Leistungsorientierte Mittelvergabe sozial dimensionieren

Bei einem Besuch im AStA der Uni Münster legten wir heute Svenja Schulze, Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW (SPD), folgendes Papier vor, in dem wir unter anderem fordern, dass die Mittelvergabe des Landes an die Hochschulen in NRW um so höher ausfällt, je mehr Arbeiterkinder die Hochschule absolvieren bzw. promovieren.

Leistungsorientierte Mittelvergabe
sozial dimensionieren

Die Soziale Dimension ist nicht umgesetzt

Die geforderte Umsetzung der „Sozialen Dimension“ im Bologna-Prozess findet „nicht einmal ansatzweise“ statt, kritisiert der Präsident des deutschen Studentenwerkes, Rolf Dobischat. Die Landesregierung NRW kann daran mitwirken, die Umsetzung der Sozialen Dimension im Bologna-Prozess voranzubringen.
Es arbeiten bereits verschiedene Stiftungen (Friedrich-Ebert-, Hans-Böckler-, Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung) in Werstattgesprächen zusammen, um gezielt „Arbeiterkinder“ zu fördern.
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung legte in diesem Jahr eine Analyse der AG Hochschulforschung der Uni Konstanz vor, in der Tino Bargel ein „Social Mainstreaming und Monitoring“ empfiehlt.

Aktuell kann hier an eine Forderung von Karsten König und der Un-gleichheitsforscher Reinhard Kreckel vom Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg erinnert werden. Sie stellten bereits 2003 fest, dass in den Zielvereinbarungen zwischen Hochschulen und Land Fragen zur sozialen Chancengleichheit fehlten. Sie forderten bereits vor ein paar Jahren diese soziale Implementierung, zeigten sich aber pessimistisch: „Unsere Analysen legen allerdings den Schluss nahe, dass genau das nicht gewollt wird und dass es vielmehr in erster Linie um die ‚Stärkung von Stärken’ geht, nicht um die Kompensation von Wettbewerbsnachteilen.“

Ein Blick in die aktuelle 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt, dass nicht nur in der Schule nach sozialer Herkunft ausgesiebt wird, sondern dass auch in den Hochschulen Bildungsschwellen bestehen.

Leistungsorientierte Mittelvergabe nutzen

Das Land NRW hat die Möglichkeit hier steuernd einzugreifen, um die geforderte Soziale Dimension umzusetzen.

Bei der Leistungsorientierten Mittelverteilung als Bestandteil der Zielvereinbarungen zwischen Land und Hochschulen wäre es möglich und sinnvoll in Zukunft nicht nur eine geschlechtsspezifische Gleichstellung bei Absolventen/Absolventinnen und Promotionen zu berücksichtigen, sondern auch die soziale Herkunft. In den Parametern zur Berechnung der Mittelverteilung könnte einfließen, wie hoch der Anteil von Akademikern / Akademikerinnen mit niedriger sozialer Herkunft ist, die einen Hochschulabschluss bzw. einen Doktorgrad erreicht haben.

Kreckel / König (Institut für Hochschulforschung, Universität Halle / Wittenberg) merken hierzu an:
„Nur das Argument, dass Sozialpolitik eben nicht in die Hochschulverträge passe, kann hier schon widerlegt werden, weil ja eben die Gleichstellungspolitik in Bezug auf geschlechterspezifische Ungleichheiten zeigt, dass entsprechende Maßnahmen sehr wohl denkbar sind.“ (König / Kreckel 2005: 249)

Selbstorganisierung von Arbeiterkindern unterstützen

Einhergehen sollte diese Maßnahme mit der gezielten Förderung von Initiativen und Projekten, die im Sinne der geforderten Sozialen Di-mension aktiv sind.

Reinhard Kreckel und Karsten König verwiesen bereits 2005 auf erste Ansätze des Aufbaus von „schlagkräftigen Institutionen“, „die die Belange der bildungsfernen Schichten in den den Vertragsverhandlungen vertreten können“. Dass eine Lobbyarbeit hier ungleich schwerer sei, liege an den „verdeckten Kausalzusammenhängen“:

„Anders ist es bei sozialen Ungleichheiten: Diese sind weder direkt von außen sichtbar, noch ist den Betroffenen selbst bewusst, welche verdeckten Kausalzusammenhänge zwischen ihrer eigenen Stellung an der Hochschule und ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Hochschulgruppe bestehen. Allein die Studentenwerke verweisen lange und oft ungehört auf die Probleme von Studierenden aus bildungsfernen Schichten. Erst in jüngster Zeit beginnen auch Studierendenvertretungen wieder, soziale Chancengleichheit zu thematisieren. So fand im August 2003 an der Uni Münster eine Vollversamm-lung der ‚Studierenden mit einer sogenannten ‚bildungsfernen Herkunft’’ statt, in dessen Anschluss ein Referat für ‚Finanziell und kulturell benachteiligte Studierende’ gegründet wurde. Bis jetzt ist jedoch noch nicht zu erkennen, dass schlagkräftige Institutionen entstehen, die die Belange der bildungsfernen Schichten in den Vertragsverhandlungen vertreten können.“ (König/Kreckel 2005: 248f.)

In den letzten fünf Jahren hat sich hier einiges an der Selbstorganisierung von studierenden Arbeiterkindern getan.

- So ist beispielsweise das „Arbeiterkinderreferat“ in Münster nicht mehr das einzige, sondern auch in Wien wurde ein entsprechendes Referat gegründet und in weiteren Studierendenvertretungen (bspw. Wuppertal und aktuell in Trier) wird eine solche Institution eingefordert.

- Seit einem Jahr gibt das Referat ein crossmediales Magazin für studierende Arbeiterkinder, The Dishwasher, heraus, welches eine bundesweite Vernetzung von Arbeiterkindern erlaubt. (http://dishwasher.blogsport.de)

- Im Juli 2011 wird an der Universität Münster die 15. internationale Tagung der „Working Class Academics“ stattfinden. Die Gruppe „Working Class / Poverty Class Academics“ ist ein internationaler Zusammenschluss von Hochschullehrenden mit einer sogenannten „niedrigen sozialen Herkunft“. Während der Tagung werden sich neben den Hauptvorträgen „Begabtenförderwerke“ mit einem eigenen Panel zu Fragen der Promotionsförderung von Arbeiterkindern einbringen und die verschiedenen Selbstorganisationen von Arbeiterkindern im Bildungssystem werden sich vorstellen. (http://wcpca.wordpress.com)

Die Vertretung eigener Interessen ist ein wichtiger demokratischer Akt, um potentielle Schräglagen in Politik und Forschung zu korrigieren. So intervenierte bspw. das „Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende“ im AStA der Uni Münster erfolgreich im Forschungsprojekt „Diskriminierungsfreie Hochschule“ und konnte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes davon überzeugen, dass in dem Forschungsprojekt die Diskriminierungsdimension „Soziale Herkunft“ berücksichtigt werden müsse.

Die Selbstvertretungs-Institutionen von „Arbeiterkindern“ im Bildungssystem (wie das „Fikus-Referat“ in Münster) haben sich in den wenigen Jahren ihrer Entstehung bewährt und sind gewachsen, allerdings mangelt es ihnen an finanziellen Ressourcen und symbolischer Anerkennung – vor allem, wenn diese Projekte einen bildungspolitischen Anspruch haben und nicht nur dem Beheben von Informationsdefiziten verpflichtet sind.

Es wäre hilfreich für die geforderte Umsetzung der Sozialen Dimension im Bologna-Prozess, dass das Land die politische Selbstorganisierung von „Arbeiterkindern“ im Bildungssystem anerkennt, ernst nimmt und unterstützt.

Arbeiterkinder-Selbstorganisationen im Bildungssystem

Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende
Jewgenij Arefiev, Tobias Fabinger, David Wienands
http://www.asta.ms/referate/fikus
asta.fikus@uni-muenster.de
0251/8322286

The Dishwasher. Magazin für studierende Arbeiterkinder
Andreas Kemper (Redaktion)
http://dishwasher.blogsport.de
VereinZabiba@gmail.com
0251/8322287

Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren
Andreas Kemper (Vorstand)
VereinZabiba@gmail.com

Working Class / Poverty Class Academics
Barbara Peters
http://www.workingclassacademics.org/
listowner@workingclassacademics.org

Association of Working Class Academics
Allison L. Hurst (President)
http://awcaonline.org/wordpress/
Kontakt: http://awcaonline.org/wordpress/about/contact/

Tagungen

15. Tagung der Working Class / Poverty Class Academics
Juli 2011 am Institut für Soziologie, Münster
http://wcpca.wordpress.com

Andreas Kemper
Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren
(VereinZabiba@gmail.com)
Münster, 20.12.2010

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2 Antworten auf „Leistungsorientierte Mittelvergabe sozial dimensionieren“


  1. 1 Olaf 22. Dezember 2010 um 3:27 Uhr

    Der Text fängt irgendwie gut ab und geht dann aber ins Leere. Was ist denn genau der überreichte Text und wo endet er?

  2. 2 Administrator 22. Dezember 2010 um 3:54 Uhr

    Das ist der überreichte Text. Es gibt noch einen Anhang mit drei Texten:
    - der Presseerklärung von Dobischat (DSW)
    - dem Artikel von König/Kreckel
    - die Expertise von Bargel/Bargel für die HBS

    Wieso geht der Text ins Leere? Was sollte ergänzt werden?
    Sind die Forderungen nicht klar und präzise?

    Liebe Grüße,
    Andreas

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