„Nur die Übertreibung ist wahr“ (Adorno) – eine Antwort an Kritiker und Freunde

von Tobias Fabinger

Aufgrund der vielen Rückmeldungen zum Artikel „Guttenbergs Doktor-Arbeit und die Scheineliten im Hochschulbetrieb“, habe ich das Bedürfniss, noch einige Aspekte des Themas auszuführen. Zunächst: Es liegt mir fern, Leute, die an ihren akademischen Abschlüssen hart und engagiert arbeiten, zu kritisieren. Es geht darum, in sehr zugespitzter, vielleicht übertriebener Form einige Tendenzen im Hochschulbetrieb deutlich zu machen.

Hier eine Zusammenfassung: Die Naturwissenschaften sind sozial selektiv, wie alle Fächer, aber nicht durch den Mechanisms von „Schein und Sein“. Mein Artikel bezieht sich vor allem auf die Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Artikel drückt vor allem auch eine soziale Erfahrung aus und erhebt keinen Anspruch auf absolute Objektivität. Die vielen positiven Zustimmungen zeigen aber, dass sich viele Studierende in den artikulierten sozialen Erfahrungen und in dieser spezifischen Sichtweise auf den Hochschulbetrieb wieder erkennen. Dem ist weiter nachzugehen und eine Diskussion hierüber ist unbedingt notwendig. Klassenkampfrhetorik liegt mir völlig fern. Wahr ist aber, und das zeigen viele empirische Untersuchungen, dass die Universität ein Ort der Reproduktion sozialer Eliten ist. Der Begriff „Arbeiterklasse“ ist im angelsächsischen Raum nicht mit einem solchen Tabu belastet, wie in Deutschland, dort wird er selbstverständlich verwendet. Wer sich darüber erregt, möge dies bedenken. Der Artikel ist auch kein wissenschaftlicher Aufsatz, sondern ein Blogtext. Er bietet aber Anlässe für wissenschafts- und universitätskritische Diskurse. Eine kritische Bildungstheorie der bürgerlichen Gesellschaft wird von mir in den nächsten Jahren vorgelegt und kann dann rezipiert werden.

Zunächst mal eine Antwort an die Naturwissenschaftler und Ingenieure. Hier sind sowohl die Berufsperspektiven andere und auch die Art des Studierendens. Das Moment des Scheins, der sprachlichen Eloquenz und der Dominanz des bürgerlichen Habitus dürfte hier nicht so stark wirken. Der Naturwissenschaftler und Ingenieur definiert sich eher vom materiell nachzuvollziehendem Sachergebnis her, weniger von der Performance oder dem Begriffsapparat. Es wirken aber auch in den Naturwissenschaften sozial selektive Prozesse, weil man durchaus große Ressourcen braucht, um ein naturwissenschaftliches Studium zu bewältigen, die Arbeiterkinder oftmals nicht haben. Die meisten Arbeiterkinder finden sich übrigens an Fachhochschulen im Ingenieurbereich, eben weil sie sich dort am besten mit ihrem Habitus und den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen durchsetzen können (der Anteil ist doppelt so hoch, wie an der Universität in geisteswissenschaftlichen Fächern)
Wie aber Olaf hier im Blog auch berichtet, wird auch in den Naturwissenschaften „kräftig abgeschrieben“, also ganz frei von „Schein und Sein“ sind auch sie wahrscheinlich nicht.

Dass das Ghostwriting wahrlich kein Randphänomen ist, kann man dem unten stehenden Link entnehmen, der auf einen Artikel im Freitag verweist. Ich arbeite selbst als Wissenschaftslektor, lehne Ghostwriting aber ab und habe einen gewissen Einblick in die Realität des Hochschulbetriebs.

http://www.freitag.de/2006/21/06211801.php

Ich schlage den Kritikern vor, einmal „Ghostwirting“ usw. zu googlen, das Ergebnis wird erstaunlich sein. Es gibt große Agenturen, die Heerscharen von Akademikern beschäftigen und die Arbeiten produzieren, die angeblich nur zur „Anregung“ für die eigene wissenschaftliche Arbeit dienen. Nun, es geht mir nicht um einen Tugendterror, sondern darum, die Tendenz zum Plagiat aus der Krise der Hochschule zu erklären: Hochschule als Mittel der Karriere (und eben fast nur noch das), als Reproduktion sozialer Eliten und vor allem, was die Geisteswissenschaften betrifft: Als „Bildungsfabrik“ für eine Wissensform, die eine riesige Menge an „output“ erzeugt, in Form von wissenschaftlichen Arbeiten, endlosen Veröffentlichunglisten usw. die aber nicht mehr an die substanziellen Erkenntnisinteressen der Studierenden und der Gesellschaft rückgebunden sind. Ein Symptom davon ist, dass die heutige Generation von Hochschullehrern, vor allem an ihrer Veröffentlichungsliste arbeitet, sich in einer von der Lehre abgelösten Forschung zu profilieren versucht, aber die HOCHSCHULPÄDAGOGISCHE Aufgabe einer geistigen und substantiellen Auseinandersetzung mit den Studierenden nicht mehr erfüllt. So kommt es zu dem seltsamen Widerspruch – und es liegen Erfahrungswerte in dieser Sache vor – dass gerade an den „exzellenten“ Universitäten das Studium von seiner Lehrqualität her, nicht besonders gut ist. Es ist völlig legitim, wenn die Studierenden sich dagegen wehren, nur denken wahrscheinlich viele, das müsste so sein, weil sie bislang nicht die Erfahrung machen konnten, die man mit einem etwas altmodischen Wort mit „Geist“ bezeichnet und um derentwillen die Universiäten doch da sind. Geistige Erfahrung ist nur möglich, wenn die Hochschullehrer und Studierende gemeinsam die Lernprozesse dialogisch und mit echtem Interesse an der Sache gestalten – und mit einer Disziplin und Sachtreue gegenüber den Anforderungen des kulturellen Inhalts – aber diese Disziplin ist etwas völlig anderes als die ökonomische „Outputorientierung “, die den Eigensinn der Inhalte zerreisst und fragmentiert – letztlich zu „Halbbildung“ führt.

Das produzierte Wissen wird weder von den Hochschullehrern noch von den Studierenden ernsthaft als geistige, gesellschaftliche oder individuelle Orientierung wahrgenommen. Dabei kann durchaus ein äußerlicher „Fleiß“ herrschen, der aber zunehmend reflexionslos wird – eben eine Art „Bildungsfabrik“, die den Kernbereich der Universität – Reflexivität, Humanität und qualifizierte gesellschaftliche Praxis – schon im Ansatz erstickt.

Verzeiht mir bitte, dass der Artikel sehr zugespitzt ist, an manchen Stellen sogar übertrieben. Auch habe ich wahrscheinlich eine bestimmte „hermeneutische Position“ und sehe den Wissenschaftsbetrieb aus der Sicht eines Arbeiterkindes. Das erschließt wahrscheinlich einen gewissen Zugang zu Phänomenen, die sonst unsichtbar bleiben, ist aber nicht die absolute Wahrheit. Die große Zustimmung zum Artikel bei Facebook „gefällt mir“ zeigt doch, dass viele Studierende der Tendenz des Artikels zustimmen. Also finden sie sich und ihre sozialen Erfahrungen in dieser Analyse wieder. Wie der Titel dieses Aufsatzes sagt: „Nur die Übertreibung ist wahr“ (Adorno), in Form der Übertreibung kann man durchaus eine Tendenz herausarbeiten und Erkenntniszusammenhänge wie unter eine Lupe sehen – die Lupe verzerrt das Bild natürlich auch.

Zu der Kulturkrise titt noch ein Anderes hinzu: Letztlich sind alle unsere Bildungsbemühungen durch den Kapitalismus korrumpiert, durch die Notwendigkeit sich selbst darzustellen und mit Tricks und Macht in der allgemeinen Konkurrenz durchzusetzen. Es ist also nicht nur den Subjekten anzulasten, wenn sie irgendwie versuchen, sich durchzusetzen, es handelt sich durchaus um Systemeffekte. Ein Kommentator schreibt, der Kollege, also der Autor des Artikels, sei nicht bei der CDU. Hierzu ist anzumerken, dass die CDU in ihrem Ahlener Programm von 1947 sich über die negativen Struktureffekte des Kapitalismus bewusst war und eine andere Wirtschaftsordnung forderte. Diese Erkenntnis gab es in der Nachkriegszeit in allen Parteien, sie ist aber mehr und mehr tabuisiert worden.

Artikel 5, Absatz 3, Grundgesetz:

„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

Der Begriff der Menschenwürde, das Rechts- und Sozialstaatsgebot sowie die Gerechtigkeitsvorstellungen des Grundgsetzes verpflichten auch die Wissenschaften. Das heißt, dass die sozialethische Substanz, die durch das Grundgesetz impliziert wird, gerade auch von Geistes- und Sozialwissenschaften ernst genommen werden muss. Undzwar im Inhalt und in der Form. Wofür leistet sich ein demokratischer Verfassunsgsstaat Universitäten? Doch nicht, um in den Geisteswissenschaften zu hören, dass es ohnhin keine Wahrheit gäbe, dass alles Konstruktion sei und auch nicht, um durch die FORM der Bildung jede sozialethisch relevante Form der Diskussion zu verhindern. Zugleich, und das muss man sich klar machen, verfügt rein statistisch eine relativ kleine Bildungselite über die öffentlichen finanzierten Universitäten, die den Zugang für viele Menschen aus Arbeitnehmerfamilien verschließen. Es gibt so etwas wie eine schleichende Aushöhlung der kulturellen und ethischen Substanz der Gesellschaft und die scheinelitäre und zugleich „liberal-ökonomisierte“ Wissenschaftskultur der Universitäten trägt dazu bei. Das alles sind Prozesse, die auf Dauer für die Republik gefährlich sind. Das könnte sogar ein konservativer Humanist aus der CDU einsehen.

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9 Antworten auf „„Nur die Übertreibung ist wahr“ (Adorno) – eine Antwort an Kritiker und Freunde“


  1. 1 Wursti 18. Februar 2011 um 13:54 Uhr

    Ich hatte gerade gestern aus dem gleichen Anlass eine ähnliche Diskussion, insofern finde ich es gut, dass du das Thema aufgreifst. Ebenfalls bin ich der Meinung, dass die Funktion des Studiums und der Promotion als „Durchlauferhitzer“ für die zukünftige Karriere in vielen Fällen unübersehbar ist. Auch ich würde dem Herrn Minister spontan nicht unterstellen, dass er sich für die Promotion entschieden hat, weil er sich nun einmal wahnsinnig für die „Konstitutionellen Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ interessiert. Einen Diskurs über Qualitätsstandards gerade bei Promotionen anzuregen, halte ich daher auch für sinnvoll.
    Leider bringst du aber Aspekte in die Diskussion ein, die dort nichts zu suchen haben, solange du sie nicht gleichzeitig differenziert betrachtest. Sicherlich spielt die soziale Herkunft beim Zugang zu Bildung im Allgemeinen sowie zu Hochschulstudium und Promotion im Speziellen eine gewisse Rolle (dies ist ja auch durch Studien belegt). Ein weit überproportionaler Anteil an Doktoranden ist somit „bürgerlicher“ Herkunft. Von diesen „Bürgerlichen“ (Adel eingeschlossen) bekommt nun ein gewisser Anteil einen akademischen Grad verliehen, obwohl er die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt oder weil die Anforderungen schlicht zu niedrig sind. Allerdings hast du noch immer nicht belegt, wie hoch dieser Anteil ist und ob er eventuell zugenommen hat. Daraus dann in völlig unkritischer Manier abzuleiten, dass ein höherer Anteil an „Arbeiterkindern“ diese Situation verbessern könnte, halte ich für einen unangemessenen und undifferenzierten Ansatz. Im Gegenteil könnte man auch argumentieren, dass ein höherer Anteil an „Arbeiterkindern“ diesen Trend (so es sich denn wirklich um einen solchen handelt) verstärken würde; hätten denn nicht „Arbeiterkinder“ eine noch höhere Motivation, ihr Studium bzw. eine Promotion als Mittel zum sozialen Aufstieg einzusetzen anstatt einem wirklichen wissenschaftlichen Interesse zu folgen? Ich weiß es nicht, aber ich finde die Tatsache, dass du diesen wie auch andere Aspekte völlig außer Acht lässt, offenbart eine ausgesprochene Einseitigkeit in deinen Beiträgen. Mir drängt sich daher der Verdacht auf, dass du die Diskussion instrumentalisierst, um auf Missstände hinzuweisen, an denen du dich (vielleicht sogar zurecht) störst, die aber erstens mit dem eigentlichen Thema deiner Beiträge nur bedingt etwas zu tun haben und deren Komplexität du weder in der Form noch im Umfang eines Blogbeitrags gerecht werden kannst. Daher hast du aus meiner Sicht leider die Chance vertan, deiner durchaus berechtigten Kritik Nachdruck zu verleihen, indem du sie glaubwürdig, sachlich und seriös vermittelst.

    Noch eine Anmerkung:

    Ein Kommentator schreibt, der Kollege, also der Autor des Artikels, sei nicht bei der CDU. Hierzu ist anzumerken, dass die CDU in ihrem Ahlener Programm von 1947 sich über die negativen Struktureffekte des Kapitalismus bewusst war und eine andere Wirtschaftsordnung forderte.

    Mit „Kollege“ war hier wohl nicht „der Autor des Artikels“, sondern der Herr zu Guttenberg selbst gemeint (er ist bei der CSU). Aber danke für die Info zum Ahlener Programm…

  2. 2 KArl 18. Februar 2011 um 13:57 Uhr

    „weil man durchaus große Ressourcen braucht, um ein naturwissenschaftliches Studium zu bewältigen“
    Ressourcen welcher Art? Geld mit Sicherheit nicht, das braucht man für ein naturwissenschaftliches Unviersitätsstudium nämlich keines (abgesehen natürlich von Lebenshaltungskosten o.Ä.).

    „Wie aber Olaf hier im Blog auch berichtet, wird auch in den Naturwissenschaften „kräftig abgeschrieben“, also ganz frei von „Schein und Sein“ sind auch sie wahrscheinlich nicht.“
    Hier wäre die Frage zu klären, von welcher Art von Abschreiben wir hier reden. Die Ergebnisse Anderer für die eigenen Zwecke zu nutzen und aufzubereiten ist durchaus legitim, dafür wurden sie schließlich gemacht.

    „Die große Zustimmung zum Artikel bei Facebook „gefällt mir“ zeigt doch, dass viele Studierende der Tendenz des Artikels zustimmen.“
    Erstens gibt es keinen „gefällt mir nicht“ Button, und zweitens kann man durchaus auch bei Todesanzeigen auf „gefällt mir“ klicken (http://www.bildblog.de/19964/49-personen-gefaellt-das/), es sagt also nicht unbedingt etwas über Zustimmung aus.

  3. 3 Esra 18. Februar 2011 um 19:10 Uhr

    Ich gebe zu, dass Mehrheiten und Beliebtheiten nicht unbedingt zuverlässige Indikatoren sein müssen, um etwas Gutes zu belegen. In diesem Falle zeigt es aber einfach die inner-akademische Erregung, da hier eine soziale Dimension, ja ein soziales Elend widerspiegelt wird. Und die löst zurecht ein konfrontatives Unbehagen aus. Theoretisch funktioniert in Deutschland alles perfekt, aber praktisch ist genau der Gegenteil der Fall!
    Eigentlich sollten wir dem Ex-Doktor Herrn zu, von und nach Guttenberg für seine unverfrorene Heimtücke dankbar sein, dass er vor allem seiner eigenen zum Politikum gewordenen Tragödie noch so selbstbewusst standhält, ohne jeglich Skrupel zu zeigen. Jeder andere an seiner Stelle hätte wahrscheinlich Selbstmord begangen oder wenigstens unter Gesichtsverlust gelitten.
    So ein professionell gehändelter und verdeckter Betrug muss eben gelernt und anerzogen sein. Das gehört zur umfassenden Grundlagenbildung und -erziehung gewisser Milieus, um überhaupt in dieser Gesellschaft emporzukommen oder darüber zu bleiben, wo man schon eh reingeboren ist.
    Und wenn mal der Betrug öffentlich wird, weisen sie alle mit dem Opium des Volkes auf die menschliche Unvollkommenheit hin, wer ohne Sünd sei, soll den ersten Stein werfen. Diese Nachsicht und Narrenfreiheit bekommen auch diejenigen umso mehr, die reicher, höher, mächtiger positioniert sind. Das ist das größte Armutszeugnis dieser Gesellschaft, sowohl auf akademischer als auch politischer Ebene.

  4. 4 Olaf 18. Februar 2011 um 22:12 Uhr

    Ich kann das gerne nochmal präzisieren mit dem Abschreiben. Im Grund- und Hauptstudium müssen beispielsweise in der Physik Laborpraktika absolviert werden. Es handelt sich um Standardversuche der Physik. Die Versuchsprotokolle sind im Netz weit verbreitet.
    Das Abschreiben der Studierenden reicht vom Einfügen einzelner Absätze für den theoretischen Teil bis zum Übernehmen der im Netz oder vom vorigen Jahrgang zu findenden Messergebnisse, wenn die eigenen „nicht so passend waren“ – also keine gerade Linie in der Grafik ergaben.
    Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Meist aber mit extremen Zeitdruck. Es bleibt aber dabei, wer es nicht macht ist der Dumme.

    Die Westfälischen Nachrichten berichten heute, dass an der Uni Münster 2006 eine Befragung durchgeführt wurde, in der 60 Prozent aller Studierenden „minder schwere Plagiate“ zugaben.
    Der Dekan der erziehungswissenschaftlichen Fakultät spricht von etwa einem schwerwiegenden Vergehen alle zwei Wochen.

    An eine Doktorarbeit mit schwerwiegenden Vergehen konnte sich demnach an der Uni Münster niemand erinnern. Wohl aber „selten“ bei Abschlussarbeiten.
    Nichtsdestotrotz – ich kenne zufällig einen Ghostwriter – und demnach gibt es Menschen die ihre Abschlussarbeiten fremdschreiben lassen.

  5. 5 Tobias 18. Februar 2011 um 22:48 Uhr

    Lieber Olaf,

    danke für die Aufklärung. 60% geben Plagiate zu? Das ist doch ein Hinweis auf eine Logik, die im gegenwärtigen Hochschulsystem liegt. Es stimmt was nicht im Hochschulsystem, mir ist das durch das Schreiben des Artikels und die Diskussion den ganzen Tag über jetzt wirklich bewusst geworden. Irgendwie hat sich für mich, als ich heute am Institut für die Politikwissenschaft war, die bürgerliche Herrschaft entzaubert. Ich sehe das alles ganz gelassen und mir ist deutlicher denn je, dass da sehr viel Schein gearbeitet wird – mit „symbolischem Kapital“, um mal wieder den guten alten Bourdieu zu bemühen (Gott hab ihn seelig).

    Die Guttenberg-Affäre kann jetzt genau folgenden Effekt haben, ich erkläre es kurz: Ein CSU-Minister mit Doktortitel und konservativem Schick ist sowas wie ein „Symbol“, welches die politische Ordnung stabilsiert. Undzwar ein Symbol, dass die „Hegemonie“, also die Übermacht einer bestimmten Klasse herstellt. Undzwar laut Gramsci (italienischer Marxist) durch Konsens! Das heißt die Leute glauben dran und wählen ihn auch noch freiwillig. Mit der Guttenberg-Affäre ist ein mediales Symbol bürgerlicher Hegemonie zergangen, ebenso ein Symbol der geistigen Besonderheit der politischen aber auch der akademischen Elite. Die medialen, kulturellen Symbole aber stabilsieren die bürgerliche Herrschaft. Indem wir an diese Symbole glauben, wird die ganze Herrschaftsordnung – oder in diesem Fall auch die Herrschaftsordnung im Bereich der Reproduktion höherer Bildung – also an den Universitäten – angekrazt. Es entsteht sowas wie ein legitimatorisches Vakuum, für kurze Zeit zerreisst der Verblendungszusammenhang und andere gesellschaftliche Möglichkeiten werden sichtbar. Was heißt das jetzt für uns? Mehr denn je das Unbehagen an den Lehr- und Lernformen an der Uni aussprechen, anderen Inhalte einfordern, selbst Seminare organisieren, in denen man Leistungspunkte machen kann. Die dialogisch orientierten und „habitussensiblen“ Hochschullehrer stärken, ihre Isolation, die oftmals an den Instituten vorhanden ist, aufbrechen. Durch viel Kleinarbeit können wir die Unis zurück erobern. Die ASten brauchen Referate für kritische Wissenschaft, das heißt, sie sollten nicht nur den Kampf gegen Studiengebühren, sondern auch das Bedürfnis der Studierenden nach relevanter Bildung ernst nehmen und viel stärker in den Fordergrund stellen. Schließlich sind die Rahmenbedingungen des Hochschulbetriebs natürlich vor allem durch landes- und bundespolitische Rahmenbedingungen bestimmt.

    Solche empirischen Daten, wie Du, Olaf sie einbringst, sind unverzichtbar. Empirische Daten können einer Theorie entweder widersprechen oder sie stützen. In diesem Fall scheint mit das ein deutlicher empirischer Beleg für die These, dass das formalisierte und gesellschaftlich und ethisch relevanzlose Wissensformen produzierende Hochschulsystem dazu neigt, Plagiate zu produzieren. Wir müssen das offen diskutieren. Die sekundären Folgen der Bachelor-Master Reform müssen offen diskutiert werden. Jedes System hat unerwünschte sekundäre Folgen. In den realsozialistischen Ländern musste man als Systemfolge lange anstehen, um bestimmte Nahrungsmittel oder Konsumgüter zu erhalten. Das ist auch nicht toll. Aber die „Überhitzungseffekte“ der Marktökonomie und des marktförmigen Hochschulsystems – das kann man doch mal ganz offen diskutieren. Hallo? Wir leben in einer Demokratie nicht in einem autoritären Regime, dass den Neoliberalismus ohne gesellschaftliche Widersprüche durchsetzen könnte. Ich stehe auch zu der Polemik. Polemik war schon immer ein Mittel, um Missstände anzuprangern und Diskussionen in Ganz zu setzen.

    Zum Ghostwriting: Allerdings ist Ghostwriting nicht der Normalfall, das habe ich auch nicht behauptet. Es kann aber eine Konstellation eintreten, die es wirklich gibt: Ghostwriter gehören oft dem „akademischen Proletariat“ an, nicht immer, aber doch in vielen Fällen. Wenn sie dann jemandem, der sozial und ökonomisch besser gestellt ist, eine wissenschaftliche Arbeit schreiben, damit dieser Mensch dann seine „naturgegebene“ soziale Position ausfüllen kann – das ist wirklich schrecklich. So etwas gibt es, und dieses Beispiel zeitgt drastisch, was soziale Ungleichheit im Feld der Wissenschaft bedeuteten kann.

  6. 6 karpatenhund 19. Februar 2011 um 12:18 Uhr

    Der Artikel auf freitag.de funktioniert nach dem selben Prinzip wie die meisten Aussagen über Ghostwriting: Nichts genaues weiß man nicht. Irgendwas wird wohl dran sein. Aber der Umfang? Fehlanzeige. Ich denke, wir sind uns einig, dass Ghostwriting grundsätzlich ein Problem ist, ganz unabhängig davon, in welchem Umfang es stattfindet.

    Auch die Anzahl der Zustimmungen bei Facebook halte ich für einen verfehlten Ansatz wenn es darum geht, Probleme aufzudecken. Ja, sie zeigt die Zustimmung zur Tendenz eines Artikels. Damit gibt sie aber höchstens einen Teil der öffentlichen Meinung wider – ob das der überwiegende Teil ist, lässt sich nicht feststellen, ebensowenig, ob das Problem in Wirklichkeit überhaupt existiert oder ob die Leute Ahnung von dem Thema haben. Im günstigsten Fall sind alle, die auf „Gefällt mir“ geklickt haben, tief in der Materie drin, können es beurteilen und sich somit ein exaktes Bild davon machen. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Leute, die überhaupt keine Ahnung haben, eine Uni nicht einmal von außen gesehen haben und die zu Hause einmal feste mit der Faust auf den Tisch hauen und sich sagen: Jawoll, diese ganzen arroganten Arschlöcher an der Uni schreiben allesamt ab. Das weiß man doch. Da stimme ich zu.

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