Minister zu Guttenberg ist Teil des Uni-Bluff

Von Olaf Götze

Minister zu Guttenberg ist Teil des Uni-Bluff

Die Enthüllung über die in Teilen plagiierte Doktorarbeit des Bundesverteidigungsministers Theodor zu Guttenberg stellen die Spitze des Eisberges in einem sozial selektiven Hochschulsystem dar. Sie deckt auf, wie in diesem Land unrechtmässig und übervorteilt die Hochschule auf der Karriereleiter nach Oben durchlaufen werden kann.

Der Klassiker von Wolf Wagner zum Thema heißt „Uni-Angst und Uni-Bluff“. Herr zu Guttenberg ist offensichtlich unter „Uni-Bluff“ einzuordnen, stellen wir fest. Guttenberg hat die Einleitung seiner Doktorarbeit über die erste Seite hinweg komplett aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) von der Politikwissenschaftlerin Prof. Barbara Zehnpfennig abgeschrieben, ohne dieses kenntlich zu machen.

Siehe: Guttenberg-Dissertation: Anfang von der FAZ abgeschrieben

Insgesamt wurden bisher 23 Textpassagen ausfindig gemacht, über die ebensolches berichtet wird.

Oberflächlich betrachtet geht es in der Diskussion um die Glaubwürdigkeit eines Bundesministers. Doch dahinter verbirgt sich die Frage: Wie elitär ist das Hochschulsystem?

Betrachtet man diesen und andere Einzelfälle, können wir erahnen, warum Soziologen immer wieder empirisch feststellen, dass nicht nur Schule sondern auch Hochschule in erheblichem Maße sozial selektiv sind. Eine wissenschaftliche und darüber hinausgehende Karriere hängt eng mit der sozialen Herkunft zusammen. Tino Bargel von der Universität Konstanz stellte fest, dass wissenschaftliche Hilfskräfte nach sozialer Herkunft unterschiedlich häufig rekrutiert werden. Und Prof. Michael Hartmann aus Darmstadt stellt in seinem Buch „Der Mythos von den Leistungseliten“ die Rekrutierung der Eliten der bürgerlichen Schichten an den Hochschulen und darüber hinaus ausführlich dar und weist deren Bevorteilung anhand von Promovierten empirisch nach.

Für Theodor zu Guttenberg war die Promotion nur ein Schritt auf der Karriereleiter zum Ministerposten. Wie hoch dabei der Anteil an persönlicher krimineller Energie war und aber auch der Anteil einer gefälligen Professorenschaft, die ohne nähere Prüfung ein „Summa cum laude“ verlieh, wird sich eventuell noch herausstellen. In jedem Fall ist Guttenbergs Verhalten kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat nach dem Urheberrecht und ein Verstoß gegen entsprechende Promotionsordnungen, davon ist auszugehen.

Der Uni-Bluff jedoch bleibt. Hier gilt es, sich der Bevorteilung selbsternannter Eliten zur Wehr zu setzen. Die Studierenden sollten sich nicht von Angst und Bluff schrecken lassen, sondern die Hochschule auf den Kopf stellen. Im Unialltag bedeutet das, sich für sein eigenes Recht und entsprechende Qualität im Studium einzusetzen und den Tricksern und Blendern Paroli zu bieten. Am besten so früh wie möglich, bevor die Eliten auf ihren Posten Platz nehmen.

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17 Antworten auf „Minister zu Guttenberg ist Teil des Uni-Bluff“


  1. 1 Andreas 17. Februar 2011 um 12:23 Uhr

    Ich bin echt sauer. Solche konkreten Fälle führen mir vor Augen, wie rotzig bestimmte Gesellschaftsschichten mit Doktortiteln umgehen, und wie schwer ich mich seit Jahren mit meiner Doktorarbeit tue. Wahrscheinlich hätte meine Magisterarbeit schon den Ansprüchen einer Doktorarbeit genügt, aber als Arbeiterkind stellt man wahrscheinlich enorm hohe Ansprüche an die eigene Doktorarbeit, weil es ja schon ein Privileg ist, zu studieren. Ich musste bereits mit zehn Jahren vor meinen Freunden legitimieren, warum ich von der Hauptschule zur Realschule wechselte, warum ich nach der Realschule die gymnasiale Oberstufe dranhing, warum ich ein Studium anfing – wie hoch ist der Legitimationsgrund aufgrund der sogenannten niedrigen sozialen Herkunft dann erst bei einer Promotion. Für Guttenberg und seine Leute ist es hingegen eine Selbstverständlichkeit. Man macht nunmal nebenbei einen Doktor mit Summa Cum Laude. Es ist erstaunlich, wie sehr der Uni-Bluff selbst bei mir noch wirkt, obwohl ich ihn intellektuell seit Jahren durchschaut und analysiert habe…

  2. 2 Andreas 17. Februar 2011 um 12:56 Uhr

    Eine Übersicht über die Plagiate in Guttenbergs Diss:

    GuttenPlag Wiki

    Versehentlich kann es durchaus vorkommen, dass man an einer Stelle mal die Anführungszeichen vergisst. Wenn dies aber mehr als zwei oder dreimal vorkommt, dann kann von „Versehen“ keine Rede mehr sein.

    Welche Symbolwirkung hätte es, wenn Guttenberg seine Arbeit nicht aberkannt wird?

  3. 3 Andreas 17. Februar 2011 um 12:59 Uhr

    Eine weitere Seite zu den Plagiaten: Plagiatsgutachten.de

  4. 4 ArankA 17. Februar 2011 um 13:21 Uhr

    ..ein toller Kommentar ist auf der
    meta.tageschau Seite zu finden…ein Leser schreibt:
    „Nach Wikipedia hatte er im Dez. 2007 einen „überraschenden“ internen Parteiaufstieg.

    In meinem Studium mußten wir in einem Kurs für den Prof. jeder 2 Kapitel eines neuen Buches(?) zusammenfassen, ihm war das Buch unbekannt und wir haben es nicht verstanden. War es eine
    Dissertation und wir Beihelfer eines Doktortitels?“

    – Eine Gute Frage, oder hat er das vllt alles selbstgemacht??

  5. 5 Arbeiterkind 17. Februar 2011 um 13:27 Uhr

    Mann und ihr wollte Arbeiterkinder sein? Pah! Was ihr schon für einen Reschpekt vor den zwei Buchstaben habt, ist ja unglaublich peinlich.

  6. 6 Andreas 17. Februar 2011 um 13:39 Uhr

    Nicht vor den Buchstaben, liebes Arbeiterkind. Ich fasse die Probleme bei meiner Diss mal so zusammen:

    1. Ich möchte mit der Doktor-Arbeit tatsächlich etwas Substanzielles zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen. Wenn es nur eine gute und umfangreiche Zusammenfassung wäre, dann würde meine Magister-Arbeit ja schon als Diss reichen. Also muss es qualitativ besser sein. Diesen Anspruch habe ich selber an meine Arbeit.

    2. Dann gibt es noch offizielle Vorgaben – und da weiß ich nicht, was von mir verlangt wird, weil es zu einem typischen Habitus-Struktur-Konflikt kommt. Mein Verstand setzt da irgendwie aus, wenn es um die Einschätzung geht, ob meine Diss den offiziellen Vorgaben genügt.

  7. 7 Andreas 17. Februar 2011 um 13:51 Uhr

    Meine Befürchtung:

    Neben der Diskussion über Guttenberg wird es eine Diskussion über Promotionen geben – und diese Diskussion wird am Ende so gedreht, dass für Arbeiterkinder neue Barrieren herauskommen.

  8. 8 Clemens 17. Februar 2011 um 15:37 Uhr

    Haha, die Texte hier werden immer absurder. Die selbsterklärten Benachteiligten erfüllen die eigene Prophezeihung, um anschließend die Benachteiligung auch zeigen zu können….

  9. 9 Siggi 17. Februar 2011 um 16:56 Uhr

    Das wir in einer Meritokratie leben würden ist zugleich Utopie wie auch Ideologie, was in solchen seltenen Momenten in aller Obsozönität sichtbar wird.

  10. 10 Andreas 17. Februar 2011 um 23:47 Uhr

    Hi Clemens, du meinst, ich hätte einfach per copy&paste meine diss zusammenstückeln sollen, da wäre ich auch nicht benachteiligt? Vielleicht besteht aber die Benachteiligung darin, dass man denen unten immer erzählt, wie schwer und kompliziert der akademische Apparat ist und denen oben, dass man den ganzen Kram nicht so ernst nehmen soll. Oder besteht die Benachteiligung nicht viel mehr darin, dass die von unten durchfallen, wenn sie den Apparat nicht ernst nehmen, während die von oben gar nicht durchfallen können, weil es immer irgendwelche wege gibt?

  11. 11 Olaf 18. Februar 2011 um 0:31 Uhr

    Andreas wird ja seine Diss machen, da besteht gar kein Zweifel. Dennoch ist es angebracht, über die Benachteiligung zu sprechen und die damit verbundenen Empfindungen, psychischen Effekte ect.

    Andreas:
    Mögliche kommende Diskussionen über Promotionen und entsprechender Hürden schon vorzudenken ehrt dich zwar, aber die haben auch noch Zeit, bis du deine dann abgegeben hast. :)

  12. 12 Irene 18. Februar 2011 um 1:55 Uhr

    Meine Befürchtung:

    Neben der Diskussion über Guttenberg wird es eine Diskussion über Promotionen geben – und diese Diskussion wird am Ende so gedreht, dass für Arbeiterkinder neue Barrieren herauskommen.

    Das ist jetzt erst mal Schwarzseherei. Und selbst wenn: Eine bereits stattgefundene Entzauberung lässt sich ja nicht mehr vollständig rückgängig machen.

    Das halte ich für das größere Problem:

    Vielleicht besteht aber die Benachteiligung darin, dass man denen unten immer erzählt, wie schwer und kompliziert der akademische Apparat ist und denen oben, dass man den ganzen Kram nicht so ernst nehmen soll.

    Könnte jetzt einige Anekdoten aus dem Grundstudium erzählen.

  13. 13 Andreas 18. Februar 2011 um 2:41 Uhr

    Aus einem Kommentar von gutefisch zu einem SPON-Artikel:

    für einen Mann, der einer Dynastie von Raubrittern entstammt, ist Raubkopieren ein völlig normales Verhalten

    http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=29707&page=67

    Es ist in der Fachwelt unbestritten, das sich der RQ (Raub-Quotient) biologisch vererbt. Man geht von Langzeitstabilitäten der Raubleistung aus, die in der frühen Kindheit um r=.50 betragen und in der späten Kindheit auf über r=.80 ansteigen.

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