Frühe Selektion plus Elternwille gleich Soziale Selektion

Von Andreas Kemper
Hier der Link zum Artikel „Elternwunsch statt guter Noten“ von Thomas Vitzthum in der Welt Online, 17.04.2011

Bald entscheiden fast überall Mutter und Vater, ob das Kind aufs Gymnasium geht. Die soziale Auslese wird dadurch weiter befördert.

Es ist irritierend, dass zum einen eine frühe Selektivität besteht, die mit Begabungsunterschieden legitimiert wird, dass aber gleichzeitig die Kriterien zur Messung dieser Unterschiede abgeschafft werden.
Lehrer_innen sind sozial selektiv, Arbeiterkinder müssen ein ganzes Schuljahr besser sein als Akademikerkinder, um eine Gymnasialempfehlung zu erhalten. Über 80% der Akademikerkinder mit einem Notenschnitt von 2,5 erhalten eine Gymnasialempfehlung, aber nur ein Drittel der Nicht-Akademikerkinder mit dem gleichen Notenschnitt.
Das Problem: Eltern sind noch selektiver. Arbeiter_innen orientieren sich an der klassistischen Meinung der Lehrer_innen, Akademiker_innen schicken ihre Kinder immer aufs Gymnasium. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Durchsetzung des Elternwillens müsste mit intensiven Elterngesprächen einhergehen: Arbeiter_innen müssten ermutigt und Akademiker_innen zurück auf den Teppich geholt werden. Einfacher wäre es, auf die Selektion ganz zu verzichten.

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17 Antworten auf „Frühe Selektion plus Elternwille gleich Soziale Selektion“


  1. 1 Lilar Latte 17. April 2011 um 19:54 Uhr
  2. 2 Irene 18. April 2011 um 11:23 Uhr

    Ich verlinke dann mal wieder den schönen Zeit-Artikel zum Thema „Realschule oder Gymnasium“, weil er gut geeignet ist, ehrgeizige Eltern mittelmäßiger Schüler auf den Teppich zu holen. Und das Zeit-Magazin ein bei Akademikern hoch angesehenes Medium ist.

    http://www.zeit.de/2010/21/Realschule-oder-Gymnasium?page=1

  3. 3 Andreas 18. April 2011 um 14:40 Uhr

    Danke für die Links!
    Apropos „Links“. Dass ausgerechnet unter linken Regierungen der Elternwille mehr zählt als objektivere Möglichkeiten, die „Leistungs- und Begabungsunterschiede“ zu erfassen, durch die überhaupt ja nur das hochselektive Bildungssystem legitimiert ist, ist für mich nach wie vor erklärungsrelevant.

    Hier übrigens ein sehr differenzierter Artikel zum Elternwahlrecht: Hans Wocken: Elternwahlrecht !? Über Dienstbarkeit und Endlichkeit des Elternwillens

  4. 4 Irene 19. April 2011 um 11:59 Uhr

    Hinzu kommt ja noch, dass das rote Abi leichter ist als das schwarze.

    Ich denke, ein Teil der Linken glaubt insgeheim, dass es der Nachwuchs der Nichtakademiker sowieso nicht wirklich drauf hat und deshalb eine Art Puddingabitur für Arme im Geiste braucht. Nur wem kommt das am Ende zu Gute? Akademikerfamilien, die auch schlechte Schüler ins Gymnasium reindrücken.

    Der streberhafte Stoiber (beinahe hätte ich stoiberhafte Streber geschrieben…) wollte das andere Extrem, nämlich ein Superabi für seine Superbayern. Das hat das Wahlvolk auf Dauer nicht gedankt, obwohl Stoiber einer der beliebtesten Ministerpräsidenten war.

    Der Focus hat übrigens diese Woche das Zentralabitur als Titelthema. Bin dafür. Warum sollen es meine Nichten schwerer haben als Kinder in Hamburg oder NRW?

  5. 5 Andreas 19. April 2011 um 12:26 Uhr

    Naja, eigentlich bin ich für die Abschaffung des Abiturs und aller Zugangsbeschränkungen an den Hochschulen. Wer studieren will, soll studieren. Hierzu wäre ein unbefristetes,elternunabhängiges und nicht zurückzuzahlendes Bafög für alle wichtig, auch bedingungsloses Grundeinkommen genannt. Finanziert durch ein konsequente Umverteilung von „oben“ nach „unten“.

  6. 6 Irene 19. April 2011 um 14:06 Uhr

    Interessante Utopie. Allerdings verlagerst Du dann vieles, was heute in den Schulen ausgefochten wird, an die Uni.

    Dann stehen womöglich fünfzehnjährige Chefarztkinder auf der Matte, die von einem Psychologen gegen ein vierstelliges Honorar für hochbegabt erklärt wurden, und wollen spätestens mit 20 ihren Master in der Tasche haben. Und wenn es nicht klappt, macht Papi Druck.

  7. 7 Andreas 19. April 2011 um 18:59 Uhr

    Ach Mist, immer diese Titel… Was kann man da machen?

  8. 8 Irene 20. April 2011 um 15:53 Uhr

    Das Beste aus der Guttenberg-Affäre war der Vorschlag, dass man zumindest die Doktortitel nur noch im Zusammenhang mit der Wissenschaft führen darf.

    Ansonsten sind objektive Qualifikationen schon eine gute Idee, Selbsteinschätzung taugt ja nur sehr begrenzt. Ich will lieber ein Zentralabitur als eine Gesellschaft, die Narzißmus und Anspruchshaltung noch mehr fördert als jetzt schon.

    Für manche Leute wäre es doch heilsam, durchs Zentralabi zu rasseln und zu erleben, dass Papi nicht alles kaufen kann.

  9. 9 Carl 27. April 2011 um 8:07 Uhr

    „Hinzu kommt ja noch, dass das rote Abi leichter ist als das schwarze.“

    Ich finde das sollte man nicht so einfach im Raum stehen lassen. Wie genau ist das ermittelt worden, dass das „rote“ Abitur leichter sei als das „schwarze“?

    Ich weiß, dass Bayern bei PISA besser abschnitt als die SPD regierten Länder, aber 1) werden bei PISA keine Abiturienten getestet sondern 15jährige und 2) könnte es ja durchaus sein, dass die Art der Aufgaben (Multiple Choice) oder die Themen mehr mit den bayerischen Lehrplänen zu tun haben.

    „Warum sollen es meine Nichten schwerer haben als Kinder in Hamburg oder NRW?“

    Ich kenne ja deine Nichten nicht, aber der These, dass es die Kinder in Bayern allgemein schwerer hätten als die in NRW oder Hamburg, würde ich gerne widersprechen. Zum Beispiel leben in Hamburg 23 Prozent der unter 15jährigen von HartzIV (Nordelbische-evangelisch lutherische Kirche: „30 Prozent der Kinder betroffen“), in NRW sind 17,2 Prozent der Kinder arm, in Bayern jedoch nur 7,4 Prozent (zum Vergleich in Berlin waren es sogar 35,7 Prozent; den Artikel kann man ergooglen indem man nach „Jedes sechste Kind in NRW lebt in Armut“ und „Rheinische Post“ sucht).

    Die Bayern, die über ihr schweres Abitur jammern, die vergessen oft, wie gut es ihnen (samt ihrem Nachwuchs) eigentlich geht.

    Wer tatsächlich glaubt, dass die Kinder anderswo bessere Chancen haben, der kann ja gerne sagen wir mal aus dem Unterallgäu (0,7 Prozent der Kinder erhalten Sozialhilfe) nach Gelsenkrichen-Bismarck oder Berlin-Neukölln ziehen.

  10. 10 Irene 09. Mai 2011 um 10:56 Uhr

    Dass in Bayern alles schlecht ist, habe ich nicht behauptet. Allerdings sind die Abiturientenquoten in Bayern eher niedrig.

    Das hat viele Gründe. Einer davon: In Bayern kann man nicht in so seltsamen Fächerkombinationen Abi machen wie Lena ;-)

  11. 11 Irene 09. Mai 2011 um 11:07 Uhr

    Dass in Bayern über das schwere Abi gejammert wird, diesen Eindruck habe ich übrigens gar nicht, außer im Zusammenhang mit der hektischen G8-Einführung.

    Ich habe eher den Eindruck, dass die Leute stolz drauf sind. Sogar in einer Einführungsvorlesung von Jutta Allmendinger kamen mal solche Reaktionen aus dem Hörsaal.

  12. 12 Irene 09. Mai 2011 um 11:31 Uhr

    Noch was zum Äpfel-Birnen-Vergleich zwischen Unterallgäu und Neukölln:

    In Neukölln gibt es ein Gymnasium. Am Münchner Hasenbergl nicht.

    Dass es dem Unterallgäu gut geht, dürfte einiges mit bäuerlichen Strukturen und Grundeigentum zu tun haben. Zu den ländlichen Strukturen gehört auch, dass man die Gemeinderäte, die drüber abstimmen, ob die eigene Wiese Baugebiet wird oder nicht, persönlich kennt. Nur schwer auf Neukölln übertragbar, ja…

  13. 13 Irene 09. Mai 2011 um 11:35 Uhr

    Einen hab ich noch ;-)

    Wer von euch würde sein Abi gegen ein Baugrundstück im Unterallgäu tauschen wollen?

  14. 14 Andreas 09. Mai 2011 um 12:31 Uhr

    Wer von euch würde sein Abi gegen ein Baugrundstück im Unterallgäu tauschen wollen?

    Darf ich meinen Uni-Abschluss behalten, wenn ich das Abi gegen das Baugrundstück eintausche?

  15. 15 Irene 09. Mai 2011 um 12:55 Uhr

    Schöne Idee, gilt aber nicht in diesem Spiel. Ich beziehe mich ja auf Carl, der anscheinend meint, dass die Bayern nicht auch noch höhere Bildung brauchen, wenn es ihnen wirtschaftlich gut geht.

    Der Blick auf Bayern wäre auch mal ein schöner Forschungsgegenstand. Diese seltsame Mischung aus Neid und berechtigter Kritik.

  16. 16 Irene 10. Mai 2011 um 10:15 Uhr

    Noch eine Story über Nichte 1, weil die zeigt, wie es im ländlichen Bayern zugehen kann:

    Sie war letztes Jahr in der vierten Klasse und geht mittlerweile ins Gymnasium. Die Lehrerin der vierten Klasse hatte die persönliche Meinung, dass eigentlich nur zwei Kinder aus dieser Klasse fürs Gymnasium geeignet waren, nämlich meine Nichte und ein weiteres Mädchen. Die beiden verstanden nämlich den Mathe-Stoff nicht nur auf Anhieb, sondern konnten ihn auch anderen Kindern vermitteln, die damit Probleme hatten. Was bei dieser Lehrerin noch als sinnvolle Voraussetzung fürs Gymnasium galt, läuft anderswo längst unter dem Ettikett „Hochbegabung“.

  17. 17 pro musica 19. Mai 2011 um 12:53 Uhr

    Ich bin mir nun nicht so sicher ob Sie Unterallgäu meinen oder Baden-Würtemberg. Bayern verlangt für den Übertritt auf das Gymnasium einen Notenschnitt von 2,33 und Baden-Würtemberg 2,66.
    In der Zwischeninfromation hat meine Toche4r einen Hauptfächerschitt von 2,33, die anderen Fächer nur 1ser. Nach längerer Krankheit ist sie beim Übertrittezeugnis auf 2,66 abgerutscht ( Andere Fächer nach wie vor nur 1ser). Probeunterricht nicht bestanden (Sie sagte es war voll leicht??!!??) Nun bestehe ich auf den Elternwillen. Nicht weil ich ehrgeizig bin sondern weil meine Tochter in der kurzen Zeit die von der Zwischeninformation zum Übertrittzeugnis gar keine Chance hatte fehlende Proben nachzuschreiben.
    Mal sehen wie sich das entwickelt.

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