Klassenkörper

Von Andreas Kemper

Die neue Arranca! widmet sich dem Thema „Körper“. Im Call for Paper und im Editorial ist auch die Rede von „Klasse und Körper“. Leider findet sich aber dazu nichts in den Texten der Nr. 43 „Bodycheck und linker Haken“. Uns hat das Call for Paper nicht rechtzeitig erreicht, dabei wäre es doch gerade angesichts der Sarrazin-Debatte wichtig, Klassenkörperlichkeit zu thematisieren. Bourdieu und Foucault betonen, dass es wichtig ist auf den Zusammenhang von Klasse und Körper einzugehen. Im folgenden daher ein paar Zitate aus Foucaults zentralem Werk „Sexualität und Wahrheit“. Die Bedeutung zur aktuellen Sarrazin-Debatte ist deutlich:

Zur Etablierung des Bürgertums schreibt Foucault im Kapitel „Das Dispositiv der Sexualität“:
„Nicht um eine Unterdrückung am Sex der auszubeutenden Klassen ging es, sondern um den Körper, die Stärke, die Langlebigkeit, die Zeugungskraft und die Nachkommenschaft der ‚herrschenden‘ Klassen. […] Die Klasse, die im 18. Jahrhundert zur Hegemonie kam, dachte gar nicht daran, ihren Körper eines Sexes zu berauben, der unnütz, kostspielig und gefährlich war, solange er nicht allein der Fortpflanzung dienstbar gemacht wurde. Im Gegenteil, sie hat sich einen Körper gegeben, den es zu pflegen, zu schützen, zu kultivieren, vor allen Gefahren und Berührungen zu bewahren und von den anderen zu isolieren galt, damit er seinen eigenen Wert behalte.“ (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, S. 148)

Die Passage „von den anderen zu isolieren“ beinhaltet sowohl das altbekannte „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, findet sich in allen modernen Spielarten von Zombiefilmen, wo es darum geht, nicht von den Untermenschen infiziert zu werden und umfasst die Homogamie, also die Frage, wer wen heiratet.

Foucault betont in Sexualtität und Wahrheit, dass von Klassenkörper und Klassensexualitäten gesprochen werden müsse. Dennoch ist Foucaults „Sexualität und Wahrheit“ nie als Beitrag zur Klassenanalyse wahrgenommen worden:

„Stellen wir uns kein Bürgertum vor, das sich symbolisch kastriert hat, um den anderen um so besser das Recht versagen zu können, einen Sex zu haben und daovn nach Belieben Gebrauch zu machen. Es hat sich vielmehr seit der Mitte des 18. Jahrhunderts damit beschäftigt, sich eine Sexualität zu geben und sich von da aus einen spezifischen Körper, einen ‚Klassenkörper‘ mit einer eigenen Gesundheit, einer Hygiene, einer Nachkommenschaft, einer Rasse zu erschaffen: Selbstsexualisierung seines Körpers, Inkarnation des Sexes in seinen eigenen Körper, Endogamie zwischen dem Sex und dem Körper.“ (S. 149)

Foucault betont, dass auch der Adel seine besondere Eigenart des Körpers behauptet habe. Der Rassismus eines Gobineau zeugt davon. Und auch der derzeitige Mysterie-Hype bis zum Morgengrauen weist auf die Besonderheit der Körper des Adels (=Vampire, Bedeutung des Blutes) hin. Das Bürgertum bastelte sich jedoch eine neue Körpertechnologie:

„Vom Adel verwendete Verfahren zur Markierung und Wahrung seines Standesunterschiedes wurden übernommen und in andere Formen übersetzt. Denn auch die Aristokratie hatte die Eigenart ihrers Körpers behauptet; dies geschah in der Form des Blutes, d.h. des Alters der Aszendenzen und des Wertes der Allianzen. Die Bourgeoisie hingegen sah, um sich einen Körper zu geben, auf ihre Deszendenz und auf die Gesundheit ihres Organismus. Das ‚Blut‘ der Bourgeoisie war ihr Sex. Das ist kein Wortspiel – viele Elemente der adeligen Standeswahrung finden sich im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wieder: hier allerdings als biologische, medizinische oder eugenische Vorschriften. Aus der Sorge um den Stammbaum wurde die Besorgnis um die Vererbung.“ (S. 150)

Man muss Sarrazin und die ganze Debatte, wo ja nicht nur diskutiert wird, sondern wo auch Gesetze verabschiedet werden wie das Elterngeld, in diesem foucaultschen Sinne interpretieren. Es geht Foucault an dieser Stelle darum, die Verknüpfung des „Klassenbewusstseins“ des Bürgertums mit seinen Körpern zu betrachten.

„Eines seiner ersten Anliegen war es jedenfalls, sich einen Körper und eine Sexualität zu geben und sich der Stärke, des Fortbestandes und der Fortpflanzung dieses Körpers durch die Organisation eines Sexualitätsdispositivs auf Jahrhunderte hinaus zu versichern. Hand in Hand mit diesem Prozeß wollte das Bürgertum seine Differenz und seine Hegemonie zur Geltung bringen. Wenn die Affirmation des Körpers eine der Hauptformen des Klassenbewußtseins ist, so gilt dies gewiß für das Bürgertum des 18. Jahrhunderts, das das blaue Blut des Adels in einen kräftigen Organismus und eine gesunde Sexualtiät verwandelt hat. So wird verständlich, warum das Bürgertum so lange gezögert hat, bis es den anderen, eben von ihm ausgebeuteten Klassen einen Körper und einen Sex zuerkannt hat.“ (151f.)

Foucault betont schließlich, dass man von verschiedenen „Klassensexualitäten“ sprechen müsse:

„Wenn die ‚Sexualtität‘ das Ensemble von Auswirkungen ist, die in den Körpern, den Verhaltensweisen, den gesellschaftlichen Beziehungen durch das Dispositiv einer komplexen politischen Technologie herbeigeführt werden, so wirkt sich dieses Dispositiv nicht auf allen Seiten in gleicher Weise aus, führt es nicht überall zu denselben Effekten. Man muß darum wieder zu Formulierungen zurückkehren, die seit langem in Verruf sind. Man muß sagen, daß es eine bürgerliche Sexualität gibt, daß es Klassensexualitäten gibt. Oder vielmehr daß die Sexualität in ihrem historischen Ursprung bürgerlich ist und daß sie in ihren sukzessiven Verschiebungen und Übertragungen zu spezifischen Klasseneffekten führt.“ (153)

Das alles ist jetzt nur schematisch dargestellt. Leider werden Foucaults Ausführungen zu Klassenkörperlichkeiten kaum wahrgenommen. Er schließt hieran seine Interpretation des Rassismus an, mit den eugenischen Vererbungsvorstellungen, die mit Sarrazin wieder auf der Tagesordnung stehen. Bourdieu spricht noch sehr viel mehr von Klassenkörpern, der Begriff Habitus meint ja eine Klassenverkörperung. Es ist schade, dass all dies in der aktuellen Arrcanca nicht vorkommt. Positiv hervorzuheben ist, dass die Redaktion immerhin geplant hatten, auch Klasse zu thematisieren. Dass das nicht geklappt hat, zeigt, dass in der deutschen Linken „Klasse“ noch immer auf das Produktionsverhältnis reduziert wird.

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