Argumentieren Baumert und Die Zeit wie Sarrazin?

Von Carl

Laut der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ äußert sich Bildungsforscher Jürgen Baumert (PISA) besorgt über die aktuelle demographische Entwicklung. Der Wissenschaftler ist der Meinung, dass in wenigen Jahren in den Ballungsräumen die Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund haben werde. Wenn nichts geschehe, so Baumert im ZEIT-Interview, „genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne zunichtezumachen“. Die Risikogruppe der schwachen Leser werde zudem anwachsen. „Sozial schwächeren Familien“ müssten schon ab der Geburt ihrer Kinder Unterstützungsmaßnahmen geboten werden, damit ihre Kinder eine Chance hätten. Gleichzeitig distanzierte sich Baumert vom Gedankengut von Sarrazin.

Wie steht ihr zu dieser Argumentation?

Dieser Artikel ist in „Der Zeit“ erschienen, einer Zeitschrift die imho nicht als rechtsradikal gilt. Auf den ersten Blick erscheint der Artikel mir auch ziemlich im Mainstream gewisser akademischer Milieus zu liegen, aber lest ihn euch mal sehr aufmerksam durch.

Für mich klingt das schon ein bisschen nach Sarrazin, aber das heisst ja nicht, dass es auch so gemeint sein muss.

Wer sind diese „sozial schwächeren Familien“, denen die Unterstützungsmaßnahmen zugute kommen sollen?
Ich denke, dass sozial schwach heute ein Euphemismus geworden ist für ein anderes Wort. Könnt ihr euch denken, welches ich meine?
Vielsagend zum Beispiel der Kommentar von „Biljana“: „Aus „schwächeren sozialen Schichten“ heißt übersetzt „weniger intelligent“ („Biljana“ am 19. April 2011 um 16.11 Uhr in der Leserdiskussion des Artikels).

Der Artikel propagiert imho die Meinung, dass Arme nicht etwa Geld brauchen, um nicht mehr arm zu sein. Nein, das wäre zu einfach. Vielmehr brauchen sie „Förderung“.
Darum wird auch nicht nach der Abschaffung der Armut gerufen, sondern nach „Entwicklungsdiagnostik“. Auf gut deutsch: nicht die Armut, sondern die armen Eltern sind Schuld an der Situation ihrer Kinder.
„Emil“ kommentiert den Artikel: „Ergo, es darf auch nicht der Staat einem Hartz IV – Empfänger großzügig Mittel für die Förderung seiner Kinder geben, sondern er müssen die Mittel dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden: In der Schule und für die Schule!“ („Emil“ am 19 April 2011 um 22.34 Uhr).

Ebenso wird mit den Migranteneltern verfahren. Einwanderung kann durchaus als Chance begriffen werden. Länder wie Australien, Neuseeland oder Kanada bestehen fast ausschließlich aus Einwanderern und ihren Nachfahren. Dies sind schöne Länder, die ihrer Bevölkerung einen hohen Lebensstandard bieten können. „Ex pluribus unum“, um Guttenberg völlig aus dem Zusammenhang gerissen zu formulieren. Es funktioniert.

Es ist imho in der öffentlichen Diskussion etwas schief gelaufen, so dass Migration nur noch einseitig als Problem angesehen wird.
Die deutsche Kultur ist doch auch nicht so überaus perfekt, dass wir von nichts von Anderen lernen könnten.

Mich würde eure Meinung zu diesem Artikel interessieren. Seht ihr darin auch, was ich sehe?

Der Artikel „Pisa-Forscher Jürgen Baumert schlägt Alarm: Bildungsabstieg durch sinkende Schülerzahlen und mehr Einwandererkinder“ ist auf dem Blog von Zeit Online zu finden (19. April 2011), Autor ist Thomas Kerstan.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio

10 Antworten auf „Argumentieren Baumert und Die Zeit wie Sarrazin?“


  1. 1 Irene 27. April 2011 um 14:58 Uhr

    Der Artikel propagiert imho die Meinung, dass Arme nicht etwa Geld brauchen, um nicht mehr arm zu sein. Nein, das wäre zu einfach. Vielmehr brauchen sie „Förderung“.

    Was ist denn daran falsch? Geld allein macht noch keine Bildung.

    Den Artikel habe ich noch nicht gelesen, setz doch bitte einen Link.

    Es ist imho in der öffentlichen Diskussion etwas schief gelaufen, so dass Migration nur noch einseitig als Problem angesehen wird.
    Die deutsche Kultur ist doch auch nicht so überaus perfekt, dass wir von nichts von Anderen lernen könnten.

    Kommt drauf an, wo man hinsieht. Es gibt auch eine Menge positiver Diskriminierung von Migranten, z.B. Claudia Roths Schwärmerei für die Türken. Oder wenn Bushido trotz seines Sexismus auf irgendwelchen Veranstaltungen für mehr Toleranz auftreten durfte.

    Interessanter Kommentar übrigens im Tagesspiegel von Tissy Bruns zum Thema Sarrazin:
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/wer-auf-die-buschkowskys-nicht-hoert-muss-sarrazin-ertragen/4103860.html

  2. 2 Carl 27. April 2011 um 15:53 Uhr

    „Was ist denn daran falsch? Geld allein macht noch keine Bildung.“

    Das nicht aber der Mangel an Geld allein kann Bildung recht effektiv verhindern (zum Beispiel wenn jemand neben Schule und Studium jobben muss, oder sich die Studiengebühren nicht leisten kann).

    Wenn man findet „Die Armen haben eigentlich genug Geld, aber sie sind unfähige Eltern. Je weniger Zeit ihre Kinder mit ihnen verbingen, desto besser, also mehr Ganztagschulen“, dann soll man das auch genau so sagen. Bitte kein drumrumreden um den heissen Brei, sondern klare Ansage.
    Das stört mich halt, dass „sozial schwach“ meiner Meinung nach gebraucht wird wie asozial, aber als vollkommen politisch korrekt gilt.

    Wenn jemand sagen würde „Wir wollen nicht, dass das ganze asoziale Gesindel auch noch seine Kinder versaut“ dann würde das niemals in der Zeit abgedruckt, aber „wir wollen sozial schwachen/benachteiligten/armen Kindern helfen ihrem Millieu zu entkommen“ sowas gilt als vollkommen politisch korrekt, meint aber imho das Gleiche. Wie gesagt: nur meiner persönliche Meinung.

    Die implizite Aussage ist meiner Meinung nach „Die Problem ist nicht die Armut, sondern die Armen“, was wiederum polemisch ausgedrückt implizieren könnte: „Wenn jemand für fünf Euro die Stunde für eine Zeitarbeitsfirma schuftet, kann man das doch nicht der Firma anlasten. Irgendwas wird der schon falsch gemacht haben. Aha, der ist zu alt (wahlweise: zu schlecht qualifiziert, im falschen Land geboren, hat einen Beruf erlernt, den es heute nicht mehr gibt, hat zu viele Kinder). Na selbst Schuld. Solchen Leuten kann man doch keine Kinder anvertrauen“.

    Es gibt sicher ganz furchtbare Eltern (übrigens in allen Schichten meiner Meinung nach), aber ich finde es vollkommen falsch allen Armen zu unterstellen, sie wären unfähig und bräuchten Sozialarbeiter statt Geld und ihre Kinder bräuchten Entwicklungsdiagnostik.
    Ich denke, dass vielen Leute mit ein bisschen mehr Geld für ihre Kinder sehr geholfen wäre und ich denke nicht, dass alle Armen schwach sind. Im Gegenteil, viele weisen sogar eine außerordentliche Stärke und Weitblick und Opferbereitschaft auf, damit es ihren Kindern besser geht. Gerade auch Migranten. Meiner Meinung nach brauchen diese Leute Geld und nicht gute Ratschläge. Weiterhin glaube ich, dass die Kinder oft gar nicht „ihrem Milieu entkommen wollen“, weil sie ihre Eltern lieben und sie wollen nicht zu der Sorte Mensch werden, die ihre Eltern ausbeutet.

    Das fehlt mir oft in der Diskussion.

    „Es gibt auch eine Menge positiver Diskriminierung von Migranten, z.B. Claudia Roths Schwärmerei für die Türken. Oder wenn Bushido trotz seines Sexismus auf irgendwelchen Veranstaltungen für mehr Toleranz auftreten durfte.“

    Was hat Roth über die Türken gesagt? Ich bin da nicht im Bilde.
    Bushido ist imho eine ziemliche Fehlbesetzung bei einer Veranstaltung für mehr Toleranz. Ich stimme vollkommen zu.

    Die Frage ist halt nur, müssen wir wegen der demogrpahischen Entwicklug tatsächlich damit rechnen, dass die gesamte Bildung den Bach runtergeht, falls nicht sofort ein Heer von Sozialarbeitern beschäftigt wird, oder ist das vielleicht doch ein bisschen übertrieben?

    Ich hatte den Link eigentlich schon gepostet, muss wohl im Spamfilter gelandet sein. Im nächsten Beitrag poste ich den nochmal.

    Bitte, Admin, kannst du gleich mal in den Spamfilter gucken und den veröffentlichen?

  3. 3 Carl 27. April 2011 um 15:57 Uhr
  4. 4 Administrator 27. April 2011 um 17:36 Uhr

    Done.
    War vorhin unter Zeitstress, daher erst jetzt der Link.

  5. 5 Anon 27. April 2011 um 21:30 Uhr

    Ich komme nicht mehr mit.
    Fast alle Beiträge hier drehen sich um die Benachteiligung von ärmeren Schüler_innen und jetzt, wenn jemand schreibt das man da vielleicht mehr tun sollte, ist es ach falsch?
    Man sehe sich etwa die Seite 99 der originalen Studie an, da steht schwarz auf weiß genau das, was hier im Blog sonst kritisiert wird.
    Unter der Revolution geht es bei euch wohl nicht?

  6. 6 Alexina 30. April 2011 um 14:46 Uhr

    „„Was ist denn daran falsch? Geld allein macht noch keine Bildung.“

    Das nicht aber der Mangel an Geld allein kann Bildung recht effektiv verhindern (zum Beispiel wenn jemand neben Schule und Studium jobben muss, oder sich die Studiengebühren nicht leisten kann).“

    Dazu sei mal gesagt: die Universität, die Hure der Bildungspropaganda, vermittelt bekanntlich nicht nur Wissen. Und wenn ich mir den heutigen Zustand anschaue, dann bin ich doch arg der Auffassung, dass die Zeiten, in denen die Unis noch wirkliches Wissen vermittelt haben zum größten Teil hinter uns liegen.
    Jedenfalls finde ich es immer falsch zu implizieren, wer auf der Uni war, sei klug. Die Uni gibt vielweniger Bildung als vielmehr Macht. Von dieser Macht profitieren aber nicht alle gleich (da braucht es Beziehungen), d.h. das Potential dieser Macht ist sehr unterschiedlich auf die gesamte Bevölkerung verteilt. Freilich, in homogener Gruppe („von und zu“) ist das Potential dann wieder recht gleichmäßig ein hohes, in anderer homogener Gruppe („Müller“) dafür ein gleichmäßig niedriges (aber immerhin ein Potential). Uni und Schule sollte man meiner Ansicht nach nicht als primär wissensvermittelnd sehen, sondern als sekundär wissensvermittelnd. Primär sind die Unis und Schulen Herrschaftsinstrumente und zwar selbst in der schlampigsten Ausführung noch auf ganz ausgezeichnete Art und Weise.

    Ansonsten: Mehr Geld hilft Armen bestimmt. Daran ist nichts zu rütteln. Weniger Amts-Kontrolle bzw. Bürokratisierung der Armut hilft sicher auch, ebenso wie weniger Hysterie: so lange, wie Armut ein Problem von Zahlen ist, die unter dem Strich einfach nicht schwarz werden wollen statt eines der Unerträglichkeit von (vermeidbarem) Elend wird sich nicht viel ändern. Allerdings ist nur mehr Geld sicher auch nicht die Lösung, denn dadurch werden die Ungerechtigkeiten nicht zerstört und Macht auch kaum angetastet. Man wird dann in diesem Sinne nur ein dickerer Sklave, aber Sklave bleibt man immer noch. Eine Amnestie würde ich gut finden, in der den Armen die Schulden erlassen werden. Gnade statt Almosen.

    Überhaupt: Gnade, ein selten benutztes Wort.

  7. 7 Carl 04. Mai 2011 um 7:43 Uhr

    @ Danke

    @ Anon: Vielleicht habe ich den Beitrag in der Zeit ja vollkommen falsch verstanden, aber ich sah folgenden Argumentationsgang:

    1) Die falschen Leute („sozial Schwache Migranten“) kriegen zu viele Kinder
    2) Das könnte schreckliche Auswirkungen für unser Land haben
    3) Die Kinder sind minderwertig, wir müssen schnell sozialpädagogisch eingreifen, damit sie vielleicht doch noch höherwertig werden

    Um Benachteiligung geht es wohl schon irgendwie. Die Kinder sind jedoch laut Artikel vor allem dadurch benachteiligt, dass sie untaugliche Eltern haben, nicht aber durch Armut, Diskriminierung oder so.

    Man wird argumentieren können, dass manche Eltern wirklich unfähig sind. Ich stimme dem vollkommen zu, nur kann man die Anzahl der unfähigen Eltern nicht aus Statistiken über Migrantenanteil oder Vermögensverteilung ablesen. Ich denke es gibt Fälle, in denen es Sinn macht, dass Problem zu psychiatrisieren und den Eltern Hilfen zur Erziehung zu gewähren oder die Kinder in Ganztageseinrichtungen unterzubrigen. Meiner Meinung nach ist das aber wie ein Schlag ins Gesicht für die Eltern, die jeden Tag mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln versuchen, ihre Kinder zu unterstützen.

  8. 8 Carl 04. Mai 2011 um 8:08 Uhr

    @ Alexina:
    Die „von und zu“s brauchen keine Uni. Wusstet ihr, dass die Queen keinen Hochschulabschluss hat und Lady Di einen Hauptschulabschluss?
    Ich finde Unis wichtig und denke, dass sie entscheidend dazu beitragen, dass das meritokratische Prinzip (wenn auch unvollkommen) verwirklicht werden kann und Personen nicht durch Geburt in ihrer Klasse feststecken.

    Gleichzeitig aber haben wir gesehen, dass akademische Titel hierzulande käuflich sind (vgl. Guttenberg).
    Die Unis schaffen auch den „neuen Mandarin“ (Bourdieu), d.h. einen Menschen, der das, was dort gelehrt wird als Glaubenssätze in sich aufnimmt. Dieser Mandarin wird im Zuge seines Ausbildungsprozesses ein loyaler Untergebener des Systems.

    Ich mag weder das Wort „Gnade“ noch das Wort „Almosen“, wie wäre es mit: „das gute Recht“? A fair days work, a fair days pay.
    Ich finde es kann nicht angehen, dass in diesem Land vom Arbeitnehmer ständiger Einsatz für die Firma, ständige Weiterqualifikation, unbezahlte Überstunden und so weiter erwartet werden, er aber gleichzeitig mit Leiharbeit, Dreimonatsverträgen oder Scheinselbständigkeit abgespeist wird.

    Wo ist die Loyalität der Arbeitgeber?

  9. 9 Irene 05. Mai 2011 um 13:09 Uhr

    @ Alexina: Sicher hilft mehr Geld gegen Geldmangel, z.B. gegen Bafögschulden. Ein höherer Hartz-IV-Satz oder die Ablösung von Hartz IV durch was anderes würde aber nicht unbedingt dazu führen, dass mehr Eltern ihren Kindern vorlesen.

  10. 10 Andreas 05. Mai 2011 um 15:28 Uhr

    Ja, das ist beides richtig. Ich kenne Fälle, wo Grundschüler noch gerne gelesen haben, aber während der Hauptschulzeit das Interesse an Lesen gänzlich verloren (Gratifikationskrise). Die lesen dann natürlich auch nur in den seltensten Fällen ihren Kindern vor.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter