Spinnewipp

Von Andreas Kemper
Die derzeit stattfindende Eugenik-Diskussion reisst nicht ab. Auf rechten Internetplattformen finden beispielweise Umfragen statt mit tausenden von Teilnehmern, die „Dekadenz“ als das derzeitige Grundübel sehen. Kinder aus unteren Schichten waren im Nazi-Deutschland besonders betroffen von der Eugenik-Ideologie. Ein Beispiel ist Paul Wulff aus Münster, der Zeit seines Lebens auf die Sozialeugenik des Nationalsozialimus aufmerksam machhte.
Es gibt aber weitere „Arbeiterlitertur“, die schildert, wie an Schulen Eugenik gelehrt wurde. Heute erhielten wir einen Hinweis auf Egon Neuhaus autobiographischen Roman Spinnewipp, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist. Hier ein kurzer Auszug:

Simbach wollte uns die Vererbungslehre beibringen. Das klang zunächst ganz harmlos. Er hängte eine Schautafel an die Wand, die besagte, daß bei einer Kreuzung zwischen schwarzen und weißen Kaninchen das Ergebnis in der Mehrzahl schwarze Kaninchen waren. Das wußte ich schon von Opas Kaninchenstall her. Nachdem Simbach glaubte, daß alle Schüler das Karnickelbeispiel gefressen hatten, hängte er eine Tafel mit französischen „Negersoldaten“ an die Wand. Dazu dann noch eine mit Mischlingskindern, von weißne französischen Frauen und schwarzen Soldaten – und das Ergebnis war immer schwarz, wie in Opas Karnickelstall. In 30 Jahren, so Simbach, sei die „Vernegerung“ Frankreichs abgeschlossen. Das lehrte er im Frühjahr 1935.

Heute ist nicht mehr die Rede von „Vernegerung“, Sarrazin kann dies auch ohne solche Worte ausdrücken. In seiner Prognose heißt es:

„… bereits seit 2030 hatte es in einer wachsenden Zahl von Großstädten muslimische Bevölkerungsmehrheiten gegeben, und 2050 hatte mehr als die Hälfte der Oberbürgermeister einen türkischen, arabischen oder afrikanischen Migrationshintergrund. Das prägte die Kommunalpolitik. […]
In den folgenden Jahrzehnten setzte überall im Land der Verfall von Kirchen, Schlössern und Museen ein […]
Zwar war die Bundesrepublik im Lebensstandard weit hinter China zurückgefallen, auch Indien hatte Deutschland im Pro-Kopf-Einkommen überholt, aber man zeigte der Welt, dass sich die Probleme friedlich lösen ließen.“ (Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, S. 401ff.)

Bleibt die Frage, ob auch so etwas irgendwann wieder Lehrstoff sein wird.

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