Archiv für Februar 2011

Aufgeschnappt

„Wenn ich mich um einen Job bewerbe und auf der Liste steht Meier, Müller, Schmidt oder von Bismarck, bin ich ziemlich sicher, dass ich den Job bekomme.“ FAZ, 08.07.2007

Gottfried A. Graf von Bismarck-Schönhausen (1962−2007), Cousin von Stephanie zu Guttenberg.

Bundeswehr, deine Chance!

Interview mit Militärexperten Michael Wolffsohn in der Zeitung Der Westen zur Werbekampagne im Rahmen der Bundeswehrreform:

Die Bundeswehr wird zu einer Parallelgesellschaft, völlig abgekapselt von der bürgerlich-zivilen Gesellschaft. Das bedeutet eine völlige Umkehrung ihres Selbstverständnisses. Bisher wollte man den ‚Büger in Uniform’ , also fast jeden männlichen Bürger in Uniform. Künftig wird das fast nur noch für Unterschichten gelten. […] Und ich halte das für einen gesellschaftspolitischen Skandal. Das heißt doch ganz klar: ‚Weil du arm bist, musst du früher sterben.’

Bildungstradition hält PraktikerInnen von Uni fern

Aus Böckler Impuls 02/2011 der Hans Böckler-Stiftung

Nur wenige gelangen über den zweiten oder dritten Bildungsweg an die Hochschule. Einer Öffnung der Unis für Menschen mit Berufserfahrung statt Abitur steht die deutsche Bildungstradition entgegen.
Wer die Regelschule ohne Abitur verlassen hat, hat es schwer, einen akademischen Abschluss zu erreichen. Nur knapp fünf Prozent der Studenten an Universitäten und Fachhochschulen haben ihre Studienberechtigung auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg erworben. Also etwa das Abitur an einem Abendgymnasium nachgeholt oder eine Uni-Zulassung aufgrund ihrer praktischen Berufserfahrung bekommen. Eine bildungshistorische Studie verdeutlicht, was dem nachträglichen sozialen Aufstieg in akademische Kreise bisher im Wege steht. Vor allem ein tradierter Bildungsbegriff: Während praxisferne Allgemeinbildung hohes Ansehen genießt, wird Berufsbildung geringer eingestuft, so die Autorin Elisabeth Schwabe-Ruck.

„Wir machen das nicht für die Arbeiterkinder!“

Studiengebühren in NRW abgeschafft!

von Olaf Götze

Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen sind endlich abgeschafft. Am heutigen 24. Februar 2011 beschloss der Landtag NRW mit den Stimmen von SPD, Bündnis90/Grüne und DIE LINKE einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung von Studiengebühren zum Wintersemester 2011/12.
Für diesen politischen Wechsel hatten Studierende seit vielen Jahren gekämpft. Im Zuge einer zunehmend ökonomisch orientierten Bildungspolitik kämpften sie bereits 2002 gegen die Einführung von Langzeitstudiengebühren und 50 Euro Studienbeiträge, wobei sie letztere noch verhindern konnten. Die 2005 ins Amt gewählte CDU/FDP – Landesregierung führte dann gegen den Protest tausender Studierender das von ihnen zynischerweise betitelte Hochschulfinanzierungsgerechtigkeitsgesetz ein, mit dem die meisten Hochschulen 500 Euro Studiengebühren pro Semester erhoben. Über die vielen Jahre folgte eine Protestwelle an Studierenden der nächsten mit Demonstrationen, Unistreiks, Besetzungen, zuletzt dem Bildungsstreik gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern.

Die heutige Debatte im Landtag repräsentierte daher auch nur einen winzigen Ausschnitt aus der breiten Palette an Auseinandersetzungen und Argumenten, welche letztlich zur Abschaffung von Studiengebühren führte.

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Warum studierende Arbeiterkinder einen Erkenntnisvorteil haben – wissenschaftssoziologische und sozialpsychologische Überlegungen

von Tobias Fabinger

Zugleich als Kommentar zur Diskussion um die „Scheineliten im Hochschulbetrieb“

Einerseits haben studierende Arbeiterkinder einen ungeheuren Mehraufwand, da sie sich an die bürgerliche Sozialisation anpassen müssen. Sie kommen nicht umhin während ihres akademischen Bildungsgangs bürgerliche Habituselemente zu implementieren, was zu Identitätsdiffusion führen kann und ständige Identitätsarbeit erfordert. Wären die Unis anders, mehr an den Habitus der Arbeiterkinder angepasst, bzw. würde die Uni darauf verzichten, eine repräsentative Institution der bürgerlichen Gesellschaft zu sein, mit allen Ritualen und formalisierten Verkehrformen, die dazugehören, so wäre der Reibungsverlust für Studierende aus anderen sozialen Mileus nicht so hoch. Die Arbeiterkinder müssen eine praktische sozialpsychologische und Identitätsarbeit aufbringen, die sicherlich 50% ihres Arbeitsaufwandes ausmacht – diejenigen, die an die Verkehrsformen der Uni schon angepasst sind, müssen das nicht. Aber gerade durch die Erfahrung von zwei sozialen Welten haben sie mehr Erkenntnismöglichkeiten als Andere. Auch Andreas Kemper betont immer wieder, dass die Arbeiterkinder als „Straddler“, also als „Spreizer“ zwischen zwei Welten besonders viel zu sagen haben. (mehr…)

Die übliche Klassenjustiz wirkt auch im Fall Guttenberg

Wir kennen das ja. Droht eine Steuerhinterziehung in Millionenhöhe aufzufliegen, darf man den Betrug zugeben und einfach nachzahlen. Wer hingegen ohne Ticket fährt, landet wegen zwei oder drei Euro mitunter im Knast. Die bekannt gewordenen Hartz-IV-Unregelmäßigkeiten betragen im Jahr fünfzig Millionen Euro – Peanuts gegenüber den 2 Milliarden Euro Steuerhinterziehungen, die allein in einem Jahr durch die CD-Käufe aufgeflogen sind. Entsprechend drohen Guttenberg auch keine Konsequenzen durch seinen massiven Betrug. Zweierlei Recht. Niemals würden Arbeiterkinder so einfach davonkommen wie der Herr Guttenberg. Der Begriff „Klassenjustiz“ trifft sehr gut dieses System, welches rechtliche Konsequenzen nur für die Benachteiligten kennt. In welchem Fachbereich wurde Guttenberg das „Summa Cum Laude“ nachgeworfen? Jura? Die Uni Bayreuth verzichtet darauf, herauszufinden, ob eine bewusste Täuschung vorlag? Sehr großzügig.

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Theologische Reflexionen über den Sinn des Kampfes

von Tobias Fabinger

Gesellschaftskritik, gesellschaftsverändernde Praxis ist nur möglich, wenn man einen Sinnhorizont empfindet, der über diese gesellschaftlichen Fragen hinausgeht. Überlebende von Auschwitz berichteten, dass sie den Glauben an den Menschen überhaupt zutiefst verloren hatten. Einige von ihnen brachten sich später um, obwohl sie gerettet waren. Ihr Sinnhorizont, der Glaube an die Möglichkeit einer guten Welt, war zerissen und damit die Basis des Geistes und des humanen intentionalen Bewusstseins überhaupt. Die gegenwärtige Gesellschaftsform mutet den Menschen sehr viel zu. Wer nicht grade auf einer der Inseln bürgerlichen Wohllebens lebt, im Kreise halbwegs funktionierender Familienstrukturen, der ist mit der Brutalisierung, die die neoliberale Ökonomie mit sich bringt und den Effekten, die das nach sich zieht, oft unmittelbar konfrontiert. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft entsteht ein Sozialisationseffekt, der immer mehr Enttäuschungen beinhaltet, bis man sagt: Die Welt ist eben so. (mehr…)

Guttenberg und die Aktzeptanz der Marktwirtschaft

Von Andreas Kemper

(Zum Vergrößern: rechte Maustaste -> „Grafik anzeigen“)
Der wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie riet im letzten Jahr der Regierung, die Akzeptanz der Marktwirtschaft zu erhöhen. Da nicht in die Marktwirtschaft direkt eingegriffen solle (weder nach oben noch nach unten sollten Einkommen begrenzt werden!), könne die Aktzeptanz nur durch eine höhere Chancengleichheit in der Bildung hergestellt werden, die Bevölkerung müsse wieder den Eindruck haben, dass nicht nur „Bessergestellte“ Bildungstitel erhalten. Die „intergenerationelle soziale Mobilität“ müsse erhöht werden.
Allein schon aus diesem Grund muss die Regierung ein Interesse daran haben, dass Guttenbergs Doktorgrad aberkannt wird. Aber auch hier zeigt sich ein Widerspruch zwischen Interessen im Sinne der Marktwirtschaft und den Individualinteressen der Privilegierten des Systems.

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Uni Bayreuths sozialhomogene Biergarten-Gespräche

Von Andreas Kemper

Uni Bayreuth – Campus-Uni für bessergestellte Akademikerkinder

Uns geht es nicht um den Rücktritt Guttenbergs, sondern um die Analyse des Eisbergs, dessen Gipfel die Guttenberg-Affäre ist. In diesem Zusammenhang ist Guttenbergs Wahl der Uni Bayreuth interessant. Die Uni Bayreuth ist eine Campus-Uni mit einem extrem auffälligen Herkunftsprofil. Die DSW-Sozialerhebung listet leider seit der 15. Erhebung keine direkten Vergleiche der Hochschulen mit dem Herkunftsprofil der Studierenden mehr auf. In dieser Studie war Bayreuth jedoch die westliche Hochschule mit den wenigsten Studierenden mit dem Herkunftsmerkmal „niedrig“ (8% gegenüber dem damaligen Durchschnitt von 14%). Ein Alleinstellungsmerkmal war zu dem Zeitpunkt, dass nur 24% der Studierenden Eltern hatten, die weniger als 4000 DM Nettoeinkommen hatten, alle anderen Hochschulen wiesen Quoten zwischen 32% und 55% auf. Entsprechend sieht es bei der Quote reicher Eltern der Studierenden aus: die Uni Bayreuth ist eine sozial homogene Hochschule von Akademikerkindern aus reichem Elternhaus. (mehr…)

Gegen den Wahnsinn von und zu Guttenbergs

Kleine Vorstellung eines wahren Genies „von“ Schiller (1759-1805)
Von Esra Ayse Onus

Die Wahrheit früher – die Lüge heute

Früher war alles besser, könnte man nach so ziemlich vielen skandalösen Ereignissen und deren öffentlichen Aufarbeitungen meinen. Der letzte Skandal um Guttenbergs schlampig holprig peinlich verfasste Doktorarbeit und die sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Reaktionen lassen dieses einfache Wehklagen durchaus zu. Früher war alles gewiss nicht perfekt. Aber vielleicht doch besser? Es zählten damals immerhin fast nur Menschen mit Geist, Weitsicht und Universalgedanken zur kulturschaffenden Wirklichkeit. Sie prägten Politik, Gesellschaft, Kultur genauso wie die Wissenschaften nachhaltig und hinterließen für die Weltgeschichte greifbare Ideen und Lehren. Wir können froh sein, dass es sowas wie den Deutschen Idealismus und vor allem die Weimarer Klassik, die die Deutsche Romantik kennzeichnet, gab. Das ist vielleicht noch unser einziger und unvergänglicher Kollektiv-Stolz, mit dem wir vor der ganzen Welt selbstbewusst prahlen dürfen. Und das schreibe ich – nebenbei erwähnt – als Nicht-Deutsche. (mehr…)

Der eigentliche Skandal ist dieser Auftritt

Guttenbergs Erklärung
Bitte schaut euch den Mitschnitt an: Guttenbergs Erklärung. Er beginnt und endet damit, dass irgendein wichtiger Offizier hinter Guttenberg herschreitet. Ich hatte an anderer Stelle über Klassenkörper geschrieben und mich dabei auf Foucault und Bourdieu bezogen. Michael Hartmann spricht von einem bestimmten souveränen Auftreten, welches man als Arbeiterkind kaum lernen kann. Der eigentliche Skandal in unserer Gesellschaft ist die eingeräumte Wirkmächtigkeit solcher Auftritte, die Dominanz der Form über den Inhalt, die dafür sorgt, dass sich die Klassen in den gehabten Bahnen reproduzieren. Diese Dominanz gilt es zu dekonstruieren. Aber wie?

Ergänzung: Als ich den obigen Text schrieb, war mir nicht klar, dass ein Großteil der Medien von der Erklärung ausgeschlossen gewesen ist. Hier die ZDF-Berichterstattung über die in der Bundespressestelle wartenden Journalist_innen: Was soll der Kokolores? Tatsächlich scheint Guttenberg hier nur in einem bestimmten Rahmen seine Souveränität aufrechterhalten zu können.

Gericht verbietet Werbung von Doktor-Ghostwriter

Einem Bericht der Welt-Online (17.02.2011) zufolge hat ein Gericht eine Werbung verboten, wo sich jemand als Marktführer im Bereich des „wissenschaftlichen Ghostwriting“ pries. Er verlangte je nach Umfang für eine Dissertation zwischen 10.000 und 20.000 Euro.

„Nur die Übertreibung ist wahr“ (Adorno) – eine Antwort an Kritiker und Freunde

von Tobias Fabinger

Aufgrund der vielen Rückmeldungen zum Artikel „Guttenbergs Doktor-Arbeit und die Scheineliten im Hochschulbetrieb“, habe ich das Bedürfniss, noch einige Aspekte des Themas auszuführen. Zunächst: Es liegt mir fern, Leute, die an ihren akademischen Abschlüssen hart und engagiert arbeiten, zu kritisieren. Es geht darum, in sehr zugespitzter, vielleicht übertriebener Form einige Tendenzen im Hochschulbetrieb deutlich zu machen.

Hier eine Zusammenfassung: Die Naturwissenschaften sind sozial selektiv, wie alle Fächer, aber nicht durch den Mechanisms von „Schein und Sein“. Mein Artikel bezieht sich vor allem auf die Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Artikel drückt vor allem auch eine soziale Erfahrung aus und erhebt keinen Anspruch auf absolute Objektivität. Die vielen positiven Zustimmungen zeigen aber, dass sich viele Studierende in den artikulierten sozialen Erfahrungen und in dieser spezifischen Sichtweise auf den Hochschulbetrieb wieder erkennen. Dem ist weiter nachzugehen und eine Diskussion hierüber ist unbedingt notwendig. Klassenkampfrhetorik liegt mir völlig fern. Wahr ist aber, und das zeigen viele empirische Untersuchungen, dass die Universität ein Ort der Reproduktion sozialer Eliten ist. (mehr…)

Guttenberg – Langzeitstabilitäten beim Raubquotienten (RQ)

Der Guttenberg-Fall ist wissenschaftlich recht einfach auf die Langzeitstabilitäten des RQ (Raubquotienten) zurückzuführen. Bekanntlich entstammt Herr Guttenberg einem Raubritter-Geschlecht. Klartext: in diesen Populationssegmenten ist die Raubkopier-Kompetenz signifikant höher als in anderen. Der aktuelle Forschungsstand lässt sich wie folgt zusammenfassen:

1. Die hohen Langzeitstabilitäten in der Raubleistung, die bereits in der frühen Kindheit um r=.50 betragen und ab der späten Kindheit auf über r=.80 ansteigen, sprechen für das Vorliegen eines stabilen Persönlichkeitsmerkmals.
2. In Kulturkreisen, in denen weitestgehend alle Aneignungsangelegenheiten offen stehen, können mindestens 50 Prozent der Varianz in der Raubtestleistung durch genetische Unterschiede erklärt werden.
3. Unterschiede im Raubvermögen haben eine zerebrale Grundlage, die prinzipiell aufgeklärt werden kann.
4. Es hängt entscheidend vom kulturellen und individuellen Kontext ab, wie räuberische Kompetenzen die Aneignung und Nutzung von Wissen und Waren beeinflussen.

Bis zu 80% der Raubkopier-Kompetenz lässt sich also auf spezifische Raubritter-Gene zurückführen. Wir müssen in diesem Zusammenhang einfach mal sagen dürfen, dass der Universität natürliche Grenzen gesetzt sind: ein Raubritterkommilitone wird auch durch die Hochschule nicht akademisch.
(Frei nach Guttenberg: wer Zitate findet, darf sie behalten)

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Guttenbergs Doktor-Arbeit und die Scheineliten im Hochschulbetrieb

von Tobias Fabinger

Die Affäre um den Verteidungsminister Guttenberg (CSU) wirft ein Licht auf den Hochschulbetrieb überhaupt. Es handelt sich bei dieser Affäre nur um die berühmte Spitze des Eisbergs. Nur weil Guttenberg ein bekannter Politiker ist, hat man hier einmal einen genaueren Blick in seine Doktor-Arbeit geworfen, bei wievielen Anderen wird das nicht der Fall sein.

Ein Doktortitel hat in der Öffentlichkeit immer noch ein hohes Ansehen. Es gibt auch viele Doktor-Arbeiten, die von den Promovierenden eigenständig erstellt wurden und eine hohe Qualität aufweisen. Aber: Sie werden immer mehr zur Ausnahme. Gerade für die bürgerlichen (oder adligen) Eliten ist die Promotion nur ein Schritt, eine Qualifikation, die man hinter sich bringen muss. Für einige Positionen braucht man sie, zumindest garniert sie den hohen sozialen Status zusätzlich und scheint ihn zu legitimeren „Dieser Mann muss zu einer geistigen Elite gehören“, denkt sich vielleicht so mancher „Bildungsferne“, der Ehrfurcht vor dem Doktortitel empfindet . (mehr…)




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