Bildungskampf ist Klassenkampf

Aus dem grausamen Bildungsalltag von Kindern aus ‚unteren‘ Schichten

Von Esra Ayse Onus

…und noch eine Initiative: „Bildung vor Ort – Lernlotsen“

Irgendwo in einem kleinstädtischen Gebiet in Kreis Soest (Nordrhein-Westfalen) haben zwei Frauen, Sara* (39, Hausfrau, Mutter von drei Töchtern und einem Sohn) und Mona* (29, Pädagogin), beide mit der ominös neuzeitlichen Gesellschaftszuschreibung Migrationshintergrund eine Initiative gestartet.
Ihrer kleinen und überschaubaren Lerngruppen-Arbeit haben sie die Bezeichnung „Bildung vor Ort – Lernlotsen“ gegeben.

Ausgangspunkt:
Klassenkampf durch flächendeckende Ausgrenzung und Stigmatisierung

Dieter Schütz / pixelio.de
(Bildquelle: Dieter Schütz / pixelio.de)

Sara und Mona wollen mit ihrer Anfang Februar dieses Jahres gestarteten Initiative betroffenen Kindern in stigmatisierten, abgefertigten und sogenannten ‚sozialen Brennpunkten‘ die Hand reichen und die Möglichkeit bieten, eine neue Lernkultur zu vermitteln, um gerade auch die zentrale Bedeutung legitimer (Bildungs-)Kultur nach Bourdieu 1 begreifbar zu machen.
Und diese Kinder aus dem systematischen und abhängig machenden Verblödungsprogramm der verrohrenden Jugend-Medien und Werbungen für sinnlose Produkte, Trends und Illusionen für sozial Ausgegrenzte und Abgeschriebene 2 zu befreien, ist ihnen ebenso ein sehr wichtiges Anliegen. Denn das erscheint sehr wichtig und dringend angesichts des permanenten gesellschaftlichen Klassenkampfes um Geld, Macht, Prestige und Abgrenzung. Während das Leben von Kindern aus unteren Schichten exemplarisch, wissenschaftlich, gesellschaftlich und politisch bis ins kleinste Detail beliebig beschrieben, gedeutet, auseinandergenommen und öffentlich zur Schau gestellt wird, leiden die Kinder auch unter dieser Art der entblößenden und herabsetzenden Stigmatisierung, Ausgrenzung, Armut und Benachteiligung und sind sich angesichts der ungehinderten Herabsetzung ihrer gesellschaftsspezifischen und privaten Lebensbereiche dessen gewahr, dass sie einen ausweglos und miserabel vorgezeichneten Lebensweg durchschreiten müssen.
Eine gerechtfertigte schulische Trotzreaktion von einigen der betroffenen Kindern lautet dann: Warum sich noch sinnlos abmühen und mit Inhalten, Themen und Fächern auseinandersetzen, die sowieso kaum Bezug zu den eigenen Lebenswirklichkeiten haben und fast nichts für die eigene Zukunft bieten? Die düsteren Zukunftsprognosen werden kontinuierlich – nicht nur diesen Kindern – in jedem Medienblatt, in jeder Talkshow von anerkannten Experten unterschwellig als Warnbotschaft übermittelt. Das Leben wird schwieriger, die Anforderungen für das auf sich selbst gestellte bzw. – euphemistischer ausgedrückt – selbstbestimmte Individuum größer, der Wettbewerb härter, usw.. Und da das zukünftige Leben von solchen trüben Aussichten gekennzeichnet ist, bleibt wenig bis praktisch gar kein realer Förderbedarf und erwünschtes Entwicklungspotenzial für diese Kinder übrig. Denn Bildungsungleichheit ist Teil des hiesigen, auf Selektion getrimmten Bildungs- und Wirtschaftsprogramms. Und da beide Segmente, Bildung und Wirtschaft, meist sehr eng miteinander verflochten sind, wo kapitalwirtschaftliche Interessen und Entwicklungen über Bildungsgänge und -inhalte maßgeblich entscheiden, fordert und fördert die neoliberale Wirtschaftsordnung eben nur die beste und strengste Auslesepolitik. Eine Wirtschaft, die es seit eh und je geschafft hat, den Wettbewerbsgedanken als unzerrüttelbares Gesetzwerk flächendeckend als einzig wahre Überlebensstrategie auf beinahe alle denkbaren individuellen und allgemeinen Handlungs- und Lebensfelder zu übertragen, ist auf wenige Gewinner und viele Verlierer angewiesen. Wer diesen simplen multikausal funktionierenden Zusammenhang permanent negiert und verdrängt, versteht eben einfachste Grundprinzipen der Wirtschaftsordnung nicht. Die sollte man sich aber dringend verinnerlichen, wenn man die desaströsen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen – übrigens auch übertragen auf sämtliche bildungsgesellschaftliche, globalwirtschaftliche, ja sogar zwischenmenschliche Zusammenhängen – nachvollziehen möchte.

Der tägliche Bildungskampf von Unterschichten-Kindern


(Bildquelle: Jens Schöninger / pixelio.de)

Unterschichten-Kinder oder Kinder in unteren Klassen leben in größtenteils gesellschaftlich abgeschriebenen und abgeschotteten Ghettos, die zum blinden Fleck einer jeden Stadt gehören. Diese Kinder müssen auf für sie vorgefertigte Grundschulen, Förder-, Sonder- und Hauptschulen gehen, die keine andere Funktion haben, als sie vorselektiert zu sammeln und abzufertigen. Ein sogenannter „10 B“-Abschluss zählt unter diesen Schülern zur besonderen, ein auf der Realschule absolvierter Realabschluss zur Prädikats- und ein geschafftes Abitur zur Exzellenzauszeichnung. Und die reale Wahrscheinlichkeit, die allgemeine Hochschulreife zu absolvieren, ist verschwindend gering. Man könnte durchaus eine Parallele zu den Vereinigten Staaten Amerikas 3 ziehen, denn auch hier wachsen arme Kinder geschlossen und abgetrennt vom gesellschaftlich wohlfunktionierenden Rest unter sich und unter miserabelsten Standards auf. Diese Kinder stellen quasi die klassenreproduzierende Nachkommenschaft dar. Sie werden als verwahrlost, moralisch fehlentwickelt, verhaltensgestört, usw. wahrgenommen. Der eher ungeläufige Klassismus-Begriff wäre für eine sachgerechte Zustandsbeschreibung auch in unseren Breitenkreisen längst überfällig 5. Wir leben in einer – als Schichten umschriebenen und euphemisierten – Klassengesellschaft, in der der Klassenkampf nach wie vor unter anderen Bedingungen vorherrscht und stillschweigend geführt wird. Die Kinder müssen stellvertretend diesen rabiaten Kampf im Bildungsalltag austragen, der insbesondere in der krassen, als nicht brutal und ungerecht empfundenen, subtilen Selektion im Bildungssystem zum Ausdruck kommt. So ist dieses Problem auch nicht damit gelöst, sondern höchstens kaschiert, wenn man ständig auf gleichen formalen und rechtlichen Zugangsberechtigungen als Indikator für Chancengleichheit hinweist. Der brutale Bildungskampf, den stellvertretend die Kinder in unterschiedlichen Klassen gegeneinander führen müssen, bleibt somit eine Schande für eine Wohlstandsgesellschaft wie die unsrige, die sich allzu gern mit ihren geistigen und sozialen Errungenschaften, Werten und Normen rühmt.
Und natürlich geht der Klassenkampf an den Kindern in unteren Klassen nicht spurlos vorbei. Diese Kinder fallen gesellschaftlich insbesondere negativ auf. Dank der Einsatzbereitschaft der Massenmedien wird ein entwürdigendes und erniedrigendes Bild dermaßen übertrieben nachgezeichnet, dann effektiv und multipliziert weiterverbreitet, um es im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis zu zementieren. Mit diesen Menschen und Kindern möchten die wenigsten, nicht mal geschulte Pädagogen und Sozialarbeiter zu tun haben. Es sind und bleiben eben unlösbare Problemkinder und -fälle, die gleichzeitig auch mit ihrem gesamten Dasein, ihrem sozialen Verhalten und Erscheinungsbild, in gesellschaftlichen Gruppen eingefangen und katalogisiert werden. Sie zeigen in ihrem gesellschaftlich wahrgenommenen und nachgezeichneten Leben, wie man eben nicht sein will, nämlich Verlierer der Gesellschaft. Und selbst studierte Pädagogen, Lehrer und Sozialarbeiter verwundern immer wieder mit ihrer mangelnden Problemwahrnehmungskompetenz, die sich insofern bemerkbar macht, indem man über das mangelnde Bildungsniveau dieser Kinder mitjammert und erschrocken ist, „wie dumm und geistig / intellektuell zurückgeblieben diese Kinder doch in der Regel“ seien. Nicht das Bildungssystem ist in diesen zwar studierten, aber von herrschenden Verhältnissen geprägten und angepassten Köpfen das Problem, sondern die Eltern oder im schlimmsten Fall sogar die Kinder selbst seien schuld an ihren eigenen Miseren. Wie überall bestätigen zum Glück auch in diesem Problembereich, Ausnahmen die Regel. Engagierte und idealistische Menschen mit Weitsicht und gewissenhaftem Reflexionsvermögen verstehen die einfachen Zusammenhänge und wissen, dass diese Kinder einem permanenten, sozio-politischen Verbrechen zum Opfer fallen und zur erwünschten geistigen Verwahrlosung gezwungen und verurteilt sind. Denn ohne diese Schicht, würde jedenfalls derzeit die gesamte Wirtschaftsordnung kollabieren. Eine notwendige und unmittelbare Auflösung dieser staatlich geförderten Schichtenlogik wäre sowieso undenkbar. Verlierer, Schwache, oder wie immer man sie auch nennen mag, muss es zwangsläufig in dieser durchökonomisierten Gesellschaftsordnung geben, solange jedenfalls bis wirtschaftliche Herrschaftsinteressen keine anderen Vorgaben verlangen und durchsetzen. Noch ist der sozialdarwinistische Biologismus-Ansatz à Sarrazin-Thesen, denen leider lautstark zugejubelt und verhältnismäßig schwach und müde entgegnet wurden, glücklicher Weise noch nicht soweit fortgeschritten, dass man im worst case auf gesamtgesellschaftlich akzeptierte Verdrängung und Vernichtung unnützen Menschenlebens setzen würde, auch wenn die meisten inszenierten und medial hochgepushten Debatten in diese gefährliche und enthemmende Richtung verweisen 4. Der gesellschaftliche Rückfall in die Barbarei ist prinzipiell niemals auszuschließen, egal welche genialen und universellen Aufklärungsideen aus dieser Gesellschaft entsprungen sein mögen.

‚Schwache‘ ohne mächtige Interessensvertretung – Fehlende Lobbyarbeit


(Bildquelle: Gerd Altmann / pixelio.de )

Nach dieser zart angestreiften Kapitalismuskritik bleibt zu betonen, dass die intensive und regelmäßige Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Beschreibungen, Diskursen und Analysen des kapitalistischen Systems natürlich wichtig und unverzichtbar ist. Sie sprechen aber weder direkt die am härtesten von dieser systematischen Selektion betroffenen Menschen und insbesondere deren Kinder an, noch haben sie den Anspruch, direkt in das Leid und die Not der Betroffenen einzugreifen. Die Leidtragenden müssen eben unterschiedlich mit ihren undurchbrechbaren Individualschicksalen umgehen, menschlich vegetieren, verzweifeln, resignieren, jedenfalls im schlimmsten Fall alleine damit irgendwie zurechtkommen.
Für eine unmittelbare pragmatische Verbesserung, können und müssen Forschung, gesellschaftliche, humanistische und sonstige Vereine und Organisationen gleicherweise auf sofortige Verbesserungsmaßnahmen des ungerechten und selektiven Systems drängen und mit den Regierenden für die Durchsetzung von Interessen der Entrechteten und Schwachen verhandeln. Aber das ist schwerste Knochenarbeit undankbarster Art, die häufig mit subtilen Sanktionen, persönlichen Nachteilen und Hürden verbunden ist. Wer nicht eine innere moralische, ethische oder sonst eine transzendentale Überzeugung und ein Minimum an Aufopferungsbereitschaft in sich trägt, wird diese undankbare Aufgabe selten übernehmen. Erst recht nicht heutzutage, wo sowas keinerlei Wert und ökonomische Verwertungsoption trägt. Solche Engagements verkommen leider verständlicher weise immer mehr zu Einzelaktionen und sind regional meist von wenigen Engagierten abhängig, die an einer einzigen Hand abzuzählen sind. Schönwetterpolitik mit einem damit einhergehenden sozialen Resignations- und Optimismuszwang ist ein altbekannter und wirkunsvoller Polit-Mechanismus, womit man eine täuschende Kenntnisnahme von Problemen und die politische Umsetzung von Maßnahmen vorgibt. In Wirklichkeit passiert abgesehen von dem letzten beschlossenen formalen und materiellen Bildungspaket (Leistung für Bildung und Teilhabe) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales rein gar nichts für untere Klassen und die schonende Lösung der größer werdenden sozio-ökonomischen Klassenfrage. Die unteren Klassen sind sich in ihrem wachsenden materiellen Elend und die Bewältigung von sozialen Fragen ganz auf sich selbst gestellt

Konzept der Lernlotsen:
Kinder motivieren, wertschätzen und geistig-sozial-moralisch stärken


(Bildquelle: regenbogen56 / pixelio.de)

Mona und Sara haben gerade auch aus solchen Gründen die Initiative „Bildung vor Ort – Lernlotsen“ aus sehr pragmatischen und intuitiven Gründen heraus gestartet. Als zufällig in einem privaten Gesprächskreis das verzweifelte Thema der schlechten Schulleistungen von Kindern betroffener Eltern aufgegriffen wurde, hat man gemeinsam den Kopf zerbrochen, was die wahren Ursachen wären und wie man die Bildungslücken der Kinder beseitigen könnte. In diesem Kontext war dann sehr schnell die Idee geboren, an Wochenenden, intensive und regelmäßige Hausaufgabenbetreuungen und Lernrunden für eben diese und andere betroffene Schulkinder von ungefähr sieben bis dreizehn Jahren anzubieten. Primäre Zielgruppe waren Schüler aus sozial benachteiligten Schichten mit unterschiedlichem Leistungsstand und Lernbedarf, die innerhalb kürzester Zeit auch gefunden waren. Die raren personellen und sonstigen Kapazitäten wurden daher auf die Betreuung und Aufnahme von maximal 25 Schülern begrenzt. Sara lebt seit zehn Jahren zusammen mit ihrer fünfköpfigen Familie in einem Eigenheim. Im Erdgeschoss befinden sich zwei mit offenem Durchgang abgegrenzte Räume, die sehr hübsch und einladend eingerichtet sind, weil dort u.a. regelmäßig kreative Handarbeitskurse stattfinden. Diese lernfreundlichen Räume bot sie dann für die sofortige Umsetzung der gemeinsamen Idee an. Ohne große vereinsorganisatorischen Zielsetzungen war man gewillt, möglichst schnell mit den Lernrunden anzufangen. Seitdem kommen 25 Kinder an ihren schulfreien Samstagen und Sonntagen von 10 bis 15 Uhr, um das Lernen zu lernen, Hausaufgaben zu machen oder einfach mit ihren Schulbüchern, inhaltlich frei zu experimentieren. Die Eltern sind beruhigt, zu wissen, dass ihre Kinder in dieser Zeitspanne von schädlichen Einflüssen der degenerierenden Medienkultur verschont sind und sinnvoll ihre freien Tagen an Wochenenden verbringen. Und das könnte – auf jeden Fall langfristig betrachtet – für jeden Einzelnen in irgendeiner individuellen Art und Weise fruchtbar sein. So jedenfalls ist die Überzeugung der Initiatorinnen der Lernlotsen. Mittlerweile gebe es schon die ersten Leseratten mit ihren Lieblingsbüchern oder Entdecker mit ihren Lieblingsthemen. Sowas sei in diesem Milieu ein eher ungewohntes Phänomen. Doch so hoffen Sara und Mona, könnte sich unter den Schülern eine Kultur durchsetzen, die auch andere Kinder mit einem Lerneifer ansteckt, so dass mehr Kinder sich solidarisch zum Lernen anhalten.

Die zeitliche Planung der Lernlotsen ist offen und locker gestaltet. Es werden zwei Gruppen angeboten, die jeweils aus Hausaufgabenbetreuung in der Art und Weise eines Silenciums und Lernrunde in der Art und Weise von Einzel- oder interaktiven Gruppenarbeiten bestehen. In der Hausaufgabenbetreuung haben die Schüler die Möglichkeit, selbstständig Hausaufgaben zu bearbeiten und inhaltliche Fragen zu klären. Außerdem können sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten oder sich mit ihren Lernschwächen auseinandersetzen.
Die Lernrunden sind von entscheidender Bedeutung, weil sich Mona und Sara dahingehend hohe Ansprüche gestellt haben. Mit diesen Lernrunden wollen sie eine wie oben bereits erwähnte, neue soziale Lernkultur erproben und gegebenenfalls durchsetzen, die unter diesen Kindern weitgehend unbekannt und ungewohnt ist. Eine Lernkultur, die Bildung schmackhaft macht, um die Persönlichkeiten dieser Kinder mit Inhalten und Instrumenten der Bildung anzuvertrauen und sie für den Alltag zu stärken. Ihre Zielsetzungen haben sie in die sehr idealistisch klingenden Formulierungen gebracht:

+ Begeisterung für Unterrichts- und Bildungsinhalte über den gewöhnlichen Schulalltag hinaus
+ Lernen als Leidenschaft (Lernlust statt Lernfrust)
+ Integration des gemeinschaftlichen und solidarischen Lernens in die Freizeitkultur
+ Schonende Aufklärungsarbeit über sozial und geistig schädigende Einflüsse von Massenmedien, ökonomisierter Jugendkultur, Konsumismus etc.

Lernlosten: Perspektiven und weitere Zielsetzungen


(Bildquelle: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Vorerst wollen Sara und Mona natürlich die angefangene Lerngruppe vor Ort sicherstellen, stärken und weiter durchführen. Wichtig ist die Beständigkeit mit sorgfältiger und bestmöglicher Betreuung jedes einzelnen Individuums. Städtische Unterstützungs- und soziale Kooperationsmöglichkeiten sollen im nächsten Schritt recherchiert und angefragt werden. Insbesondere auch für den wichtigen Zweck, der Initiative einen offiziellen und formalen Charakter zu geben, ist eine bevorstehende Aufgabe. Lernlotsen werden von Sara und Mona ehrenamtlich ohne jegliche Aufwandsentschädigung angeboten. Dafür aber mit umso mehr Herzensblut und innerer Überzeugung. Das kriegen die betroffenen Kinder so auch zu spüren und besuchen daher gerne die Lernrunden, um ihr freies Wochenende dort sinnvoll zu verbringen.

Die Lernlotsen werden ideell vom Verein für Abbau von Bildungsbarrieren unterstützt. Im Gegenzug möchte man wichtige beispielhafte Erfahrungen und Biographiebeispiele dokumentieren und für wissenschaftliche Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Derzeit arbeiten die Lernlotsen daran, ein ähnliches Vorhaben in Münster umzusetzen.
Regionale Ausweitungsvorhaben der Initiative könnten an der personellen Einsatzbereitschaft scheitern, da es aus bekannten Erfahrungen sehr schwierig ist, engagierte und interessierte Menschen für solche kostenlose und ehrenamtliche Projekte zu begeistern die zudem verhältnismäßig sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmen. Sara und Mona freuen sich daher über jede Kontaktaufnahme im Hinblick auf Zusammenarbeit und organisatorische, inhaltliche oder sonstige Anregung. Bei Interesse kann man einfach unter bildungistalles@yahoo.de die Verantwortlichen anschreiben. Die Lernlotsen sind zwar ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein, aber jede noch so kleinste Arbeit mit insbesondere bedürftigen Kindern und Betroffenen wichtigen sozialen Fragestellungen und Problemen wird immer unverzichtbarer.

(* Name hier geändert)

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Fußnoten

  1. Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt am Main. (französisch: La distinction. Critique sociale du jugement. Paris 1979). [zurück]
  2. Wieczorek, Thomas (2009): Die verblödete Republik: Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen. Knaur.
    Zitat: „Man stelle sich nun einmal vor, die Normalbürger wüssten Bescheid über die Fakten und Hintergründe von Armut und Reichtum, Weltwirtschaftsordnung, Konzernpolitik in der Dritten Welt, wirtschaftlichen Verflechtungen und Korruption – ganz zu schweigen von den ökonomischen, politischen und philosophischen Theorien und ihren Folgen. Wäre unter diesen Umständen eine mit beeinflussbaren Stümpern durchsetzte politische Klasse überhaupt vorstellbar? …Können manche hanebüchenen Projekte überhaupt umgesetzt werden, wenn wirklich entscheidungsfähige Bürger darüber urteilten und -sei es auch nur per Wahlen- mitentscheiden?“. [zurück]
  3. Hooks, Bell (2000): Class Matters: Where we Stand. Routledge. [zurück]
  4. Fabinger, Tobias (2010): Einige Gedanken zur Sarrazin-Debatte, zur politischen Elite und zur Bedeutung kritischen Denkens. [Online] http://dishwasher.blogsport.de/2010/09/06/einige-gedanken-zur-sarrazin-debatte/, Stand: 22.04.2011
    Kemper, Andreas (2010): Definieren Sie Rassismus, Herr Dohnany. [Online] http://klassismus.blogspot.com/2010/09/definieren-sie-rassismus-herr-dohnanyi.html,, Stand: 22.04.2011 [zurück]
  5. Kemper, Andreas / Weinbach, Heike (2009): Klassismus. Eine Einführung. Unrast. [Online] www.klassismus.de [zurück]
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1 Antwort auf „Bildungskampf ist Klassenkampf“


  1. 1 Alexina 30. April 2011 um 13:42 Uhr

    „Und selbst studierte Pädagogen, Lehrer und Sozialarbeiter verwundern immer wieder mit ihrer mangelnden Problemwahrnehmungskompetenz, die sich insofern bemerkbar macht, indem man über das mangelnde Bildungsniveau dieser Kinder mitjammert und erschrocken ist, „wie dumm und geistig / intellektuell zurückgeblieben diese Kinder doch in der Regel“ seien. Nicht das Bildungssystem ist in diesen zwar studierten, aber von herrschenden Verhältnissen geprägten und angepassten Köpfen das Problem, sondern die Eltern oder im schlimmsten Fall sogar die Kinder selbst seien schuld an ihren eigenen Miseren. Wie überall bestätigen zum Glück auch in diesem Problembereich, Ausnahmen die Regel. Engagierte und idealistische Menschen mit Weitsicht und gewissenhaftem Reflexionsvermögen verstehen die einfachen Zusammenhänge und wissen, dass diese Kinder einem permanenten, sozio-politischen Verbrechen zum Opfer fallen“

    Zunächst mal volle Zustimmung. Die Stümperhaftigkeit und Idiotie vieler Sozialhelferlinge ist an Universtität (Lehrende und Lernende, wobei den Lehrenden hier mehr Verantwortung, die sie nicht erfülllen, zukommt) als auch in der arbeiterischen Praxis erschreckend. Wie gerne man da mit „kauft sich Flat-Screens und geht Bier trinken“– Beispielen ausshilft ist einfach nur abstoßend.
    Gleichzeitig ist es aber auch für diejenigen, die das anders machen wollen oder – wegen der eigenen Haltung quasi – müssen, ein großes Problem, damit überhaupt ein Einkommen zu erreiche. Denn wo arbeitet man denn dann? Im Jugendamt? Bei den Kirchen? Als Schulsozialpädagoge?
    Alle Institutionen, in denen Sozialpädagogen u.ä. arbeiten können sind ja selbst maßgeblicher Teil desssen, was sie zu überwinden trachten. Das soll nun nicht heißen, dass da als Sozialpädagoge u.ä. nicht gearbeitet werden könnte, sondern, dass es ziemlich riskant sein kann.
    Vielleicht müssten sich solcher Maßen arbeitende Sozialhelferlinge mal einen eigenen Notfallfonds o.ä, einrichten, von dem aus man kurze Zeit überbrückt werden kann, falls das, was man verändert hat der Institution, in der man es getan hat, zu weit ging (was ein Erfolg ist, auch wenn man dan arbeitslos ist). JEdenfalls können auch Sozialpädagogen u.ä. Kräfte nie sehr viel revolutionärer werden, als ihre Umgebung es ihnen gestattet (“ ‚zu‘ revolutionär“ ist dann gleich „deviant“ und bedeutet: du kannst gehen), aber eine Veränderung dieser Umgebung herbeizuführen (zb. durch so einen Fonds u.ä.) kann ja nicht verboten sein.
    Dann könnte man vielleicht auch einmal weiter gehen als bis zu Hausafgabenhilfen an Wochenenden, die ja an den Ursachen, weswegen diese Hausaufgabenhilfen an Wochenenden notwendig sind, nichts verändern. Sie machen sie in bestimmten Sinne nur erträglicher, federn ihre Folgen ab, verlängern damit aber auch das ganze ungerechte Sachverhältnis (wiewohl sie trotzdem sinnvoll sind, da man die Kinder ja wegen Idealismus nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann!) und verschieben eine Schulaufgabe in die eigenen vier Wände (was ein Potential sein kann!).

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