Gewaltfreie Erkenntnisfähigkeit statt IQ-Zuchtwahl

Von Andreas Kemper
Jetzt wird also die „Gelbe Gefahr“ neu beschworen, die „chinesischen Tigermütter“, Heerscharen gedrillter ostasiatischer Uni-Absolventen, die den sarrazin-spenglerschen Untergang Deutschlands, des Abendlandes besiegeln könnten. Als würde das Menetekel der „dekadenten Minderleistung durch islamisch-unterbürgerliche Dysgenik“ nicht ausreichen, muss nun die Drohkulisse einer durchdisziplinierten Leistungsgesellschaft her, die unsere „Population“ geige-spielend dem wachsenden Krebsgeschwür einer erblich bedingten Bildungsunfähigkeit überlassen. Dabei sollte klar sein: Sie sagen „Gelbe Gefahr“ und meinen „Schwarze Pädagogik“.

Bildungsunfähgkeit? Ringen um „Muße“!

Sarrazin spricht bewusst von „Bildungsunfähigkeit“, von unterschiedlich großen „Populationskernen“ „Bildungsunfähiger“, die auch durch Schule nicht klug gemacht werden können, die ein Problem sind, das sich „auswachsen muss“. Aufgrund meiner Kindheit im Arbeitermilieu habe ich einen etwas anderen Blick auf Bildung. „Bildungsfähigkeit“ interessierte mich weder in meiner Kindheit noch heute, was mich interessierte war die Möglichkeit, eigenen Gedanken nachzugehen. In meiner Kindheit war das Denken, also der Prozess sich entwickelnder Gedanken, bedroht durch Arbeit, nicht durch Kinderarbeit, sondern davon, als faul zu gelten, wenn ich nichts mache außer „träumen“. Mit Büchern baute ich einen Schutzwall um meine von Arbeit bedrohten Gedanken. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: es waren nicht meine Eltern, Fabrikarbeiter_innen seit ihrem 14. Lebensjahr, die das Denken bedrohten, im Gegenteil, sie bauten mit an diesem antikapitalistischen Schutzwall aus Büchern, der dem Arbeitszwang trotzend, meine materielle Gedankenfreiheit schützte. Dies fiel ihnen nicht leicht mit ihrem Habitus, dem körperlich eingeschrieben war: wer nicht arbeitet, dem wird auch das Essen verboten. Mein Denken wurde nicht von einer mittelschichtsgeprägten Bildungsbeflissenheit durchkreuzt, sondern geerdet mit der Konfrontation der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse: wenn du denken willst, dann musst du kämpfen, dann musst du dich freikämpfen, „Soziologie ist Kampfsport“.

Entwirklichung

Denken als Mittel zum Zweck der Erkenntnis der Wirklichkeit: Was war und ist die Wirklichkeit, wie könnte sie sein, wie sollte sie sein? Wie könnte und sollte ich sein, was könnte ich tun, wie könnte ich mich verwirklichen, was habe ich zu verwirklichen oder was steht zwischen mir und der Wirklichkeit? Dieses Denken richtet sich gegen Entwirklichungsprozesse. Anthropologisch interessant ist dabei, dass Erkenntnisgewinne, Aha-Effekte, Begeisterungen, soviele Glückshormone freisetzen können wie es sie sonst nur in der Liebe gibt. In diesem Sinn begeistert war ich durch eine Marx-Passage, wo er von der Entwirklichung durch die Fabrikarbeit sprach:

Die Verwirklichung der Arbeit erscheint so sehr als Entwirklichung, daß der Arbeiter bis zum Hungertod entwirklicht wird.

Die Entwirklichung durch die Fabrikarbeit könne endgültig werden und den Arbeiter, die Arbeiterin umbringen. Die Todesdrohung ist real: auf der einen Seite: wer nicht arbeitet, dem sollen die Mittel zum Leben entzogen werden, auf der anderen Seite: meine Mutter ist in der Fabrikarbeit als Jugendliche „umgekippt“, hatte durch Arbeit, Lärm und mangelnder Grundversorgung das Bewusstsein verloren, mein Vater ist mit Anfang Vierzig gestorben, die Lebenserwartung von Arbeiter_innen ist unterdurchschnittlich. Arbeiter_innen werden entwirklicht, sie können bestensfalls den Grad der Entwirklichung mitbestimmen.

Das Begreifen erfordert Begriffe im sprachlichen Austausch

Es findet also nicht nur eine Entfremdung durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse statt, durch den Fetischcharakter der Ware, sondern wesentlich ist die Entwirklichung, die unablässige Existenzbedrohung. Arbeitszwang tritt allein schon in zeitlicher Konkurrenz zum Erschließen der Wirklichkeit. Dieses Aneignen von Wirklichkeit durch Nachdenken bedarf zudem der Kollektivität, Gedanken sind dafür da, dass sie geteilt werden und mitgeteilt werden. Und diese Mitteilung wiederum braucht einen gemeinsamen Wortschatz, Begriffe, die aus dem isolierten Ergreifen der Wirklichkeit ein kollektiv-handlungsfähiges Begreifen machen. Wenn aber dieses kollektiv-handlungsfähige Begreifen nicht erreicht werden kann, dann erschließt sich auch nicht der Sinn des konzentrierten Denkens, zumal man ja auch auf „falsche Gedanken“ kommen kann.

„Komm nicht auf dumme Gedanken“

Diese „falschen Gedanken“ sind gefährlich, weil sie zu einer nicht verkraftbaren Konfrontation mit der Gewaltförmigkeit der Gesellschaft führen können. Dieser Selbstschutz findet sowohl kulturell statt, in dem weitervermittelt wird, „dass man ja doch nichts machen kann“ und individuell psychologisch durch den Schutz der Traumatisierung in Konfronation mit dem Tod. Traumatisierung heißt, dass Gewalterfahrungen, Todesdrohungen, gedanklich nicht unmittelbar verarbeitbar sind, die Gewaltsituation wird im wahrsten Sinne des Wortes „unaussprechbar“. Die Aufarbeitung dieser bedrohlichen Ereignisse wird verschoben, je nach Bedrohlichkeit kann diese Verschiebung auch über Generationen erfolgen, bei Verfolgten des Naziregimes wurde die transgenerationelle Weitergabe des Traumas bis in die dritte Generation festgestellt. Traumatisierungen sind individuelle Prozesse, die sich aber potenzieren können, wenn nicht nur eine Einzelperson traumatisiert ist und einen warmherzigen Freundeskreis mit vielen Ressourcen hat, der diese Person auffängt, sondern wenn auch die Personen im Umfeld ebenfalls traumatisiert wurden. Ein Trauma kommt selten allein und dann liegt nicht mehr nur auf der individuellen Ebene, sondern gesellschaftlich ein Traumaproblem vor, ein gesellschaftliches Verdrängen, nicht Aufarbeitenkönnen, von der Täterseite ganz zu schweigen, die ihrerseits ein Interesse an der Verdrängung und Verdrehung der Wirklichkeit hat. Individuelle Traumata können familiär vererbt werden, gesellschaftliche Traumata kulturell. In einer Gesellschaft, die so sehr von Gewalt bestimmt (gewesen) ist, wie der mitteleuropäischen, sind die Gedanken schon aufgrund der potenzierten Traumata nicht frei, wie Magnetwellen verbiegen die Traumata das gerade Denken, zerren an ihm, bombardieren es mit unguten Gefühlen und befehlen das sofortige Einschalten der Playstation oder des Fernsehers, wo die tief eingegrabenen Gewalterfahrungen zu einem Happy End geführt werden können.

Nicht ganz bei sich sein

Als Straddler, als jemand, der in der Arbeiterkultur groß geworden ist und seit Jahren im akademischen Milieu lebt, kommt mir mein Leben unwirklicher vor als das meiner Herkunftsfamilie oder als das meiner Kindheit. Bourdieu benutzte den Hegelschen Begriff des „Bei-sich-seins“, um die Konsistenz von Habitus und sozialer Position zu bezeichnen. Menschen, die in ihrer Herkunftskultur bleiben, wirken so, als wären sie mehr in der Welt, als hätten sie so etwas wie Heimat. Dieses „Bei-sich-sein“ funktioniert aber nur, wenn man als Schuster bei seinen Leisten bleibt, oder wenn man in die Fußstapfen seiner Eltern tritt und ebenfalls Zahnarzt wird. Die Konsistenz von Habitus und sozialer Position schafft ein Wirklichkeitsgefühl. Aber diese Konsistenz ist kein Erreichen von Wirklichkeit durch Selbstverwirklichung. Im Gegenteil, dieses Bedürfnis des Bei-sich-seins verhindert die Selbstverwirklichung und auch freie Denkprozesse. Während im Arbeitermilieu die Gedanken nur mittelbar eingeschränkt werden, ist dies im bürgerlichen Milieu unmittelbar der Fall. Hier sind die Gedanken der Verwertung unterworfen, jeder Gedanke wird darauf abgeklopft, wie er der Karriere dienlich sein kann. Der Mittelschicht droht nicht unmittelbar die Existenzvernichtung, aber die Deklassierung. Daher wird jeder Gedanke gegen die Deklassierung in Stellung gebracht, ja das Denken an sich muss sich stets legitimieren als Klassendenken. Während in der Arbeiterschicht ein gerades Denken schnell unterbrochen wird, findet in der Mittelschicht ein Denken nur als Umschiffen von Gedanken statt, die nicht sein dürfen.

Eschatologie des barrierefreien Denkes

Wenn meine obigen Gedanken auch nur annähernd stimmen, dann haben wir eine großartige Utopie vor uns, denn dann bedeutet dass, das wir bislang nur eine Ahnung davon haben, wie ein gewaltfreies Denken in einer herrschaftsfreien klassenlosen Gesellschaft aussehen könnte. Die wahre Geschichte der Menschheit beginnt erst, wenn die Gedanken gewaltfrei – ohne Angst und Verwertungszwang – sind.

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4 Antworten auf „Gewaltfreie Erkenntnisfähigkeit statt IQ-Zuchtwahl“


  1. 1 Andreas 27. Januar 2011 um 23:05 Uhr

    Sorry, habe den Text schnell, zu schnell ins Netz gestellt, mit ein paar Korrekturen, Verlinkungen und Zwischenüberschriften wird jetzt vielleicht deutlicher, was ich sagen will.

  2. 2 Hagen Bach 19. Februar 2011 um 3:04 Uhr

    Lieber Andreas, Wissenschaft denkt nicht (Heidegger), denn in der Wissenschaft ist immer ein Ziel da, auf das „hingedacht“ wird. Dein Ziel scheint mir eine Art Idealismus, Utopie oder eine Vorstellung zu sein. Ist auch kein Wunder, wenn du dich aus deinem Millieu entfernst aus dem du kommst, scheint man eine neue Richtung zu brauchen? Früher landeten solche Sucher bei den Nazis, denn sie boten ein Ziel oder bei den Kommunisten. Heute vieleicht bei den Grünen. Schade eigentlich , irgendwelche Rattenfänger stehen immer bereit. Warum gehst du nicht selber auf die Suche? und bleibst frei von Idiologien. Paß auf dich auf.

  3. 3 Andreas 19. Februar 2011 um 18:49 Uhr

    Lieber Hagen, danke für die Hinweisen auf Gefahren. Ich habe deine Bemerkungen nicht vollständig verstanden. Meine oben geäußerten Gedanken entwicklen sich aus Widersprüchen, ich sehe erstmal keine Gefahr mich irgendwelchen „Rattenfängern“ anzuschließen.
    Vielleicht magst du etwas genauer beschreiben, was du meinst und wie du dich davor schützt, bei „Rattenfängern“ zu landen.
    Liebe Grüße,
    Andreas

  1. 1 Romanes eunt domus « Dishwasher Pingback am 14. Februar 2011 um 16:44 Uhr
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