Erfahrungsbericht – Ein Kommilitone aus der „A-Klasse“

Dies ein Erfahrungsbericht von Stephan Schleim, den er als Antwort auf das Interview zwischen Reinhard Jellen und Rolf Jüngermann („Deutschland hat weltweit das ungerechteste Schulsystem“, 19.01.2011) schrieb, und dem Dishwasher dankenswerterweise zum Nachdruck überließ.

„[…] Ich stamme selbst aus dieser „A-Klasse“: (Stief-)Vater Werkarbeiter, Mutter Sekretärin. Ich kann rückblickend aus meiner Erfahrung an einem deutschen Gymnasium die vorgeschlagene Erklärung weder bestätigen noch widerlegen. Mir ist vor allem der promovierte Lateinlehrer in lebhafter Erinnerung, der mir nicht nur (wahrscheinlich zu recht) schlechte Noten gab, sondern mich auch (wahrscheinlich zu unrecht) ganzschön mobbte; und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass ich ohne die mehrjährige Unterstützung eines bestimmten Klassenlehrers und späteren Tutors wohl kein sehr gutes Abitur geschafft hätte und heute nicht Universitätsdozent wäre.

Meine Erfahrungen aus dem Hochschulstudium decken sich jedoch teils mit dem Interview. Einerseits startet man in der neuen Umgebung mit den anderen zusammen an einem Nullpunkt; andererseits äußern sich natürlich bestimmte „Erkennungszeichen“ durch sprachliche und andere Ausdrucksformen. Ich würde vermuten, dass diese nach ein bis zwei Jahren für die Selektion der universitären Hilfskräfte relevant sind, die wahrscheinlich mehrheitlich das zukünftige Hochschulkollegium stellen.

Rückblickend überrascht mich am meisten, dass einige andere Akademikerkinder oft mehrere Schritte voraus waren. Wie wichtig es beispielsweise für den Lebenslauf ist, sich ein Stipendium zu suchen, das war mir früher nie bewusst, während andere bei den ProfessorInnen Klinken putzten, um ein Empfehlungsschreiben zu bekommen. Im Gegenteil dachte ich immer, dass ich das Studium auch schon allein schaffen werde. Eine Kommilitonin mit „A-Hintergrund“ war sich sogar zu stolz für den BAFöG-Antrag, während ein Kommilitone aus einer Unternehmerfamilie und aus FDP-Kreisen diesen ohne Notwendigkeit stellte und dank der großzügigen Abschreibungsmöglichkeiten des deutschen Steuerrechts sogar den Höchstsatz bekam.

Ich würde sagen, dass ich den mitgebrachten Nachteil durch einen brutalen Arbeitseinsatz kompensiert habe. Ähnliches hört man insbesondere von ostasiatischen (China, Korea, Japan) Einwandererfamilien, die ihre Kinder extrem auf Performance trimmen.
In einer chinesischen Gastfamilie in den USA habe ich das selbst aus der Innenperspektive mitbekommen. Das kann funktionieren aber man bezahlt dafür einen sehr hohen persönlichen Preis, der letztlich auch der Gesellschaft nicht gut tut. Ich bin schließlich (zumindest vorübergehen) ausgewandert.“

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2 Antworten auf „Erfahrungsbericht – Ein Kommilitone aus der „A-Klasse““


  1. 1 bernd 12. Februar 2011 um 17:39 Uhr

    der link zu telepolis funktioniert nicht.

  2. 2 Administrator 12. Februar 2011 um 18:14 Uhr

    Danke für den Hinweis! Jetzt müsste er wieder passen.

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