Archiv für April 2011

Klassismus versus Rassismus – Unsolidarische Konkurrenz oder Kritik an einer Diskriminierungshierarchie?

Von Andreas Kemper

An dieser Stelle möchte ich eine Diskussion eröffnen, die den Umgang mit Klassismus und Rassismus thematisieren soll. Ausgangspunkt ist die Sarrazin-Debatte. Anhand einer aktuellen Buchveröffentlichung würde ich gerne den Raum eröffnen, um über einen Text bzw. die Nicht-Veröffentlichung eines Textes zu sprechen. In wenigen Wochen erscheint das Buch „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“. Das nicht in diesem Buch veröffentlichte Manuskript, dessen Autor ich bin, ist hier dokumentiert: Denken heißt überschreiten
Dass dieser Beitrag nicht erscheint, wurde damit begründet, dass der Text sich unterschwellig nur auf eine weiße Leser_innenschaft bezieht und dadurch rassistisch sei. Demgegenüber bezeichne ich die Nichtveröffentlichung als Klassismus, da Titel und Inhalt des Buches vorwiegend die rassistischen Angriffe Sarrazins thematisieren, die klassistischen Angriffe hingegen unter dem Rassismus subsumieren und der einzige explizit anti-klassistischen Artikel nicht aufgenommen wurde. (mehr…)

Argumentieren Baumert und Die Zeit wie Sarrazin?

Von Carl

Laut der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ äußert sich Bildungsforscher Jürgen Baumert (PISA) besorgt über die aktuelle demographische Entwicklung. Der Wissenschaftler ist der Meinung, dass in wenigen Jahren in den Ballungsräumen die Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund haben werde. Wenn nichts geschehe, so Baumert im ZEIT-Interview, „genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne zunichtezumachen“. Die Risikogruppe der schwachen Leser werde zudem anwachsen. „Sozial schwächeren Familien“ müssten schon ab der Geburt ihrer Kinder Unterstützungsmaßnahmen geboten werden, damit ihre Kinder eine Chance hätten. Gleichzeitig distanzierte sich Baumert vom Gedankengut von Sarrazin. (mehr…)

Bildungskampf ist Klassenkampf

Aus dem grausamen Bildungsalltag von Kindern aus ‚unteren‘ Schichten

Von Esra Ayse Onus

…und noch eine Initiative: „Bildung vor Ort – Lernlotsen“

Irgendwo in einem kleinstädtischen Gebiet in Kreis Soest (Nordrhein-Westfalen) haben zwei Frauen, Sara* (39, Hausfrau, Mutter von drei Töchtern und einem Sohn) und Mona* (29, Pädagogin), beide mit der ominös neuzeitlichen Gesellschaftszuschreibung Migrationshintergrund eine Initiative gestartet.
Ihrer kleinen und überschaubaren Lerngruppen-Arbeit haben sie die Bezeichnung „Bildung vor Ort – Lernlotsen“ gegeben. (mehr…)

Warum die SPD Sarrazin rausschmeissen muss

Sie muss ihn rausschmeissen, um sich klar vom Erbintelligenz-Paradigma zu distanzieren. Es geht ja nicht mehr nur um Sarrazin, sondern auch um Positionen innerhalb der SPD, wie sie Helmut Schmidt und Klaus von Dohnanyi äußerten. Diese sogenannten „elder statesmen“ sollten reflektieren, dass sich innerhalb der SPD Arbeiterkinder befinden. Nicht Sarrazin ist das Problem, sondern die Sarrazinisten. Zitate gefällig? (mehr…)

Frühe Selektion plus Elternwille gleich Soziale Selektion

Von Andreas Kemper
Hier der Link zum Artikel „Elternwunsch statt guter Noten“ von Thomas Vitzthum in der Welt Online, 17.04.2011

Bald entscheiden fast überall Mutter und Vater, ob das Kind aufs Gymnasium geht. Die soziale Auslese wird dadurch weiter befördert.

Es ist irritierend, dass zum einen eine frühe Selektivität besteht, die mit Begabungsunterschieden legitimiert wird, dass aber gleichzeitig die Kriterien zur Messung dieser Unterschiede abgeschafft werden.
Lehrer_innen sind sozial selektiv, Arbeiterkinder müssen ein ganzes Schuljahr besser sein als Akademikerkinder, um eine Gymnasialempfehlung zu erhalten. Über 80% der Akademikerkinder mit einem Notenschnitt von 2,5 erhalten eine Gymnasialempfehlung, aber nur ein Drittel der Nicht-Akademikerkinder mit dem gleichen Notenschnitt.
Das Problem: Eltern sind noch selektiver. Arbeiter_innen orientieren sich an der klassistischen Meinung der Lehrer_innen, Akademiker_innen schicken ihre Kinder immer aufs Gymnasium. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Durchsetzung des Elternwillens müsste mit intensiven Elterngesprächen einhergehen: Arbeiter_innen müssten ermutigt und Akademiker_innen zurück auf den Teppich geholt werden. Einfacher wäre es, auf die Selektion ganz zu verzichten.

11. Studiensurvey: Bildungsbenachteiligung bleibt unverändert

Das 11. Studiensurvey der AG Hochschulforschung der Uni Konstanz teilt in der Kurzmitteillung zum Kriterium Soziale Herkunft mit:

Für die Studienaufnahme ist sowohl eine gute Abiturnote als auch die akademische Herkunft von fast gleichem Gewicht. 2010 gehören 42% der Studierenden zum Kreis der Bildungsaufsteiger (kein akademisches Elternhaus); ihr Zugang an die Hochschulen hat sich kaum erweitert. An den Universitäten ist ihr Anteil weit geringer als an den Fachhochschulen.

Die Verwirklichung von Auslandsaktivitäten ist abhängig von der sozialen Herkunft. Besonderes Gewicht als Barriere haben Finanzierungsprobleme und Notwendigkeiten der Umorientierung.

Weitere Infos: Zentrale Ergebnisse des 11. Studiensurvey

NC abschaffen! Schon wieder 17.000 Studienplätze unbesetzt

Die Kultusministerkonferenz gab bekannt, dass schon wieder zahlreiche Studienplätze nicht besetzt werden können, weil es Schwierigkeiten mit dem Numerus-Clausus-Prozedere gegeben habe. Einer Agenturmeldung, die gestern durch die Presse ging, ist zu entnehmen:

„Laut KMK-Erhebung konnte im Wintersemester 2010/2011 die Zahl der nach Abschluss aller Nachrückverfahren unbesetzt gebliebenen NC-Studienplätze gegenüber dem Vorjahr «nicht oder jedenfalls nicht relevant gesenkt werden». Im Vorjahr waren «mindestens 18 000 NC-Plätze» frei geblieben. «Für die Studierenden und deren Eltern sowie die Länder und die Hochschulen ist die Situation nicht akzeptabel», heißt es in dem Bericht.
Insgesamt blieben in diesem Wintersemester von den 240 877 Bachelor- und Master-Studienplätzen mit NC auch nach Ende mehrerer Nachrückverfahren 16 723 Plätze unbesetzt – das sind 6,9 Prozent.“

Der Numerus Clausus dient nur der Elitisierung auf Kosten eines freien Bildungszugangs und ist abzuschaffen.

„Klassen, Kultur und symbolische Herrschaft — Gesellschaftsdiagnose nach Pierre Bourdieu“

In Freiburg findet am 7. und 8. Oktober 2011 die Konferenz „Klassen, Kultur und symbolische Herrschaft — Gesellschaftsdiagnose nach Pierre Bourdieu“ statt.
Weiter zur Tagungsankündigung/ Call for paper.

Richter stoppen Gemeinschaftsschule in NRW

Der SPIEGEL berichtet , dass die als Schulexperimente eingeführten Gemeinschaftsschulen vom Verwaltungsgericht Arnsberg nicht in der vorliegenden Form genehmigt werden dürften. Hierfür bräuchte es ein verfassungskonformes formelles Gesetz. Schulministerin Löhrmann sieht dies anders und wird in Revision gehen.

Grafen müssen jetzt schon für Barone arbeiten

Die Nachrichtenagenturen vermelden heute: Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hat einen Anwalt, Alexander Graf von Kalckreuth, der die Vorabveröffentlichung der Ergebnisse der Kommission der Uni Bayreuth zur Überprüfung von Guttenbergs Doktorarbeit scharf kritisiert. Ja, wo gibts denn sowas? Gelten die feudalistischen Zustände gar nicht mehr? Arbeiten jetzt schon Grafen für Freiherren? Und demnächst Herzöge für Arbeiterkinder?
Sorry, momentan bin ich nur noch am staunen.

Aufgeschnappt: „Man kann zwar die Hauptschulen abschaffen, aber nicht die Hauptschüler“

FDP:
„Man kann zwar die Hauptschulen abschaffen, aber nicht die Hauptschüler“




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