Ist Einfühlungsvermögen klassenabhängig?

Von Andreas Kemper

Eine Studie von kalifornischen und kanadischen WissenschaftlerInnen entdeckte Korrelationen zwischen der Klassenzugehörigkeit und dem Einfühlungsvermögen: Angehöroge einer niedrigen Klasse könnten sich demnach besser in andre hineinfühlen als Angehörige einer höheren Klasse. Auf Telepolis diskutiert Florian Rötzer die Studie unter dem Titel „Sind die Reichen gefühlsblind?“. Auch an Hochschulen gibt es ähnliche Überschneidungen. Dort, wo das Klima zwischen Profs und Studierenden und das Klima unter Studierenden besser ist, studieren mehr Arbeiterkinder. Dies sagt allerdings noch nichts über Ursache und Wirkung aus.

Hier ist ein Ausschnitt aus dem Studierendensurvey zum sozialen Klima. Die Fächer mit einem schlechteren sozialen Klima sind gleichzeitig diejenigen, wo weniger Arbeiterkinder studieren.

sozialesklima

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5 Antworten auf „Ist Einfühlungsvermögen klassenabhängig?“


  1. 1 Carl 28. November 2010 um 16:25 Uhr

    Ich frage mich, ob der Wirkungszusammenhang nicht eher andersherum ist: Nicht wer reich ist kann sich schlecht einfühlen, sondern wer sich schlecht in das Leid von anderen Menschen einfühlen kann, wird eher reich. Der finanzielle Erfolg beflügelt das vielleicht noch mehr und ein Teufelskreislauf entsteht (Scrooge). Ich glaube aber nicht, dass, wer im Lotto gewinnt, sich plötzlich nicht mehr einfühlen kann.

  2. 2 Avodez 28. November 2010 um 17:40 Uhr

    @Carl: Dass jemand „reich wird“ ist die absolute Ausnahme (du nennst ja selbt passend den Lottogewinn als Beispiel), Reichtum wird in der Regel vererbt. Ich würde eher vermuten, dass Mangel an Empathie Voraussetzung ist, um reich zu bleiben. Wer mit offenen Augen das Leiden der Armen wahrnimmt, würde auf Dauer seinen Reichtum verschenken (oder psychische Probleme bekommen). Wer sich in diejenigen einfühlt, die den Reichtum produzieren, den man dann abschöpft, wird Schwierigkeiten haben, weiter eben jenes System am Laufen zu halten. Wenn man aber darauf verzichtet, weiter in kapitalistische Unternehmungen zu investieren (bzw. das die Bank machen zu lassen), gibt auch keinen neuen Gewinn. Den Mangel an Empathie und die dazu passende Ideologie werden die meisten Reichen schon im Kindesalter von ihren Eltern anerzogen bekommen. Das heißt aber nicht, dass diese Geisteshaltung und psychische Struktur sich nicht genauso bei Neureichen bilden würde. Auch der Lottomillionär wird psychische Strategien entwickleln, um seinen Reichtum und dessen Erweiterung zu rechtfertigen. Dazu gehört dann wieder der Verzicht auf Empathie.

  3. 3 Tobias Black Panther 29. November 2010 um 2:14 Uhr

    Diese Studie war lange überfällig. Es ist von unschätzbarem Wert, wenn empirische Daten erhoben werden. Interessant wird die Interpretation. Dazu einige Gedanken. Die Studie weist uns auf Gruseliges hin:
    (1) Bürgerliche Sozialisation bedeutet: Mitgefühl wird systematisch abtrainiert, um sich selbst behaupten zu können, das „Bürgerliche Selbstbewusstseins“ (frei nach Hegel) ist gerade dasjenige, für das alles vermittelt ist – eine spontante Identifikationsfähigkeit ist also nicht möglich.
    (2) Bürgerliche Praxis bedeutet: Kultur, Bildung, Beratung wird als Warenform produziert, oder etwas moderner gesprochen, als kulturelles Kapital. Das Mitgefühl kann hier immer nur ein strategisches sein, wenn überhaupt vorhanden.
    (3) Der dominante Habitus der bürgerlichen Schichten ist ein Anachronismus. Diese indviduelle Form der Selbstbehauptung passt nicht mehr für eine demokratische und auf Kooperation angewiesene Gesellschaft. Im bürgerlichen Habitus kommt gesellschaftliche Herrschaft von Jahrtausenden zum Ausdruck. Die Gesellschaft ist von ihren kulturell begründeten Normen über diese Herrschaftszivilisation schon hinaus. Nun müssen materiale gesellschaftliche Prozesse folgen, die das , was die humanistische Kultur verspricht, real einlöst.
    (4) Die bürgerliche Sozialisation ist von „bürgerlicher Kälte“ (Adorno) geprägt. Gesellschaftliche Konflikte werden ausgeblendet oder umgedeutet. Diese Umdeutung ist für das bürgerliche Subjekt (als sozialer Form) überlebenswichtig. Daher werden auch alle materialistischen, kritischen Analysen mit vehemenz abgewehrt – das bürgerliche Subjekt sieht sich in seiner Dominanz und Herrschaft bedroht
    (5) Die arbeiterlichen Klassen geben sich normalerweise damit zufrieden, ein Einkommen zu haben und streben nicht nach „Gewinn“ im kulturellen Feld. Viele Berichte von Studierenden, die etwa in der Produktion tätig waren, spiegeln deren Überraschung über das dort herrschende solidarische Klima wieder
    (6) In einem bürgerlich dominierten Feld kommt es zu einer „kommunikativen Verwicklung“. Der proletarisch Sozialisierte verhält sich oftmals mitfühlend, wird dabei im Konkurrenzkampf aber aufgefressen. Die bürgerlich Sozialisierten halten ihn für naiv oder wundern sich, warum er nicht konsequent seine Interessen verfolgt.
    (7) Der proletarische Habitus, bzw. ein erweiterter, reflektierter proletarischer Habitus, der eben diese Qualität der Anerkennnung und des Mitgefühls beinnhaltet muss in der Gesellschaft der Herrschende werden. Das Regiertwerden von „Gefühlszombies“ ist mittlerweile für die Menschheit zu gefährlich. Die Lösung der komplexen gesellschaftlichen Fragen ist nur auf der Basis hoch entwickelter Emphatiefähigkeit möglich
    (8) Organische Intellektuelle (Gramsci), die aus der Arbeiterklasse stammen, dürfen sich nicht dem bürgerlichen Habitus anpassen, sondern sie müssen versuchen, die spezifischen emphatischen und solidarischen Fähigkeiten der proletarischen Milieus zum gesellschaftlichen Allgemeinen zu machen. Diese organischen Intellektuellen müssen die Bildungs- und Kulturinstitutionen für weite Teile des Proletariats öffnen.

  4. 4 Carl 19. Dezember 2010 um 17:28 Uhr

    Es geht in der Studie ja anscheinend um Beschäftigte an einer Uni und nicht um Wirtschaftsbosse. Ich würde es aber als falsch ansehen, zu glauben der Professorentitel würde (ähnlich wie eine große Firma oder der Grafentitel) einfach so vererbt. Sicherlich hilft es beim Studium, wenn der eigene Vater auch schon Professor war. Das nehme ich jedenfalls an, werde diese Frage aber, da mein Vater kein Professor ist wahrscheinlich nie abschließend beantworten können.
    Trotzdem muss er selbst die Leistung an der Uni erbringen und dabei hilft es, wenn er
    1) bereit ist sich einzuschleimen
    2) bereit ist seine Kommilitonen zu schädigen, um selbst besser dazustehen (viele Profs orientieren ihre Noten an einer Gaußkurve, je schlechter die anderen sind, desto besser für einen selbst)
    3) bereit ist absichtlich wissenschaftlich falsche Ergebnisse zu produzieren
    4) bereit ist von seinen Kommilitonen oder anderen Wissenschaftlern zu stehlen und es als die eigenen Ergebnisse zu verkaufen

    Dass Personen ihr Geld in etwas investieren finde ich generell erstmal nicht problematisch. Mohammed Yunus, der Banker der Armen, investiert sein Geld auch statt es zu verschenken. Davon profitieren nicht zuletzt die Armen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn man nur noch das Geld und den maximalen Gewinn sieht.
    Ich verlange nicht, dass reiche Menschen mir ihr Geld schenken, aber was ich mir wünschen würde, wäre das unbezahlte Praktika, Scheinselbsständigkeit und so weiter abgeschafft würden und dass Leiharbeiterstellen in reguläre Arbeitsstellen umgewandelt würden. Generell habe ich kein Problem mit Reichen, wenn sie anständig und verantwortungsbewusst sind. Leider sind viele das nicht. Ich finde es okay, dass man für jemanden arbeitet und dessen Gewinn erhöht, so lange man wie ein Mensch behandelt wird und nicht wie ein Rädchen in der Maschine.

    Darin sehe ich auch das Problem der reich geborenen: Wissen sie, dass wir Menschen sind, genau wie sie? Vielleicht täten ihre Eltern gut daran, sie mal zur Arbeit zu schicken, damit sie Menschen aus der Arbeiterschicht kennenlernen. Wenn die Eltern natürlich einfach nur geldgierig sind und ihre Kinder auch dazu erziehen wollen, werden sie das nie machen.

  1. 1 „Vereisung des sozialen Klimas“ « Dishwasher Pingback am 03. Dezember 2010 um 18:17 Uhr
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