Klassismus versus Rassismus – Unsolidarische Konkurrenz oder Kritik an einer Diskriminierungshierarchie?

Von Andreas Kemper

An dieser Stelle möchte ich eine Diskussion eröffnen, die den Umgang mit Klassismus und Rassismus thematisieren soll. Ausgangspunkt ist die Sarrazin-Debatte. Anhand einer aktuellen Buchveröffentlichung würde ich gerne den Raum eröffnen, um über einen Text bzw. die Nicht-Veröffentlichung eines Textes zu sprechen. In wenigen Wochen erscheint das Buch „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“. Das nicht in diesem Buch veröffentlichte Manuskript, dessen Autor ich bin, ist hier dokumentiert: Denken heißt überschreiten
Dass dieser Beitrag nicht erscheint, wurde damit begründet, dass der Text sich unterschwellig nur auf eine weiße Leser_innenschaft bezieht und dadurch rassistisch sei. Demgegenüber bezeichne ich die Nichtveröffentlichung als Klassismus, da Titel und Inhalt des Buches vorwiegend die rassistischen Angriffe Sarrazins thematisieren, die klassistischen Angriffe hingegen unter dem Rassismus subsumieren und der einzige explizit anti-klassistischen Artikel nicht aufgenommen wurde.

Im Text wird die These aufgestellt, dass vor allem Arbeiterkinder das Erbintelligenz-Paradigma, welches im Erbgesundheitsgesetz der Nazis und in der aktuellen Sarrazin-Debatte vertreten wird, kritisieren und dass sie aufgrund ihrer sozialen Herkunft die Gefährlichkeit dieses Paradigmas leichter sehen könnten. Die Textpassage, die dies ausdrücken soll und als besonders rassistisch kritisiert wurde, ist folgende:

„ich fordere den Leser / die Leserin auf, das Unbehagen und den Widerstand zu reflektieren, der sich bei vielen einstellt, wenn die soziale Herkunft als mögliche Erklärung für eine bestimmte politische Posititionierung herangezogen wird. Feministinnen wird zugestanden, einen marginalisierten Blick auf patriarchale Verhaltensweisen zu haben, Rollstuhlfahrer_innen wird zugestanden, besser Barrieren in der Infrastruktur der Stadt zu entdecken, Schwarzen wird zugestanden, Alltagsrassismen besser wahrnehmen zu können. Ebenso gehe ich davon aus, dass die soziale Herkunft Effekte auf die Wahrnehmung klassenspezfischer Diskriminierungen hat. Mit Hegels Herrschaft- und Knechtschaft-Kapitel in der „Phänomenoloige des Geistes“ verweise ich, wie zuvor feministische Erkenntnistheoretikerinnen, darauf, dass Herrschaft Verzerrungen im gesellschaftlichen Raum schafft, die die Situiertheit für das Stellen richtiger Fragen zugunsten der „Knechte“ verschiebt.“

Insbesondere die Formulierung „Schwarzen wird zugestanden, Alltagsrassismen besser wahrnehmen zu können“ wurde hier als „rassistisch“ und „unfreiwillig zynisch“ bezeichnet. Neben der Kritik daran, dass diese Forumulierung unglücklich sei, wurde vor allem kritisiert, dass ein „unsolidarisches Konkurrenzverhältnis“ aufgebaut würde.

Meiner Meinung nach wurde hier hingegen vom Herausgeber/ Verlag sehr anti-rassistisch sensibilisiert mit einer Formulierung umgegangen, während auf der anderen Seite eine entsprechende anti-klassistische Sensibiliserung fehlt. Die Sarrazin-Debatte insgesamt spiegelt den diskriminierungshierarchischen Umgang der emanzipatorischen Linken, die Klassendiskriminierung marginalsiert. Schon das Buch heißt nicht „Rassismus und Klassendiskrimierung in der ‚Leistungsgesellschaft‘“, sondern fokussiert einseitig den Rassismus in der Sarrazin-Debatte ohne hierfür in einen Erklärungszwang zu geraten.

Ich würde daher gerne an dieser Stelle eine Diskussion über Rassismus und Klassismus in der emanzipatorischen Linken eröffnen und ich möchte darum bitten, uns selber als Individuen wahrzunehmen, die natürlich weder frei von rassistischen, noch von klassistischen, noch von anderen diskriminierenden Einstellungen sind. Mir geht es darum, die Diskussion voranzubringen.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio

4 Antworten auf „Klassismus versus Rassismus – Unsolidarische Konkurrenz oder Kritik an einer Diskriminierungshierarchie?“


  1. 1 Andreas 29. April 2011 um 13:29 Uhr

    Ich habe versucht, einen Begriff dafür zu finden, was passiert, wenn in der Sarrazin-Debatte hauptsächlich der Rassismus thematisiert wird, nicht aber die Klassendiskriminierung. Vorschlagen würde ich hier den Begriff „White-Trashisierung“. „White Trash“ ist in den Vereinigten Staaten die abwertende Bezeichnung für die „weiße Unterschicht“.
    In der Diskussion zu Sarrazin wird nun sein Rassismus gegen Migrant_innen angegriffen. Benannt wird dabei auch die Klassendiskriminierung von Migrant_innen aus der sogenannten Unterschicht. Nicht benannt hingegen wird die Klassendiskriminierung gegenüber Menschen aus der „biodeutschen Unterschicht“. Diese erscheinen dann in der Diskussion sogar als die bildzeitunglesende Profiteure des sarrazinschen Rassismus, als Täter_innen statt als Diskriminierte. Dies meine ich mit „White-Trashisierung“. Es reicht daher nicht, Klassendiskriminierung unter Rassismus zu subsumieren, sondern beides muss benannt werden, da sonst eine Gruppe herausfällt.

  2. 2 Andreas 29. April 2011 um 22:16 Uhr

    Als Bücher zum Thema der hier angesprochenen Diskriminierungshierarchie konkret zum Verhältnis Anti-Klassismus und Anti-Rassismus empfehle ich:

    * bell hooks, where we stand: CLASS MATTERS, New York 2000

    und aktuell für die Stiutation in Deutschland:

    * Anne Lenz/ Laura Paetau: Feminismen und „Neue Politische Generation“, Münster 2009

    In ihrer Untersuchung zu politischen Gruppen in Berlin, die versuchen, gegen Rassismus, Sexismus und Klassismus in gleicher Weise aktiv zu werden, stellten sie fest, dass Klassismus häufiger nicht in derselben Weise thematisiert würde. Sie stellen fest, dass

    „die Auseinandersetzung um Rassismus und Sexismus verhältnismäßig stark bearbeitet wird, Klasse als Verhältnis hingegen weniger Beachtung findet. Von einer Gleichwertigkeit der Unterdrückungsverhältnisse kann somit in diesem Kontext nicht gesprochen werden – bleibt es hier beim Anspruch?“(130)

    Und weiter:

    „Wo aber bleibt die Umsetzung der neu ‚gelernten‘ Triade Race, Class und Gender? Im Rahmen der Untersuchung erweisen sich Race und Gender häufig als zusammen gedachte Unterdrückungsverhältnisse – und lassen nach dem Klassenbezug fragen“ (141)

    Dieses Ungleichgewicht wiegt noch schwerer vor dem Hintergrund, dass die staatlichen, die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien bereits diskriminierungshierarchisierend sind, da klassenspezifische Diskriminierungsgründe wie Vermögen und Soziale Herkunft keine Erwähnung finden.

    Es geht nicht darum, Diskriminierungsformen miteinander in Konkurrenz zu setzen oder gegeneinander auszuspielen. Aber wenn es Anzeichen dafür gibt, dass bestimmte Diskriminierungsformen weniger kritische Aufmerksamkeit erhalten als andere, dann sollte dies thematisierbar sein und sollte zu konstruktiven Diskussionen führen.

  3. 3 Carl 04. Mai 2011 um 10:11 Uhr

    Möchtest du eine generelle Meinung zu dem Artikel?

    Mir ist aufgefallen, dass in dem Text von Murray und HerrnSTADT die Rede ist. „The Bell Curve“ kommt aber von Murray und HerrnSTEIN (S. 10).
    Du benutzt in einigen Fällen Knol-Artikel von dir selbst als Quellenangabe. Das ist imho keine gute Quelle. Besser: die Quellen die du dort nutzt, in dem Artikel selbst auch nutzen
    Du hast auch Quellen wie: „Pierre Bourdieu. Meditationen“, ohne Seitenangabe, besser wäre: „Pierre Bourdieu, Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt 2001, S. …“
    Teilweise fehlen auch Quellenangaben, was ich insbesondere dort kritisch finde, wo konkrete Zahlen genannt werden (z.B. Kosten Hartz IV vs. Kosten Steuerhinterziehung von Millionären, S. 17).

    Zu deiner Frage: Ich persönlich finde den Text nicht rassistisch. Ich würde vielleicht nochmal das Gespräch mit den Leuten suchen und fragen, warum genau sie das als rassistisch empfinden und welche andere Formulierung sie vorschlagen würden.

  4. 4 Andreas 04. Mai 2011 um 14:00 Uhr

    Hi Carl,
    danke für das Gegenlesen. Der Text ist ein Manuskript und wurde noch nicht redigiert. Bei den Quellen unterscheide ich, ob ich etwas belegen möchte, da wäre dann natürlich auf Forschungsergebnisse zurückzugreifen, oder ob ich auf Texte verweisen möchte, die weitere Aspekte einbringen und das Thema vertiefen bzw. verzweigen. Im letzteren Fall sind Verweise auf eigene Artikel durchaus angebracht.

    Das Gespräch hatte ich ja geführt, zumindest mit dem Verlag. Ich würde mir wünschen, dass sie selber ihre Argumentation vorbringen. Es nützt ja auch nichts, wenn wir privat zu einem Ergebnis kommen, sondern die Diskussion ist auf einer politischen Ebene zu führen. Eine Rolle spielt da die Frage, ob es gut ist, von „Klassenrassismus“ zu sprechen, oder ob dadurch die Möglichkeit, „Alltagsrassismus“ zu thematisieren, erschwert wird. Hier besteht etwas, was man unglücklich ausgedrückt als „Konkurrenzverhältnis“ bezeichnen könnte: Möchte man den Begriff „Klassenrassismus“ benutzen, um differenzierter über Klassismus reden zu können oder möchte man den Begriff „Klassenrassismus“ vermeiden, um differenzierter über Alltagsrassismus reden zu können. Das ist nur einer von vielen Punkten. Wir hatten diesen Konflikt schon im Dezember mit dem Ergebnis, dass ich für die Publikation in meinem Artikel auf den Begriff „Klassenrassismus“ bewusst verzichtete und auf eine öffentliche Debatte dazu hoffte (daher auch rechts die Umfrage). Auch dazu ist es leider bisher nicht gekommen, obwohl ich es sehr spannend gefunden hätte. Mal abwarten.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter