Theologische Reflexionen über den Sinn des Kampfes

von Tobias Fabinger

Gesellschaftskritik, gesellschaftsverändernde Praxis ist nur möglich, wenn man einen Sinnhorizont empfindet, der über diese gesellschaftlichen Fragen hinausgeht. Überlebende von Auschwitz berichteten, dass sie den Glauben an den Menschen überhaupt zutiefst verloren hatten. Einige von ihnen brachten sich später um, obwohl sie gerettet waren. Ihr Sinnhorizont, der Glaube an die Möglichkeit einer guten Welt, war zerissen und damit die Basis des Geistes und des humanen intentionalen Bewusstseins überhaupt. Die gegenwärtige Gesellschaftsform mutet den Menschen sehr viel zu. Wer nicht grade auf einer der Inseln bürgerlichen Wohllebens lebt, im Kreise halbwegs funktionierender Familienstrukturen, der ist mit der Brutalisierung, die die neoliberale Ökonomie mit sich bringt und den Effekten, die das nach sich zieht, oft unmittelbar konfrontiert. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft entsteht ein Sozialisationseffekt, der immer mehr Enttäuschungen beinhaltet, bis man sagt: Die Welt ist eben so. Das Realitätsprinzip der Welt ist hart, man muss sich anpassen oder untergehen. Zur Not lebt man auch ohne Sinn weiter. Es ist ein destruktiver Prozess, der immer mehr Menschen ansteckt. Ein sich Durchsetzen in der Konkurrenz mit allen Mitteln erzeugt Enttäuschung beim Anderen. Dieser Andere wird dieses Handlungsmuster irgendwann übernehmen. Die Ökonomie ist ein Überlebenskampf, die Politik ist ein Überlebenskampf und der Alltag auch. Der tiefere Sinn der Bourdieuschen Kategorien wie kulturelles und ökonomisches Kapital ist der: Das alles sind symbolische Währungen im Stande universeller Konkurrenz. Doch führt uns die Gesellschaftsanalyse alleine nicht weiter, denn kritisches und praktisches Handeln ist nur möglich, wenn es durch ein Sinngefühl fundiert ist. Bei unzähligen Menschen dürfte eine Einsicht in die Ungerechtigkeit des gesellschaftlichen Prozesse vorliegen, doch glauben sie zutiefst weder an den Menschen, noch an die Möglichkeit der gesellschaftlichen Veränderung, letztlich fehlt ihnen der Sinn. Ist kein Sinn da, so kann das Getriebe der Gesellschaft auch einfach so weiter laufen. Die Einsicht in die falsche Gesellschaft bei gleichzeitiger Hoffnungslosigkeit dem Menschen gegenüber erzeugt ein verdunkeltes Bewusstsein. Das verdunkelte Bewusstsein alleine reicht nicht aus, um die Verhältnisse zu ändern. Verdunkeltes Bewusstsein ist zu Kritik in der Lage, amalgamiert sich aber mit der Haltung, dass eh nichts zu ändern ist – eine Rationalisierung der empfundenen Sinnlosigkeit. Das Erkennen der Sinndimension erfordert außer der gesellschaftskritischen Fähigkeit noch eine weitere: Eine Sensibilität gegenüber dieser schwer fassbaren, wenn man so will „spirituellen“ Dimension. Wo sie sich im Leben zeigt, in den Freunschaften, vielleicht auch in der Liebe, dort muss sie gehütet werden. Die Zerstörung menschlicher Beziehungen bringt immer einen Verlust an Sinngefühl mit sich. Sinn gibt es nur – frei nach Martin Buber – durch ein Du. Dieses Du, das uns anspricht ruft uns als personale Identität ins Leben. Dieses „Gemeintsein“ vermittelt ein Sinngefühl. Umgekehrt ist das Du uns immer geheimnisvoll, kann nie ganz begriffen werden. Die sinnhafte Beziehung zueinander erfodert das offenhalten dieses Geheimnisses, die Fähigkeit, sich von dem Du überraschen zu lassen. Eine Fixierung der Menschen auf ihre Vorurteile dagegen schnürrt den Anderen ein. Nicht zuletzt Vorurteile, die immer wieder zu Streit führen, engen die Menschen ein. Streit entsteht aus der Verletzung darüber, dass der Andere die Möglichkeiten der personalen Idenität nicht offen gehalten hat. Ein endgültiges Wort ist gefällt, ein endgültiges Urteil gesprochen. Diese Verhärtung ist die Dynamik aller Konfliktherde der Welt, Völker, Kulturen, Ethnien, Religionen, die gegeneinander kämpfen und mit den gegenseitigen Verletzungen immer mehr Hass hervorrufen. So ist es auch in den menschlichen Beziehungen, gerade auch im politischen Spektrum. Zwar wird dort nicht aufeinander geschossen, aber permanente Vorurteilskonstruktionen und Verletzungspotentiale prägen das Geschehen – solange bist nur noch Politroboter übrigbleiben, die sich das authentische Fühlen abgewöhnt haben – man kann es verstehen. Wir haben verlernt, die Realität, die Wirklichkeit der anwesenden Sinndimension im menschlichen Leben zu erkennen. Von dieser Sinndimension geht alles aus, sie ist der Grund unsres Daseins und das Fundament aller schöpferischen und produktiven Prozesse. Doch die meisten glauben nicht daran, weil das weder messbar ist, noch unmittelbaren Profit bringt und sich anfangs sogar in Formen äußern kann, die wir zunächst noch nicht verstehen. So werden Alle weiter aufeinander einschlagen. Wir haben alles, wenn auch sehr ungleich verteilt: Eine ungeheure materielle Fülle, sogar eine hoch entwickelte, komplexe und anspruchsvolle Gesellschaftskritik, politische Institutionen, die durchaus handlungsfähig sind – aber eine Ressource ist sehr rar: Das Sinngefühl, das Gespür für die Wahrheitsdimension im Umgang miteinander. So flüchten sich die einen in ihre traditionellen Familienstrukturen und schotten sich von der bösen Welt da draußen ab. Sie glauben, auf diese Weise, humanen Sinn bewahren zu können und gehen doch fehl, weil der Sinn sich zwar in den unmittelbaren freundschaftlichen oder familiären Zusammenhängen konstituiert, aber nicht vom Ganzen der Gesellschaft abgespalten werden kann. Die anderen werden zu „harten Fightern“, die Wissen, wie es funktioniert, sich im Konkurrenzkampf durchsetzen und hinter sich eine Spur der Sinnlosigkeit hinterlassen. Der Sinn in den Alltagsbeziehungen ist zunächst etwas ganz Kleines, fast schon Unscheinbares, doch können aus ihm die großartigsten Dinge sprudeln, weil die Menschen, wenn sie Sinn empfinden, ihre gesamten personalen Kräfte freilegen können – sie entwickeln ein grundlegendes Vertrauen in das Gutsein der Welt. Nicht umsonst vergleicht Christus das Reich Gottes mit dem Samenkorn der Senfpflanze, das kleinste aller Samenkörner. Wir haben verlernt, auf solche Botschaften zu hören. Wir werden es nicht schaffen, irrsinnig unter immer höheren Opferzahlen wird das blinde Getriebe der kapitalistischen Gesellschaft über die Erde hinwegrasen. Wir werden weiter versuchen mit Machtpolitik, Technologie, technokratischen Sozialreformen, Beenden unliebsamer menschlicher Beziehungen, Instrumentalisierung moralischer Ansprüche, hochgezüchtetem geisteswissenschaftlichem Reflexionswissen und dem unbedingten Glauben an die individuelle, strategische Machbarkeit des Glücks die Welt in den Griff zu bekommen. Was uns dabei stört, wird negiert. Aber dieses Vorgehen unter Ausklammerung dieses fast unsichtbaren, sehr feinen Sinngefühls in den menschlichen Beziehungen wird uns weiter zum Abgrund führen. Ein authentisches Christentum ist keine Verlängerung des bürgerlichen Wohlebens und des sich Abfindens mit den Verhältnissen ins Jenseits hinein – ein solches „Gewohnheitschristentum“ nennt der Theologe Johann Baptist Metz „bürgerliche Religion“ und setzt dem die Umkehr als die wirkliche Nachfolge Christi entgegen. Wir können auch nicht einfach den Sinn predigen, im Stande all der sinnlosen Ereignisse und des Sinnwidrigen um uns herum. Wir können aber hoffen, dass Gott auch in der Situation der empfundenen Ungerechtigkeit, wie die Klassengesellschaft sie mit sich bringt und in der Situation der Zerstörung von sinnstiftenden menschlichen Beziehungen durch das Kreuz hindurch eine Perspektive für neues Leben eröffnet. Die Vorenthaltung von Lebenschancen durch eine ungerechte Gesellschaft, die Destruktion sovieler menschlicher Beziehungen, die gut sind, durch ökonomische Destabilisierung und indviduellen Geltungs- und Machtwahn sind sinnwidrig und werden im Leben der Menschen auch als absurd empfunden. Authentisches Christentum ist keine Beschwichtung der schlimmen Auswirkungen des Sinnwidrigen, es trocknet die Tränen nicht. Es spricht aber von einer Offenbarung, die sagt, dass dieses Sinnwidrige nicht das letzte Wort ist und das wir nach dem Scheitern all unserer menschlichen Bemühungen, die Welt zu verbessern, auf eine höhere Erkenntnis vertrauen können, die neues Leben zu eröffnen vermag. Für das gegenwärtige Gesellschaftssystem ist die Sinnlosigkeit und die Ablehnung des transzendenten Grundes des Menschen konstitutiv: Man muss jetzt alles rausholen, das Maximum an Konsum, Schönheit, Selbstverwirklichung. Die Transzendenzlosigkeit, der totale „Positivismus“ und der Ersatz des Sinns durch individuelle Nutzenmaximierung sind die philosophischen Triebkräfte des Kapitalismus. Ohne sie würden die Menschen all das nicht mit sich machen lassen. Wer begreift, dass er Gottes Ebenbild ist, lässt sich weder ausbeuten noch erniedrigen. Er kann auf eine Quelle des Selbstbewusstseins zurückgreifen, die nicht von dieser Welt ist. Insofern sind Dogmen „gefährliche Erinnerungen“, wie Johann Baptist Metz sagt.
Lassen wir zum Schluss noch Rainer Maria Rilke sprechen:

„Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los“

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5 Antworten auf „Theologische Reflexionen über den Sinn des Kampfes“


  1. 1 Opium 23. Februar 2011 um 16:51 Uhr

    Die religiöse Betreuung der mit kapitalistischen Widrigkeiten konfrontierten Individuen erschöpft sich – auch laut diesem Text – lediglich in verschleiernder Trostspendung und fördert mitnichten emanzipative Gedanken, die über den Status Quo hinausgehen. Um mit Luhmann zu sprechen: Sie operiert mit der Reduktion von Komplexität, um Kontingenzerfahrungen, vulgo Enttäuschungen zu vermeiden. Das ist ihr eigentlicher Sinn. Progressiv geht anders.

  2. 2 Tobias 23. Februar 2011 um 20:57 Uhr

    Es geht nicht nur um Trostspendung, sondern um die realen Kräfte der Hoffnung, die hier im Text allerdings nur angedeutet werden. Zu erinnern ist an Paulo Freire, der sich auch christlicher Elemente in seiner Pädagogik bediente und der mit seinen politisierenden und progressiven Alphabetisierungskampagnen sehr erfolgreich war. Auch progressive Politik kann sich in tragische Verhältnisse verwickeln und scheitern. Was ist dann? Es gibt eben keine „klare“, „einheitliche“ progressive Politik, wenn sie in die Praxis gerät verwicklet sie sich sofort in Widersprüche und kann sogar in regressive Formen umschlagen. Darum geht es hier, die „progressive Politik“ muss um diese Relativität wissen, um nicht zum Fetisch zu werden. Übrigens gibt es eine lange Tradition der Christen für den Sozialismus, die Theologie der Befreiung war in der armen Bevölkerung in Lateinamerika sehr einflussreich und hat auch praktisch viel bewirkt. Umgekehrt würde ich zum „Progressiven“ sagen, dass er seine Praxis fetischisieren muss und daher Widersprüche, die auftreten, wenn es einmal nicht so progressiv zugeht, verdecken muss. Der Stalinsimus ist nur die – wiederum politisch-religiöse – extremste Ausformung davon. Dieser Fetischismus des Progressiven – die Möglichkeit eines Umschlags in politischer Religion und ins Selbstverklärung der Akteure, die sich in „historischer Mission“ sehen ist bis heute allen linken Gruppen und Parteien zu eigen.

  3. 3 Tobias 23. Februar 2011 um 23:48 Uhr

    Ich möchte Deine Kritik übrigens ernst nehmen, „Opium“. Zwischen „Komplexitätsreduktion zur Bearbeitung von Kontingenzerfahrung“ – so würde ich es formulieren und der Wirksamkeit der kritischen und zugleich hoffnungsvollen Kraft des authentischen Christentums, die ich in meinem Text auch als Sinn bezeichnet habe, ist es nur ein schmaler Grat. Christentum kann schnell in Religion umkippen und die ist laut dem evangelischen Theologen Karl Barth „Unglaube“. Gerade um die Differenz zwischen „Opium des Volkes“ und „Möglichkeit des Unmöglichen“ – also praktisch-eschatologische Perspektive in schwieriger Situation herauszuarbeiten, ist die theologische Relfexion notwendig. Daher hat auch die Religionskritik eine sinnvolle Funktion. Aber gerade die Systemtheorie, auf die Du Dich berufst, kann über die Kontingenz hinaus und den funktionalen Sinn der sozialen Systeme keinen substantiellen, transzendeten Sinn vermitteln. Ich meine aber es ist zuwenig, alle geistig-praktischen Erscheinungsformen des Menschseins und der menschlichen Gesellschaft in ihrer „Funktion“ aufzulösen.
    Was mich aber noch interessieren würde: Wie siehst Du die „kapitastischen Widrigkeiten“, wie Du es formulierst. Welche Auswirkungen haben diese auf die Menschen? Mich würde da Deine genauere Analyse interessieren. Ich analysiere ja die, wenn man so will „metaphysischen“ Auswirkungen auf das Sinnempfinden. Wie würdest Du es formulieren? Welche philosophischen Kategorien legst Du dabei zugrunden?

  4. 4 Opium 25. Februar 2011 um 1:27 Uhr

    In Analyse und Auswirkung der gegenwärtigen Gesellschaftsform gebe ich dir durchaus Recht. Was Luhmann betrifft: Ja, die Systemtheorie ist zunächst nicht-normative Bestandsaufnahme und daher vortrefflich geeignet, auch die religiöse Sinnsuche frei jeder bedeutungsgeschwängerten Parteinahme zu sezieren. Die Konsequenzen daraus hat ein jeder für sich selbst zu ziehen. Ich meinerseits wüsste nicht, wieso die Gewissheit, Gottes Ebenbild zu sein, den Menschen eher dazu befähigen sollte, kapitalistische Entitäten zu hinterfragen als beispielsweise die profunde Studie des Historischen Materialismus. Vielmehr ist es doch wahrscheinlich, dass – siehe auch Max Weber: Die protestantische Ethik – der Glaube eine Möglichkeit bietet, sich dank dem Vertrauen in höhere Mächte mit weltlichen Ungerechtigkeiten zu arrangieren, anstatt sie in der Gewissheit, „von oben“ keine Hilfe erwarten zu dürfen mit Verve zu bekämpfen.

  1. 1 Dublin West | Climb Aboard Dublin West – Hot on Twitter | Affiliate Reviews Pingback am 26. Februar 2011 um 16:52 Uhr
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