PISA 2009: Überdurchschnittliche Diskriminierung in Deutschland und Österreich

Von Andreas Kemper

Auch die am 07. Dezember 2010 veröffentlichten PISA-Ergebnisse (PISA 2009) bescheinigen, dass in Deutschland und Österreich die Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft größer ist als im OECD-Durchschnitt. In Deutschland werden verhältnismäßig viele Lehrkräfte pro Schüler_innen in sozioökonomisch benachteiligten Schulen eingesetzt – mehr positives lässt sich nicht sagen. In allen anderen Bereichen sind Deutschland und Österreich im Mittelfeld der Bildungsbenachteiligung bzw. noch bildungsbenachteiligender als der Durchschnitt der OECD-Staaten.
So setzt Österreich zu wenig Lehrkräfte in Schulen mit geringem sozioökonomischen Hintergrund ein. Während Deutschland mit 24% der Jungen und 13% der Mädchen mit einer Lesekompetenz unter der Stufe 2 noch im Mittelfeld der OECD-Staaten rangiert, leistet sich Österreich einen Prozentsatz von 35% der Jungen bzw. 20% der Mädchen, die in der Lesekompetenz unter Stufe 2 sind. Eine Lesekompetenz unter Stufe 2 bedeutet, dass diese Schüler_innen nur über elementare Lesefähigkeiten verfügen, dass das Lesen nur ungenügend für das Lernen genutzt werden kann.

Oberflächliches Verständnis einfacher Texte
Schülerinnen und Schüler, die über Kompetenzstufe I nicht hinauskommen, können mit einfachen Texten umgehen, die ihnen in Inhalt und Form vertraut sind. Die zur Bewältigung der Leseaufgabe notwendige Information im Text muss deutlich erkennbar sein, und der Text darf nur wenige konkurrierende Elemente enthalten, die von der relevanten Information ablenken könnten. Es können nur offensichtliche Verbindungen zwischen dem Gelesenen und allgemein bekanntem Alltagswissen hergestellt werden. Kompetenzstufe I bezeichnet mithin lediglich elementare Lesefähigkeiten.
Die Gruppe der Schülerinnen und Schüler mit Lese- und Verstehensfähigkeiten unter und auf Kompetenzstufe I wird nachfolgend als potenzielle Risikogruppe bezeichnet. Die Leistungen dieser Schülerinnen und Schüler im PISA-Test legen nahe, dass sie beim Übergang ins Berufsleben Problemehaben werden.

Ein Viertel der Jungen in Deutschland und mehr als Zweidrittel der Jungen in Österreich besitzen maximal diese Lesekompetenz.
Deutschland gehört zudem zu den fünf OECD-Staaten, wo der sozioökonomische Hintergrund der Schulen massive Effekte auf die gemessene Leistung der Schüler_innen hat. In der Zusammenfassung heißt es:

Unabhängig von ihrem eigenen sozioökonomischen Hintergrund sind Schülerinnen und Schüler in Schulen mit einer sozioökonomisch begünstigten Schülerschaft in der Regel leistungsstärker als Schüler in Schulen mit ungünstigerem sozioökonomischem Hintergrund.
In der Mehrzahl der OECD-Länder übersteigt der vom wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status der Schule auf die Schülerleistungen ausgehende Effekt bei weitem die auf den sozioökonomischen Hintergrund der einzelnenSchüler zurückzuführenden Effekte – und der Umfang der entsprechenden Leistungsunterschiede ist verblüffend:
In Japan, der Tschechischen Republik, Deutschland, Belgien und Israel ebenso wie in den Partnerländern Trinidad und Tobago sowie Liechtenstein entspricht der Leistungsabstand zwischen zwei Schülern mit ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund, von denen der eine Schüler eine Schule mit einem durchschnittlichen sozioökonomischen Hintergrund und der andere eine Schule mit einem günstigen sozioökonomischen Hintergrund besucht (unter den obersten 16% des jeweiligen Landes), im Durchschnitt mehr als 50 Punkten bzw. mehr als einem Schuljahr. (OECD: Potenziale nutzen und Chancengerechtigkeit sichern: Sozialer Hintergrund und Schülerleistungen (Band II), S.11)

Das OECD Berlin Center teilt hierzu mit:

Die Unterschiede in den Schulleistungen sind nach wie vor stark geprägt durch den sozio-ökonomischen Hintergrund der Familien, aber mehr noch der Schulen. Der Leistungsabstand zweier Schüler mit ähnlichem Hintergrund beträgt in Deutschland mehr als 100 PISA-Punkte, je nach dem, ob er auf eine Schule mit günstigem oder ungünstigem Umfeld geht. In keinem anderen Land hat ein sozial ungünstiges Schulumfeld einen derart starken Einfluss auf die Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien. […]
So wird z.B. deutlich, dass erfolgreiche Schulsysteme, mit überdurchschnittlichen Leistungen und unterdurchschnittlichen sozio-ökonomischen Ungleichheiten, vor allem solche sind, die Schülerinnen und Schülern gleiche Bildungschancen bieten, unabhängig vom Status und Gehalt ihrer Eltern. In Ländern mit verschiedenen Bildungszweigen zeigt sich: Je früher die erste Aufteilung auf die jeweiligen Zweige erfolgt, desto größer sind bei den 15-jährigen die Leistungs-unterschiede nach sozio-ökonomischem Hintergrund – ohne dass deswegen die Gesamtleistung steigen würde. (OECD Berlin Center, PM vom 07.12.2010: Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler in Deutschland verbessert; aber weiterhin großer Abstand zur Spitze und ungleiche Bildungschancen)

Mit einer Steigung von 44% (Deutschland) bzw. 48% (Österreich) der sozioökonomischen Gradiente zeigt sich der überdurchschnittliche Zusammenhang von sozialen, kulturellen und ökonomischen Familien-Ressourcen und der Lesekompetenz der Schüler_innen. Die Verwendung des ESCS-Systems (economic-social-cultural status) zur Erfassung des familiären Hintergrundes der SchülerInnen führte vor drei Jahren zu einem Eklat zwischen dem internationalen PISA-Konsortium und einigen deutschen Bildungsforschern, da letztere ein eigenes System anwandten und so zu einer abweichenden Interpretation der Daten gelangten, bzw. die Bildungsbenachteiligung in Deutschland als weniger drastisch beurteilten. Um die „feinen Unterschiede“ zumindest ansatzweise in die PISA-Untersuchungen einfließen zu lassen, ist jedoch auch der kulturelle Familienhintergrund zu erfassen, was durch den ESCS-Standard der PISA-Studien besser gewährleistet ist als durch die rein sozio-ökonomische Erfassung des Familienhintergrundes.
Österreich (5%) und Deutschland (6%) haben die geringste Zahl sogenannter „resilienter“ Schüler_innen. Resiliente Schüler_innen zeichnen sich in der PISA-Studie durch eine gute Lesekompetenz trotz „niedriger“ sozialer Herkunft aus. Das heißt, es gibt in Deutschland und Österreich kaum eine soziale Mobilität nach oben.
Der Auswertung der PISA-Studie entsprechend lassen sich in Deutschland (18%) und Österreich (17%) der Leistungsunterschiede durch sozioökonomische Unterschiede erklären, also weit mehr als im OECD-Durchschnitt, der bei 14% liegt.

Es hat sich also nicht viel geändert: Deutschland und Österreich zählen noch immer zu den OECD-Staaten mit der größten Bildungsbenachteiligung im Schulsystem. Wie weit diese Staaten von einer in der EU-Charta geforderten Gleichbehandlung aufgrund der sozialen Herkunft entfernt sind, zeigt sich bereits in der Sprache. Während die Zusammenfassung dort heißt:

Overcoming Social Background:
Equity in Learning Opportunities and Outcomes (Volume II)

wird daraus im Deutschen:

Potenziale nutzen und Chancengerechtigkeit sichern: Sozialer Hintergrund und Schülerleistungen (Band II)

„Chancengerechtigkeit sichern“ heißt nichts anderes als die bestehenden Privilegierungen sichern. Denn bekanntlich wurde der Begriff „Chancengleichheit“ durch den Begriff „Chancengerechtigkeit“ ersetzt, weil nicht mehr nur Arbeiterkinder die „Chance“ haben sollten, gleichzuziehen mit den Akademikerkindern, sondern auch den Akademikerkindern ermöglicht werden soll, durch Elite-Kindergärten, -Schulen, -Hochschulen oder zumindest durch die Beibehaltung des hochselektiven mehrgliedrigen Schulsystems, ihren Abstand auszubauen. Die Chancen sollen nicht mehr gleichverteilt, sondern „begabungsgerecht“ verteilt werden. Wobei die privilegierten Eltern zu entscheiden haben, was Begabung denn nun eigentlich ist (siehe Hamburger Schulkampf, wo die Privilegierten durchsetzten, dass erstens die frühe soziale Selektion bestehen bleibt und zweitens die Eltern und nicht etwa Leistungstests zu entscheiden haben, dass ihr Kind begabt ist und aufs Gymnasium gehört).

Hier ist der Link zur Tabelle:
PISA 2009 Tabelle zur Bildungsbenachteiligung

PISA 2009 Tabelle

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