milieus treffen hier zusammen, der soziale Raum ist vom bürgerlichen Milieu dominiert – was passiert dann? Schmitt hat verschiedene Konflikte wahrgenommen. Während die bürgerlichen Jugendlichen unter sich bleiben und sich wohl fühlen, kämpfen die Arbeiterkinder oft um Anerkennung und übernehmen beispielsweise besondere Aufgaben. Dabei laufen sie auch Gefahr, sich aufzureiben und in ihrem Kampf um Anerkennung zu viele Ressourcen zu verbrauchen. Auch die Selbstbeobachtung bei Arbeiterkindern, die ins bürgerliche Milieu geraten, ist höher. Sie denken, dass mit ihnen was nicht stimmt, da sie ja merken, dass sie als unzugehörig wahrgenommen werden. Sie nehmen sehr wohl wahr, dass ihr Habitus anders ist als die sozialen Verkehrsformen in ihrer bürgerlichen Umwelt. Es scheint „an ihnen“ zu liegen, wenn sie nicht gut integriert sind. Diese Erscheinung erhöhter Selbstbeobachtung und Angespanntheit tritt aber eben nur dann auf, wenn die Arbeiterkinder in einem Milieu sind, wo „andere Spielregeln“ herrschen und eben ein anderer Habitus vorherrschend ist. Es handelt sich also um eine soziale Konfliktsituation und nicht um ein Defizit. Wie werden nun von den Arbeiterkindern die bürgerlich-alternativen Studierenden wahrgenommen? Lars Schmitt hat herausgefunden, dass sie als „weltfremd“ und „abgehoben“ angesehen werden – gerade auch was das „alternative“ politische Engagement betrifft, welches reale ökonomische Probleme von Arbeiterkindern ausklammert. Dies spiegelt sich in den Aussagen der zahlreichen qualitativen Interviews wieder, die Schmitt gemacht hat. Es läuft hier also ein Prozess von Selbst- und Fremdwahrnehmung ab und dieses Wechselspiel ist konfliktreich: Auf der anderen Seite nämlich sind die bürgerlich geprägten Studierenden irritiert, weil die Arbeiterkinder ihnen als überangepasst, verkrampft und in ihrem Kampf um Anerkennung sogar als aggressiv erscheinen. Die in den hohen sozialen Milieus Sozialisierten können nicht reflektieren, dass die Arbeiterkinder in einem ihnen völlig fremden sozialen Raum tatsächlich um ihre Anerkennung kämpfen müssen und zuweilen auch ganz andere ökonomische Probleme haben als sie selbst. So reiben die Arbeiterkind sich auf und werden zudem durch diese sozial unbewußte Fremdzuschreibung ausgegrenzt: Bürgerliche Studierende empfinden sie als „unpassend“ für ihren Freundeskreis. Dieser „Habitus-Struktur-Konflikt“, den Lars Schmitt für die Universität soziologisch brillant herausgearbeitet hat, verschärft sich im „politischen Feld“ (Bourdieu) unter Umständen noch. Selbst an der Universität mit ihrem etwa 12% Arbeiterkinderanteil, wird man als Arbeiterkind glücklicherweise noch einige Kommilitonen mit ähnlichen sozialen Erfahrungen finden. Je nach Fach ist dies übrigens ganz unterschiedlich – so wird in manchen Fächern die Luft aufgrund der sozialen Zusammensetzung für Arbeiterkinder durchaus sehr dünn. Gelangt nun ein Jugendlicher mit proletarischem Hintergrund in eine Partei wie die Grünen, befindet er sich in einem noch geschlossenerem Milieu als an der Universität, er bekommt dann sozusagen eine „Überdosis“ Habitus-Struktur-Konflikte ab und das kann, wie auch Richard und Patrick gemerkt haben, sehr anstrengend und verletzend sein.

Die „Postmateriellen“ und der soziale Raum

Was Richard und Patrick erlebt haben ist ein soziales Phänomen, welches sich wohl in vielen grünen Kreisverbänden ähnlich abspielt. Auch sind die beiden nicht die einzigen Fälle, die unserer Forschungsgruppe am AStA-Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende bekannt sind. Richard und Patrick mögen hier exemplarisch als Beispiel dienen.
Ähnliche Konfliktsituationen bestehen auch in anderen sozialen Feldern, nicht nur im „politischen Feld. Sie treten, wie schon gesagt, in der Universität auf. Aber auch in Kulturinstitutionen und zum Teil auch in bestimmten Bereichen der Wirtschaft wird der soziale Raum von den gehobenen bürgerlichen Milieus dominiert, so dass bei Eintritt eines Menschen mit „proletarischem Habitus“ ein hohes Konfliktpotential entsteht. In den zum Teil auch an Bourdieu angelehnten aktuellen sozialwissenschaftlichen Modellen des Sozialen Raumes werden eine Vielzahl von Milieus bestimmt. Beispielsweise wird ein „traditionsloses Arbeitermilieu“ oder auch ein „traditionelles Arbeitermilieu“ verortet. Im höheren Bereich existiert ein liberales, technokratisches Milieu oder etwa ein gehobenes konservatives. Die Grünen sind dem „postmateriellen“ Milieu zuzuordnen. Akademische Berufe, Studienabschlüsse, hohe Einkommen und alternativer Lebensstil sind dort zu finden. Die allermeisten Jugendlichen aus dem grünen Milieu konnten von Kind an alle materiellen und kulturellen Möglichkeiten der Gesellschaft nutzen und sehen Auslandsaufenthalte, Theaterspielen und Musizieren oder eben auch eine diskursiv-dialogische und eher „gemäßigte“ und nichtkontroverse Diskussionsform als selbstverständlich an. Auch ökologisch orientierte oder sogar vegetarische Ernährung sind vor allem in diesem Milieu zu Hause. Die Postmateriellen können wichtige Impulse für die Gesellschaft geben, sie müssen aber aufpassen, dass sie Andere nicht ausgrenzen und etwa in Arbeitern unaufgeklärte, nichtökologische oder nur eingeschränkt diskursfähige Menschen sehen. Vielmehr sollten sie die verschiedenen Habitus‘, Praxisformen und Geschmacksformen der Milieus reflektieren – gerade dann, wenn die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei sind.

Bürgerliche und proletarische Milieus – asymmetrische Konflikte und Diskriminierung

Nun kommt jemand aus dem sagen wir „traditionslosen Arbeitermilieu“, macht Abitur, steigt auf und trifft die „Postmateriellen“, die von ganz oben kommen. Aufgrund seiner sozialen Erfahrung trägt diese Person einen starken gesellschaftlichen Veränderungswillen in sich. Es treffen also Menschen mit sehr unterschiedliche soziale Erfahrungen und eben auch unterschiedlichen Habitus‘ aufeinander. „Habitus“ meint auch die Art mit der sozialen Praxis umzugehen, oder etwas einfacher gesagt, die Art Probleme anzupacken: Sind diese Praxisformen sehr unterschiedlich, so ist da ein hohes Konfliktpotential. Der soziale Habitus bestimmt auch in hohem Maße die Ausstrahlung und die Art und Weise, sich zu geben. An den geheimen Codes ihres Habitus erkennen sich die sozialen Milieus. Damit hängt auch zusammen, was man sagt und was man besser nicht sagt, oder wie man mit inhaltlichen Kontroversen umgeht. Diese konflikthafte Struktur zwischen den Milieus, die laut Dr. Schmitt eine „Sozioanalyse“ erfordert, analog zur Psychoanalyse, wird oft psychologisiert. Die Aussage gegenüber Arbeiterkindern ist dann oft: Er passt nicht zu uns. Das ist aber immer nur individuell gemeint, der soziale Hintergrund dieser Wahrnehmung wird nicht reflektiert. Proletarische Jugendliche, die sich für Politik interessieren, bearbeiten die Erfahrung mit Habitus-Konflikten oft auch mithilfe von marxistischen und revolutionstheoretischen Modellen. Sie finden tatsächlich mittlerweile, auch das ist an dem hier beschriebenen Fall typisch, ins linke politische Milieu. Vielleicht meinen sie mit der sich heranbildenden linken Einstellung aber auch etwas Anderes, was auf diese Weise thematisiert wird: Die soziale Erfahrung der Nichtanerkennung, der Ausgrenzung. Die scheinbar seriöse Bürgerlichkeit in Milieus wie etwa den Grünen trägt eine starke diskursive Gewalt in sich. Durch die Individualisierung dieses Milieu-Konfliktes durch die mächtigere Seite wird ja derjenige, der ausgegrenzt wird, in seinem Bedürfnis nach Anerkennung verletzt. Der Sozialphilosoph Axel Honneth hat in seinem Buch „Kampf um Anerkennung“ dieser Verletzung der Integrität der Person durch ihre Nichtanerkennung eine besondere Stellung eingeräumt. Viele politische Bewegungen in der Geschichte sind aufgrund des Kampfes um Anerkennung entstanden, man denke nur an die farbige Bürgerrechtsbewegung in den USA der 60ger Jahre. Andreas Kemper, Soziologe und Publizist mit dem Schwerpunkt Arbeitkinder im Bildungssystem spricht von einer Diskriminierungsform, die vor allem Arbeiter oder Menschen arbeiterlicher Herkunft betrifft: Der Klassismus. Folgt man diesem Begriff und reflektiert die Beobachtungen etwa in Milieus wie die der Grünen, so muss man sagen: Es handelt sich nicht etwa um gleichberechtigte Konfliktpartner, sondern es ist ein asymetrischer Konfilkt: Die eine Seite, nämlich jene, die den proletarischen Habitus aufweist, wird diskriminiert. Der Begriff Klassismus spielt daher auf andere Diskrimnierungsformen, wie den Rassimus, an. Immer wieder hört man von Fällen, die nahezu identische Abläufte wie die Erfahrungen von Richard und Patrick mit dem „postmateriellen“ Milieu aufweisen. Es gibt aber auch Arbeiterkinder bei den Grünen, die sich nicht vertreiben lassen. So eines ist Daniel Mouratidis, der einen eigenen Blog zum Thema betreibt (http://www.mouratidis.de/exoten-arbeiterkinder-bei-den-gruenen) und offensichtlich das Bedürfnis hat, diesen – auch innerparteilichen – Problembereich zu thematisieren.

Die sozialen Verpflichtungen einer Massenlegitimationspartei und die innerparteiliche Demokratie

Die Grünen sind eine Partei, die viel von Gender-Mainstreaming hält, diese Politik mit durchsetzt und ein geschlechtergerechtes Verhältnis auch für ihre innerparteiliche Arbeit in Anspruch nimmt. Nun stellt sich die Frage, warum die Grünen nicht über ein Antiklassismus-Training nachdenken oder über Sozialtrainings. Die Grünen haben mittlerweile Umfrageergebnisse, die die SPD überholen und liegen teilweise bei über 25% der Wählerstimmen. In dieser Situation täten sie gut daran, die sozialen Effekte, die sich in ihrer Parteistruktur abspielen, zu reflektieren. Nichts tut so not, wie dass die herrschende, privilegierte Seite einmal über ihren Habitus nachdenkt und über die Herrschaftsverhältnisse im Sozialen Raum. Ein Bild kann das Problem der Grünen deutlich machen: Sie sind wie eine Partei in einem Apartheidsregime, das für die Gleichberechtigung der Farbigen ist, aber in ihrer eigenen Partei nur Weiße zulässt. Nachdem der Autor dieses Artikels sich mit einigen Fällen, wie dem von Richard beschäftigt hat, muss er sagen: Die Grünen sind eben aufgrund der sozialen Herkunft ihrer Mitgliederbasis vermutlich die klassistischste Partei in Deutschland, aber auch wegen ihrer Ferne zur materiellen Produktion. Ein mittelständischer Unternehmer, der täglich mit Arbeitern und Angestellten zusammen arbeitet ist im Alltagsverhalten vermutlich viel weniger klassistisch, als die Menschen aus den kulturell-ideellen Sphären, in denen alles nur durch Diskussionen bewegt zu werden scheint und wo man mit akademischer Bildung und kultureller Bildung punktet. Und das obwohl die Grünen ja auf der Inhaltsebene ihrer Politik für die Förderung von Arbeiterkindern und Migranten sind. Schaden wird dieser Partei dieser Widerspruch zunächst nicht, die paar Arbeiterkinder, die den idealistischen Ansatz der Grünen und ihre Inhaltsebene ernst nehmen und sich dorthin verirren, sind schnell vertrieben und die postmateriellen, akademischen und wohlhabenden Milieus in Deutschland sind so groß, dass sich von dort immer wieder Wähler rekrutieren lassen. Allerdings ändert sich die Situation, wenn die Grünen Ergebnisse von um die 25% haben. Eine Massenlegitimationspartei wie die Grünen hat dann die Pflicht ihre politische Praxis auch anderen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Ansonsten kann von innerparteilicher Demokratie nicht geredet werden, denn es ist ja von Vorneherein entschieden, wer in so einer Partei Einfluss gewinnt – eben deswegen weil die dominierenden bürgerlichen Milieus dann immer individualisierend bestimmen können, wer zu ihnen passt und wer nicht. Richard wäre bestimmt ein sehr fähiger grüner politischer Aktivist geworden. Nun wird er ein Linker. Auch gut – und falls die Grünen zur Selbstreflexion nicht in der Lage sind, wird man eine Volkspartei, die die Interessen der über 50% einkommensschwächeren und „bildungsferneren“ Arbeitnehmermilieus vertritt, aufbauen oder die vorhandenen linken Parteien ausbauen müssen. Richard, wir wünschen Dir für Deine politische Arbeit bei den linken „Schmuddelkindern“ alles Gute. Mit denen soll man ja, wie es in einem Lied von Franz Josef Degenhardt heißt, nicht spielen. Aber vielleicht spielen die Schmuddelkinder in Deutschland irgendwann die erste Geige und können das Diskriminierungsverbot, welches im Grundgesetz genannt wird, dann in die Praxis umsetzen. Der Autor dieser Zeilen ist übrigens parteilos, es ging ihm um die Sozialraumanalyse der Parteien. Er freut sich auch, wenn die Grünen es schaffen, die „Anerkennung des Anderen“, oder etwas populärer die „Toleranz“ innerparteilich umsetzen können und die gegenseitige Fremdheit der sozialen Milieus integrieren können. Wollen sie das nicht auch in Gesamtschulen praktizieren? Warum nicht schon mal im eigenen Parteimilieu damit anfangen?

Zum Beispiel Hamburger Schulkampf 2010

Die Nichtanerkennung des proletarischen Habitus im politischen Raum hat auch Auswirkungen auf die Schulpolitik: In einer kurzen Anfrage nach einem Feedback auf unsere hier geleistete Reportage spricht Soziologe Schmitt ein aktuelles Thema an: Beim Hamburger Schulkampf, der etwa in der ersten Jahreshälfte 2010 tobte, haben fast nur die höheren Schichten den politischen Raum der Volksabstimmung genutzt und damit die Schulreform hin zu weniger Selektion im Schulsystem verhindert. Die Parteien, die für die Schulreform waren, in dem Fall CDU, SPD, Grüne und Linke haben es nicht vermocht, die bildungsbenachteiligten sozialen Milieus zu mobilisieren. Somit scheiterten die Schulreformer, welche mehr Bildungsgerechtigkeit intendierten, an der Volksabstimmung, welche von den Kräften gewonnen wurde, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien haben und somit das sozial selektive Schulsystem forcieren. Damit scheitert auch grüne Schulpolitik, die ein sozial gerechteres Schulsystem will. Man hätte vorher wissen können, dass im politischen Feld gerade die höheren Mittelschichten dominant sind und dort jederzeit die Öffentlichkeit selbstbewusst nutzen können, während eben dies dem arbeiterlichen Habitus zunächst fremd ist. Es stellt sich also die Frage: Ist dieses partzipatorische Politikangebot, bei dem vermeintlich alle mitmachen konnten, am Ende nur eine Verschleierung des Klassismus der höheren Schichten und sozialen Milieus, bis hinein ins alternative, postmaterielle Lager? Es ist eine offene Frage, ob den auf Partizipation bedachten Grünen diese Problematik nicht bewusst war, oder ob sie es nicht wissen wollten. An dieser Stelle möchte der Autor dieses Artikels noch einige Hinweise auf die Gestaltung einer Schulpolitik machen, die auch von den betroffenen benachteiligten Schichten ausgehen könnte: Wenn man es ernst gemeint hätte, so wäre eine intensive und qualifizierte Moblisierung der benachteiligten Stadtteile schon lange vor der Abstimmung in Hamburg entscheidend gewesen. Die Einstiegsbarrieren in das politische Geschehen hätten, ausgehend von der Anerkennung des proletarischen Habitus, gesenkt werden müssen. Auf dieser Basis wäre eine hohe Wahlbeteiligung der Schichten, für die die Schulreform ja auch gedacht war, möglich gewesen. Nicht nur das Parteigeschehen, auch die „bürgernahen“ Partizipationsmodelle müssen ihrer Form nach für alle sozialen Milieus geöffnet werden. Soziale und ökologische Politik, die für alle da sein will, braucht also einen Vermittlungsschritt und muss in ihren Ausdrucks-, Politik- und Dialogformen auch dem Habitus der „unteren“ sozialen Milieus die Möglichkeit der politischen Praxis geben. Und „Habitus“, ist letztlich ja Praxis, also die Art und Weise sich die Welt zu erschließen und auch mit politisch-gesellschaftlichen Fragen umzugehen.

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7 Antworten auf „Klassismus bei den Grünen – was Bündnis 90/Die Grünen beim Sprung zur Volkspartei unbedingt beachten sollten“


  1. 1 Carl 28. November 2010 um 16:05 Uhr

    Hi Tobias,
    du hattest ja schon mehrmals über dieses Thema reflektiert und es ist meiner Meinung nach wichtig.

    Ich greife aus der Vielzahl der von dir angeprochenen Punkte den Vegetarismus heraus. Zwar bin ich selbst kein Vegetarier, fände es jedoch eigentlich besser fände einer zu sein – aus Klimaschutzgründen, aber auch um bei manchen Leuten nicht anzuecken.
    Der Vegetarismus und der Veganismus sind imho lobenswerte Anliegen und wir, die Menschheit, werden wahrscheinlich in näherer Zukunft nicht darum kommen uns damit zu beschäftigen. Wir du aber schon sagtest scheint der Vegetarismus außerordentlich stark mit Bildung korreliert zu sein. Der Veganismus ist es sogar noch stärker.

    Ein ähnliches Thema wäre der faire Handel. Dieser ist ebenfalls extrem wichtig und er liegt mir am Herzen, aber er ist in einem bestimmten Milieu zuhause und ich weiß nicht, ob ich mich diesem zurechnen will.
    Ich trage fair gehandelte Unterhemden und fair gehandelte T-Shirts, die ich als Unterhemnden benutze. Viele fair gehandelte Kledungsstücke sehen einfach so aus, dass ich mich schämen würde das zu tragen. Sie sprechen nur ein ganz bestimmtes Milieu an.

    Noch schöner wäre es jedoch, wenn es fair gehandelte Produkte für andere Milieus geben würde. Warum gibt es die nicht? Kreist dieses Milieu so um sich selbst? Man könnte auch gut damit verdienen.
    Deswegen finde ich es um so begrüßenswerter, dass auch große Firmen wie Starbucks den fairen Handel für sich entdecken und ihn hoffentlich aus dieser Alternativ- Ecke herausbringen.

    Meine Frage an euch wäre praktisch: Wie stark soll man sich um eine „bessere Welt“ bemühen, ohne abgehoben zu wirken oder auch wie sehr soll man sich bemühen nicht abgehoben zu wirken und dabei bleibt die bessere Welt auf der Strecke?

  2. 2 Carl 19. Dezember 2010 um 16:52 Uhr

    Ich finde es schade, dass keiner dazu eine Meinung zu haben scheint…

  3. 3 Tobias 28. Januar 2011 um 20:48 Uhr

    Die Frage, inwieweit man sich „um eine „bessere Welt“ bemühen [soll], ohne abgehoben zu wirken“, wie Du schreibst Carl, ist ganz wichtig. Grade das Thema „fairer Handel“ oder „vegetarisch Essen“ ist dem Arbeitermilieu sehr fern. Meine Antwort: Diese Themen können aus iher Verwobenheit mit dem „postmateriellen“ sozialen Milieu herausgelöst werden und auch in Arbeitermilieus diskutiert werden. Man muss eben nur Wissen, dass diese alternativen Konsummuster zunächst dem proletarischen Habitus widersprechen und auf Abwehr treffen können. Ich habe es aber für durchaus möglich, solche Themen auch in Arbeitermilieus zu verankern. Wir erleben eine Zeit, in der die politisch-agierende Arbeiterbewegung sehr schwach ist. Das war einmal anders und das wird auch wieder anders sein. Es ist grade die Arbeiterbewegung, die Themen wie Soliadarität, gesamtgesellschaftliche Fragen, soziale Gerechtigkeit und Frieden immer wieder in die Gesellschaft eingebracht hat. Auch hat man mit den „Naturfreundehäusern“ eine Struktur, die naturverbunden ist und die aus der Arbeiterbewegung kommt. Das die Arbeiter heutzutage sich so wenig zu gesellschaftspolitischen Themen äußern zeigt die Ohnmacht dieser Milieus. Eine Stärkung der sozialen Position der Arbeiter geht mit der zunehmenden Fähigkeit einher, gesellschaftliche Fragen zu reflektieren und öffentlich einzugreifen.

  4. 4 Carl 06. Februar 2011 um 9:01 Uhr

    „Man muss eben nur Wissen, dass diese alternativen Konsummuster zunächst dem proletarischen Habitus widersprechen und auf Abwehr treffen können.“

    Aber warum eigentlich? Beim fairen Handel übt man Solidarität mit Arbeitern und Bauern in anderen Ländern. Vegetarismus hilft gegen den Klimawandel, unter dem die Armen am meisten zu leiden haben. (Kleiner Einschub an dieser Stelle: Rind- und Kalbsfleisch hat übrigens bei weitem den größten ökologischen Fußabdruck unter den hierzulande gebräuchlichen Fleischsorten. Wer nicht ganz auf Fleisch verzichten will könnte, indem er auf diese Sorten verzichtet seine Klimabilanz entscheidend verbessern).
    Die vegetarische Ernährung ist aber leider für Menschen, die körperlich arbeiten, wenig praktikabel, weil man dann mehr Hunger hat. Auch sind vertrauenswürdige Informationen darüber, wie man sich vegetarisch ernähren kann ohne Nährstoffmangel zu erleiden, nicht gerade überall zu finden. Wer, wie ich zum Beispiel, fleischessend aufgewachsen ist, verfügt natürlich oft nur über ein geringes Wissen über vegetarische Rezepte. Auch kann man Tofu tendenziell eher in den teureren Läden kaufen (wenn auch der Tofu selbst billiger ist als Fleisch).

    Wie man die Welt durch Änderung seiner Einkaufgewohnheiten ein bißchen verbessern kann, ist ein Thema, das mich in letzter Zeit beschäftigt. Ich wüsste gerne ein bißchen mehr dazu, wie man diese Themen mehr publik machen könnten. Hat außerdem einer von euch seriöse Informationen über gesunde vegetarische Ernährung und vegetarische (nicht vegane!) Rezepte?

    Die Naturfreundehäsuer, das sind doch diese Jugendherbergen. Die kommen also aus der Arbeiterbewegung?

    Viele Grüße übrigens an Patrick. Ich hoffe es stört ihn nicht, in der Diskussion über seinen Fall nicht erwähnt zu werden. Zu diesem Konflikt möchte ich mich aber nicht äußern ohne die Beteiligten zu kennen.

  5. 5 Philipp Matern 18. Februar 2011 um 17:25 Uhr

    Ich finde es sehr schade, das mir als hier offen angegriffener kein Angebot zur Gegendarstellung gemacht wurde. Hier werden viele schöne Schlüsse gezogen, ich würde manches sogar sofort unterschreiben aber die Faktenlage ist einfach eine andere. So ist die damalige Sprecherin des Kaktus auch „Arbeiterkind“ von Eltern ohne Universitätsbildung, (auch meine Eltern haben keinen als „akademisch“ anerkannten Abschluss, ich komme allerdings vom Land und aus keinem „Problemviertel“) und die Grüne Jugend in Münster hat noch viele andere (und sehr zufriedene) Mitglieder ohne Abitur – sicherlich auch aus „Problemstadtvierteln“. Bei uns wird niemand nach Zugehörigkeit zu einer „Schicht“ beurteilt (ehrlich gesagt: Ich weiß bei vielen gar nicht wo die wohnen und was ihre Eltern so verdienen, ich wusste es auch hier nicht) und das ist auch in diesem konkreten Beispiel nicht der Fall gewesen. Genau genommen hatte ich das letzte mal Kontakt mit Richard, als wir nach einem Treffen der Grünen Jugend zusammen saßen und darüber redeten, warum er sich beim Kaktus nicht wohl fühlt und was der Kaktus da vielleicht ändern kann. Richard hat sich anschließend bei der Linksjugend engagiert.

    Hinzugefügt sei, dass alle Grünen in Münster sich stets für mehr Zusammenarbeit mit der Linkspartei stark gemacht haben. Wir spielen ständig mit den „Schmuddelkindern“.

    Übrigens ist der Autor vielleicht parteilos, aber nicht unparteiisch. Diese Anmerkung erlaube ich mir jetzt einfach mal.

    (Und ein letztes noch, weil es einfach eine bodenlose Frechheit ist: Wenn sich um 22.00 Uhr abends jemand an meinen Tisch setzt, dann ist zu akzeptieren, wenn ich gerade gehen muss. Manche Menschen müssen nämlich, was Hochschulpolitik-aktive nie verstehen werden, wirklich: Arbeiten! Für ihr Geld!)

  6. 6 Tobias 18. Februar 2011 um 21:47 Uhr

    Hallo Phillip,

    Du hast die Ehre meiner Korporation beleidigt. Ich fordere Satisfaktion. Können Grüne und Linke immer nur meckern? Ich habe in dem Artikel doch auch konstruktive Vorschläge gemacht. Bei meiner Ehre als Mitglied einer schlagenden Verbindung sage ich Dir: Ich habe mehrere Jahre bei einem Bildungsträger gearbeitet, wo ich Morgens um 7:30 antreten musste und der Job war sehr anstrengend. Ein prekäres Beschäftigungsverhältnis und sowas haben wir auch Deiner Partei zu verdanken, als sie an der Regierung war. Aber ich bin dafür! Ständiger Überlebenskampf im Kapitalismus, jawoll! Das ist auch ökologisch, weil es doch der Evolution und dem Recht des Stärkeren entspricht. Disziplin gehört für uns als Konservative zu den wichtigsten Tugenden. An den Grünen gefällt mir, dass sie den Kapitalismus nicht mehr kritisieren, für Auslandseinsätze sind und für Hartz 4. Da werden die Menschen so richtig in Mangel genommen. Jawoll! Endlich lernen die mal arbeiten, diese Langzeitarbeitslosen. Und die Hochschulpolitiker können auch gleich zum Naturschutzeinsatz und Bäume pflanzen. Damit die mal richtig körperlich arbeiten.

    In diesem Sinne. Es leber Kaiser Wilhelm, der Namensgeber unserer Universität. Wir stimmen in allen Punkten überein. Und nicht dass die Linken Euch noch beeinflussen und ihr Flausen in den Kopf gesetzt bekommt. Immer schon vorsichtig mit diesen Traumtänzern und intellektuellen Pinschern. Die sitzen doch den ganzen Tag nur im Sessel und denken. Da Lob ich mir doch einen zünftigen ökologischen Marktwirtschaftler.

    Tobias

  7. 7 Tobias 18. Februar 2011 um 21:59 Uhr

    Lieber Philipp,

    verzeih bitte, das war natürlich Satire. Es ist mir schon klar, dass sich aus Deiner Sicht der Sachverhalt ganz anders darstellt und Du hast alles Recht der Welt, hier eine „Gegendarstellung“ zu posten. Allerdings hatte ich vor dem Schreiben des Artikels einen Kollegen von Dir von den Grünen gefragt, ob er sich äußern wolle. Die Reaktion war eher verhalten, jedenfalls machte er keinen aktiven Gebrauch von dem Angebot. In Südhessen redet man auch gern mal satirisch, wir haben wahrscheinlich gar kein Klassenproblem, sondern ein Regionales. Aber eine Geschichte muss ich doch noch erzählen. In Darmstadt war ich mal mit einigen Freunden als Mitglied einer Gruppe junger Lyriker zu einer Georg-Büchner-Preis Verleihung eingeladen, als ausgewähltes „junges“ Publikum. Wer war auch da? Eine grüne Stadtverordnete. Als sie uns sah – sie wusste nichts von der Einladung – sagte sie: „Was macht ihr denn hier, wer hat Euch denn reingelassen, ihr wollt ja nur stören“ – nun ja, solche traumatischen Erfahrungen prägen einen halt. Wir haben uns an diesem Abend übrigens noch gut mit dem Preisträger, dem Lyriker Ernst Jandl unterhalten, der ein spontanes Gedicht über die „Bürgerlichkeit“ improvisierte. Das war sehr lustig. Und noch was: Ich habe ja versucht, den Artikel einigermaße neutral zu schreiben und betont, dass keiner der beiden Seiten einen Wahrheitsanspruch hat. Im übrigen würde eine Bearbeitung des Problems der Mitgliederstruktur die Grünen doch nur stärken? Ich finde es übrigens gut, wenn man sich in der Kommunalpolitik engagiert, das machen viel zu wenige Leute und das ist ein sehr wichtiges Feld. In diesem Sinne mal zu einem Gefecht beim ökologischen Pinkus-Bier. Und natürlich vor 22 Uhr.

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