Meine unterprivilegierte Kindheit

Dieser Erfahrungsbericht wurde aus dem Dishwasher/WCA-Wiki übernommen und steht unter der CC-By-SA-Linzenz. Er ist vom April 2007, Autor ist Cumtempore. Hier nochmal der Aufruf, das Wiki zu nutzen und auszubauen.

Cumtempore: Meine unterprivilegierte Kindheit

In der Zeit
kann man lesen, dass Lehramtstudenten der Universität Bielefeld benachteiligten Kindern helfen. Das ist gut so.
Doch was ist eigentlich benachteiligt? Der Artikel gibt eine Antwort: „Die angehenden Lehrer erleben […] wie drei jüngere Geschwister durch das Zimmer toben, während die Älteste versucht, einen Aufsatz zu schreiben. Der Misserfolg scheint programmiert.“

Man stelle sich vor. Es gibt in unserem Lande tatsächlich Kinder, die GESCHWISTER!!! haben. Das ist natürlich skandalös und deutet darauf hin, dass einige Leute tatsächlich noch nicht verstanden haben, dass man gefälligst nur ein Kind zu haben hat.

Es kommt aber noch schlimmer. Die Kinder haben nicht nur Geschwister, sondern auch noch Eltern. Diese Eltern sind häufig im Besitz von einem FERNSEHER!!!. Das ist dieses Teufelsding, das, wie wir alle wissen, erfunden wurde, um uns vom Lesen abzuhalten. Die Eltern der benachteiligten Kinder aber sind ganz besonders böse, sie benutzen den Fernseher um… fernzusehen. Das führt dazu, dass die Kinder nicht in einem Zimmer lernen dürfen, in dem eine Friedhofsruhe herrscht.

Entsprechend schockiert sind die Studenten:

„»Viele Studenten müssen erst einmal kräftig schlucken, wenn sie das erste Mal bei ihrem Schüler zu Hause waren«, sagt die Pädagogin Brigitte Kottmann, die das Projekt an der Uni Bielefeld leitet. »Mit der eigenen unbeschwerten Kindheit hat das nicht das Geringste zu tun.«“

Woran erinnern sich diese glücklichen Studenten, wenn sie an ihre glückliche Kindheit denken? An ihre Hausaufgaben? An ihren Schreibtisch? Daran, dass sie keine Geschwister hatten, die sie beim Lernen störten? Sind das ihre glücklichsten Erinnerungen? Irgendwie tut mir das Leid!

Ich bin einer von denen, die ohne Schreibtisch aufgewachsen sind. Jeden Abend machte mein Vater den Fernseher an um die Tageschau zu sehen und oft auch das was danach kam. Das war für mich das Singnal meine Hefte rauszukramen. Dann setzte ich mich auf eine unserer Couchen vor dem Fernseher und fing an die Aufgaben zu machen. Währenddessen hörte ich auch auf die Nachrichten und auf meines Vaters Kommentare das war der Grundstein für mein Interesse an Politik.

Damit war es aber nicht genug. Ich hatte kein Regal voller Kinderbücher. Dafür las ich die Technikbücher meines Vater. Ich hatte kein pädagogisch wertvolles Holzspielzeug. Dafür lernte ich von anderen unterprivilegierten Kindern wie man eine Hütte aus Zweigen baut, wie man Wasserflöhe fängt, ein Feuer anzündet, aus einem Feuerstein eine Speerspitze macht, Fussball spielt, auf Balken balanciert, auf Bäume klettert und dass man nicht stirbt wenn man dort runter fällt.

Mein Vater setzte sich nie mit mir zusammen und besprach mit mir den Schulstoff. Das hätte ich mir auch verbeten, denn er konnte mir viel interessantere Dinge beibringen. Von ihm lernte ich, wie man schnitzt, sägt, bohrt, schweißt, etwas auslotet, leimt und anstreicht.

Das alles ist nun ein paar Jährchen her. Inzwischen studiere ich Soziologie. Viel von dem, was ich in meiner freien Kindheit lernte, kann ich in meinem heutigen Leben zu nichts gebrauchen. Manchmal sehne ich mich heimlich zurück. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte ein Handwerk erlernt, wie meine Cousins. Meistens aber akzeptiere ich es, dass mein Leben jetzt ganz anders ist.

In meinen Seminaren ist oft die Rede von Kindern wie mir. Kinder, die nur weniger Bücher haben, die nicht ins Museum gehen und mit denen die Eltern nie die Hausaufgaben besprechen. Meistens tun sie meinen Kommilitonen sehr leid. Oft dreht sich die Diskussion darum, wie man ihnen helfen könnte. Ich sitze dabei und weiss nicht was ich sagen soll.

Bitte versteht mich nicht falsch, ich finde es sehr gut, dass die Leute sich um unterprivilegierte Kinder kümmern. Es wundert mich lediglich, was alles unterprivilegiert sein soll.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio

2 Antworten auf „Meine unterprivilegierte Kindheit“


  1. 1 Schmingi 23. Juni 2011 um 13:34 Uhr

    ganz recht.
    Man kommt sich unweigerlich „minderbemittelt und benachteiligt“ vor!?
    Ich kann da auch sehr gut mitreden, meine Kindheit verlief ähnlich wie deine…
    Ich kann mich an eine Szene aus der 4ten Klasse Grundschule erinnern: Meine Lehrerin fragte: „Wer hat den alles keinen Platz in seinem Zimmer für Hausaufgaben?“ (sie wollte damit wohl auch die „schlimmen“ häuslichen Zustände mancher Familien ansprechen..)
    Ich meldete mich, als eine von wenigen. „Warum“ wurde ich gefragt…
    meine Antwort, wurde übrigens als sehr schockierend aufgefasst … :“Auf meinem Schreibtisch steht mein Fernseher“
    >> oh mein Gott

  2. 2 Schmingi 23. Juni 2011 um 13:35 Uhr

    meine antwort ging doppelt so lang :/ aber naja..

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter