Warum studierende Arbeiterkinder einen Erkenntnisvorteil haben – wissenschaftssoziologische und sozialpsychologische Überlegungen

von Tobias Fabinger

Zugleich als Kommentar zur Diskussion um die „Scheineliten im Hochschulbetrieb“

Einerseits haben studierende Arbeiterkinder einen ungeheuren Mehraufwand, da sie sich an die bürgerliche Sozialisation anpassen müssen. Sie kommen nicht umhin während ihres akademischen Bildungsgangs bürgerliche Habituselemente zu implementieren, was zu Identitätsdiffusion führen kann und ständige Identitätsarbeit erfordert. Wären die Unis anders, mehr an den Habitus der Arbeiterkinder angepasst, bzw. würde die Uni darauf verzichten, eine repräsentative Institution der bürgerlichen Gesellschaft zu sein, mit allen Ritualen und formalisierten Verkehrformen, die dazugehören, so wäre der Reibungsverlust für Studierende aus anderen sozialen Mileus nicht so hoch. Die Arbeiterkinder müssen eine praktische sozialpsychologische und Identitätsarbeit aufbringen, die sicherlich 50% ihres Arbeitsaufwandes ausmacht – diejenigen, die an die Verkehrsformen der Uni schon angepasst sind, müssen das nicht. Aber gerade durch die Erfahrung von zwei sozialen Welten haben sie mehr Erkenntnismöglichkeiten als Andere. Auch Andreas Kemper betont immer wieder, dass die Arbeiterkinder als „Straddler“, also als „Spreizer“ zwischen zwei Welten besonders viel zu sagen haben. Das, was die soziologischen Theorien erkannt haben, erleben Arbeiterkinder an der Hochschule am eigenen Leib. Weder die bürgerlichen Akademiker noch die nichtakademischen Arbeiter haben solche Erkenntnismöglichkeiten. Diese hermeneutische Ausgangsposition ist nicht nur für die Soziologie relevant, sie verändert auch den Blick auf Literatur, Philosophie und Geschichte. Alle Sozial- und Geisteswissenschaften werden von der Position, die das erkennende Subjekt im sozialen Raum hat, beeinflusst. Ein geistiges Gebilde, wie etwa wie die Kritische Theorie konnte nur entstehen, weil Adorno und Horkheimer Juden waren, das haben sie selbst auch reflektiert und ausgesprochen. Durch das Nicht-Ganz-Integriertsein konnten sie die bürgerliche Gesellschaft mit einem gewissen Abstand betrachten und mehr erkennen. Ich halte die These nicht für übertrieben, dass die studierenden Arbeiterkinder aufgrund ihrer sozialen Erfahrungen in besonderem Maße in der Lage sind, die Gesellschaft human zu gestalten. Bürgerliche Politiker etwa können sich da einfach nicht reinversetzen, was es heißt, wenn eine Familie von sehr wenig Geld leben muss und wie wichtig öffentlich finanzierte Einrichtungen wie Bibliotheken sind. Das alles bleibt doch für bürgerlich-akademische Schichten mehr oder weniger abstrakt.
Worin besteht nun die Diskriminierung? Ich möchte Sie hier einmal nicht nur vom Habitus-Begriff her entwickeln, sondern auch die Kommunikationsverhältnisse betrachten. Ein Arbeiterkind bekommt in der bürgerlichen akademischen Sphäre keine Rückmeldung auf seine sozialen Erfahrungen in seiner arbeiterlichen Herkunftsfamilie. Diese Seite der Identität ist wie „abgeschnitten“. Dadurch kommt es natürlich zu Verzerrungen in der Kommunikation. Würde das Arbeiterkind das ansprechen, hieße es zum Beispiel: „Ja, aber Du hast es doch geschafft, Du bist doch gar kein Arbeiter mehr…“ Oder: „Aber ich kenne einen Professor aus einer Arbeiterfamilie.“ Dem Arbeiterkind wird die Benachteiligung durch diese Form der Kommunikation abgesprochen, die erfahrene Ungerechtigkeit kann gar nicht mehr artikuliert werden, es kommt, sozialpsychologisch gesprochen zu einem hohen Maß an Ambiguität, was als Druck erfahren wird. Wenn die soziale Umgebung sehr bürgerlich ist, macht sich das emotional und körperlich bei den Arbeiterkindern oft als Verspannung bemerkbar, sie erfahren sich dann als immer weniger authentisch und werden auch von ihrer Umwelt so wahrgenommen. Genau dadurch wird der kommunikative Raum einer akademischen Identitäsbildung verschlossen. Daher ist die Strategie von Andreas Kemper, mithilfe eines Autonomen AStA-Referats für Arbeiterkinder zunächst mal kommunikative Freiräume zu schaffen, sehr gut. Das Problem wird sich abschwächen oder gar ganz gelöst, wenn wir mehr Hochschullehrer aus Arbeiterfamilien und mehr Studierende aus Arbeiterfamilien haben. Das soziale Klima an der Universität wird dann anders und es gibt akademische Rollenvorbilder, mit denen man sich identifizieren kann. An der Hochschule gibt es sehr wenige Hochschullehrer aus Arbeiterfamilien. Akademiker aus Arbeiterfamilien trifft man vielleicht in der Gewerkschaft, als Bildungsreferenten usw. Ich selbst empfand es als geradezu befreiend, als ich einen Vortrag des Soziologen Lars Schmitt gehört habe, der auf seine arbeiterliche Herkunft reflektiert hat. Übrigens hat all diese Effekte bereits Ralf Dahrendorf Mitte der 60ger Jahre beschrieben. Das Thema über das wir reden ist eigentlich seinerseits ein akademischer – aber eben nicht nur akademischer – Bildungsgegenstand, der selbst schone eine gewisse Wissenschaftsgeschichte aufweist. Von einer „Neiddebatte“ kann hier nicht die Rede sein. Es handelt sich vielmehr um eine empfundene Ungerechtigkeit und dieses Gefühl als Ausgangspunkt auch einer soziologischen Forschung, die das Wahrgenommene theoretisch und empirisch fundiert, ist ernstzunehmen. Bis heute frage ich mich, ob die „bürgerliche“ Seite diese real existierende Ungleichheitsdimension anerkennen kann. Warum eigentlich nicht? Warum muss das immer abgewehrt werden? Es ist zwar sehr utopisch, was ich jetzt sage, aber könnte man nicht gemeinsam an einer herrschaftsfreieren Gesellschaft arbeitenn? Ist das letztlich nicht unsere einzige Überlebenschance? Ein Bündnis verschiedener soziale Mileus, um mehr Gleichheit in der Gesellschaft herzustellen. Das wäre ein faszinierender Erkenntnisprozess, vielleicht das große Abenteuer unserer Zeit. Und in einer mehr von Gleichheit geprägten Gesellschaft würden alle an Lebensqualität gewinnen. Mit der Hegel’schen Denkfigur, dass der Kampf um Anerkennung ein Kampf auf Leben und Tod ist – und oft haben sich soziale Kämpfe in einer Ausschließlichkeit dem Gegner gegenüber gezeigt – kommen wir glaube ich nicht mehr weiter. In der Tradition von Hegel wurde Emanzipation immer als Negation des Bestehenden gedacht. Mit dem Modell der Kommunikation und Anerkennung sozialer Erfahrungen und der Schaffung eines gesellschaftlichen Konsens über mehr soziale Gleichheit als Zielvorstellung möchte ich einen Gegenentwurf anbieten. Dieser Gegenentwurf würde aber nur dann funktionieren, wenn die sozialen Erfahrungen der Arbeiterkinder, auch die Erfahrung der Ungerechtigkeit, anerkannt werden und zugleich das Erkenntnispotential der Arbeiterkinder in Wissenschaft und Gesellschaftspolitik bewusst entfaltet und zur Humanisierung der Gesellschaft genutzt wird. Es geht also nicht wie bei den Hochschulbildungs- und Schulreformen der 70ger Jahre einfach um einen höheren Prozentsatz von Arbeiterkindern an den Unis und Fachhochschulen, sondern auch um ein andere Wissensform, die sich aus ihrer Relevanz für eine gesellschaftliche Umgestaltung heraus bestimmt. Wissenschaftstheoretisch hat dieses Programm bereits Max Horkheimer in seinem berühmten Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie“ formuliert. Das Anliegen, welches einst die Kritische Theorie der Gesellschaft formuliert hat, nämlich Wissenschaft im Hinblick auf ihre kritisch-praktische Aufgabe im historischen Prozess der Gesellschaftsentwicklung zu betreiben kann heute auch rückgebunden werden an die Frage der sozialen Herkunft und diejenigen sozialen Milieus, die ein Interesse an einer menschlicheren und gerechteren Gesellschaft haben.

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17 Antworten auf „Warum studierende Arbeiterkinder einen Erkenntnisvorteil haben – wissenschaftssoziologische und sozialpsychologische Überlegungen“


  1. 1 Dialectic Progress 26. Februar 2011 um 18:40 Uhr

    „Einerseits haben studierende Arbeiterkinder einen ungeheuren Mehraufwand, da sie sich an die bürgerliche Sozialisation anpassen müssen. […] Die Arbeiterkinder müssen eine praktische sozialpsychologische und Identitätsarbeit aufbringen, die sicherlich 50% ihres Arbeitsaufwandes ausmacht – diejenigen, die an die Verkehrsformen der Uni schon angepasst sind, müssen das nicht.“

    Kannst du konkrete Beispiele für diese Hypothese, wonach die Integration zu einem Mehraufwand im Studienalltag führe, liefern? Und wie kommt die Zahl 50% zu stande?

    „Ich halte die These nicht für übertrieben, dass die studierenden Arbeiterkinder aufgrund ihrer sozialen Erfahrungen in besonderem Maße in der Lage sind, die Gesellschaft human zu gestalten.“

    Hier wird nach dem Motto „Wer schonmal gelitten hat, wird anderen kein Leid hinzufügen“ argumentiert. Dies ist eine Sichtweise, wonach die materiellen Bedingungen der Vergangenheit über das heutige Verhalten bestimmen würden, während die materiellen Bedingungen der Gegenwart außer Acht gelassen werden. Das ist auch wissenschaftlich nicht haltbar. Es gibt unzählige Kinder, die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sind und es später in Wirtschaft und Politik zu hohen Posten geschafft haben und dort in ihren Handlungen keinen Unterschied zu den ehemaligen Kindern der „bürgerlich-akademische Schichten“ zeigen.

    „Mit dem Modell der Kommunikation und Anerkennung sozialer Erfahrungen und der Schaffung eines gesellschaftlichen Konsens über mehr soziale Gleichheit als Zielvorstellung möchte ich einen Gegenentwurf anbieten.“

    Die erste Frage ist, wofür du etwas sozusagen „gegenentwirfst“. Sollen die Dinge, die du aufzählst, ein Gegenentwurf einer anderen Gesellschaft, welche im Allgemeinen eine Gesamtheit von Verhältnissen (ökonomisch,politisch,sozial,…) darstellt, sein? Dann haben deine Aufzählungen damit nicht viel zu tun. Ist es ein Gegenentwurf für die Interaktion zwischen Menschen? Dann ist dein Gegenentwurf im besten Fall eine Bitte für besseren Umgang, was wiederum idealistisch (im Sinne der Philosophie) wäre. Nach dem Motto „Seid alle gut zueinander“. Tut mir Leid, aber so einfach ist das nicht.

    Insgesamt kommt es bei mir so an, dass du versuchst die Arbeiterkinder zu glorifizieren. Dass Arbeiterkinder größere Schwierigkeiten als Kinder aus bürgerlichen Hause haben und, dass sie besondere Lebenserfahrungen haben, zweifelt niemand an, aber dass sie deshalb im Umkehrschluss besser wären oder wie du sagst „die Gesellschaft humaner gestalten“ würden, halte ich für eine nicht haltbare These.

  2. 2 Carl 26. Februar 2011 um 19:02 Uhr

    „Insgesamt kommt es bei mir so an, dass du versuchst die Arbeiterkinder zu glorifizieren.“

    Warum wirfst du ihm das jetzt vor? Es werden doch ständig Nicht-Arbeiterkinder glorifiziert…
    Es ist ständig irgendwo zu lesen, dass die Kinder aus armem Hause diese und jene Defizite hätten (keine Lesekompetenz, keine Disziplin, lies mal einen dieser typischen Artikel über die Arche zum Beispiel). Im Gegenzug bedeutet edas ja, dass Kinder aus reicherem Hause diese Defiziete anscheinend seltener haben. Da beschwert sich keiner, dass die glorifiziert werden. Kaum sagt einer mal was Positives über Arbeiterkinder kommst du daher…

  3. 3 Carl 26. Februar 2011 um 19:10 Uhr

    Ich finde diesen Artikel gut und notwendig. Man könnte vielleicht noch andere Dinge hinzufügen. Zum Beispiel wird in vielen – nicht allen! – Arbeiterfamilien ein netter Umgangston und Solidarität gepflegt, zum Beispiel hilft man sich in armen Nachbarschaften gegenseitig.
    Die armen Studis bei uns im billigen Wohnheim haben das auch getan, die waren überaus „ressourcenreich“. Die haben auch Dinge vom Sperrmüll gesammelt und aufbereitet. Wir hatten bei uns eine „Wohnheimfriseurin“, die hat den anderen Bewohnern die Haare geschnitten. Wir hatten mehrere Typen, die haben für andere kostenlos gekocht und manche davon haben sogar das Essen selbst bezahlt. Ein Typ hat für uns kostenlos die Tischlerarbeiten gemacht.

  4. 4 Dialectic Progress 26. Februar 2011 um 21:04 Uhr

    @Carl
    „Es ist ständig irgendwo zu lesen, dass die Kinder aus armem Hause diese und jene Defizite hätten (keine Lesekompetenz, keine Disziplin, lies mal einen dieser typischen Artikel über die Arche zum Beispiel). Im Gegenzug bedeutet edas ja, dass Kinder aus reicherem Hause diese Defiziete anscheinend seltener haben.“

    Stimmt das denn nicht im wesentlichen? Was du eigentlich kritisieren solltest, sind die Verhältnisse, die dazu führen, dass solche Ungleichheiten existieren. Natürlich werden in der Regel Kinder aus ärmeren Schichten schwächere Lesekompetenz etc. haben. Solche Probleme zu verschweigen, wie du es scheinbar möchtest, bedeutet auch, dass man alles so belässt, wie es ist.

    „Da beschwert sich keiner, dass die glorifiziert werden. Kaum sagt einer mal was Positives über Arbeiterkinder kommst du daher… “

    Tut mir Leid, aber du argumentierst nach einem unwissenschaftlichen Prinzip. Nur, weil andere etwas falsch schreiben („Die Akademikarkinder sind toll“), musst man nicht genauso falsch in eine andere Richtung schreiben („Die Arbeiterkinder sind toll“), damit dann ein vermeintliches Gleichgewicht entsteht. Mit solchen unlogischen Argumentationen gewinnt man keine Leute, auch nicht die Arbeiterkinder, die sich bewusst sind, dass nicht allein ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse sie automatisch zu besseren Menschen macht.

    Am Ende zählst du, lieber Carl, viele Erscheinungen auf. Dass man jedoch zwischen Wesen und Erscheinung unterscheiden muss und, dass man aus Erscheinungen nicht einfach so auf das Wesen schließen kann, habe ich hier ausführlich beschrieben: http://dialecticprogress.wordpress.com/2011/02/10/wesen-oder-erscheinung/

  5. 5 Carl 27. Februar 2011 um 10:16 Uhr

    Was wäre in diesem Fall die Erscheinung und was das Wesen?

  6. 6 Dialectic Progress 27. Februar 2011 um 11:33 Uhr

    Die Aufzählung „netter Umgangston […] hilft man sich gegenseitig […] Dinge vom Sperrmüll gesammelt und aufbereitet […] die Haare geschnitten […] kostenlos gekocht […]kostenlos die Tischlerarbeiten gemacht“ sind alles Erscheinungen. Sie sind beliebig, weil sie könnten genauso vielen anderen Bevölkerungsgruppen zugeordnet werden.
    Das Wesen ist jedoch das Allgemeine, Invariante. Bei Arbeiterkindern ist das zum Beispiel ihre Stellung zu den Produktionsmitteln, die bei jedem Arbeiterkind gleich, also invariant, ist. Oder, dass sie aus einer Familie kommen, die ökonomisch nicht leistungsgerecht (Ausbeutung) bezahlt wird.

    Wenn du dagegen mehr über das Wesen des Menschen im Allgemeinen erfahren willst, dann empfehle ich das Buch „Vom Gen zum Verhalten. Der Mensch als biopsychosoziale Einheit“ von Herbert Hörz.

  7. 7 erna 27. Februar 2011 um 13:02 Uhr

    hier sieht man es sehr schön deutlich. dialectic progress macht carl mundtot durch pseudoakademisches gehabe und gerede. Danke. Was zu zeigen war, genau so funktioniert es, arbeiterkinder und sympatisanten zum verstummen zu bringen. super leistung, dialectic progress! und dann noch so zu tun, als sei dialektik die einzige legitime denkmethode, tsts. aber so tun, als gehörte man zum akademischen establishment und hätte die dicke definitionsmacht. zu schön. danke für die praktische illustration des beschriebenen sachverhalts.

  8. 8 umwerfend 27. Februar 2011 um 14:17 Uhr

    ja, da kann man schon stolz drauf sein, dass man sich daran gewöhnt hat, mehr oder weniger erfolgreich im (sperr)müll zu wühlen – lasst uns das loben!
    denn wo käme man denn hin, wenn man die verhältnisse, die erzwingen, dass jede menge leute im (sperr)müll wühlen müssen, kritisiert.

    ***

    im übrigen stimmt’s, dass viele (nicht alle) arbeiterkinder weniger lesekompetenz haben. woher sollten sie sie auch haben? das liegt an den verhältnissen. statt die tatsache zu leugnen, gälte es doch die verhältnisse zu kritisieren, die das verursachen.

  9. 9 Tobias 27. Februar 2011 um 22:30 Uhr

    Liebe erna,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Die Äußerung von „Dialectik Progress zeigt, dass er etwa die letzten 40 Jahre Soziologie verpasst hat und zudem kein Gefühl für die gesellschaftliche Realität aufweist. Das ist typisch bürgerliches akademisches dominant auftretendes Gehabe, welches sich wohl für marxistisch hält. Den wirklichen Arbeitern und Arbeiterkindern erweist man damit keinen Dienst, weil solche Argumentationsmuster tatsächlich die Ungleichheit im wissenscftlichen Feld zu reproduzieren versuchen. Anstatt die Differenzerfahrung anzuerkenen, die ich bei hunderten von Arbeiterkindern schon festgestellt habe – wie auch immer diese dann damit umgehen, ob in Form von Anpassung oder Kritik – wird sie mithilfe eines sehr einfachen allgemeinen dialektischen Schemas abgewehrt. Das ist eher psychologisch zu erklären, als Abwehr der sozialen Realität, die um uns herum geschieht, um sich selbst einen Distinktionsgewinn zu sichern sich aber dennoch dabei marxistisch revolutionär gut zu fühlen. Es ist immer derselbe konformistische Mechanismus bei Antideutschen, Gegenstandpunkt, destruktive Kritik und allen Denkern der „Struktur ohne Vermittlung hin zu sozialen Praxis der Subjekte“. Man oh man, auch bei Gramsci, dem italienischen Marxisten kann man nachlesen, dass immer beides wichtig ist: Die Grundstruktur der Produktionsverhältnisse und die vielen gesellschaftlichen kulturellen Vermittlungsformen und Machtverhältnisse im Alltag, an denen sich die wirklichen Subjekte bilden.

    Ein Arbeiterkind an der Uni hat mit vielen Identitätsproblemen und Bildungshürden zu tun und weist doch potentiell schon eine andere Stellung zu den Produktionsmitteln auf, als seine Herkunftsfamilie. Genau um diesen Widerspruch geht es den wirklichen Arbeiterkindern – wie wird der „Klassenwechsel“ verarbeitet, in welcher Form wird sich die Differenz vielleicht ein Leben lang ausdrücken? Eine globale Kapitalismuskritik, ohne die wirklichen gesellschaftlichen Widersprüche zu bestimmen und ohne die Widersprüche in der Erfahrung der Subjekte anzuschauen – und damit potentiell eine alternative Politik zu entwickeln – hat noch nie weitergeholfen. Außer vielleicht den bürgerlichen Uni-Karrieren unserer Salon“marxisten“. Allerdings ist dies hier ein offenes Forum, ich empfehle aber den „Dialektikern“ (es ist keine Dialektik, nur Ideologie) einmal zu versuchen die sozialen Erfahrungen von Arbeiterkindern anzuerkennen und nicht gleich abzuwehren. Vielleicht erschließt sich dann auch theoretisch ein neuer Horizont. „Dialectic Progress“ scheint mit seiner abstrakten hegelschen Prozessdialektik aus dem 19. Jahrhundert entflohen zu sein, seine Argumentation klingt mal wieder nach „destruktive Kritik“ oder „Gegenstandpunkt“ *langsam genervt ist*. Dir erna, nochmal vielen Dank für Deinen Beitrag. Auch hier finden diskursive Klassenkämpfe statt und der Uni-bluff versucht auch hier Diskussionsteilnehmer mundtot zu machen. Das wird aber nicht passieren. Ach ja, man könnte übrigen wirklich mal eine empirische Untersuchung über die Wahrnehmung der Gesellschaft bei „Bildungsaufsteigern“, oder „Spreizern“ (Spreizer zwischen zwei Welten) machen. Diese Erfahrung des Durchschauens der bürgerlichen Gesellschaft, auch der bürgerlichen Marxisten ist so evident, dass man sie Arbeiterkindern kaum erklären muss. Den bürgerlich-akademisch Sozialisierten muss man es aber irgendwie vermitteln. Ürbigens käme es drauf an, die „Meso-Ebene“ des sozialen Feldes, also etwa die Theorie von Bourdieu oder eine kritische Kommunikations- Anerkennungstheorie mit der Makroebene der Produktionbsverhältnisse zu verbinden. Das ist aber wahrscheinlich zuviel an Kreativität von dem schematischen „Marxismus“ verlangt.

  10. 10 umwerfend 27. Februar 2011 um 23:32 Uhr

    wirkliche arbeiterkinder“ – irgendwie tragisch zu sehen, dass hier 1:1 die fehler des differenzfeminismus wiederholt werden, nur dieses mal halt auf arbeiterkind-schiene.

    „Diese Erfahrung des Durchschauens der bürgerlichen Gesellschaft, auch der bürgerlichen Marxisten ist so evident, dass man sie Arbeiterkindern kaum erklären muss.“

    und wenn nicht, dann sind es halt keine „wirklichen arbeiterkinder“. :P

    man fragt sich nur, wieso diese gesellschaft noch steht, wenn die kinder der 90% lohnabhängigen eh alles durchschauen.

    wer hier bürgerlich-akademisch daherblubbert, dürfte wohl klar sein. oder, tobias? meso-ebene, kritische kommunikations-anerkennungstheorie, bourdieu …

    „Das ist typisch bürgerliches akademisches dominant auftretendes Gehabe“

  11. 11 Carl 06. März 2011 um 16:30 Uhr

    „Das Wesen ist jedoch das Allgemeine, Invariante. Bei Arbeiterkindern ist das zum Beispiel ihre Stellung zu den Produktionsmitteln, die bei jedem Arbeiterkind gleich, also invariant, ist.“

    Das sicherlich richtig, dass lohnabhängigen Arbeiter sich alle darin gleichen, dass sie über keinerlei Produktionsmittel verfügen.
    Dennoch frage ich mich, ob diese Aufteilung Sinn macht. Ein C4-Professor verfügt auch meistens nicht über eine Fabrik… ein kleiner Landwirt oder Frittenbudenbesitzer verfügt über seine Produktionsmittel. Trotzdem ist der Verdienst und das Prestige des C4-Professors in der Regel höher und sein Sohn wird es an der Uni wahrscheinlich leichter haben als die Tochter des Frittenbudenbesitzers (wenn diese es überhaupt auf die Uni schafft. Man sollte nämlich bei der Betrachtung der Erfahrungen der studierenden Arbeiterkinder nicht vergessen, dass Viele überhaupt nie ein Studium anfangen).

  12. 12 Carl 06. März 2011 um 16:55 Uhr

    „denn wo käme man denn hin, wenn man die verhältnisse, die erzwingen, dass jede menge leute im (sperr)müll wühlen müssen, kritisiert.“

    Ich finde es nicht gut, dass viele Studierende arm sind, umwerfend… aber was erwartest du von den armen Studierenden?
    Sollen die in leeren Wohnung sitzen und sich darüber beklagen, dass das Geld nicht für Möbel reicht? Wäre natürlich schön für deinen politischen Standpunkt…
    Ist es nicht besser, wenn jemand versucht sich selbst zu helfen? Solidarität und Kreativität sind nun mal Tugenden. Hat nicht jeder Mensch das Recht das Beste aus seinem Leben zu machen?

    Warum greifst du Tobias an? Wer nicht weiß, wer Bourdieu war oder was die Meso-Ebene ist, kann ja fragen oder googlen.

  13. 13 umwerfend 06. März 2011 um 17:32 Uhr

    carl, es gälte die verhältnisse, die zwangsläufig dazu führen, dass viele menschen im sperrmüll wühlen müssen, zu verstehen und zu beseitigen.

    wieso greift erna andere an und wieso gratuliert ihr tobias dazu? ob dialectic progress mehr „pseudoakadamisch blubbert“ als tobias, das zu beurteilen, überlasse ich anderen.

  14. 14 Carl 06. März 2011 um 19:10 Uhr

    „carl, es gälte die verhältnisse, die zwangsläufig dazu führen, dass viele menschen im sperrmüll wühlen müssen, zu verstehen und zu beseitigen.“

    Wie genau stellst du dir das vor?

  15. 15 Thomas 18. März 2011 um 23:14 Uhr

    „Bei Arbeiterkindern ist das zum Beispiel ihre Stellung zu den Produktionsmitteln, die bei jedem Arbeiterkind gleich, also invariant, ist.“

    Das ist ein bissi bull****. In der Rechnung: persönlichkeitsloser Fleischsack = Arbeiterkind mag die Aussage stimmen. Aber als persönlichkeitstragender Mensch kann ich auf viele Arten und Weisen mich zu diesen Mitteln stellen und das hat nichts mit Arbeiter, Akademiker, Armer oder sonstwas zu tun. Dass das möglich ist, zeigt sich durch die Möglichkeit als Akademiker oder Intellektueller oder sonst wie kostpielig ausgebildeter Mensch (aber auch als stinknormal ausgebildeter) die Institutionen, in denen gearbeitet wird, von innen zu kritisieren – oder das zu unterlassen oder gar zu unterdrücken. Das geht sogar in Kombination: ich kann manches kritisieren, manches unterlassen und manches unterdrücken und im Grunde gilt das für jeden universitär und nicht-universitär ausgebildeten Menschen. Scheint nur so zu sein, als nähmen die Arbeiter- und Armenherkunftler grundsätzlich eher mehr kritische Position ein, je „höher“ (kostspieliger) ihre Ausbildung ist.
    Kein Arbeiter ist machtlos, wie niemand machtlos ist. Der Grad der Verteilung ist die Frage und nicht „mächtig oder ohnmächtig“. „Mächtiger“ und „weniger mächtig“ ist die Bahn. Ohne Arbeiter ist ein Produktionsmittelbesitzer genauso am ***** wie ein Arbeiter ohne Produktionsmittel. Das können beide ausnutzen und tun es auch unentwegt.
    DAS Arbeiterkind gibt es nicht und deswegen ist da auch nichts invariant bei denen, es sei denn man will es sich so denken. Kann man. Muss man nicht.

    Bei der Sache mit der Lesekompetenz muss gesagt sein: Buchstaben lesen können und Texte verstehen sind unterschiedliche Dinge. Wenn ich mir meine Mitstudierenden aus gutem Hause anschaue habe ich jedenfalls nicht den Eindruck, als würden die allzu intensiv werden beim Lesen. Und das man kritisch gegenüber einem „Dr.“ bleibt ist da die Ausnahme. Wenns „gut“ verpackt ist, dann werden da sogar rassistische Dinge gern mitgetragen. Die meisten müssen von den Dozierenden faktisch durch Zwänge dazu gebracht werden vorgegebene Texte überhaupt zu lesen, weil sie von allein keinen Bock drauf haben. Darüber hinaus lesen jene dann zu haus oder für sich aber beschämend wenig. Es gibt Menschen in Geisteswissenschaften, die nicht mal wissen wer Nietzsche war, die noch keinen einzgen Text von Kant gelesen haben und beim Poststrukturalismus schauen wie eine Kuh in die Mülltonne.
    Es ist völliger Nonsense, dass Akademikerkinder und -jugendliche per se „lesekompetenter“ wären. Glücklicherweise hat dialecticprogress auch noch auf Gene und Psyche hingewiesen…
    Bei Akademikern wird Leseinkompetenz nur nicht so hart sanktioniert und Sanktionen haben nicht so harte Folgen. Sowas hat selbst die PISA-Studie, die heftig zu kritisieren ist, gezeigt: dass Kinder aus gutem Hause für eine gute Note weniger Leistung zeigen müssen als Kinder aus ärmerem Hause (insbesondere bezüglich Leseleistungen!). Daraus entwickelt sich dann auch das doppelte Klischee vom „lesekompetenten Akademiker“ und „leseinkompenten Arbeiter und Armen“. Ich bau mir die Welt, wie sie mich erhält…

    Genau deswegen haben Nichtakademikerherkünftler auch in der Tat ein anderes Potential zur Gesellschaftsveränderung als Akademikerherkünftler, wobei die auch Potential haben, es aber nicht so freudig zu nutzen scheinen.
    Akademiker erleben nie die Folgen verpatzter Reformen, jedenfalls nie ausserhalb von Studienn und Medien. Nichtakademikerherkünflter wachsen ihr ganzes Leben mit diesen Verpatzern auf, sie entwickeln daher eine andere Sensibilität für Verpatzer. Deswegen kritisieren sie auch anders, kritisieren aber vor allem intensiver Scheinverbesserungen (intuitiv), die letztendlich eher Entmündigung oder unwürdigere Unterwerfung und Ungerechtigkeit bedeuten – achtung – KÖNNTEN. Ich würde fast behaupten, dass Nichtakedemikerherkünftler häufig pessimistischer gegen allgemeine Gültigkeit und Wahrheit beanspruchende akademisch fabrizierte Reformvorstellungen sind. Und das eben gerade nicht a priori.
    Und dies schon aus einem ganz wesentlichen (!) Aspekt, nämlich dem, dass sie meistens nicht an der Reformfabrizierung allzu ernsthaft teilnehmen dürfen, aber sämtliche Folgen akzeptieren sollen. Deswegen finden sie ihre Nöte und Schmerzen darin auch nicht wieder und die fehlenden Elemente kritisieren sie (das ist die Sensibilität, die ich meine) quasi ex negativo (im doppelten Sinn!).
    Kaum ein Akademikerherkünflter kann sich vorstellen, wie es ist unter bürokratischer Willkür und Erniedrigung leben zu müssen und sich dann noch ständig von irgendwo Häme anhören zu müssen („kann nicht lesen, ist aggressiv, ist dumm, ist faul, ist ungebildet ist nervig, stinkt, ist der Untergang des Abendlandes“), wobei ich das auch keinem wünsche. Wenn man das aber erleben muss, so entwicklet man dafür eine Art Schmerzempfindlichkeit, eine Dolenz. Und man wird jedem kleinen Ausschlag in Richtung Schmerz- und Elendsoppression sehr wachsam verfolgen und dies weit früher als Menschen, die sowas (Willkür, Häme etc.) in dem Maße eben nie erleben mussten und in diesem Sinne indolent sind. Genau das meint der Autor mit „anderer sozialer Erfahrung“. Das ist nicht Phänomenologie (Erscheinung) und Essentialismus (Wesen) als Dialektik, sondern sozialethische Epistemologie (Selbst/Fremdverhältnis, Erfahrung und Erkenntnis).

    Die Sache mit dem Schmerz kann man bspw. bei Schopenhauer in dessen Aphorismen zur Lebensweisheit lesen. Die Armen sind ständig in Not, deswegen ist ihre Grundbefindlichkeit der Schmerz, gegen den sie ankämpfen wollen in seinen Wurzeln. Die Reichen hingegen verzweifeln an ihrer Langeweile (sagt Schopi) und das kann katastrophale Folgen haben.
    Vielleicht fühlen sich wohlhabendere auch deswegen wohler an der (gegenwärtigen?) Universität: es gibt genug zu tun und das reicht ihnen, während die ärmeren an der Stumpfheit und Mittelmäßigkeit des Machbaren und Zumachenden zerbrechen oder davon zerrieben werden. Aber das ist nur ne Hypothese :)

  16. 16 Anna 31. August 2011 um 12:05 Uhr

    erfahrung, konkrete im jetzt und hier, zur erhellung der herrschenden verhältnisse und wie diese wiederum in den subjekten wirken und auch durch diese reproduziert werden: was genau ist denn daran das problem?
    glorifizieren will ich armut nicht: solidarischer umgang, aus not heraus ist eben not und nicht erstrebenswert!
    arbeiterklasse braucht auf längere sicht keine anerkennung als solche, sondern ihre abschaffung. aber was machen wir bis dahin und wie gehen wir damit um?
    vor allem in linksradikalen kreisen wünsche ich mir mehr sensibilität. „wir leiden ja alle unter dem zwang zur lohnarbeit“ stimmt, aber manche halt seit sie vierzehn sind, immer, neben der schule, neben dem studium und danach. andere vielleicht nach dem ende ihres dritten stipendiums und wirklich notwendig ist es dann auch nicht, weil opi noch was zu vererben hat.
    neid meinerseits? oh ja!
    privilegierter erkenntnisstandpunkt wegen betroffenheit durch ein herrschaftsverhältnis: vielleicht nicht? allerdings brachten doch die betroffenen bisher ein, dass sich was ändern muss, weil es sich für sie ändern muss: schwarze, arbeiter, frauen, lesben, schwule, trans. wie ist das sonst zu erklären, außer durch eben den privilegierten erkenntnisstanpunkt?
    vielleicht versteh ich das auch einfach nicht mit der dialektik

  17. 17 Dialectic Progress 13. November 2011 um 8:43 Uhr

    @ Thomas
    Du hast es nicht richtig verstanden. Eine Definition muss immer das Wesen einer Sache beinhalten. Der Begriff „Arbeiterkind“ kann nicht anders definiert werden, als über das Invariante/das Wesen, welches in diesem Zusammenhang nicht Charakter oder Persönlichkeit, sondern eben was alle Arbeiterkinder zu Arbeiterkindern macht herausstellt. Ansonsten würde man sie erst gar nicht in dieser Kategorie zusammenfassen – oder wieso machst du aus einem bestimmten Kind ein Arbeiterkind? Du schaust dir das Invariante bei allen diesen Kindern an und das ist die Stellung ihrer Eltern zu den Produktionsmitteln. Selbstverständlich definiert sich ein Mensch mit all seinen Facetten jedoch nicht nur durch einen Begriff, aber solche Kategorisierungen sind immer abstrahierend. Der Begriff „Kapitalist“ sagt zum Beispiel ja ebenso wenig über die Persönlichkeit aus.

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