Aufgeschnappt: Sarrazin zum Thema „Kindergärtnerinnen“

Interview mit der österreichischen Magazin „Profil Online“, 31.12.2010

profil: Zuweilen bekommt man den Eindruck, Sie wollen, dass der Staat die Bevölkerung am Reißbrett optimiert. Sie sprechen sich dagegen aus, dass Kindergärtnerinnen akademisch gebildet sein sollen, weil sie dann selbst weniger Kinder bekämen. Ist diese übersteigerte Form der Sozialtechnokratie wünschenswert?
Sarrazin: Wir haben ein System, in dem gebildete Frauen zu wenig Kinder bekommen. Damit leisten sie heute zwar einen produktiven Beitrag, weil sie sich beruflich einbringen – allerdings um den Preis, dass man auf den künftigen produktiven Beitrag ihrer nicht geborenen Kinder verzichtet. Wenn wir eine Struktur haben, in der ein Großteil der Kinder in einer wenig gebildeten und unterdurchschnittlich begabten Unterschicht geboren wird, dann würde dieselbe pädagogische Bemühung, die eine Kindergärtnerin dem Kind einer bildungsfernen Familie zuteil werden lässt, bei ihrem eigenen Kind möglicherweise viel reichere Früchte tragen. Hier geht es um eine wirklich sehr nachdenklich stimmende gesellschaftliche Fehlsteuerung. Abgesehen davon: Wenn Kindergärtnerinnen Akademikerinnen sein müssen, damit sie ihre Aufgabe erfüllen, dann müssten ja wohl alle Eltern Akademiker sein, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Was ein Kind an geistigen Anregungen zu Hause nicht erfährt, kann auch der beste Kindergarten nicht kompensieren. Das ist leider die Wahrheit.
Nachzulesen unter „Mensch des Jahres: Der gestrenge Herr Sarrazin“

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6 Antworten auf „Aufgeschnappt: Sarrazin zum Thema „Kindergärtnerinnen““


  1. 1 Mathias 02. Januar 2011 um 18:39 Uhr

    Mal wieder eine weitere Äußerung von Sarrazin, die ziemlich widersprüchlich ist. Elite muss wohl Elite bleiben und „Unterschicht“ eben „Unterschicht“ … und Sarrazin und seine Fans gehören ins Sarrazin-Forum. Wahrscheinlich geht das nie vorbei. Der deutsche Michel braucht wohl ein Dampfventil für seine eingebildete Unterdrückung …

  2. 2 Irene 04. Januar 2011 um 21:01 Uhr

    Wenn Kindergärtnerinnen Akademikerinnen sein müssen, damit sie ihre Aufgabe erfüllen, dann müssten ja wohl alle Eltern Akademiker sein, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

    Mit diesem Argument kann man ganze Ausbildungsberufe abschaffen: Die Butterkremtorte meiner Mutter belegt eindeutig, dass das Konditorhandwerk völlig überflüssig ist ;-)

  3. 3 Andreas 04. Januar 2011 um 21:17 Uhr

    Ja, das ganze ist eine äußerst krude Argumentation.

    Ich versuche mal es logisch auseinander zu dröseln:
    1. Kindergärten können nicht kompensieren.
    2. Es sind daher auch keine Fachkräfte nötig, die den Kindern etwas beizubringen versuchen, was sie von Haus aus nicht eh schon könnten.
    3. Akademikerinnen haben zu wenig Kinder.
    4. Die Akademikerinnen sollten ihre Qualifikation daher für Akademikerkinder einsetzen, nicht aber an Nichtakademikerkinder vergeuden.
    5. Daher ist es absolut unsinnig, dass Kindergärtnerinnen eine akademische Ausbildung erhalten.

    Habe ich ihn richtig verstanden?

  4. 4 Irene 05. Januar 2011 um 1:13 Uhr

    Ja, aber in Deiner Auflistung fehlt irgendwie der Biologismus.

    Sarrazin scheint ja anzunehmen, dass es auch für Akademikerkinder keinen Unterschied macht, ob sie während der vielen Stunden im Kindergarten viel lernen oder nicht, da sie ja von Natur aus so schlau sind. Bildung wird dann wohl abends nach Büroschluss zwischen Tür und Angel telepathisch an die Kleinen weitergereicht. (Hm, jetzt bin ich nicht mal sicher, ob Biologismus überhaupt der richtige Ausdruck dafür ist. Viele Tierkinder lernen ja auch von den Großen. Vielleicht verleugnet Sarrazin das Lernen?)

    So manche Akademiker denken jedenfalls ganz ähnlich. Sie denken, dass ihre Kinder sowieso begabt sind und das als Autopilot funktioniert. Wenn dann manche Kinder kleinbürgerlicher Hausfrauen (die den Kindern viel vorlesen und sie in Alltagsarbeiten in Haus und Garten einbeziehen und die Hausaufgaben beflissener betreuen) irgendwann bessere Noten haben und selbständiger sind als die Kinder vielbeschäftigter Akademiker, die wenig Zeit für die Familie haben, dann wundern sie sich, wie das nur sein kann.

    Mir fällt zu dem Sarrazin-Zitat noch ein, dass erzieherische und pflegerische Arbeiten in Deutschland traditionell unterbewertet werden, weil angenommen wurde, dass Frauen diese Arbeit sowieso und von Natur aus können. Da schwingt ja mit, dass sie fast von selbst passiert. Vielleicht wie die Bildung der Akademikerkinder in Sarrazins Welt?

  5. 5 Andreas 05. Januar 2011 um 9:31 Uhr

    In den Punkten 1 („Kindergärten können nicht kompensieren“) und 3 („Akademikerinnen bekommen zu wenig Kinder“) scheint auf Biologismus zu basieren. Nicht zwingend, aber wenn man Sarrazins Vererbungsthesen mitdenkt, dann ist das alles biologistisch begründet.

    Der Biologismus, der von „sozialen Rassen“ ausgeht (gruppenspezifische Vererbung von Intelligenz), scheint Hand in Hand zu gehen mit einer biologistischen Zuschreibung von Erziehungsaufgaben an die Frauen. Danke für den Hinweis.

    Mich erinnert das an das „Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“: wer sexistisch ist, ist oft auch rassistisch, antisemitisch, behindertenfeindlich und vice versa. Bei Sarrazin ist das ganze dann auch noch biologistisch begründet.

  6. 6 Olaf 05. Januar 2011 um 15:13 Uhr

    Also ich würde es so zusammenfassen:

    Wenn Kindergärtnerinnen Akademikerinnen wären, dann sollten sie lieber ihre eigenen Kinder erziehen, als ihre Zeit mit den Nicht-Akademikerkindern vergeuden, bei denen sowieso Hopfen und Malz verloren sind.
    Und daraus ergibt sich dann wohl irgendwie zwangsläufig, dass Kindergärtnerinnen auch keine Akademikerinnen sein sollten.
    Logik 6 – Setzen.

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