Hans-Böckler-Stiftung, dein Satzungszweck!

Von Andreas Kemper
Die Hans-Böckler-Stiftung ist die Stiftung der Gewerkschaften und ihrem Satzungszweck entsprechend, sollte sie insbesondere „Kinder von Arbeitnehmern“ unterstützen und mit Institutionen und Organisationen zusammenarbeiten und diejenigen fördern, die im Sinne des Satzungszweckes arbeiten. Doch wie die HIS-Studie zur Begabtenförderung zeigte, vergibt die HBS ihre Stipendien IM EFFEKT unabhängig von der sozialen Herkunft, fördert also keineswegs im besonderen Maße „begabte Kinder von Arbeitnehmern“. Auch wenn es besondere Maßnahmen für Arbeiterkinder gibt, diese greifen nicht, denn „unterm Strich“ werden aus allen vier sozialen Herkunftsgruppen in etwa gleich viele Studierende gefördert. Und was die Zusammenarbeit angeht, da sind wir als politische und demokratisch legitiminierte Selbstorganisation von „studierenden Arbeiterkindern“ bisher bei jeder Kontaktaufnahme von der HBS abgewiesen worden.

Hier zur Kenntnisnahme die „Satzung der Hans-Böckler-Stiftung“, Stand Juni 2004:

„Der Satzungszweck wird insbesondere verwirklicht durch finanzielle und ideelle Förderung
[…]
b) des Studiums begabter Arbeitnehmer und begabter Kinder von Arbeitnehmern
[…]
e) von Institutionen, zu deren Aufgabe es gehört, das Personal- und Sozialwesen und die Arbeitswissenschaft im Interesse der Arbeitnehmer zu entwickeln sowie die gesellschaftspolitischen und praktischen Auswirkungen der Mitbestimmung wissenschaftlich zu untersuchen, sowie der
f) Zusammenarbeit mit Institutionen und Organisationen, die wissenschaftlich oder praktisch auf dem Aufgabengebiet der Stiftung tätig sind und von denen eine Förderung der gestellten Aufgaben zu erwarten ist“

Der Hans-Böckler-Stiftung ist zwar zu Gute zu halten, dass Studierende aus allen vier Herkunftsgruppen in etwa gleicher Anzahl zu ihren Stipendiat_innen gehören (von niedriger zu hoher sozialer Herkunft der Stipendiat_innen aufsteigend: niedrig 28%, mittel 29%, hoch 22%, höchste 21%), sie wird damit aber nicht ihrem Anspruch gerecht, insbesondere „Kinder von Arbeitnehmern“ zu fördern. Die soziale Herkunft scheint vielmehr keine Rolle zu spielen, wenn man sich das Ergebnis anschaut. Und sie gleicht damit vor allem nicht die extrem klassistische Verteilung der Stipendien der 12 Begabtenförderwerke aus (durchschnittliche Förderung: niedrig 9%, mittel 19%, hoch 21%, höchste 51%).

Wir (Arbeiterkinderreferat im AStA der Uni Münster) haben als einzige politische Selbstorganisation von studierenden Arbeiterkindern bereits seit sieben Jahren immer wieder um eine Zusammenarbeit gebeten und um eine Förderung einzelner Projekte, hierbei haben wir verschiedene Abteilungen des Hauses angesprochen. Wir stießen jedesmal auf mehr oder auch weniger freundlich formulierte Ablehnungen.

* Ich hatte bereits 2003 eine erste Tagung von und für studierende Arbeiterkinder organisiert. Sie hatte den Namen „Race, Class, Gender und der Bildungserfolg“. Es nahmen eine Reihe von Expert_innen teil, sowie bildungspolitische Sprecher_innen aus den Parteien und der damalige Staatssekretär im BMBF. Ich erhielt von der Heinrich-Böll-Stifung, von der Uni, vom Studierendenparlament finanzielle Unterstützung. Die Hans-Böckler-Stiftung, die ich frühzeitig um eine Unterstützung bat, antwortete mit einem einzigen Satz: Es besteht kein Interesse an dieser Tagung.

* 2008 bereitete ich die 13. Tagung der „Working Class Academics“ vor, die 2009 erstmals in Deutschland stattfinden sollte. Mein erster schriftlicher Antrag auf Unterstützung ging im Haus der Hans-Böckler-Stiftung verloren. Also schrieb ich einen zweiten Brief, mailte, telefonierte und erhielt schließlich die Antwort: „Wir melden uns, wenn unsererseits Interesse besteht“. Es gab keine weitere Rückmeldung. Da mir auch sonst die Unterstützung fehlte, musste ich die Tagung 2009 absagen. Das war mir furchtbar peinlich, da zum ersten Mal in der Geschichte der „Working Class Academics“ eine Tagung ausgefallen ist.

* 2010 hatten wir von der Redaktion „The Dishwasher. Magazin für studierende Arbeiterkinder“ angefragt, ob es eine Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung geben könne oder ob wir Zuschüsse erhalten könnten. Dies wurde abgelehnt. Der Dishwasher ist ein sehr neues Magazin, die Autor_innen haben keine journalistische Ausbildung. Wichtig ist hier doch in erster Linie, dass die Möglichkeit geschaffen wird, ein Diskussionsforum vom Standpunkt studierender Arbeiterkinder zu haben, welches auf hohem theoretischen Niveau Fragen der Bildungspolitik und der Klassenreproduktion aufgreift. Wenn in der zweiten Ausgabe die Texte noch holperig sind und dem Aufbau der Zeitung noch klare Konturen fehlen, dann weist das doch gereade darauf hin, dass Ressourcen fehlen. Mit etwas mehr Geld – und hier ist die Rede von Kleckerbeträgen – könnte die journalistische Qualtiät vom Dishwasher erheblich verbessert werden.

* Und gestern wurde mir vom „Projekt Chancengleichheit in der Begabtenförderung“(!) mitgeteilt, dass seitens der Hans-Böckler-Stiftung niemand an der 15. Tagung der „Working Class Academics“ teilnehmen könne und auch nicht am Panel zum Thema „Promotionsförderung für Arbeiterkinder“.

Ich möchte an dieser Stelle darauf verweisen, dass wir als politische Selbstorganisierung von studierenden Arbeiterkindern zwar demokratisch legitimiert sind (das Studierendenparlament hat die Stelle eingerichtet und in regelmäßigen Abständen wird in offenen Versammlungen über die Arbeit des Referates abgestimmt, bei der letzten Versammlung im Dezember 2010 waren 50 studierende Arbeiterkinder der Uni Münster anwesend), aber keinerlei Unterstützung von irgendwelchen größeren Verbänden erhalten. Wir sind politisch unabhängig und unser „natürlicher“ Bündnispartner müsste die Stiftung der Gewerkschaften sein. Ein Hinweis auf Arbeiterkind.de, die in den letzten beiden Jahren von allen möglichen Organisationen mit Preisen überschüttet wurden, und eben auch noch von der HBS einen Engagement-Preis erhielten, würde die Sache nur noch schlimmer machen. Denn Arbeiterkind.de ist bewusst unpolitisch, hinterfragt die benachteiligenden Strukturen nicht, sondern verortet alle Probleme der Ausgrenzung, Diskriminierung, Benachteiligung von Arbeiterkindern lediglich in einem angeblichen oder tatsächlichen „Informationsdefizit“.

Eigentlich erwarte ich von der HBS und von ihren bezahlten Mitarbeiter_innen, dass sie genügend Aufmerksamkeit an den Tag legt, um von demokratisch legitimierte Selbstorganisierungen von Arbeiterkindern im Bildungssystem mitzubekommen, dass sie dann von sich aus eine Zusammenarbeit anbietet, dass sie INTERESSE zeigt. Was aber gar nicht geht und eindeutig dem Satzungszweck der HBS widerspricht, ist die kontinuierliche Ablehnung dieser Zusammenarbeit.

Ich bin als Arbeiterkind sehr enttäuscht von der Hans-Böckler-Stiftung und hoffe, dass es an irgendeiner Stelle in der Organisation zu einem Umdenken kommt, welches praktische Wirkungen zeigt.

Die Gesprächsbreitschaft und der Wille zu einer konstruktiven Zusammenarbeit unsererseits ist da.

Nachtrag 15.01.2011

Nach einiger Kritik am Text habe ich ihn an drei Stellen nachgebessert:
1. Natürlich kümmert sich die HBS um Arbeiterkinder und fördert insbesondere auch aufgrund der sozialen Herkunft. Deshalb steht sie besser da als die anderen Stiftungen. Aber sie steht nicht gut da. Denn das Ergebnis zählt und vom Ergebnis her würde man nicht auf eine Gewerkschaftsstiftung schließen, die explizit Arbeiterkinder fördern will: 28-29-22-21.
2. Eine Zusammenarbeit mit oder Förderung der Dishwasher-Zeitschrift wurde abgelehnt, weil – wenn ich es richtig verstanden habe – diese nicht journalistisch genug sei und zu theoretisierend.
3. Schließlich noch der Hinweis darauf, dass die HBS sehr wohl vor kurzem noch Arbeiterkinder-Organisationen gefördert hat, nämlich Arbeiterkind.de. Zum einen wurde hier nicht die Organisation gefördert, sondern die Gründerin von Arbeiterkind.de, Katja Urbatsch, erhielt als Böckler-Stipendiatin einen Preis. Zum anderen ist Arbeiterkind.de explizit unpolitisch und keine demokratisch legititmierte Selbstorganisation von Arbeiterkindern.

Weitere Links zur Thematik Stidpendien:
http://dishwasher.blogsport.de/2010/06/09/nationales-stipendium-ist-foerderung-der-privilegierten/
http://dishwasher.blogsport.de/2010/05/06/hans-boeckler-stiftung-huerdenlauf-der-arbeiterkinder/
http://dishwasher.blogsport.de/2010/04/23/allensbach-institut-arbeiterkinder-und-migrantinnen-bei-stipendien-benachteiligt/
http://dishwasher.blogsport.de/2010/04/15/aufstand-der-stipendiaten/
http://dishwasher.blogsport.de/2010/01/15/stipendien-elitenreproduktion-statt-leistungsfoerderung/
http://www.bafoeg-rechner.de/Hintergrund/art-647-stipendienkritik.php
http://www.studis-online.de/HoPo/art-611-elite_stipendien.php
http://www.studis-online.de/HoPo/Material/Antwort_Kleine_Anfrage.pdf
http://www.his.de/pdf/21/Begabte-Bericht.pdf

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2 Antworten auf „Hans-Böckler-Stiftung, dein Satzungszweck!“


  1. 1 Irene 26. Januar 2011 um 14:01 Uhr

    Ganz ehrlich? Ich finde den Fokus auf Arbeitnehmer nicht mehr zeitgemäß.

    Es ist ja nicht so, dass Arbeitnehmer generell die Schwachen und die Selbständigen die Starken sind. Deutschland ist ein Land der Notgründungen, mit den Entlassungen nehmen auch die Gründungen zu. Und es gibt Branchen, in denen Selbständigkeit überwiegend problematisch ist.

    In Österreich ist die Lage ähnlich:
    Die Selbstständigen in Österreich neigen zu Extremen: Von ihnen gehören im Durchschnitt doppelt so viele zu den „working poor“ wie von den unselbstständig Beschäftigten – aber auch ihr Anteil an den Menschen mit hohen Einkommen ist doppelt so hoch, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspräche. Das geht aus dem „Armutsbericht 2009″ hervor, den die Statistikbehörde „Statistik Austria“ jetzt vorgelegt hat.
    http://www.mediafon.net/meldung_volltext.php3?id=4d397f5b13fd4&akt=news_allgemein

  2. 2 Andreas 26. Januar 2011 um 14:16 Uhr

    Da gebe ich dir recht. „Arbeiternehmer“ ist aus vielen Gründen ein problematischer Bezugspunkt.

    Aber das ist noch ein anderes Fass. Auch der Begriff „Arbeiterkinder“ ist ja diesbezüglich problematisch. Es geht hier um Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft. Da gibt es noch keine treffende Gruppenbezeichnung.

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