Gegen den Wahnsinn von und zu Guttenbergs

Kleine Vorstellung eines wahren Genies „von“ Schiller (1759-1805)
Von Esra Ayse Onus

Die Wahrheit früher – die Lüge heute

Früher war alles besser, könnte man nach so ziemlich vielen skandalösen Ereignissen und deren öffentlichen Aufarbeitungen meinen. Der letzte Skandal um Guttenbergs schlampig holprig peinlich verfasste Doktorarbeit und die sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Reaktionen lassen dieses einfache Wehklagen durchaus zu. Früher war alles gewiss nicht perfekt. Aber vielleicht doch besser? Es zählten damals immerhin fast nur Menschen mit Geist, Weitsicht und Universalgedanken zur kulturschaffenden Wirklichkeit. Sie prägten Politik, Gesellschaft, Kultur genauso wie die Wissenschaften nachhaltig und hinterließen für die Weltgeschichte greifbare Ideen und Lehren. Wir können froh sein, dass es sowas wie den Deutschen Idealismus und vor allem die Weimarer Klassik, die die Deutsche Romantik kennzeichnet, gab. Das ist vielleicht noch unser einziger und unvergänglicher Kollektiv-Stolz, mit dem wir vor der ganzen Welt selbstbewusst prahlen dürfen. Und das schreibe ich – nebenbei erwähnt – als Nicht-Deutsche.
Im Ernst, als geistige Ära würde sowas heutzutage schon allein wegen der wirtschaftlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Strukturierung nicht mehr entstehen können. Solche Ideen werden heute wenn überhaupt in Psychiatrien therapiert, weil sie schlichtweg den Pragmatismus und die Wirklichkeit exzessiv überhöhen und auf eine bessere und vor allem gerechtere Welt mit Geist und Pathos drängen.

Heute beeindrucken und bestimmen mehr Blender und Größenwahnsinnige das gesamtgesellschaftliche Bild, das stets auf Glanz, Perfektion und Leistungen fixiert ist. Kriegstreibende Politiker wie von und zu Guttenberg dürfen bei alldem noch so selbstgerecht bleiben, dass sie nicht mal in Schamesröte geraten und ihre Sünden sühnen müssen, wie es jeder andere anständige Mensch an seiner Stelle auch hätte machen müssen. Stattdessen zählt man mehr auf die biblische Gnade „Wer ohne Sünde sei, solle den ersten Stein werfen“. Diese öffentliche Gnade wurde bislang nie so deutlich für Hartz IV-Empfänger artikuliert, die bislang höchstens für aufwendige Rufmordkampagnen der Blödzeitung des einfachen Volkes herhalten mussten. Da stehen – wehe im Falle von Fristversäumnissen – knallhart rabiate kurze Prozesse an der Tagesordnung der staatlichen Elendsverwaltung der Agenturen für Arbeit an. Das ist die wirkliche Un-Gerechtigkeit, die in dieser Gesellschaft herrscht. Der zähe politische Klärungsprozess um die Dissertation Ex-Dr. von und zu Guttenbergs und die kaum spürbaren Konsequenzen scheinen noch den Verdacht zu bestätigen, je höher man irgendwo in dieser Gesellschaft steht, desto weniger hat man zu befürchten. Der einfache Gedanke der Gerechtigkeit ist im Glauben an das Funktionieren des Grundgesetzes und der demokratischen Verfassung und Ordnung der Bundesrepublik aufgelöst und verschwunden. Dabei trügt der Schein. Die tragischen Mechanismen und Wirklichkeiten werden von allen gesehen und gespürt, aber von keinem gesellschaftlichen Stellvertreter so deutlich ausgesprochen. Es ist die Angst vor dem Verlust und die gefährliche Entblößung des Scheins. Damit würde der Zusammenbruch der heilen Gesellschaft drohen. Die Überwindung der gesellschaftlichen Lähmung und geistigen Lethargie dürfen nicht passieren. Denn die geistige und kulturelle Entleerung dieser Gesellschaft wäre offenbar nicht mehr wirklich zu füllen. Sie würde zu einer neuen Katastrophe führen. Das Elend ist nicht mehr zu bewältigen und aufzuhalten .

Vorsatz: Dishwasher Serie – Teil 1
von Schiller statt zu und von Guttenberg

Und anlässlich dieses herrschenden Elends wird eine Weltgröße samt seiner biographischen und geistigen Vielfalt in einer bescheidenen Glosse skizzenhaft vorgestellt. Ab jetzt soll im Dishwasher jedem persönlichen Politiker-Skandal eine Gegenüberstellung folgen. Eine kleine Vorstellung schillernder Persönlichkeiten, vergangener Größen und Vorbilder, deren Errungenschaften in Bücherregalen längst verstaubt und tot herumliegen und keinen wirklichen Wert mehr genießen. Dabei böten sie ideale Patentrezepte für das Elend an. Das soll kein Plädoyer für Restaurationen vergangener Jahrhunderte sein, auch wenn Ideen so manch vergangener Epochen durchaus berechtigte Sehnsüchte erwecken und einfach unsterblich geblieben sind. Die, die in dieser Gesellschaft überhaupt an rückwartsgewandten und reaktionären Gedanken und Handlungen festhalten, sind meist jene, die die Begriffe „Fortschritt“, „Entwicklung“, „Demokratie“, „Leistung“, „Emanzipation“ und „Freiheit“ verdächtig oft und entschlossen um sich werfen.

Die drei Versuche von Schillers Dissertationen
Der umfassenden Lüge rund um zu und von Guttenberg wird als wahre Geistesgröße, der Gutmensch Johann Christoph Friedrich von Schiller gegenüber gestellt. Die Auswahl ist nicht zufällig. Auch Schiller hat studiert. Und zwar Medizin. Er wechselte von Rechtswissenschaft zum Medizinstudium, weil er glaubte, seine Dichtung und Ideen könne er im Medizinstudium eher entfalten als im verstaubten Studium des Rechtswesens. Doch da hatte er sich getäuscht.
Auch Schiller hat eine Dissertation geschrieben. Nein falsch, sogar drei. Die musste er alle schreiben, weil er zwei Mal durchgefallen ist.
Schillers erste Dissertation „Philosophie der Physiologie“ wurde abgelehnt. Im Gutachten schrieb der „Chirurgenmarjor“ Klein dem Gutachtergremium:

„Zweimal habe ich diese weitläufige und ermüdende Abhandlung gelesen, den Sinn des Verfassers aber nicht erraten können (…) Sein etwas zu stolzer Geist, dem das Vorurtheil für neue Theorien und der gefährliche Hang zum besser wissen allzu viel anklebet, wandelt in so dunkel gelehrten Wildnissen, wo hinein zu folgen ich mich nimmer mehr getraue.“

Schiller musste als Konsequenz noch ein weiteres Jahr studieren und eine neue Dissertation anfertigen. Seine zweite Dissertation lautete „De discrimine febrium inflammatoriarum et putridarum“ (Über den Unterschied der entzündlichen und faulen Fieber) [1]. Diese wurde vom Gutachtergremium abgelehnt. Das Gutachten enthielt aber Lob. Man gewährte dem jungen Schiller diesmal die Möglichkeit, an seine philosophischen Ideen in der ersten gescheiterten Dissertation anzuknüpfen. Er verfasste so notgedrungener maßen eine dritte Doktorarbeit, die in deutscher Sprache geschrieben wurde. Seine Dissertation „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ wurde endlich akzeptiert und ermöglichte Schiller im Dezember 1780 den Abschluss seines Medizinstudiums. Man sehe; Schiller hat sich durch sein Studium regelrecht durchgequält ohne sich je an unlauteren Mitteln vergriffen zu haben. Ganz ehrlich, ganz vorbildlich. So wie es sich gehört.

Gehen wir aber kurz zum Anfang. Geboren wurde Friedrich Schiller am 10. November 1759 in Marbach am Neckar in Württemberg. Er war zehn Jahre jünger als sein bester Freund, Johann Wolfgang von Goethe, der am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren war.
Beste Freunde wurden die beiden Weltgrößen erst in den letzten elf Lebensjahren Schillers.
Das Weimarer Viergestirn rund um von Schiller, von Goethe, von Herder und Wieland erreichte tatsächlich erst in dieser intensiven Freundschaft seinen kulturellen und ideellen Höhepunkt. In der Zeit blühte und gedeihte an Ideen, Gedanken, Gefühlen und Kulturgütern etwas unermessliches und unvergängliches. Dabei war der erste persönliche Eindruck Schillers über Goethe alles andere als gut, und das obwohl er Goethe bereits vor der persönlichen Bekanntschaft ehrte und schätzte. Enttäuscht über die Kälte und Reserviertheit Goethes schrieb Schiller in einem Brief an seinen Freund, Christian Gottfried Körner:

„Öfters um Goethe zu sein würde mich unglücklich machen. Er hat auch gegen seine nächsten Freunde kein Moment der Ergießung, er ist an nichts zu fassen; ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade. Er besitzt das Talent, die Menschen zu fesseln, und durch kleine sowohl als große Attentionen sich verbindlich zu machen; aber sich selbst weiß er immer frei zu behalten. Er macht seine Existenz wohltätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben – … eine … Handlungsart, die ganz auf den höchsten Genuß der Eigenliebe kalkuliert ist. Ein solches Wesen sollten die Menschen nicht um sich herum aufkommen lassen. Mir ist er dadurch verhasst, ob ich gleich seinen Geist von ganzem Herzen liebe und groß von ihm denke. Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muß, um sie vor der Welt zu demütigen. Eine ganz sonderbare Mischung von Haß und Liebe ist es, die er in mir erweckt hat, eine Empfindung, die derjenigen nicht ganz unähnlich ist, die Brutus und Cassius gegen Caesar gehabt haben müssen …“

Schillers Idealismus und Universalgedanken
Wie alle Idealisten zu seiner Zeit suchte und strebte er nicht nur nach seinem ur-persönlichen Glück, sondern beschäftigte sich leidenschaftlich und intensiv mit allgemeinen Menschheits- und Weltfragen. Dieses vorsätzliche Unternehmen pflanzte er durchgängig in allen seinen Schriften ein. Wer zum Beispiel Schillers unzählige Gedichte liest, kommt von der Faszination der Botschaften und der sprachlichen Ästhetik nicht mehr los. Sie klingen ausnahmslos wie süße und erleuchtende Gebete, die nach täglicher Rezitation verlangen. Und wenn man noch eine große Seele in seiner kleinen Brust trägt, sind heiße Tränen oder strahlende Funken unvermeidlich. Kein vernünftig denkender und fühlender Mensch kann den großen Gedanken und tiefen Gefühlen, denen Schiller so kühn und raffiniert Ausdruck verleiht, entrinnen, ohne davon selbst ergriffen und geprägt zu werden. Wenn man nicht gerade – um es mal dichterisch auszudrücken – im Verstande blind und im Herzen taub ist.

Ein sehr kleiner Einblick in die geistige Größe Schillers
Wenn ihr in der Menschheit traurger Blöße
Steht vor des Gesetzes Größe,
Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
Eure Tugend, vor dem Ideale
Fliehe mutlos die schämte Tat.
Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen;
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.
(Friedrich Schiller: Das Ideal und das Leben (1795)

Die eindrucksvolle und tiefe Schilderung der Menschheitsfragen ging damit nicht zu Ende. Es ist und bleibt nicht nur eine innere Beeindruckung und Befriedung, sondern setzt regelrecht geistige Kräfte frei, die zu guten Taten und Handlungen anregen. Es bildet in erster Linie den Geist, der nötig ist, um überhaupt von Bildung im klassischen Sinne zu reden. Ich gebe zu, dass man diese deutsche Leitkultur unmöglich auf den heutigen Bildungs- und Universitätsalltag übertragen kann. Heute klingt das eher nach einem schlechten Scherz, einer Verhöhnung und philosophischen Verrenkung.
Wenn heute beispielsweise ein idealistischer, sich treu gebliebener Professor für Geschichte eine unbezahlte Antrittsvorlesung über die Frage „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische Antrittsrede.“ wie Schiller dies 1789 in Jena halten würde, würde das kaum Aufsehen erregen geschweige denn irgendeinen Hörsaal füllen. Damals sind Hunderte von hochbegeisterten Studenten aus Überzeugung losgestürmt, um der epochalen Rede Schillers zu lauschen und beizuwohnen.
Der Geist der Studierendenschaft ist heute hingegen quasi-tot. Sowas würde und vor allem dürfte heute nie passieren. Dieser Zustand offenbart sich insbesondere in gegenwärtigen studentischen Bildungsengagements. Heute würden sich alle – wie es der Zeitgeist gebietet – in einen Individualstandpunkt auseinanderdiskutieren, als das man für etwas aus moralischer Verantwortung und Überzeugung zusammenkommt. Insgesamt ist ein größeres ideelles Zusammentreffen eher die Ausnahme und Rarität, die sinnlos und nicht erfolgsversprechend erscheint. Jede gut gemeinte Zusammenkunft verirrt und verliert sich im Überbieten des Opportunismus‘, Organisationswahnsinns und Funktionsdiktus‘, als in reflektierter Bewusstseinsbildung und vertrauensbildenden Zusammenarbeiten. Aber das ist nur ein kleiner flüchtiger Gedanke, der nebenbei den Unterschied zwischen früher und heute konkret im studentischen Leben zum Ausdruck bringen möchte.

Es zählt ferner zu Schillers Verdiensten, dass er Kants rigorosen kategorischen Imperativ und den reinen Vernunftbegriff in ein ästhetisches Gewand eingekleidet hat, um ihn so auch in Einklang mit der Gefühlsebene zu bringen. Insbesondere in seinem Werke „Über Anmut und Würde“ greift Schiller mehr mit sprachästhetischem als philosophischem Anspruch den menschlichen Zusammenhang zwischen der Vernunft- und Sinnenwelt auf, um die Unzertrennbarkeit beider Lebenswelten zu veranschaulichen.

Vom Prekariat nie fern
Vielleicht erklärt sich Schillers konsequente Gewandheit zum Idealismus‘ damit, weil er selbst den persönlichen Bezug zu schweren ökonomischen Lebensbedingungen nie verloren hat. Schiller lebte im Gegensatz zu Goethe die größte Zeit seines Lebens in relativ prekären Verhältnissen. In seiner Kindheit war er trotz seines sehr sparsamen Elternhauses ein sehr großzügiges Kind gewesen. Er verschenkte gern ärmeren Kindern seine Schulbücher, die seine Eltern dann wieder neu beschaffen mussten. Sein ganzes Leben litt er unter finanziellen Problemen. Selbst seine Professur in Jena übte er ohne finanzielle Aufwandsentschädigung aus. Schiller – als nachtaktiver Mensch – lebte größtenteils vom Schreiben, so dass er täglich über zehn Stunden nichts anderes tat, als Schriften zu produzieren. Dieser Verpflichtung war er trotz seiner treuen Feder nicht immer sehr angetan. Manchmal trieb ihn der Stress zur Verzweiflung. In einem Brief schreibt Schiller sehr wehleidig: „Der Himmel behüte dich vor dem desparaten Einfall, Dich in die Schriftstellergaleere zu schmieden.“
Obwohl Schiller im Jahre 1790 die wirtschaftlich besser gestellte, adelige Charlotte von Lengefeld heiratete und auch 1802 geadelt wurde, konnte er sich nie mit der Rolle des aufsteigenden Adeligen wirklich anfreunden:
„(…) da ich für diese Welt gar nicht gemacht bin, da ich als ein unbedeutender bürgerlicher Mensch unter dem Adel doch eine sehr prekäre Rolle spielen müsste, die meinem Stolze weh tun würde.“

Schillers Hinterlassenschaften als ewiges Welterbe
Schiller lag viel an Bildungsarbeit und war durchgehend ein beliebter Pädagoge, der stets auf Spaziergängen von Kindern umzingelt wurde, die ihn laut anflehten, er solle ihnen eine Geschichte erzählen. Und nachdem sein Sohn geboren war, hoffte er zu seiner Geburt: „Soviel an mir liegt, soll er sein Federheld werden, damit er den zweiten Teil zu den Werken schreiben kann, die sein Vater anfing, und wenn Gott will, noch anfangen wird.“
Leider hat sich Schillers Wunsch nicht direkt weitervererbt. Aber Schillers Universalgedanken waren – unabhängig von seinem intimen Wunsch – sowieso offen und zeitlos gedacht und niedergeschrieben.

Ein Schiller-Studium ist sehr zeitintensiv und aufwendig, aber es lohnt sich in jederlei Hinsicht. Denn ohne Schiller ist das Weimarer Viergestirn nicht zu denken. Und ohne das Weimarer Viergestirn, das die Weimarer Klassik bildet, würde ein beachtlicher Teil deutscher Leitkultur verloren gehen. Dies hier ist eine Glosse, die leider nicht den Anspruch erfüllen kann, auf alle wichtigen wissenswerten Einzelheiten rund um Schiller einzugehen. Es soll letztlich auch einen Gedankenanstoß bieten, nicht nur nach vorne zu denken und zu handeln, sondern die verloren gegangenen, wichtigen Ideen, Werte und Schätze wieder zu entdecken und auszugraben. Sie bieten tolle und schöne Grundlagen, fruchtbar und gediegen, die Welt im Kleinen wie im Großen zu verstehen und zu verändern.

Schillers von heute suchen und finden
Also schauen wir uns ganz ehrlich und wachsam mit Argusaugen in unseren Gegenden um, finden die Goethes, Schillers, Herders und Wielands unserer Gesellschaft, fördern und verhelfen sie zu gesellschaftlichen Positionen, von denen Macht, Einfluss und Führung ausgehen. Anders werden wir unser – etwas altmodisch ausgedrückt – Heil nicht finden, vor allem wenn wir darauf beharren, dass solche verantwortungs- und gewissenlosen zu Guttenbergs die Richtungen der Politik bestimmen. Suchen und finden wir die wahren Größen mit ihren humanistischen, romantischen und authentischen Universalideen.

--
[1] Schillers zweite Dissertation „De discrimine febrium inflammatoriarum et putridarum“ (Über den Unterschied der entzündlichen und faulen Fieber)
In diesem Zusammenhang ist auch ein moderner Zeitschriftenaufsatz von Prof. Dr. Bernd Werner sehr interessant:
Werner, Bernd (2010): Schillers Fieberlehre. Über eine medizinische Dissertation, die kaum Beachtung fand. In: Hamburger Ärzteblatt, 7/8,2010, 64. Jahrgang, S. [online] URL:
http://www.aerztekammer-hamburg.de/funktionen/aebonline/pdfs/1281452147.pdf, Stand: 19.02.2011, S.12-20

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7 Antworten auf „Gegen den Wahnsinn von und zu Guttenbergs“


  1. 1 Feliks Dzerzhinsky 19. Februar 2011 um 20:09 Uhr

    „[Schiller] wechselte von Rechtswissenschaft zum Medizinstudium“ – dasselbe hat auch Guttenberg getan, wie wir hier
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!
    unter Punkt 7. nachweisen.

  2. 2 Tobias 21. Februar 2011 um 14:32 Uhr

    Um einmal aus dem Text von Esra zu zitieren: „Es ist und bleibt nicht nur eine innere Beeindruckung und Befriedung, sondern setzt regelrecht geistige Kräfte frei, die zu guten Taten und Handlungen anregen. Es bildet in erster Linie den Geist, der nötig ist, um überhaupt von Bildung im klassischen Sinne zu reden.“ Das scheint mir das Wesentliche.
    Die Dichtung, die Stoffe der „Dichter und Denker“ haben einen objektiven ethischen Gehalt, der tatsächlich bildend wirkt, im Sinne von kultivierend, der das Rohe, die Gier und den uneingeschränkten Eigennutz transformiert und die menschlche Natur in eine ethische Existenzweise zu überführen vermag. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie diese Schätze entdeckt hat. Ihre Rezeption von Schiller ist im Grunde fast einzigartig für unseren heutigen „Kulturbetrieb“, sie hat einen unverstellten Blick darauf und lässt sich von den Gehalten spontan affizieren.
    Mit Schiller gibt es nun zwei Formen des Umgangs, die den Blick auf ihn verstellen, Formen, die heute an der Tagesordnung ist. Der erste Blick ist der „germanistische Blick“. Hier kann man Schiller einordnen, analysieren und Literaturtheorien schaffen. Etwa die postmoderne Theorie, dass es gar keinen Autor gibt, sondern nur einen Diskurs, eine Konstruktion des Autors. Das wäre in etwa eine zeitgenössische germanistische Fragestellung. Der Wahrheitsgehalt von Schiller, die künstlerisch gestaltete ewige Wahrheit über das Menschsein geht dabei verloren. Die ethische Substanz verdünnt sich immer mehr, sie selbt spielt in der germanistischen Analyse keine Rolle. Das führt letztlich zum Nihilsmus. Insofern kann mit Hahn gesagt werden: Die germanistische Analyse ist ein „nihilistisches Reflexionswissen“, auf dem sich zwar Hochschulkarrieren aufbauen lassen, aber keine philosophisch-ethische Orientierung gewinnen lässt. Die zweite Umgangsform mit Schiller ist die Bildungsbürgerliche, die des „Kenners“. Man geht ins Theater, schaut sich ein Stück von Schiller an und „genießt“ es. Man freut sich seiner Kennerschaft und parliert mit anderen darüber. Zugleich kann man CDU oder FDP wählen und den Hartz 4 Empfänger in eine Situation der Identitätsvernichtung durch eine repressive Sozialverwaltung schicken – die Werte der Verfassung – die sich tatsächlich auch bei Schiller finden, wie Esra schreibt, sind völlig egal. Das Humanitätsideal ist hier abgespalten, die Kultur eine subtile Ware für die Eingeweihten. Bereits Adorno hat diese Kritik an der Halbbildung thematisiert (Adorno: Theorie der Halbbildung). Die Hallbildung ist von der gesellschaftlichen Erfahrung abgespalten. Die Rezeption humanistischer Kultur schlägt um in Barbarei und das dürfte für die Heerscharen der konservativ und liberal gesinnten Bildungsbürger, die Konzert, Oper und Theater besuchen, wohl gelten. Nun schreibt Adorno auch, dass gerade der, der zunächst der Kultur fremd ist, sie spontan verstehen kann. Insofern sind Arbeiterkindern, überhaupt Menschen aus arbeiterlichen Milieus noch am ehesen in der Lage, sich spontan von der Schönheit, der Form und dem substantiellen ehtischen Gehalt der deutschen Dichtung ansprechen zu lassen – eben weil sie die Kultur nicht als Warenform und zur Selbstdarstellung nutzen müssen.
    Ein Weiteres kommt hinzu: Die ethischen und bildungstheoretischen Ideal des Deutschen Idealismus sind bislang unabgegolten. Sie warten nach wie vor auf ihre Einlösung, ihr Wahrheitsgehalt ist voll in Kraft. Nun haben wir seit der Stundentenbewegung Ende der 60ger Jahre den Zug, alles „Ideele, Ethische“ ideologiekritisch aufzulösen. Der Linke beschäftigt sich nicht mit Dichtung, sondern mit „Kritik an Strukturen“. Gar noch in einer marxistischen Diskussion liefe Schiller Gefahr, als so genannte „frühbürgerliche Philosophie“ eingeordnet zu werden. Auch der Bourdieu-Diskurs der Gegenwart geht in eine ähnliche Richtung. Schiller als „kulturelles Kapital?“ – Damit sieht man schon, dass die Bourdieu’schen Begriffe nicht ausreichen, um den objektiven geistigen Gehalt und die Wahrheitsnähe eines philosophischen und dichterischen Stoffes zu durchdringen.
    Der Umgang Esras mit Schiller öffnet einen neuen Bildungsbegriff und eine neue mögliche Hochschullehre. Ein Dichter wie Schiller sollte zunächst nicht „totanalysiert“ werden – die ganzen modellhaften Begriffe verstellen den Zugang zu ihm – seine Dichtung enthält selbst schon die Theorie, auf die es ankommt. Nun meine Hauptthese: Der stoffliche Inhalt, die ästhetische Form und der ethische Wahrheitsgehalt sind bei den Dichtern und Denkern nicht zu trennen. Als solche objektiv-ethischen Stoffe müssen sie auch in den Geisteswissenschaften behandelt werden. Womit auch der verfassungstreue der Wissenschaften, die im Grundgesetz verankert ist, Rechnung getragen wäre. Denn der Wert der Menschenwürde kann nur realisiert werden, wenn es philosophische, künstlerische und dichterische Werke gibt, die einen realen ethisch bildenden und erziehenden Inhalt haben. Einer der größten Gegner bei der Entwicklung eines solchen Bildungsbegriffs ist die immer noch „links“ bzw. „linksliberal“ orientierte Erziehungswissenschaft. Sie hat sich durch die Okkupation durch die „68er“ und ihrem ideologiekritischen und strukturalem Denken nie erholt. Einen subtanziellen und materialen Bildungsbegriff vermag sie nicht zu formulieren. Esra deutet ein neues, nachidealistisches Bildungsverständnis an; sie hat selbst die Erfahrung der bildenden Kraft der dichterischen Stoffe gemacht – wahrscheinlich außerhalb der Universität, was bezeichndend ist.
    Nun zum Thema der Nation: In der Tat kann man Stolz darauf sein, dass die deutsche Sprach- und Kulturgemeinschaft solche humanistischen dichterischen und philosophischen Stoffe in schönster, formvollendeter Sprache hervorgebracht hat. Das Wahre ist das Gute und das Gute zeigt sich auch als das Schöne. Diese sprachlich-geistige Identität ist stark angegriffen, einerseits durch die nihilistischen liberalen, postmodernen und zum Teil auch noch marxistischen Reflexionsformen an der Universität, zum Anderen weil das „Deutschsein“ kulturindustriell verflacht sich vielleicht noch auf angedrehte Spektakel wie die Fußball WM bezieht. Gerade die lebendige Aneigung der Klassiker wäre die beste Vorbeugung gegen platten Nationalisimus, weil die ethischen Gehalte universell sind.
    Ich geniere mich nicht zu sagen, dass Esras Text der schönste Text ist, der je im dishwasher erschien. Alle substanziellen Denker und Dichter werfen Ihr dafür Rosen zu.

  3. 3 Esra 21. Februar 2011 um 19:24 Uhr

    Die geistige, kulturelle und moralische Entleerung und Entwertung des Gesellschaftlichen und Menschlichen sind eklatant und nicht von der Hand zu weisen. Es wäre zu überprüfen, ob die 68er auch wirklich an dieser Entwicklung mitschuld sind. Mein Gefühl geht auch in die Richtung; obwohl ich glaube, dass es damals auch Aktive gab, die die Dekadenz und menschliche Deformierung so auch nicht unterstützt und mitgetragen haben.

    Jedenfalls wird diese Dimension der Tugendlosigkeit, der moralischen und geistigen Leere nirgends so offen berücksichtigt. Und man verharrt in linken Kreisen allein in strategischen und machtstrukturellen Großfragen, -debatten und -theorien, mit denen man als Einzelner im Alltagsleben, -denken, -fühlen und -handeln sowieso nichts anfangen kann. In linken Bewegungen fehlt es m.E. stark an menschlichen Verbindungspunkten und moralischen Ansprüchen, die einen reizvoll-anziehenden, gemeinsamen Geist spüren lassen. Hingegen schwimmt man mehr bedeutungslos im Zwang der kommerziellen Trends mit und äfft jede Mode nach, um sich selbst nach oben hin zu beweisen.
    Hinzu kommt; Menschen engagieren sich meist nicht aus Überzeugung, der direkte menschliche Bezug zu unteren Gruppen fehlt komplett. Harmonie ist politisch mehr hinderlich als erwünscht. Individualismus wird als Fortschritt gefeiert und als Emanzipation mitgetragen und gefördert. Ich glaube auch, dass dies fast schon hauptsächlich dafür verantwortlich ist, warum „gewöhnliche“ Menschen linken Bewegungen fern bleiben, weil sie das Menschliche und Natürliche in wertverbundenen Normen vermissen. Ich behaupte ganz stark. Den linken Bewegungen fehlt es an Boden, Substanz, Leitbildern und Vorreitern. Vor allem an im Alltagsleben brauchbaren Werten und Normen, an denen man sich orientieren kann. Und solange die geistige Qualität des Universalismus und der pädagogische Anspruch nicht zunehmen, wird sich die momentane Stagnation und Regression nicht verbessern. Der Nihilismus ist ein sehr interessanter Punkt, den man weiter ansprechen und kritisieren sollte… Vor allem elitäre und karrieristische Salon-Linke schrecken in ihren Lebensweisen einfach ab, weil ihnen nichts heilig und von Sinn ist. Das Dilemma ist, dass man diese Grundsatzfrage von vornherein unterbindet, weil man die Selbstgewissheit hartnäckig bewahren will, „wir sind noch und bleiben das Beste im Übel“.

    Aber Politik verdirbt bekanntlich den Charakter. Die Lösung wäre tatsächlich – von sich selbst angefangen – die geistige und moralische Bildung. Ohne Bildung droht, jedes Kultur-GUT auszusterben.

  4. 4 Tobias 22. Februar 2011 um 12:32 Uhr

    Eine Sache noch: Man darf nun nicht Schiller gegen den vermeintlichen Schein von heute zu stark dichotomisieren. Menschen sind sowohl gut als auch schlecht. Nicht mal ein Guttenberg hat das eigentlich verdient. Diese schematische Trennung von gut und böse ist selbst etwas wahnhaft, und dieser wahnhafte Idealismus ist der deutschen Kultur auch zu eigen. In ihm ist die Barbarei schon angelegt, weil die Bewegung dahin geht, den Geist, die Ideale, ganz von der Praxis abzuspalten. Die Praxis aber ist immer „schmutzig“, widersprüchlich. Daher sagt Sarte, auch gegen den Idealismus gerichtet: „Man hat entweder schmutzige Hände oder keine“. Es kommt darauf an, aus dieser widersprüchlichen Praxis heraus etwas zu verändern. Welche Bedeutung dabei Ideale und Klassiker haben, müsste genau bestimmt werden – Letztlich steht dahinter die Fragen nach dem Verhältnis von Historischem Materialismus – also einer dialektischen Theorie der Praxs – und einer normativen Theorie – womit etwa auch der ethische Gehalt der Klassiker gemeint ist. Dieses philosophischen und damit auch praktische Problem ist bislang ungelöst.
    Natürlich sind die Klassiker eine Quelle der ethischen Substanz. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein jeder von uns, ohne Ausnahme in die falsche Praxis verstrickt ist und sich inhuman verhalten muss. Daher ist die kritische Reflexion auf die Strukturen, die die „bürgerliche Kälte“ freisetzen unabdingbar. Wer sich nun im Bewusstsein mit den Klassikern gleichsetzt suggeriert doch auch, er selbst würde diese Ideale leben, im Gegensatz zu den unmoralischen Anderen. Das entlastet von der eigenen Schuld, die ein jeder im falschen Zusammenhang der Vergesellschaftung auf sich lädt. Es gilt also, sich über die eigene Praxis keine Illusionen zu machen und gleichwohl nicht in den Zustand einer totalen Indifferenz gegenüber Werten und Sinn zu verfallen,wie es die beschriebenen“Salonlinken“ tun. Ein äußerst schwieriges Unterfangen. Philosophie soll ja ursprünglich die Lehre vom richtigen Leben sein. Vielleicht geht es darum, mit diesem Widerspruch umzugehen. Eine Gegenüberstellung von „guten Idealen“ und „falscher Welt“ jedenfalls reicht nicht aus, sie reproduziert selbst das Wahnhafte, das zu bekämpfen sie vorgibt.
    Kritisch dem Artikel gegenüber, aber auch selbstkritisch meiner ersten Antwort gegenüber, muss doch auch gesagt werden: Wer Begriffe wie deutsche Leitkultur benutzt oder eine nationale kulturelle Tradition zu konstruieren versucht, spielt mit dem Feuer. Wenn diese nationale Kultur auch noch mit den Idealen gleichgesetzt werden, ist der Schritt nach Auschwitz nicht weit. Auch SS-Führer haben klassische Musik gemacht und Dichtung gelesen. Als das Böse, das Nichtideale, Intringante usw. wurden in diesem Fall die Juden konstruiert. Die Kultur dagegen wurde nur noch als rein Geistige, als für die Praxis irrelavante gesehen. Die deutsche Kultur ist bis in die Tiefenschichten hinein, auch bis in den Deutschen Idealismus hinein, in diese Schuld verstrickt. Man kann nicht über die deutsche Kultur schreiben und von Auschwitz abstrahieren. In einer weiteren dialektischen Wendung kann man durchaus fragen: Ist die bürgerliche Praxis Schein, mit all ihren Widersprüchen, oder ist es das Hochhalten einer idealisierten Welt der Bildung, die selbst Schein ist, weil sie immer welche braucht, die sie der Unmoral bezichtigt. Die Klassiker lassen sich nur „aufheben“ – als auch aufbewahren in einer dialektischen Theorie der Gesellschaft, durch welche sie reflektiert werden.

  5. 5 Esra 23. Februar 2011 um 19:44 Uhr

    Ich verstehe nicht, warum der Idealismus, die Menschen zwangsläufig in Gut und Böse aufteilen würde? Der gegenwärtige Realismus/Pragmatismus relativiert alles und eignet sich perfekt als Weichspüler.

    Warum man sich im Realen die Hände schmutzig machen müsse, ist mir nicht ganz plausibel. Als wäre es eine Pflicht. Inwiefern trifft das auf eine Kindergärtnerin, eine Grundschullehrerin, eine Sozialarbeiterin oder eine Entwicklungshelferin zu, die ihre Arbeiten aus Überzeugung nach bestem Wissen und Gewissen ausüben?

    Ich sehe das nämlich ganz anders. Das konsequente Verfolgen des Guten, beinhaltet doch keine Dichotomisierung. Dass Menschen nie perfekt sind und werden, und folglich immer Fehler machen werden, steht doch außer Frage. Und das Ungerechte ist immer eine Frage des eigenen Standpunktes. Was für mich als Unrecht erscheint, mag dem anderen gar nicht ungewöhnlich erscheinen. Und was ich als richtig empfinde, kann der andere als Dummheit und Falschheit ablehnen und verurteilen. Ich kann aber nicht hingehen, und meine Sichtweisen einer Gesellschaft aufzwingen. Das wäre natürlich absurd. Der Mindest-Rahmenbedingungen einer Gesellschaft müssen m.E. so strukturiert sein, dass Menschen friedlich miteinander leben können. Ich bin mir auch immer bewusst, dass Gesellschaftskritiken in Deutschland, Europa und dem Westen auf höchstem Niveau stattfinden. Auch da macht sich ein kollektiver Egoismus im Zeitgeist bemerkbar. Wie es anderen Menschen geht, ist sowieso meist Politikum oder die moralische Frage sei sowieso Heuchelei und ergo unglaubwürdig.

    Dass Guttenberg als Verteidigungsminister ein ziemlich ausgeschlafener Typ ist, der keine ethischen Werte kennt, hat er sowohl als VM als auch Doktor bewiesen. Also was an ihm soll gut sein? Vielleicht ist er ein guter Ehemann und Vater, aber das steht hier doch gar nicht zur Debatte. Schiller hatte natürlich genügend menschliche Defizite, aber warum sollte man sich an ihnen abarbeiten. Um zu beweisen, dass er auch nur ein Mensch war?

    Kleine Schlussbemerkung: Die Willens- und Handlungsfreiheit sind natürlich Rechte seitjeher. Alles andere endet im Totalitarismus.

  6. 6 Tobias 23. Februar 2011 um 21:36 Uhr

    Also ich meine, man sollte vorsichtig mit der Idealisierung bestimmter Berufsrollen sein. Auch eine Sozialarbeiterin bewegt sich im Widerspruch zwischen den betriebswirtschaftlichen Anforderungen ihres Träger, zwischen der Norm der gesellschaftlichen Integration und Arbeitsfährigkeit und den Interessen ihres Klienten. Gerade Sozialarbeiter müssen sich über diesen Widerspruch im Klaren sein. Ich finde es gut, bei solchen Fragen wirklich mal zu versuchen, dialektisch zu denken, in dem Sinne, dass die Tiefenstruktur der erscheinenden Phänomene erforscht wird.

    Ich bleibe dabei: Diese Heroisierung von Reinheit und Moral ist bedenklich. Ihr liegt tiefenpsychologisch eine Abwehr der eigenen als „unmoralisch“ empfundenen Ansprüche zugründe. Es besteht doch zumindest die Gefahr, dass Andere „unmoralische“ konstruiert werden. Das sind zumeist die, die sich wenigtsens in die Praxis begeben. So kann man beim Kerzenschein und einem guten Glas Wein die Moral verehren, die „Unreinen“ verurteilen, die sich engagieren, um für die sozial Benachteilgten irgendwas zu verändern. Eine solche Haltung einer hermetischen Moral findet man vielleicht bei einigen traditionalistischen Religionsgemeinschaften, vielleicht auch bei christlichen Freikirchen usw.
    Oder die Grundschullehrerin: Meine Güte, sie gibt Noten, sie selektiert, sie vermittelt sozialisatorische Ansprüche, die auch irrationale Herrschaft – die Herrschaft der ökonomischen Partialinteressen – enthalten. Ein intensives Studium der kritischen Bildungstheore hilft gegen solche Idealisierung hier wirklich weiter.
    Wir wollen aber nicht vergessen, dass diese ethisch bildende Kraft bei Schiller wirklich vorhanden ist, das sehe ich auch so. Aber sobald sich die ethische Haltung in die Praxis begibt, verwickelt sie sich in Widersprüche. Wer das ausblendet neigt zu Selbstgerechtigkeit, zumindest ist diese Gefahr gegeben, ich möchte nur darauf hinweisen. Die Ethik Schillers ist Vorschein einer sozialistischen Gesellschaft. Erst andere Produktionsverhältnisse, also die sozialen Verhältnisse, in denen die Menschen ihr Leben produzieren, würde es den Menschen erlauben, eine Praxis an den Tag zu legen, die mit einer allgemein anerkannten Moral übereinstimmt. Insofern kann Brecht durchaus aus als materialistischer Nachfolger der deutschen Idealisten gelten, da er in seinen Stücken immer wieder zeigt, dass die Menschen in der falschen Gesellschaft oft gar nicht moralisch sein können. Wir leben noch im Kapitalismus, und hier muss jeder sein Geld verdienen. Und das geht letztlich nicht auf eine Weise, die mit dem „vernünftigen Allgemeinen“ übereinstimmt. An den Unis, gerade in Erziehungswissenschaft, solte mehr dialektische Analyse der Ambiguität von pädagogischen Berufsrollen gelehrt und gelernt werden.

    Und doch ist es interessant, dass Du Schiller auf eine gewisse unverstellte Weise rezipierst, weil Du, möglicherweise auch eine Welt kennst, in der diese Ethik und das Sinngefühl noch ganz unmittelbar vorhanden sind. Hier gäbe es viel zu sagen, zu erforschen und zu denken. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es auch sowas wie eine „gnadenlose“ Moral gibt. Auch hier finde ich das christliche Konzept ganz gut. Man rechnet mit der Sündhaftigkeit des Menschen und legt keine absoluten moralischen Maßstäbe an ihn an. Durch das Verzeihen wird immer wieder neues Leben eröffnet. Dieses christliche Konzept korreliert mit einer aufgeklärten Gesellschaft. Trotzdem ist der Impuls von Schiller aufzunehmen. Das Ganze ist auch eine Frage des zeitgemäßen Theaters. Wie wäre ein Stück von Schiller zu inszenieren? Wie könnte ein Stück aussehen, das heutzutage versucht, diese Ethik und Moral zum Ausdruck zu bringen? Ich glaube das Stück würde an einer bestimmten Stelle unvermittelt enden, da man doch inmitten der Gesellschaft, die moralische Praxis verstellt, vom Tod der Kunst sprechen kann --> siehe auch Adorno: nach Ausschwitz ist kein Gedicht mehr möglich. Ausschwitz aber ist über das grauenhafte historische Ereignis hinau zugleich eine Chiffre für die Logik und die Latenz der kapitalistischen Moderne. Vielleicht ist es aber auch möglich, dem Menschheitsentwurf, der dem deutschen Idealismus innewohnt, noch einmal zu einer Renaissance zu verhelfen und eine neue Form des Theaters zu schaffen. Die Dunkelheit der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nähme sie mit in sich hinein, würde aber die Möglichkeit gelungener moralischer und ethischer Praxis artikulieren. Ob so etwas möglich ist, liegt oft an sehr viel konkreteren Faktoren, als es sich in einem philosophischen Diskurs ausdrücken lässt. In der Tat ist es eine Kunst, in der sehr widersprüchlichen Lebenspraxis eine vom Idealismus inspirierte Moral umzusetzen.
    Wir müssen in eine dialektisch-materialistische Analyse der Moral eintreten, bzw. des moralischen Zustandes der gegenwärtigen Gesellschaft. Das sollte einiges klären können. Es ist ja eine Denkfigur der Arbeiterbewegung, dass sie das kulturelle Erbe der bürgerlichen Philosophie und Dichtung antritt. Der Gehalt der Dichtung wird reformuliert und auch auf die Frage der Einrichtung der Gesellschaft bezogen. Ich sehe eigentlich nur die Möglichkeit dazu ein Seminar zu machen, weil der Stoff den Rahmen hier sprengt. Soweit einige Gedanken zu dem, wie gesagt, sehr schönen und inspirierendem Text, die Kritik ist durchaus „kritisch-produktiv“ gemeint.

    Ein idealer Bildungsgang sähe vielleicht so aus: Es sollte sowohl der Geist des Idealismus sich entfalten können und zugleich eine fundierte Gesellschaftskritik an der herrschenden Gesellschaft geleistet werden – Also dichterisch-ethische Substanz und soziologische Aufklärung, die es ja zur Zeit von Schiller noch gar nicht gab.

  1. 1 Gegen den Wahnsinn Esra Ayse Onus‘ « Generelle Pingback am 23. Februar 2011 um 17:53 Uhr
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