Übersteht Weihnachten ohne große Schäden!

Ich hatte überlegt, von Seiten der Dishwasher-Redaktion allen Lesern und Leserinnen ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen. Aber gerade für Arbeiterkinder ist dieses Fest oftmals nur eine Zumutung. Ich habe keine Ahnung wie die vielen Arbeiterkinder mit einem nicht-christlichem Hintergrund dieses Fest empfinden, daher fange ich erst gar nicht an, hier Vermutungen anzustellen, sondern bleibe bei mir. Ich lehne Weihnachten nicht rundherum ab. Es gibt schöne Kindheitserinnerungen und es macht mir Spaß, für die Kinder in der Verwandtschaft und Bekannten Geschenke einzukaufen. Aber …

Schon beim Einkaufen der Geschenke stellen sich bei mir und meinen Bekannten mit Kindern Probleme ein. Von einer Freundin, die studiert hat und alleinerziehend ist, also viel kulturelles aber wenig ökonomisches Kapital besitzt, bekomme ich ihre Gewissensbisse mit, weil sie weiß, dass sie sich die teuren Elektrogeräte nicht leisten kann, die sich zumindest eins ihrer Kinder wünscht. Mit meinen geringen finanziellen Mitteln kann ich da auch nicht weiterhelfen. Bei den Kindern meiner Verwandten aus der Arbeiterschicht ist aktuell nicht so sehr das Geld das Problem, sondern dass die Kinder keine Lesebegeisterung entwickelt haben und die Bücher, die ich ihnen Jahr für Jahr schenke, im Regal verstauben. Also in beiden Fällen hat mein Schenken einen faden Beigeschmack. Dabei bin ich noch nicht mal mit den krasseren Fällen von Kinderarmut konfrontiert.

Dieser Beigeschmack stellt sich vor allem ein durch den Zwangs-Familialismus, der Weihnachten zelebriert wird. „Weihnachten kommst du doch nach Hause?“ Ja, mach ich. Aber es stellt sich immer wieder der gleiche Mechanismus ein, den wahrscheinlich viele studierende Arbeiterkinder kennen. Der Gesprächsstoff geht schnell aus. Eigentlich freue ich mich auf das Wiedersehen, kann auch die emotionale Wärme genießen, aber ein Teil von mir, der ansozialisierte akademische Teil, kann sich nicht entfalten. Und mit einem schlechten Gewissen gehe ich nach ein paar Stunden in die innere Migration, schotte mich freundlich ab, lese, schaue mir die Wiederholungen im Weihnachstfernsehen an. Und auch in diesem Fall weiß ich, dass andere noch viel schlimmer vom Zwangs-Familialismus betroffen sind, wenn diese Idealform von Familie gar nicht besteht oder wenn man selber Kinder hat, aber aus unterschiedlichen Gründen gar nicht das Familienfest bieten kann, dessen Selbstverständlichkeit den Kids immer und immer wieder eingeimpft wird.

Daher wünsche ich kein schönes Weihnachtsfest, sondern denke an diejenigen, denen Weihnachten noch mehr Probleme macht als mir und dass ihr die nächsten Tage alle ohne größere Schäden übersteht.

Liebe Grüße,
Andreas Kemper
Dishwasher-Redaktion

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5 Antworten auf „Übersteht Weihnachten ohne große Schäden!“


  1. 1 Sandra 23. Dezember 2010 um 15:23 Uhr

    Lieber Andreas,
    ich kann dich sehr gut verstehen. Ich liebe meine Familie wirklich sehr, aber ich sehe mich oft eher in der Rolle der Sozialarbeiterin und nicht die der Tochter.
    Dir trotzdem eine schöne Weihnachtszeit
    Grüße
    Sandra

  2. 2 Jeff 23. Dezember 2010 um 16:12 Uhr

    Ich glaube du machst die Entfremdung von der Familie zu unrecht einzig an einer intellektuellen Entfremdung von der weniger gebildeten Familie fest. Ich glaube nämlich, dass alle Kinder und auch Eltern immer Weihnachten in einem konstanten Unwohlzustand empfinden weil man sich immer ein Stück weit entfremdet, man nie die richtigen Themen parat hat, die alle verbinden und auch die familiäre Wärme immer erzwungen wirkt.
    Das hat nichts mit der sozialen/wirtschaftlichen Klasse zu tun. Da muss wirklich jeder durch…das verbindet!?

  3. 3 Neoprene 23. Dezember 2010 um 16:29 Uhr

    Anlässlich des alljährlichen Fests der Liebe:
    Die gesellschaftliche Institution Familie – Ort des Glücks, des Psychoterrors und des Amoklaufs
    Vortrag von Peter Decker vom GegenStandpunkt
    http://doku.argudiss.de/data/10_12/familie_nbg_1210_ges.mp3
    Ankündigungsflugblatt:
    http://doku.argudiss.de/data/10_12/familie_nbg_1210_ank.pdf

  4. 4 franzen 23. Dezember 2010 um 21:31 Uhr

    scheiss jesusjünger

  5. 5 Neoprene 23. Dezember 2010 um 21:54 Uhr

    „Scheiße“ im Kopf zu haben, ist nun wirklich nichts, was nur Jesusjüngern eigen wäre.

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