Archiv für Mai 2011

Karl Bonhoeffer – Klaus von Dohnanyi – Thilo Sarrazin

Von Andreas Kemper

Man mag sich wundern, warum Klaus von Dohnanyi zu den eifrigsten Verteidigern Thilo Sarrazins gehört. Schließlich wurde Dohnanyis Vater Hans von Dohnanyi als Widerstandskämpfer von den Nazis ermordert. Und ebenso sein Onkel und der Freund seines Vaters, der bekannte Dietrich Bonhoeffer. Wie kann Dohnanyi zu Aussagen gelangen, dass sich in Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ nichts Verwerfliches befindet, wo doch die Eugenik aus dem Buch geradezu raus trieft? Eine Erklärung könnte in Dohnanyis Mitgliedschaft im „Konvent für Deutschland“ zu finden sein. Aber vielleicht lässt sich Dohnanyis Verhalten auch dadurch erklären, dass sein Großvater Karl Bonhoeffer ebenfalls vom Eugenik-Vorwurf reingewaschen wurde und hier ähnliche Argumentationsmuster vorliegen. (mehr…)

Aufgeschnappt: „Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft, Kinder durchzufüttern, deren Eltern nicht ihren Pflichten nachkommen.“

Wer hats gesagt? Thilo Sarrazin, mehrfach geprüfter Sozialdemokrat. Während einer Lesung Ende Mai 2011 in Aachen. Weiter ließ er laut Aachener Zeitung verlautbaren: „Institutionen wie die Aachener Tafel müsste man schließen.“ (René Benden: „Sarrazin: ‚Ich habe mir das gut überlegt‘“, Aachener Zeitung, 26.05.2011)

Zweite Jenaer Klassenkonferenz

Am 1. und 2. Juni findet in Jena die Zweite Jenaer Klassenkonferenz statt. Anhand von drei Orten – Stuttgart, Neukölln, Hamburg – werden aktuelle Streitthemen auf ihren klassenspezifischen Gehalt untersucht und diskutiert: bürgerlicher Protest (Stuttgart 21), Migration und Klasse (Neukölln, Sarrazin-Debatte) und Bildungspolitik der Privilegierten (Hamburger Schulstreit).

Arbeiterkinder als Objekte

„Diversity“ ist momentan ein beliebtes Schlagwort an Hochschulen. Unter diesem Schlagwort wird auch die Beteiligung von Arbeiterkindern an Hochschulen subsummiert. Aktuell organisiert der „Stifterverband für die Deutsche Wirtschaft“ die Tagung „Ungleich besser! Verschiedenheit als Chance“: „Die Hochschulen in Deutschland sind zunehmend durch eine heterogene Zusammensetzung ihrer Studierendenschaft herausgefordert. Beispielsweise ist bereits ca. jeder fünfte Studienanfänger ein Arbeiterkind.“ Arbeiterkinder werden hier als Objekte behandelt – auf die naheliegende Idee, die Selbstorganisierung von Arbeiterkindern im Bildungssystem, an Hochschulen, zu fördern, kommt hier keiner.

Bei Minijob kein Elterngeld mehr – wo bleibt der Aufstand?

Von Andreas Kemper

Das Familienministerium plante laut Süddeutsche Zeitung (Thomas Öchsner: Kein Kindergeld für Minijobber, Süddeutsche Zeitung, 16.07.2010) weitere Kürzungen beim Elterngeld bei armen Familien. Jetzt sind die MinijobberInnen dran. Bei einem Gehalt ab 2770 Euro wird nicht gekürzt. „Schröder argumentiert, dass es gerade für gut verdienende Männer weiter attraktive Anreize geben müsse, in den Elternurlaub zu gehen.“ heißt es in der Süddeutschen. Diese Pläne seien ein Skandal, der an den Äußerungen Westerwelles zur „spätrömischen Dekadenz“ erinnern, so Markus Horeld in seinem Kommentar „Elterngeld. Wie man sozialen Unfrieden stiftet“, Die Zeit 16.07.2010. Gerade erst wurde mit Daniel Bahr ein Politiker Gesundheitsminister („Erbgesundheitsminister“), der behauptet, dass in Deutschland die „Falschen“ die Kinder kriegen.
Soweit ich weiß, haben die seit Jahren anhalten Kürzungen beim Elterngeld für arme Familien und massiven Erhöhungen bei reichen Familien noch zu keinen sozialen Unruhen geführt, noch nicht einmal zu Demonstrationen. Arme Familien müssen sich politisch selbstorganisieren mit einem kämpferischen Selbstbewusstsein, dass ihre Kinder und ihre Arbeit für die Kinder genausoviel wert ist, wie die aus bessergestellten Familien. Studierenden Arbeiterkindern kann dabei eine unterstützende Funktion zukommen. Wir müssen die in der Verfassung festgehaltene Gleichwertigkeit der Menschen gegen den eugenisch motivierten Klassenkampf aus dem Familienministerium durchsetzen.

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Vereinsmitglied werden

Im Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren e.V. kann man nun „Mitglied“ werden und – falls der Wunsch und die Mittel vorhanden sind – ist es nun möglich, mit einem regelmäßigen kleinen Betrag den Verein und damit den Dishwasher zu unterstützen.
Auf dieser Seite findet ihr eine Eintrittserklärung und ein Faltblatt im PDF-Format zum Ausdrucken: Verein Zabiba – Mitgliedschaft

Erbgesundheit gerettet: Daniel Bahr ist Gesundheitsminister

Von Andreas Kemper

Daniel Bahr (FDP) in einem Interview mit der BILD 2005:

„In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder. Es ist falsch, dass in diesem Land nur die sozial Schwachen die Kinder kriegen“

Würden mehr Akademiker Kinder bekommen, ständen wir auch in PISA besser da. Bahr fühlte sich zwar falsch wiedergegeben, nahm aber nichts zurück. 2005 begann eine sozialeugenische Wende in der Familienpolitik. 2008 wurde das sozialkompensatorische Erziehungsgeld durch das einkommensbezogene Elterngeld ersetzt. (mehr…)

Plagiats-Rücktritte und Adelvormarsch

Von Andreas Kemper

Nach Guttenberg (CSU) ist nun als weitere Spitzenpolitikerin auch Silvana Koch-Mehrin (FDP) wegen Plagiatsvorwürfen im Zusmmenhang mit ihrer Doktorarbeit zurückgetreten. Zuvor hatte Veronica Saß (CSU), Tochter von Edmund Stoiber (CSU), ebenfalls ihren Doktorgrad wegen Plagiaten verloren – und auch ihren Wikipedia-Eintrag. Heute hat der Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock (CDU) seinen Doktorgrad „abgelegt“, da er vermutlich zu 50% plagiiert hat.
Wenn das also mit den modernen Titeln nicht so klappt, dann muss man halt auf alte Titel zurückgreifen. Als Nachfolger von Sivana Koch-Mehrin wird Alexander GRAF Lambdsdorff gehandelt, der Neffe des wegen Steuerhinterziehung einstmals zurückgetretenen Otto Graf Lambsdorff.

Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren e.V.

Der Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren e.V. ist nun beim Amtsgericht registriert und ihr könnt dem Verein gerne beitreten. Hier gehts zur Website http://vereinzabiba.de Hauptzweck des Vereins ist der Abbau von Bildungsbarrieren und insbesondere die Föderung des Dishwasher-Projekts.

Das Lügenfernsehen

Anja Reschke hatte bereits vor einem Jahr für die Sendung Panorama eine sehr gute Reportage über den Hamburger Schulkampf produziert. Jetzt widmet sie sich dem „Lügenfernsehen“: der bewussten Konstruktion von klassistischen Stereotypen und dem verantwortungslosen und ausbeuterischen Umgang mit Menschen, die in Notlagen sind. Paul Nolte prägte für diese Formate den Begriff „Unterschichtenfernsehen“, womit die Betroffenen noch zusätzlich gebasht werden. „Lügenfernsehen“ ist da schon besser – vielleicht gibt es ja einen noch treffenderen Begriff?

Aufgeschnappt: „Doktoranden in schwierigen Lebenslagen … von der Promotion abraten“

Gelesen in der FAZ.net 08.05.2011 Heike Schmoll: Bayreuths Urteil. Die Plagiatsaffäre und die Folgen

„Allerdings müssen Professoren auch öfter den Mut haben, Doktoranden in schwierigen Lebenslagen oder mit hohen Verpflichtungen in Beruf und Familie von der Promotion abzuraten. Eine Dissertation, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, lässt sich nicht nebenher schreiben, womöglich über eine lange Reihe von Jahren hinweg.“

War ja klar, wer die Plagiate der Oberschicht auszubaden hat: Doktoranden in schwierigen Lebenslagen.

Guttenbergs Arbeit war kein Summa Cum Laude

In der Tagesschau von heute heißt es zur Erklärung der Uni Bayreuth, dass Guttenberg vorsätzlich getäuscht habe:

Eine Mitverantwortung von Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle und des Zweitgutachters Rudolf Streitz sieht die Kommission nicht. Allerdings hätte die Benotung der Doktorarbeit mit dem Prädikat „summa cum laude“ einer ausführlicheren Erklärung bedurft, hieß es. Es sei nicht ersichtlich, welche hervorstechenden Thesen oder besonderen Ergebnisse der Arbeit die Vergabe der Höchstnote gerechtfertigt hätten.

Das heißt, selbst wenn die Dissertation von Guttenberg erarbeitet worden wäre, wäre das Resultat nicht mit einem „Summa Cum Laude“ zu bewerten gewesen. Auch dieser Umstand deutet auf eine Notenvergabe in Abhängigkeit von der Sozialen Herkunft hin. Warum auch sollten Professor_innen weniger Klassendünkel in ihre Bewertungspraxis einfließen lassen als Grundschullehrer_innen, die ja bekanntlich Arbeiterkinder in den Schulformempfehlungen benachteiligen.

Wissen weitergeben – für ein soziales Wikipedia

Von Andreas Kemper

Wissen sozialieren: Schreib mit beim Sozialen Wiki!


Als studierende/studierte Arbeiterkinder stehen wir mit einem Bein in unserer arbeiterlichen Herkunftskultur und mit dem anderen im akademischen Milieu. Wir sind sozusagen dafür prädestiniert, Wissen weiterzugeben, zwischen beiden Milieus fließen zu lassen. Ich denke, dass auch ein Großteil derjenigen, die Projekte wie Wikipedia aufgebaut haben und mit Wissen füllen, selber „Bildungsaufsteiger“ sind. (mehr…)

Marxistische Diskriminierungshierarchie

Von Andreas Kemper

Karl Marx spricht bereits in seinen Frühschriften vom Vorrang der Arbeiteremanzipation im Kampf gegen alle Knechtschaftsverhältnisse, da diese nur „Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses“ seien:

„Aus dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht, nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters Zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“ Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1. Manuskript

Gegen diese Analyse wandten sich spätestens seit den 1960er Jahren verschiedene Bewegungen, vor allem die Frauenbewegung. (mehr…)




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