Latein als Studienhürde

von Tobias Fabinger

Anfang Februar traf sich im AStA der Uni Münster eine Arbeitsgruppe, die „Latein als Studienhürde“ analysierte. Dabei wurden wichtige Feststellungen getroffen: Für viele Studiengänge, vor allem auch Lehramtstudiengänge mit geisteswissenschaftlichen Fächern, ist das Latinum notwendig. Nun stellt sich nach Meinung der Arbeitsgruppe, die vor allem aus Arbeiterkindern besteht, der Sachverhalt wie folgt dar: Akademikereltern wissen, dass man für viele Studiengänge das Latinum braucht. Für sie ist das selbstverständlich, Latein gilt zudem als Bildungssprache. In Arbeiterfamilien legen die Eltern dem Kind eher pragmatisch die Wahl einer neuen Fremdsprache nahe. Es ist dort in keiner Weise bekannt, wie wichtig das Latinum später sein kann. Das Treffen der Arbeitsgruppe „Latein als Studienhürde“ war auch stark vom Austausch biographischer Erfahrungen geprägt. Auch mir wurde bewusst, dass ich auf die Wahl eines Magister-Nebenfaches verzichtete, weil hierfür das Latinum notwendig war. Anderen erging es in anderen Studiengängen ähnlich. Zwar gibt es an der Uni die Möglichkeit, das Latinum nachzuholen, aber: Diese aufwendige Arbeit wird nicht mit der entsprechenden Anzahl von Leistungspunkten vergolten. Die Zuschreibung von Leistungspunkten für das Nachholen des Latinums in Lehramtsstudiengängen soll sich beispielsweise an der Uni Münster sogar noch verschlechtern. Die Arbeiterkinder, die es ohnehin schon schwerer haben, geraten damit weiter ins Hintertreffen, ihre knappen Ressourcen (knapp etwa auch, weil gejobbt werden muss und weil weniger kulturelles Kapital in den Familien vorhanden ist), werden noch stärker belastet, in der Konkurrenz entsteht Ihnen ein Nachteil. Die Universität ist in der Pflicht, die bestehenden sozialen Ungleichheiten, die schon aus dem Schulsystem an die Uni mitgebracht werden, nicht noch zu verstärken. Vielmehr müssen diese Ungleichheiten ausgeglichen werden. Das kann nur bedeutet, dass den Arbeiterkindern bzw. Studierenden aus bildungsfernen Schichten die Möglichkeit gegeben wird, Latein so nachzuholen, dass ihnen kein Nachteil bzw. unzumutbarer Mehraufwand entsteht.

In der Arbeitsgruppe kam es während der soziologischen und biographischen Reflexion zu einem „Aha-Effekt“: An Latein kann wirklich eine soziale Grenze entstehen, das Latinum wirkt hoch selektiv, die Kenntnis der Bedeutung von Latein in bildungsnahen Milieus geht mit einer Reproduktion von Bildungseliten einher. Es stellt sich auch insgesamt die Frage nach dem Sinn des Latinums als Voraussetzung für einige Fächer, etwa Philosophie, Geschichte oder Germanistik. Die Altphilologen schreien jetzt wieder auf und wittern den Untergang des Abendlandes. Aber die bildungstheoretische Bedeutung von Latein wurde während des Neuhumanismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts konzipiert. Es muss zumindest eine wissenschaftsinterne und bildungstheoretische Diskussion über den Sinn von Bildung überhaupt stattfinden, damit kann auch über den Sinn von Latein nachgedacht werden.
Die Arbeitsgruppe wird geleitet von Svenja Gehm (Fachschaftenreferat) und Tobias Fabinger (Referat für studierende Arbeiterkinder). Das Ziel der Arbeitsgruppe ist es, Einfluss auf Uni-Gremien dahingehend auszuüben, dass der Arbeitsaufwand für das Nachholen des Latinums mit der vollen Punktzahl angerechnet wird, die diesem Zeit- und Arbeitsaufwand entspricht.

Bildungssoziologisch interessant: Bei Latein handelt es sich 1.) Um eine Studienhürde hinsichtlich der Wahl bestimmter Fächer – dieses Phänomen bezeichnet man in der Bildungssoziologie als „Selbstselektion“, weil die Studierenden sich die Gründe für ihre Wahl oft gar nicht bewusst machen, sondern sie verdrängen 2.) Um eine studienfachinterne Studienhürde, die zu Fachwechsel, verlängertem Studium oder gar Studienabbruch führen kann, und 3.) um eine soziale Hürde beim Zugang zu bestimmten privilegierten akademischen Berufsgruppen. Das Thema ist ziemlich „heiß“, öffentliche Veranstaltungen dazu führen sicherlich zu einem massiven Besuch von Altphilologen, Lateinlehrern und „Bildungsbürgern“. Nichts gegen die Bedeutung von Latein, aber der Arbeitsgruppe geht es um die soziologischen Implikationen, die wir herausarbeiten wollen. Eine „social-science literacy“, also eine bei den Trägern von Wissenschaft und Bildung verankertere sozialwissenschaftliche Kompetenz, ist wichtiger denn je.

Wie sind Eure Erfahrungen mit Latein bzw. mit dem Latinum und mit Latein als Studienhürde?

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27 Antworten auf „Latein als Studienhürde“


  1. 1 Andreas 14. Februar 2011 um 11:10 Uhr

    Ich habe erst die Haupt-, dann die Realschule besucht. Dort wurde kein Latein angeboten. (Anmerkung: Gibt es eigentlich irgendeine Haupt- oder Realschule, wo Latein angeboten wird? Falls nein – warum eigentlich nicht? Wenn Latein so wichtig ist, um die Grammatik von Sprache zu verstehen, dann sollte es doch gerade auf Haupt- oder Realschulen angeboten werden.)

    Nach der zehnten Klasse wechselte ich in die gymnasiale Oberstufe. Ein Wechsel auf das humanistische Gymnasium war gerade wegen Latein so gut wie ausgeschlossen, daher wechselte ich auf ein Fachgymnasium mit dem Schwerpunkt Technik. Meine Interessen waren aber auch damals schon sozialphilosophischer Art.

    Während des Studiums versuchte ich, Latein nachzuholen, da die alte Prüfungsordnung Latein vorsah. Ich fiel mehrmals durch, weil ich keine Lust hatte, einen Großteil meiner Wissens- und Zeitressourcen dorthin zu verlangern, d.h. ich war zu faul, ich hatte keine Lust, mich damit zu belasten, es gab schließlich noch andere Dinge zu lernen. Ich wechselte daraufhin sowohl meine Fächer (Soziologie statt Philosophie), als auch die Prüfungsordnung. Beides warf mich weit zurück, was die für einen Abschluss benötigten Bedingungen betraf.

    Anekdote am Rande: für Philosopie im Nebenfachh brauchte ich zwar kein Latein mehr, aber eine zweite Fremdsprache. Ich wählte dann Niederländisch, war aber durchaus nicht überzeugt von der Notwendigkeit dieser Sprachkenntnisse für mein Philosophiestudium.

  2. 2 Tobias 14. Februar 2011 um 13:12 Uhr

    Ich habe nochmal nachgelesen. Altgriechisch und dann – aus schulpragmatischen Gründen – vor allem Latein wurden im Neuhumanismus (Anfang des 18. Jahrhunderts) folgende Aufgabe zugewiesen: Die Schüler sollten eine ganz andere, in sich geschlossene und kulturvolle Welt kennen lernen. Bildungstheoretisch spricht man auch von „Entfremdung“ von der gewohnten Lebenswelt. Aus dieser Idee ist auch das „humanistische Gymnasium“ entstanden. Entfremdung ist hier positiv gemeint. Mit dieser starken geistigen Identität – geschöpft aus Altgriechisch und Latein – sollten sie sich dann in der immer mehr zerissenen Welt der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft und der beginnenden Industrialisierung und „Moderne“ zurecht finden. Der Grundgedanke ist nicht schlecht. Auch in der zeitgenössischen kritischen Bildungstheorie gibt es den Gedanken einer Dialektik von substanzieller „entfremdender“ Bildung und Widerstand. Mir scheint aber, das heute auch auch andere Bildungsinhalte diese Funktion wahrnehmen könnten. Die Auseinandersetzung mit Kunst, also die ästhetische Bildung, ist viel wichtiger, denn sie bildet widerständige Subjektvermögen heran. Auch leben wir heute weitesgehend in einer warenförmigen virtualisierten kulturellen Umgebung (Medien, Werbung, Kulturindustrie), so dass es vor allem einer ästhetischen „Entfremdung“ und einer Sensibilisierung für das Manipulationspotential unserer Medienkultur und Warenkultur bedarf. Latein könnte man entmystifizieren und natürlich für Interessierte weiterhin zugänglich machen. Wobei eben die sozialen Hürden und die „symbolische Gewalt“ (Bourdieu), die es mit sich bringt, abgebaut werden müssten. Wir leben in einer Zeit, wo alle von Bildung sprechen, aber sehr wenig über den Sinn von Bildung nachgedacht wird. Anhand dieses Bereiches kann man auch eine bildungstheoretische Diskussion beginnen. Was die Sozialphilosophie, als zentrales kritisches Bildungselement unserer Zeit betrifft: Es gibt Leute, die Adorno, Marx, Bloch oder andere, eher affirmative Philosophen verstehen und weiterdenken können – die aber kein Latinum haben – und es gibt Leute, die das Latinum haben, aber keinen Zugang zur Philosophie, weil sie autonomes Denken nicht gewöhnt sind.
    Es ist also der Diskussion Wert, ob die alten Griechen und Römer noch sowas wie das Allgemeine unserer Kultur, den Ursprung unserer kulturellen Identität bilden. Aber auch diese Tradition lässt sich ja nur lebendig, aus dem gegenwärtigen kritischen Philosophischen Diskurs aneignen, also dann, wenn ein inhaltiches Erkenntnisinteresse besteht. Die Bedeutung alter Sprachen sturr und schematisch zu behaupten, ohne ihre Relevanz wirklich herauszuarbeiten (man kann sich dann andere Sprachen schneller aneignen – das halte ich für kein Argument) ist geistlos. Oder man denke nur an das zitieren lateinischer Aussprüche. Wer dies tut, umgibt sich ja mit der besonderen Aura des Wissenden, so als wäre eine inhaltiche Aussage alleine dadurch legitimiert, dass sie auf Latein ausgesprochen wird.
    Ich plädiere also dafür, nicht nur die Bildungssoziologische, sondern auch die Bildungstheoretische Ebene zu sehen und in diese Diskussion mit hineinzunehmen. Ohnehin fehlt uns gegenwärtig sowas wie eine „Fundamentaldidaktik“ – was sollen die Schüler und Studierenden überhaupt lernen – welches sind die zentralen gesellschaftlichen Probleme und Bildungsinhalte unserer Zeit? Diese Frage wäre wieder zu vermitteln mit der Frage: Wie lässt sich Bildung so gestalten, dass der proletarische Habitus nicht ausgeschlossen wird, sondern die proletarischen Subjekte sich vielmehr entfalten können. In einem solchen Bildungsgang würde Latein sicher auch angeeignet, nämlich dann, wenn es dem „organischen“ Interesse nach Erkenntnis und Emanzipation entspricht.

  3. 3 Andreas 14. Februar 2011 um 16:27 Uhr

    Lieber Tobias,

    eine sehr gute Analyse. Das Projekt so inhaltlich fundiert anzugehen und nicht nur den zusätzlichen Arbeitsaufwand vor allem für studierende Arbeiterkinder an der Uni zu fokussieren, halte ich für den richtigen Ansatz. Als Realschüler aus der Arbeiterschicht gehörten für mich Latein und Gymnasium zusammen. Dieser „Entfremdungsaspekt“ hat also auch eine Außenwirkung. Gymnasium ist die latinisierte Form des griechischen γυμνάσιον Gymnásion. „Gymnasium“ ist also eine latinisierte altgriechische Vokabel. Hauptschulen heißen Hauptschulen.

    Eine Nebenbemerkung: der Papst hat wieder Messen in lateinischer Sprache erlaubt, gleichzeitig stehen dann die Geistlichen mit dem Rücken zur Gemeinde.

  4. 4 richard 15. Februar 2011 um 12:21 Uhr

    mir konnte bis jetzt noch keiner eine schlüssige argumentation liefern,
    weshalb latain, was vom arbeitsaufwand mit abstand den höchsten anteil in meinem studium einnimmt,so elementar sein soll.
    kann das einer von euch?

  5. 5 Andreas 15. Februar 2011 um 14:40 Uhr

    Damit du nicht sagst „Menschen genannt Romanes gehen das Haus“. Wie wäre es, wenn wir die Latein-Kampagne mit einer T-Shirt-Aktion begleiten. Wäre doch nett, wenn Studierende mit dem Aufdruck „Romanes eunt domus“ im Latein-Kurs sitzen.

  6. 6 Nikolsa 18. Februar 2011 um 12:50 Uhr

    Wenn Latein dann aber mit einer höheren Punktzahl bewertet werden soll, müssen andere Inhalte aus dem Studium dafür aufgegeben werden. Sollen die dann für alle wegfallen oder haben die Studenten mit Lateinkenntnissen dann mehr Vorlesungen und haben dann einen besseren Abschluss, was wieder Ungerecht wäre?

    Und was ist mit Studis, die nicht so schnell tippen können, weil sie als Kind keinen Rechner hatten?
    Sollen die dann auch eigene Kurse bekommen und noch weniger vom eigentlichen Fach lernen?

    Mit einem Realschulabschluss kann ich nicht studieren, sondern muss erst noch die erforderlichen Leistungen (Hochschulreife) nachholen und kann erst nach einem Jahr losstudieren. Darüber regt sich (hoffentlich) niemand auf.
    Ohne Lateinkenntnisse kann ich eben nicht sofort studieren, sondern muss erst noch die notwendigen Kenntnisse erwerben.

    Die fehlenden Lateinkenntnisse sind nicht die Schuld der Uni, sondern hauptsächlich die Schuld der Eltern. Warum soll also die Uni die Pflicht haben, diesen Fehler auszugleichen?

  7. 7 Andreas 18. Februar 2011 um 13:30 Uhr

    Wenn Latein dann aber mit einer höheren Punktzahl bewertet werden soll, müssen andere Inhalte aus dem Studium dafür aufgegeben werden. Sollen die dann für alle wegfallen oder haben die Studenten mit Lateinkenntnissen dann mehr Vorlesungen und haben dann einen besseren Abschluss, was wieder Ungerecht wäre?

    So weit ich weiß, soll bei Studierenden, die Latein nachholen müssen, ein Modul entfallen. So ist der hier vorgeschlagene Plan.

    Und was ist mit Studis, die nicht so schnell tippen können, weil sie als Kind keinen Rechner hatten?
    Sollen die dann auch eigene Kurse bekommen und noch weniger vom eigentlichen Fach lernen?

    Wäre eine Überlegung wert. Besser wäre eine Grundversorgung mit Computern für schulpflichtige Kinder.

    Mit einem Realschulabschluss kann ich nicht studieren, sondern muss erst noch die erforderlichen Leistungen (Hochschulreife) nachholen und kann erst nach einem Jahr losstudieren. Darüber regt sich (hoffentlich) niemand auf.

    Doch natürlich rege ich mich z.B. darüber auf. Das dreigliedrige Schulsystem gehört abgeschafft.

    Die fehlenden Lateinkenntnisse sind nicht die Schuld der Uni, sondern hauptsächlich die Schuld der Eltern. Warum soll also die Uni die Pflicht haben, diesen Fehler auszugleichen?

    Hier liegt keine „Schuld der Eltern“ vor.
    Es geht hier wesentlich um Lehramtsstudiengänge. Warum müssen die angehenden Lehrer_innen über Lateinkenntnisse verfügen? Weil es an der Schule gelehrt wird. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Das Schul- und Hochschulsystem bilden insgesamt ein Bildungssystems ab, wo Latein erfordert wird ohne das ausreichend dafür gesorgt wird, dass man es ohne Nachteile erlernen kann. Diese Nachteile haben zur Zeit Arbeiterkinder – aber nicht aufgrund der Schuld ihrer Eltern, sondern die Ursache der Benachteiligung ist bei denen zu suchen, die Latein als Selektionsmerkmal beibehalten und ausbauen wollen.

  8. 8 Irene 18. Februar 2011 um 13:33 Uhr

    Interessant. Ich habe es völlig anders erlebt, was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich auf dem Gymnasium war und die Wahl hatte.

    In der sechsten Klasse ging es um die Wahl Latein oder Französisch. Unsere Klassenleiterin und Englischlehrerin gab uns subjektive Einschätzungen, was ihr passender erschien. Bei mir tippte sie auf Französisch, was ich ohnehin lernen wollte.

    Außerdem gab es eine Lehrerin für Deutsch, Latein und Altgriechisch, die durch die Klassen ging und pauschal für Latein warb. (Sie wurde in der Siebten meine Deutschlehrerin und überforderte mich etwas mit ihren literarischen Asprüchen.)

    Ich wusste also, dass es auch gewisse Nachteile hatte, sich gegen Latein zu entscheiden. Ich wusste aber auch genau, dass ich keine tote Sprache lernen und mich mit den Kriegen der Römer befassen wollte. Also Französisch. Meine Eltern redeten mir nichts drein, sie können keine Fremdsprachen.

    Ich denke, dass es gut für mich war, die Entscheidung selbst zu treffen und dabei zu lernen, dass Entscheidungen Konsequenzen haben, für die man dann auch verantwortlich ist.

    In der elften Klasse war Französisch mein bestes Fach, und so kam es dann zum Leistungskurs Französisch (und zu einer gewissen Einseitigkeit, weil Englisch das zweite LK-Fach war).

    Mittlerweile geht meine Nichte auf das Gymnasium. Ich habe ihr von meiner Wahl erzählt und werde ihr nächstes Jahr nochmal unaufdringlich Französisch empfehlen (entscheiden soll sie selbst). Ihre praktisch-nüchterne Art ist noch ausgeprägter als meine, und da ist nicht gerade zu erwarten, dass sie eines Tages Geisteswissenschaftlerin werden will.

    (Ich bezweifle übrigens die Dishwasher-These, dass die zweite Fremdsprache auch auf dem Gymnasium ein Hindernis für Kinder aus nichtakademischem Elternhaus ist. Vielleicht kommt diese Einschätzung subjektiv daher, dass die politische Linke männerdominiert ist und Jungs in der Pubertät häufig keinen Bock auf Sprachen lernen haben und ihnen die Eltern das durchgehen lassen, während die Mädchen fleißig sein sollen.)

  9. 9 Andreas 18. Februar 2011 um 13:48 Uhr

    Hallo Irene,

    danke für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht.

    Bei mir sieht es tatsächlich ganz anders aus, weil ich eben von der Hauptschule zur Realschule und dann zum Gymnasium gewechselt bin. Da sind dann tatsächlich Sprachen eine Hürde, eben weil sie mit viel Fleiß und das heißt, mit Zeitaufwand, verbunden sind (es sei denn, man hat als Kind Verwandte im Ausland oder war aufgrund der Tätigkeit der Eltern häufiger schon im Ausland, etc.) In der Realschule in der siebten Klasse sagen dir die Lehrkräfte nicht: du musst jetzt freiwillig eine zweite Sprache machen, sonst hast du später Schwierigkeiten beim Hochschulabschluss.

    Also mir geht es vor allem um die Schüler_innen, die auf dem nicht normierten Weg zur Hochschule kommen und dann auf eine Hochschule treffen, die selbstverständlich mehrere Sprachen und Latein voraussetzen, weil sie nur den normierten Weg anerkennen.

  10. 10 Nikolsa 18. Februar 2011 um 13:57 Uhr

    @Andreas: Du würdest auch noch ein Modul für einen Tipp-Kurs draufgehen lassen? Wie wäre es dann noch mit einem Sprachkurs auf ausländische Studis?
    Das wären zwar denkbare Sachen, über die sich wahrscheinlich ein paar Leute freuen würden, aber im Studium sollte man das Fach lernen, das man studieren will (darum ist man ja da) und nicht Fähigkeiten, die für das Studium vorrausgesetzt werden.

    Du regst dich doch hoffentlich nicht darüber auf, dass man mit einem Realschulabschluss nicht an der Uni studieren darf, oder? Die Aufteilung nach der Grundschule ist sicherlich nicht optimal (besonders die frühe Aufteilung nach vier Jahren), aber da die Schulzeit auf der Real kürzer ist und damit nicht das Niveau des Abiturs erreicht werden kann, sollte es doch selbstverständlich sein, dass man damit nicht die gleichen Sachen machen kann, wie mit einem Abitur.

  11. 11 Irene 18. Februar 2011 um 14:05 Uhr

    Okay, für die Realschule ist natürlich völlig nachvollziehbar, das kam aber in einem früheren Beitrag nicht so deutlich raus.

    Was man in der siebten Klasse noch nicht so gut abschätzen kann, sind die Anforderungen der verschiedenen gymnasialen Zweige. Mit zwölf Jahren konnte ich noch nicht wissen, dass die vielen Stunden Mathe und Physik in der zehnten nicht ganz mein Fall sein würden. Das war aber auch ein Provinz-Problem, dass es in der Kreisstadt keine Ausweichmöglichkeit in ein sozialwissenschaftliches Gymnasium oder in eine Fachoberschule für Gestaltung gab (das wären eher meine Zweige gewesen).

    A propos Kleinstadt: Hast Du Dich mal mit der Bildungspolitik von Fred Sinowatz (Bildungsminister unter Kanzler Kreisky) befasst? Könnte auch interessant sein: http://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Sinowatz

  12. 12 Andreas 18. Februar 2011 um 14:07 Uhr

    @ Nikolsa

    Es kann nicht sein, dass sich Schule und Hochschule aus der Verantwortung ziehen zu Lasten der Arbeiterkinder. Sie haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen, der mit dem Grundgesetz zu vereinbaren ist. Und hier heißt es, dass niemand aufgrund seiner sozialen Herkunft benachteiligt werden darf.

    Anscheind spielt ja die Hochschule mit beim Spiel Latein=Gymnasium=Latein, wenn sie bei Lehramtsstudierenden Latein voraussetzt. Allerdings will sie sich gleichzeitig aus der Verantwortung ziehen, wenn es um Fragen der sozialen Selektion im Schulsystem geht, die durch dieses Latein-Gymnasium-Spiel hervorgerufen werden. Das geht nicht.

  13. 13 Nikolsa 18. Februar 2011 um 14:25 Uhr

    Die Hochschule zieht sich doch nicht aus der Verantwortung. Für jedes Fach muss ich bestimmte Vorraussetzungen erbringen. Nicht jeder kann einfach so Medizin studieren und niemand fordert hier besondere Kurse für Studis die in der Oberstufe Bio zu früh abgewählt haben, weil sie sich eher für französisch interessiert haben.

    Wie viele Kurse sollten denn im Studium angeboten werden und wie viel vom eigentlich Stoff soll dafür draufgehen? Im ersten Semester wären es eher die Grundlagenvorlesungen, die verloren gehen würden. Damit hätte man dann als nicht-Lateiner Lücken im Grundwissen und könnte damit später nicht die aufbauenden Vorlesungen hören. Das wäre dann wieder eine Benachteiligung.

    Was hier vorgeschlagen wird, ist die Aufnahme von Schulwissen in die Uni auf Kosten der eigentlichen Lehrinhalte.

    Zudem ist Latein nicht Vorraussetzung für jedes Lehramtsstudium sondern nur für Sprachen, Theologie oder Geschichte. Und Latein als Grundlage für viele moderne europische Sprachen ist wirklich eine sinnvolle Vorraussetzung und keine gewollte Diskriminierung.

  14. 14 Andreas 18. Februar 2011 um 14:42 Uhr

    Latein ist eben kein „Schulwissen“, auch kein „Abiturwissen“, sondern ein „humanistisch-gymnasiales Wissen“ und durch die gewollte Dreigliedrigkeit an einer hohen sozialen Selektivität gekoppelt.

    Warum wird auf Hauptschulen und Realschulen kein Latein gelehrt, wenn es so sinnvoll sein soll?

    Es ist doch bereits ausgeführt worden, dass Latein in den gymnasialen Kanon nicht einfach als Sprache eingeführt wurde, sondern als „Entfremdungs-Konzept“, um einen Standpunkt von der kulturellen Blüte der Antike aus zu übernehmen.

  15. 15 Nikolsa 18. Februar 2011 um 15:13 Uhr

    > Warum wird auf Hauptschulen und Realschulen kein Latein gelehrt, wenn es so sinnvoll sein soll?

    Latein ist wichtig, wenn man als Lehrer in bestimmten Fächern arbeiten will. Willst du wirklich vorschlagen, auf der Hauptschule Latein zu lehren, wenn niemand etwas damit anfangen wird?
    Besonders auf der Hauptschule geht es doch eher darum die wichtigsten Grundlagen zu vermitteln und nicht auf ein Hochschulstudium vorzubereiten.

    Nochmal: Wie viel vom Hochschulstudium willst du denn durch Kurse ersetzen, die Grundlagen vermitteln, die ein Großteil der Studis schon aus der Schule haben?

  16. 16 Irene 18. Februar 2011 um 15:13 Uhr

    Humanistische Bildung: Warum wird Latein zumindest als erste Fremdsprache nicht abgeschafft, wenn es die Durchlässigkeit des Schulsystems behindert? (Als überfordertes Akademikerkind an ein bayerisches G8-Gymnasium gefesselt zu sein ist auch kein einfaches Schicksal, wenn auch nicht Thema dieses Blogs.)

    Ich bin für weniger Latein. Gerade weil es mehr mit Dünkel und Abschottung zu tun hat als mit Bildung. Wenn irgendwer ein Latein-Zitat einwirft, sage ich meistens offen, dass ich es nicht verstehe. Warum auch nicht?

    Nikolsa, zu meiner Abi-Zeit wurde ein Teil der Medizin-Studienplätze verlost (wie es heute ist habe ich nicht im Kopf). Heute kann man auch mit Meistertitel studieren, wenn auch nicht ganz so einfach wie mit Abi. Das System räumt also in etlichen Nischen ein, dass die scheinbar objektiven Voraussetzungen zumindest teilweise verzichtbar sind.

  17. 17 Andreas 18. Februar 2011 um 15:31 Uhr

    >> Warum wird auf Hauptschulen und Realschulen kein Latein gelehrt, wenn es so sinnvoll sein soll?

    >Latein ist wichtig, wenn man als Lehrer in bestimmten Fächern arbeiten will.

    Verstehe ich dich richtig: es ist wichtig, dass an Gmynasien Latein gelehrt wird, damit die zukünftigen Lehrer_innen befähigt sind, später Latein an Gymnasien zu unterrichten?

  18. 18 Nikolsa 18. Februar 2011 um 15:55 Uhr

    Nein, es ist wichtig, dass am Gymnasium Latein gelehrt wird, damit die, die später eine Sprache (oder Geschichte) studieren wollen, die nötigen Grundlagen haben.

    Latein ist kein Pflichtfach, sondern eine Option für diejenigen, die später in den Bereich gehen wollen.

  19. 19 Irene 18. Februar 2011 um 15:58 Uhr

    So gesehen würde Latein am besten in die Oberstufe passen.

  20. 20 Nikolsa 18. Februar 2011 um 16:05 Uhr

    Da ist es meistens ja auch. Wer Medizin studieren will braucht eben sein Top-Abi und muss dafür die beiden Jahre in der Oberstufe hart arbeiten, wer Lehramt machen will, muss eben dafür sorgen, dass er die Kenntnisse hat.

    Warum soll jemand, der kein Latein hatte, das im Studium nachholen dürfen, wenn jemand anderes die Arbeit schon während der Schulzeit erbracht hat?

    Hier sollen Module aus dem Lehrplan für Latein gestrichen werden. Aber trotzdem will man später den gleichen Abschluss haben, obwohl man nicht alle vorgesehenen Vorlesungen gehört hat. Soll dann jemand, der zwar in der Schule Latein hatte, auch diese Kurse belegen dürfen?

  21. 21 Andreas 18. Februar 2011 um 16:13 Uhr

    Wie würdest du es denn gerecht gestalten wollen, ohne dass Arbeiterkinder benachteiligt werden?

  22. 22 Nikolsa 18. Februar 2011 um 16:31 Uhr

    Warum ist eigentlich ein „Arbeiterkind“ per se benachteiligt? Nur weil die Eltern nicht studiert haben, heisst es ja nicht, dass man keine Möglichkeit hatte, Latein zu lernen. Schließlich hat man ja Abi, wenn man studiert.

    Wer kein Latein in der Schule hat, bekommt die Möglichkeit an der Uni die passenden Kurse zu belegen, die speziell den Stoff beinhalten, der für das Studium benötigt wird. Dafür werden aber keine anderen Inhalte aus dem Studium genommen, um später das gleiche Niveau zu haben, wie die Studis, die schon in der Schule Latein hatten.

    Es ist hier nicht so, dass es ein Arbeiterkind etwas schwerer hat, weil seine Eltern Arbeiter sind, sondern weil es bis zum Studium etwas nicht gelernt hat, was andere gelernt haben, die sich für das Fach entschieden haben.

  23. 23 Andreas 18. Februar 2011 um 17:03 Uhr

    1. Als Arbeiterkind hat man es aufgrund vielfältiger Gründe, die fast alle im Bereich der institutionellen Diskriminierung und der Vorurteilsstrukturen der dort eingesetzten Gatekeeper zu finden sind, erheblicher schwerer, ein Studium aufzunehmen und mit einem guten Ergebnis zu Ende zu bringen.

    2. Viele Arbeiterkinder umgehen die schulischen sozial selektiven Bildungsbarrieren, in dem sie über den zweiten oder dritten Bildungsweg ein Studium beginnen. Oder in dem sie – wie ich . nach der Realschule eine fachgymnasiale Oberstufe besuchen. Dort gibt es kein Latein. Latein stellt somit eine klassenspezifische Hürde da und ist auch als solche zu betrachten.

    Wenn die Hochschulen also Lateinkenntnisse verlangen, dann haben sie auch dafür zu sorgen, dass Arbeiterkinder diese Lateinkenntnisse erlernen können, ohne dass ihnen dabei im Studium Nachteile entstehen. Bei der Enge und Dichte der aktuellen Bachelor-Studiengänge kann man nicht einfach mal nebenbei Latein lernen, ohne dass dies die anderen Lerninhalte negativ beeinträchtigen würde.

  24. 24 Ingo de Austria 21. September 2011 um 21:57 Uhr

    Auch bei uns in AT ist Latein Voraussetzung für einige Fächer. Nun ist es aber so, dass es hier eine ganze Bandbreite verschiedener Oberstufenschulen gibt, jedoch wird nur in einer einzigen Latein unterrichtet, nämlich im Gymnasium, das man am Besten gleich in der Langform (8 Jahre) besucht. Es gibt aber auch Gymnasien und Gymnasialoberstufen, wo kein Latein unterrichtet wird. Es ist also einfach zu sagen, welches Klientel diese Fächer studieren wird…
    Wie es mit Nachholmöglichkeiten aussieht, weiß ich nicht im Detail. Z.B. bei Medizin ist es afaik Voraussetzung, damit man überhaupt zum Studium zugelassen wird, bei anderen kann man es im Studium nachholen.

    Ich für meinen Teil habe ein technisches Studium gewählt, muss aber auch etwas „nachholen“ und zwar „Darstellende Geometrie“, das ich in der Oberstufe nicht hatte (nicht abgewählt, sondern aufgrund der Schwerpunktsetzung der Schule). Es gibt dafür an meiner Uni eine Vo und eine Übung, allerdings ist es eine Zusatzbelastung zum übrigen Stoff und es wird mir nicht einmal als Freifach angerechnet. Die Glücklichen, die das nicht trifft, sind jene, die ein gutes Gymnasium oder eine HTL besucht haben. Leute, die eine andere, nicht technische Schule besuchten (oder besuchen mussten), oder über den zweiten Bildungsweg an die Uni kommen, werden hier wieder einmal benachteiligt.

  25. 25 Mia 30. April 2012 um 20:26 Uhr

    Ich glaube nicht, dass Latein oder Nicht-Latein etwas mit Sozialstatus zu tun hat, sondern viel mehr mit der 2. Fremdsprache, die man GEWÄHLT hat. Ich habe damals Französisch gewählt und musste dann Latein nachholen.
    Auch finde ich es unsinnig, deshalb von einem anderen Modul befreit zu werden, denn man BRAUCHT die Kenntnisse aus den anderen Modulen!

  26. 26 Micha 17. Mai 2012 um 11:46 Uhr

    @ Mia: Insbesondere „Arbeiterkinder“ gehen oft nicht den klassischen Weg durch das Gymnasium. So studiere auch ich auf der Uni, ohne jemals die Chance gehabt zu haben, Latein zu wählen.

  1. 1 Romanes eunt domus « Dishwasher Pingback am 14. Februar 2011 um 16:38 Uhr
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