Aufgeschnappt: „Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft, Kinder durchzufüttern, deren Eltern nicht ihren Pflichten nachkommen.“

Wer hats gesagt? Thilo Sarrazin, mehrfach geprüfter Sozialdemokrat. Während einer Lesung Ende Mai 2011 in Aachen. Weiter ließ er laut Aachener Zeitung verlautbaren: „Institutionen wie die Aachener Tafel müsste man schließen.“ (René Benden: „Sarrazin: ‚Ich habe mir das gut überlegt‘“, Aachener Zeitung, 26.05.2011)

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17 Antworten auf „Aufgeschnappt: „Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft, Kinder durchzufüttern, deren Eltern nicht ihren Pflichten nachkommen.““


  1. 1 Hanna Bretzke 29. Mai 2011 um 9:45 Uhr

    Rücksichtslos und unverantwortlich solche Aussagen zu machen,

    Menschen zu verurteilen, nur weil sie nicht viel Geld haben.

  2. 2 Gero 08. Juni 2011 um 14:05 Uhr

    Recht hat er, zumindest mit dem Titelzitat. Eltern müssten zuerst stärker in die Pflicht genommen werden.

    Als Sozialarbeiter begegne ich neben wirklich hilfebedürftigen auch täglich Klienten, die umfangreich unterstützt werden aber keinerlei Bereitschaft zu irgendeiner Anstrengung mitbringen, gleichzeitig eine völlig lebensfremde Anspruchshaltung haben und säuerlich reagieren, wenn man dieser nicht in Gänze entspricht.

    Diskriminierend finde ich, Arme nur als Opfer zu betrachten.

  3. 3 Andreas 08. Juni 2011 um 14:34 Uhr

    Es ist also auch ihre Meinung als Sozialarbeiter, Kinder hungern zu lassen?

  4. 4 Gesellschaftsverachterer 08. Juni 2011 um 14:38 Uhr

    Diskriminierend finde ich indessen, Opfer nicht mehr als Opfer betrachten zu wollen.

    Dass man die Sozialberatung erst dann aufsucht, wenn man wirklich sehr tief im Schlamassel festsitzt, sollte man doch vor allem als Sozialarbeiter wissen, oder? Wer geht schon freiwillig in eine Sozialberatung, um mit gratis Almosen wie Broschüren und neun-Mal klugen Empfehlungen gefüttert zu werden? Und dann wundern Sie sich über entartete und abfällige Bemerkungen?

    Wow, die eigene Klientel verachtende Sozialarbeiter… das System sorgt eben vor, damit auch wirklich der letzte Dreck perfekt funktioniert…

  5. 5 Gero 09. Juni 2011 um 11:05 Uhr

    Das Eingangszitat verstehe ich so, dass die Gesellschaft nicht die Aufgabe hat, die Faulheit von Eltern einfach aufzufangen.

    Die Verantwortung für die Erziehung und Versorgung von Kindern liegt aus guten Gründen zuerst bei den Eltern und diese sind in der Pflicht dieser Verantwortung nachzukommen. Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, soll natürlich ein sozialer Staat die Folgen auffangen. Wenn sie aber keine Lust dazu haben und sich hängen lassen, muss man Druck ausüben. Anderenfalls fördert man eine Haltung, die weder den Betroffenen noch der Gesellschaft und erst recht nicht den Kindern gut tut.

    Na klar gibt es Opfer der Verhältnisse, in ungünstige Bedingungen hineingeboren, mit Ausgrenzung konfrontiert, schlechter ausgestattet usw. Aber es gibt auch Faulheit. Und wer sich dieser hingibt, wird wahrscheinlich auch irgendwann arm – ohne Opfer zu sein.

    Betrachtet ihr eigentlich Menschen allein als Produkte ihrer Umwelt?

  6. 6 Andreas 09. Juni 2011 um 11:42 Uhr

    Mich stören deine „Abers“. Wenn Eltern nicht in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, dann soll die Gesellschaft einspringen. Wenn aber Eltern „zu faul“ sind, dann kann man die Kinder hungern lassen, um „Druck auszuüben“?

    Millionäre werden übrigens auch nicht arm, wenn sie „faul“ sind. Erben müssen ebenfalls nicht besonders fleißig sein, um ihr Erbe anzutreten.

    Auf der anderen Seite gibt es ein Phänomen, welches sich „Gratifikationskrise“ nennt. Das müsste dir doch als Sozialarbeiter bekannt sein (wenn du in deinem Studium fleißig warst ;-) ). Wenn eine Schülerin, deren Eltern nur den Hauptschulabschluss haben, wo es keine Bücher zuhause gab, mit Interesse und Enthusiasmus in der vierten Klasse zeigt, dass sie sich mit Mathe und Deutsch sehr gut auskennt, und dann aber aufgrund der Intervention der Lehrerin die Hauptschule statt das Gymnasium besuchen soll, dann kann das zu Gratifikationskrisen und in der Folge zu Depressionen führen.

    Auch „Faulheit“ hat in der Regel gesellschaftliche Ursachen. Wieso sollen sich Menschen aus den sogenannten „unteren Schichten“ anstrengen, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Anstrengungen sowieso nie belohnt werden.

  7. 7 Gero 10. Juni 2011 um 16:04 Uhr

    Mich stört diese monokausale Argumentation.
    Ich habe überhaupt nicht widersprochen, dass es äußere Einflüsse gibt, die auch wesentliche Faktoren sein können, z.B. so wie du beschreibst. Ich füge nur hinzu, dass der Mensch auch immer reagiert und Entscheidungen trifft. Er ist eben nicht immer einfach nur Opfer der Verhältnisse. Er reagiert auf die Verhältnisse, oft auch sehr unterschiedlich auf sehr vergleichbare Bedingungen. Und er schafft auch Verhältnisse.

    Und bei diesen Entscheidungen die er trifft, kann der Mensch sich eben dafür entscheiden, möglichst jeder Anstrengung aus dem Weg zu gehen und das Leben möglichst auf dem Sofa zu verbringen.
    Aber dann ist es nicht die Aufgabe der Gesellschaft, einfach die Wohnung, den Plasmafernseher, den Kühlschrank zu finanzieren, für die Kinder eine Suppenküche einzurichten und sich mit dem Zustand zufrieden zu geben.
    Selbstverständlich soll nicht mit dem Hungern der Kinder Druck ausgeübt werden aber z.B. damit, dass den Eltern die Kosten der Suppenküche in Rechnung gestellt bzw. von Transferzahlungen abgezogen werden. Oder eben, dass den Eltern Leistungen ganz eingestellt werden wenn sie sich komplett hängen lassen. Nicht als Strafe sondern weil so ein Verhalten nicht unterstützenswert ist.

    Von jedem kann erwartet werden, dass er nach seinen Fähigkeiten selbst für sein Auskommen und das seiner Kinder sorgt.

  8. 8 Andreas 10. Juni 2011 um 17:06 Uhr

    Okay, dann triffst du schon mal eine ganz andere Aussage als Sarrazin. Er sagt nämlich wörtlich, dass es nicht die Aufgabe der Gesellschaft sei, „Kinder durchzufüttern“. Also bitte sage nicht, er habe Recht, wenn du etwas ganz anderes meinst.

    Zum zweiten: mir ist es egal, ob Menschen mit wenig Ressourcen arbeiten oder nicht. Sie sind gar nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Ressourcen unserer reichen Gesellschaft zu schmälern. Die Steuerhinterziehungen sind in Deutschland so hoch, dass die Zahlungen an ALG-II-Bezieher_innen verhundertfacht werden müssten, damit potentieller Betrug überhaupt spürbar werden könnte. Also worum geht es dir? Dass Arbeitslose „auf deine Kosten leben“? Dann mache bitte einen Realitätsabgleich: überprüfe, wie hoch der Schaden durch Steuerhinterziehungen ist und vergleiche das mit den Falschangaben der Hartz-IV-Bezieher_innen. Du wirst dich wundern. Dabei ist noch nicht einmal der Betrug das Problem, sondern die absolut unverhältnismäßige Schere bei der Vermögensentwicklung. Die Hälfte der Bevölkerung hat kein Vermögen, also keinen nennenswerten Besitz oder Geld auf dem Konto. Gleichzeitig besaß der soeben verstorbene Karl Albrecht 20 Milliarden Euro an Privatvermögen (nicht an Betriebsvermögen!). Für 20 Milliarden Euro muss man 20 Jahre lang mit einer 40 Stundenwoche einen Stundenlohn von einer halben Millionen Euro haben.

    Wenn du von Transferzahlungen an Eltern sprichst, dann rechne bitte auch nochmal nach. ALG-II-Bezieher_innen erhalten weder Kindergeld noch Elterngeld. Der Staat zahlt aber an gut verdienende Eltern Kindergeld + 1.800 Euro Elterngeld. Hinzu kommen Steuerbefreiungen: Kinderfreibetrag jährlich 7000 Euro, Grundbedarf der Kindes 2000 Euro pro Jahr, Beziehungs-, Betreungs-, Ausbildungsbedarf jährlich 1300 Euro, Betreuungskosten jährlich 4000 Euro, Renovierung der Kinderzimmer 600 Euro, Schulgeld beim esuch einer Privatschule, und Anrechnung der Pflegeversicherung – das meiste gilt bis zum 18. Lebensjahr. Transferempfänger_innen sind also vor allem diejenigen aus der gut verdienenden Mittelschicht.

    Und als Sozialarbeiter weißt du sicher auch, dass wir eine Sockelarbeitslosigkeit haben, dass es also strukturell gar nicht möglich ist, dass jeder arbeiten kann.

    Dass sich Menschen mit wenig Geld und Ressourcen nicht gut um ihre Kinder kümmern, lässt sich wissenschaftlich auch nicht halten. Hierzu gibt es unter anderem die Langzeitstudie im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt. Und wir wissen doch, dass Amokläufer alle aus der Mittelschicht kommen.

  9. 9 Gero 11. Juni 2011 um 15:09 Uhr

    Kinder durchzufüttern, „deren Eltern ihren Pflichten nicht nachkommen“ hat Sarrazin gesagt und ich hab geschrieben wie ichs verstanden habe. Nein, es ist nicht die Aufgabe des Staates Kinder zu ernähren sondern die der Eltern. Der Staat hilft, wenn es die Eltern nicht schaffen.

    Worum es mir geht ist, dass ich täglich konfrontiert werde mit einer Haltung in Gesellschaft und Pädagogik, die so weich und verständnisvoll ist, dass sie auch asoziales Verhalten zu tolerieren bereit ist. Und mit Leuten die vor lauter Versorgung völlig den Bezug zur Realität verloren haben.

    Wenn sich Jugendliche in einer sozialen Einrichtung bei kostenfreiem Frühstück über „die Fotze vom Sozialamt (sic!)“ beschweren, die ihnen „ihre Kohle“ noch nicht überwiesen hat, sie aber zu faul und zu träge sind das Formular, das der Sozialarbeiter mit ihnen bzw. für sie ausgefüllt hat trotz ausreichender Zeit rechtzeitig in irgendeinen Briefkastenschlitz zu stecken. Weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen derselbe oder irgendein anderer Sozialarbeiter schon helfen wird vielleicht einen Widerspruch zu schreiben oder bei der … anzurufen und das nochmal zu regeln.
    Wenn junge Erwachsene Schule, Ausbildung, Arbeit boykottieren und ihnen daraufhin die Anforderungen mit „niedrigschwelligen“ 15-Std-pro-Woche-Maßnahmen gesenkt werden, ihnen dort z.T. auch bei vielwöchigem Schwänzen keine Konsequenzen drohen, obwohl sie gesund sind und keine psychischen Schwierigkeiten diagnostiziert wurden.
    Wenn Jugendliche nach x-fachen Regelverstößen von Sachbeschädigung bis Körperverletzung und nach x Verwarnungen irgendwann das erste Mal eine Strafe bekommen und diese dann darin besteht, dass sie mit „total netten Sozialarbeitern“ Holzaschenbecher basteln dürfen.
    Wenn arbeitslose gesunde Eltern auf die Idee kommen beim Jugendamt eine Familienhilfe anzufragen, die ihnen bei der anstrengenden Arbeit im Haushalt helfen soll, wenn Schüler bei ständigen Regelverstößen oder Schulschwänzer mit einwöchigem Unterrichtsverbot bestraft werden (!).
    Auch wenn sich gut ausgebildete Freunde versuchen auf Kosten des Arbeitsamtes eine möglichst lange Auszeit zu nehmen.
    Oder eben wenn Eltern z.B. ihr Geld in die Kneipe tragen weil das Kind in der Suppenküche schon gegessen hat.
    Dann ist das zwar menschlich alles zu verstehen – wer möchte nicht mal ne Auszeit, schwänzen macht auch Spaß und Hilfe und Milde zu bekommen ist auch super und Geld versaufen sowieso. Aber als Gesellschaft haben wir ein Problem wenn wir all das nicht nur tolerieren sondern geradezu fördern. Und nicht nur ein wirtschaftliches Problem.

    Diese Missstände gegen andere Sauereien aufzuwiegen hilft auch deshalb nicht weiter. Und insgesamt wurden z.B. in 2007 in Deutschland etwa 700 Milliarden Euro für Soziales ausgegeben – es geht also auch hier sehr wohl um viel Geld.

  10. 10 Gesellschaftsverachterer 11. Juni 2011 um 17:08 Uhr

    Mit dem Beitrag erübrigt sich eigentlich jedes Wort. Das, was du hier als symptomatischer Sozialarbeiter von dir gibst, ist sehr erbärmlich. Deine Beispiele kann man kinderleicht umdrehen und auf die inkompetenten, „dummen“ Sozialarbeiter übertragen. Die absolut beschränkt sind größere Zusammenhänge zu erfassen. Überhaupt mit so einer sozio-faschistischen „Bild“-Einstellung Sozialarbeiter zu werden, ist wohl das Beste, was sich etablierte Bürgerparteien wünschen können. Nach unten treten und schön die soziale Schieflage als vermeintlichen Gesellschaftsschutz verteidigen.

    Deine albernen Praxiserfahrungen und lächerlichen Beispiele sind so wertlos, dass man sie alle in die Mülltonne kloppen kann. Mit so einer selektiven Wahrnehmung kann man auch über jede geistige und zwischenmenschliche Verrohrung verelendeter Menschen ablästern. Aber wichtig wäre ja gerade, die Gründe zu verstehen, zu reflektieren, zu untersuchen, den großen Kontext zu durchdringen, und nicht von oben herab, zu verurteilen. Schließlich möchte auch niemand im Krankheitsfall vom Arzt hören, was er alles falsch gemacht hat und eigentlich selbst schuld ist, wenn er nun leidet. Es gibt wahrscheinlich solche Ärzte. Genauso wie Sozialarbeiter, über deren Kompetenzen und Qualitäten braucht man ja nicht mehr zu schreiben.

  11. 11 Andreas 11. Juni 2011 um 18:33 Uhr

    @Gero

    1. Noch einmal: Sarrazin soll gesagt haben: „Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft, Kinder durchzufüttern, deren Eltern nicht ihren Pflichten nachkommen.“ Er sagt damit gerade nicht, dass eigentlich die Eltern zuständig sind und der Staat dann eingreifen soll, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen. Sondern er sagt, dass gerade auch dann, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen, die Gesellschaft nicht die Aufgabe hat, einzuspringen. Pech für die Kinder. Aber in seiner eugenisch-biologistischen Vererbungslogik passt das ja ganz gut rein. Was hat er nochmal im Lettre-Interview gesagt: das Problem der Unterschicht müsse sich „auswachsen“. An dem Satz gibt es jedenfalls nichts zu deuten. Er ist knallhart und überdeutlich: die Verantwortung für die Kinder liegt bei den Eltern und auch dann, wenn sie diese Verantwortung nicht wahrnehmen, sei es nicht die Aufgabe der Gesellschaft, einzuspringen.

    2. Es sollte endlich der gesellschaftliche Reichtum umverteilt werden, dann könnten wir ein Grundeinkommen einführen und wer nicht arbeiten will, muss dann auch nicht arbeiten. Damit wären dann 95% der von dir geschilderten (und nur in der sogenannten „Unterschicht“ wahrgenommenen) Probleme erleidgt.

    3. Deine Wahrnehmung ist ziemlich verzerrt. Es gibt auch bei den Menschen, die arm sind, sehr verantwortungsvolle Personen. Wenn es eine Ungleichverteilung der Rücksichtslosigkeit und des mangelnden Einfühlungsvermögens gibt, dann findet sich diese Mentalität eher in den sogenannten „oberen Schichten“.

    4. Zu den „700 Milliarden Euro für Soziales“: Diese Zahl hat kaum etwas mit den Transferzahlungen an Arbeitslose zu tun. Laut destatis betrugen die Sozialausgaben in Deutschland 2008 600 Milliarden Euro (destatis: Statistisches Jahrbuch). Von diesen Gesamt-Sozialausgaben geht aber nur ein Teil an Arbeitslose. Danach wurden 2007 35 Milliarden Euro Transferleistungen an ALG-I und ALG-II-Bezieher_innen gezahlt (Kosten der Arbeitslosigkeit sind gesunken). Da Arbeitslose keine Abgaben und Steuern zahlen, liegen die gesamtfiskalischen Kosten bei 68 Mrd. Euro. Das ist ein Zehntel der Sozialausgaben. Nimmt man nur die tatsächlichen Transferzahlungen, so betragen diese ein Zwanzigstel. Nach einer vergleichenden Studie der OECD ist aber Deutschland das Land, wo die Einkommens- und Vermögensunterschiede schneller ansteigen als in jedem anderen OECD-Land (In Deutschland sind Einkommensungleichheit und relative Armut in den vergangenen Jahren stärker gewachsen als im OECD-Schnitt).
    Zahlen bringen aber auch nur dann etwas, wenn man sie direkt vergleicht. Du beschwerst dich über die 700 Milliarden Euro Sozialausgaben insgesamt. Aber du nimmst nicht wahr, dass der Reichtum in Deutschland rasant wächst und damit auch Erbschaften. (Erbschaftsvolumen bei 1 Billionen Euro bis 2010). Und fürs Erben muss man ja bekanntlich nichts tun, außer die richtigen Verwandten zu haben. Diese Erbschaften sind natürlich höchst ungleich verteilt und Kinder aus der Unterschicht, die schon im Bildungssystem verarscht werden, denen viele Barrieren in den Weg gelegt werden, die gehören bestimmt nicht zu den großen Absahnern dieses Geldregens. Ich kann daher überhaupt nicht verstehen, dass du diejenigen angreifst und verurteilst, die die geringsten Ressourcen haben, wo doch der Steuerbetrug sehr viel spürbarer für jeden einzelnen ist und kein Hahn danach kräht, dass jährlich 330 Milliarden Euro in Deutschland an Erben überreicht werden. Der Vergleich ist wichtig. In Deutschland erhalten Erben Jahr für Jahr das Zehnfache (330 Mrd. Euro) von dem, was Arbeitslose (35 Mrd. Euro) an Transferzahlungen erhalten. Ich verstehe nicht, warum man sich darüber aufregt, dass die eine Gruppe „fürs Nichtstun“ (natürlich erhält man dieses Geld nicht fürs Nichtstun; Stichwort „Verfolgungsbetreuung“) 35 Mrd erhält, während es völlig okay ist, dass die andere Gruppe „fürs Nichtstun“ 330 Mrd erhält.

  12. 12 unschland 12. Juni 2011 um 17:38 Uhr

    @Gero
    Es gibt in der Psychotraumatologie das Konzept der „erlernten Hilflosigkeit“.
    Armut ist auch eine Form der Traumatisierung und viele Betroffene empfinden das Aufstiegsgeschwafel als Hohn und Spott, dass man aufsteigen könnte, wenn man sich nur anstrengt.
    Die wissen aus ihrem Umfeld oder aus eigener Frustration, dass es an ihrer Situation nichts ändert sich anzustrengen und schalten auf Trotz um. Das sind dann zB. diese kackedreisten Kids, die ihren Sozialarbeiter zu ihrem Dienstleister degradieren.
    Ich denke, je „asozialer“ und ansprüchiger sich da deine Klientel aufführt, umso mehr werden da Ohnmachtsgefühle, die ja völlig begründet sind, abgewehrt. Verkehrung ins Gegenteil, ja und auch Identifikation mit dem „Aggressor“ (also dem, der sagt, sie sollen sich anstrengen, obwohls nix bringt) spielen da rein. Daran wird man aber mit schwarzer Sanktionspädagogik nichts ändern.
    Beim Sanktionieren geht es zu Forderst um Kosten sparen (und nach oben umverteilen) und nicht um „Empowerment“ der Betroffenen.

  13. 13 Gero 13. Juni 2011 um 10:50 Uhr

    In der Konsequenz kommt ihr also zu dem Schluss, dass je schlimmer sich jemand verhält, desto größer seine Not ist. Das scheint für mich die Essenz aus euren Beiträgen. Wenn man zur „Unterschicht“ gehört, dann ist jedes problematische Verhalten eurer Argumentation nach auf Unterdrückung und Ohnmachtsgefühle zurückzuführen!? Dann hat man als Armer euch gegenüber totale Narrenfreiheit! Man kann plündern, brandschatzen und morden und mit jedem Opfer steigt nur die Schuld des Kapitalismus!? Schuld ist immer die Gesellschaft. Das erinnert doch an das romantische Menschenbild, das schon von Rousseau formuliert wurde – dass der Mensch von Natur aus gut sei und das Schlechte erst durch seine Vergesellschaftung entstünde. (Gilt das in eurem Denken wenigstens auch für Reiche? Sind die auch nur Opfer der Verhältnisse?)
    Ich teile diese Denke nicht. Ich empfände es als diskriminierend, meinen Klienten so zu begegnen, als ob sie unmündig wären, Opfer der Verhältnisse die für ihr Handeln nicht verantwortlich sind. Ich finde man sollte auch Arme wie Erwachsene behandeln! :-)

    @ Andreas:
    zu 1.: Ich finds müßig darüber zu diskutieren, was Sarrazin exakt gemeint hat. Ich hab geschrieben wie ichs verstehe, kenne aber nicht den genauen Kontext in dem er es gesagt hat.
    Zu 2.: „Gesellschaftlicher Reichtum“ ist nicht einfach wie ein Kuchen mit einer fixen Größe auf dessen Verteilung es ankommt sondern dynamisch. Seine Größe hängt wesentlich mit der Leistung einer Gesellschaft zusammen. Wenn man wesentliche Anreize für Leistung wegnimmt wird der Kuchen kleiner. Wenn man nicht mehr reich werden kann weil einem der Reichtum weggenommen wird und wenn man nicht mehr arbeiten muss weil man auch so Geld bekommt, wird allein aus Idealismus wahrscheinlich erheblich weniger Leistung gebracht und die Gesellschaft wird ärmer. So was ähnliches hatten wir ja schon mal.
    Zu 3.: Dass es auch ganz unten sehr verantwortungsvolle Menschen gibt ist völlig klar. Meine Beispiele von oben sind natürlich nicht repräsentativ.
    Zu 4.: Ich teile die Auffassung, dass „Reichtum verpflichtet“. Wenn z.B. Erbschaftssteuern hinterzogen werden, finde ich auch dass das eine Sauerei ist. Ich finde es richtig, dass man reich werden kann, finde aber auch dass damit die Verantwortung steigen muss bzw. dass man als Gesellschaft diese auch einfordert. Aber mir geht es nicht (nur) um volkswirtschaftliche Folgen sondern auch um gesellschaftliche Folgen. Wenn man Millionen wie Unmündige behandelt – das geschieht eben ein gutes Stück weit – dann ist das nicht gut für eine Gesellschaft, und für die Betroffenen auch nicht (auch wenns meist erstmal gemütlicher für sie ist).

    @ Gesellschaftsverachterer
    Ich wäre meinem Arzt sehr dankbar, wenn er mich darauf aufmerksam macht, wenn ich z.B. bei meiner Ernährung irgendwas falsch mache! Vielleicht solltest du deinen mal fragen, ob es vielleicht irgendwelche hormonellen Ursachen hat, dass du nicht sachlich bleiben kannst. Vielleicht kannst du ja was dagegen tun!

  14. 14 Gesellschaftsverachterer 13. Juni 2011 um 11:48 Uhr

    Du wälzt dich gerade im Sumpf der vermeintlichen Verantwortungsideologie und merkst gar nicht, wie beschränkt und gefangen du im eigenen Denken bist. Erhebst ein irrwitziges Postulat des Gesellschaftsschutzes und machst dich damit absolut lächerlich und überflüssig. Das erzeugt zwangsläufig einen Brechreiz. In der Tat ist es schon sehr lustig, Rousseaus Gesellschaftskritik anzuführen und so zu tun, als wäre seine Theorie des degenerierenden und entmenschlichten Charakters der modernen, bürgerlich-verlogenen Scheingesellschaft eine schöne beliebige Auswahl im Sortiment von beliebig anderen Gesellschaftstheorien. Die funktionale Zusammensetzung der bürgerlichen Gesellschaft ist nun mal ob du es wahrhaben willst oder nicht eine Farce von verniedlichten Anleitungen, wohinter nicht mehr steckt, als die Essenz mit allen erdenklichen und grenzenlosen Mitteln, reich zu werden. Hauptsache man verkauft sich gut. Eine andere Devise steckt nicht dahinter. Über Produktionsverhältnisse brauche ich dir sicherlich nicht zu erzählen, weil beschränkt, das wirtschaftliche System nachzuvollziehen. So viele Arschlöcher gibt es, da könnte man nur kotzen. Wer das Konstrukt „Gesellschaft“ für real und existent hält, offenbart sowieso die eigene Eindimensionalität und geistige Unzulänglichkeit, keine drei neutralen und nicht schöngefärbten Sätze zu verstehen. Solche fordernden Sozialarbeiter verdienen es in der Konsequenz nur, wie staatlich installierte Sozialschmarotzer behandelt zu werden. Übrigens gibt es auch ganz menschliche und weitsichtige Menschen, die dahingehend gute Arbeit leisten und Menschen wie Menschen begegnen. Das allumfassende Verbrechen gegen Arme ist staatlich. Du machst da stattlich mit, weil du jenen genauso wie ein Arschloch begegnest. Und wetten, dass du dich so verdammt mächtig und überlegen fühlst im Konstrukt „Gesellschaft“ als Hüter und Verteidiger zu wirken, dass man nur Mitleid bekommen kann. Ich lach mich tot und deine „Klientel“ (was für eine lächerliche Beschreibung) sicherlich auch. Vollpfosten…

  15. 15 Andreas 13. Juni 2011 um 11:57 Uhr

    Gero und Gesellschaftsverachter, es hilft nicht weiter, sich persönlich anzugreifen.

  16. 16 Andreas 13. Juni 2011 um 12:11 Uhr

    @Gero
    1. Es ist nicht müßig, genau zu lesen, was Sarrazin so formuliert.
    2. Obwohl wir nicht in einer Leistungsgesellschaft leben, funktioniert der Aufbau von Reichtum doch ganz gut. Das hat nichts mit Anreizen zu tun, sondern mit Ausbeutung.
    3. Warum hackst du auf Leute aus der sogenannten „Unterschicht“ herum, wenn es verantwortungslose Menschen in allen Gesellschaftsschichten gibt?
    4. Wenn du sagtst, dass mit dem Reichtum auch der Anspruch an die Verantwortung steigt, dann frage ich dich erst recht: warum hakst du auf die Leute aus der sogenannten „Unterschicht“ herum, wo doch Leute aus den anderen Schichten sich viel verantwortlichen zeigen müssten, dies aber nicht tun. Im Gegenteil. Die Mogeleien der ALG-II-Bezieher_innen machen nur einen winzigen Bruchteil des Gesamtschadens durch Steuerhinterziehungen aus.
    Aber der Staat lässt zum einen ARGE-Mitarbeiter_innen zu „Verfolgsbetreuern“ werden, wogegen diese sich bereits öffentlich wehren (bspw. in Bonn). Zum anderen lässt er Steuerfahnder für verrückt erklären (wie in Hessen), weil diese gerade dabei waren, einen Steuerskandal aufzudecken. Und du spielst bei diesem Spiel mit, in dem du Menschen aus der sogenannten „Unterschicht“ als besonders verantwortungslos darstellst.

  17. 17 Gero 14. Juni 2011 um 12:16 Uhr

    1. Müßig ist es, weil wir hier bereits inhaltlich eine Diskussion führen. Das müssen wir nicht anhand von Aussagen von jemand anderem. Seine Aussage war n guter Anlass, aber ob er nun am Ende Recht hat oder nicht ist mir nicht so wichtig. Ich muss dem Menschen nicht unbedingt zustimmen. Wenn ers anders meint als ichs verstanden habe, stimme ich ihm vielleicht nicht zu. Ich vertrete meine eigenen Positionen.

    2. Wie man die Gesellschaft nennt ist auch nicht so wichtig. Aber auch wenn man sie nicht Leistungsgesellschaft nennt – natürlich wird hier Leistung dennoch ein gutes Stück weit belohnt. Klar gibt es unterschiedliche Chancen, Bedingungen, es gibt Menschen die sich sehr anstrengen und nix ernten und solche die im Luxus leben ohne etwas zu leisten. Und klar gibt es auch Abzug und Verarsche oder sittenwidrige Löhne. Aber bei gleicher Ausstattung und Bedingungen wird natürlich der, der sich bemüht mit hoher Wahrscheinlichkeit besser dastehen als der der sich zurücklehnt. Es kann sich z.B. sehr lohnen, zu tüfteln und vielleicht etwas zu erfinden und zu vermarkten. Und auf der Arbeit sich anzustrengen kann sich auch lohnen, vielleicht wird man z.B. befördert. Wenn man auch auf der Arbeit gerne faulenzt, sinken hingegen die Chancen mit Sicherheit. Ein Leistungsprinzip gibt es also schon.

    3. Ich arbeite mit der sog. Unterschicht. Deshalb ist das ein wichtiges Thema für mich. Und ich hacke auf niemandem herum sondern kritisiere vor allem unseren Umgang als Gesellschaft (und Sozialarbeit) mit problematischem Verhalten.

    4. Ich hab oben schon beschrieben dass es mir nicht in erster Linie um wirtschaftlichen Schaden geht. Und ich habe auch nicht gesagt, dass Arme schlechtere Menschen wären.

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