Karl Bonhoeffer – Klaus von Dohnanyi – Thilo Sarrazin

Von Andreas Kemper

Man mag sich wundern, warum Klaus von Dohnanyi zu den eifrigsten Verteidigern Thilo Sarrazins gehört. Schließlich wurde Dohnanyis Vater Hans von Dohnanyi als Widerstandskämpfer von den Nazis ermordert. Und ebenso sein Onkel und der Freund seines Vaters, der bekannte Dietrich Bonhoeffer. Wie kann Dohnanyi zu Aussagen gelangen, dass sich in Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ nichts Verwerfliches befindet, wo doch die Eugenik aus dem Buch geradezu raus trieft? Eine Erklärung könnte in Dohnanyis Mitgliedschaft im „Konvent für Deutschland“ zu finden sein. Aber vielleicht lässt sich Dohnanyis Verhalten auch dadurch erklären, dass sein Großvater Karl Bonhoeffer ebenfalls vom Eugenik-Vorwurf reingewaschen wurde und hier ähnliche Argumentationsmuster vorliegen.

Karl Bonhoeffer war einer der bekanntesten deutschen Psychiater in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und er war Eugeniker. Bereits 1901 sprach er in seiner „Bettlerstudie“ von minderwertigem, parasitärem Menschenmaterial. Im Wikipedia-Artikel wird Bonhoeffer als jemand dargestellt, der seine Stellung nutzte, um potentiellen Opfern des Nationalsozialimus zu helfen. Tatsächlich aber war seine Denkweise so sehr eugenisch geprägt, dass er selbst den Nationalsozialismus auf ungünstige Erbqualitäten zurückführte. So schreibt er zum Ersten Weltkrieg:

“daß andererseits unter den Überlebenden die psychopathischen Individuen nach Art der militärischen Auslese einen nicht zu unterschätzenden zahlenmäßigen Anteil hatten, der hinsichtlich der sozialen Qualitäten und der Erbmasse zu erheblichen Bedenken Anlaß gab. Es mag in dieser Tatsache eine gewisse Erklärung für die Qualität der Naziführerschaft wie für die ihrer Massengefolgschaft gegeben sein.” (Bonhoeffer, Karl: Führerpersönlichkeit und Massenwahn. (Manuskript aus dem Jahre 1947.) In: Zutt, Jürg/Straus, Erwin/ Scheller, Heinrich (Hg.): Karl Bonhoeffer zum hundertsten Geburtstag. Springer: Berlin, Heidelberg, New York 1969, S. 114)

Übersetzt heißt das: Der Erste Weltkrieg hatte eine dysgenische Wirkung, indem er die Tüchtigsten hat sterben lassen, während diejenigen mit einem schlechten Erbmaterial überlebten – hieraus gingen die Nazis hervor. In den 1920er Jahren wandte er sich gegen Zwangssterilisation, befürwortete aber, dass sich die „Minderwertigen“ freiwillig selber sterilisieren lassen. Er schrieb den wissenschaftlichen Kommentar für das Erbgesundheitsgesetz, also das Gesetz auf dessen Grundlage 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden, empfahl in über 30 Fällen in persönlichen Gutachten die Sterilisierung, unter seiner Leitung wurden im Berliner Charite in über 600 Fällen Sterilisierungen empfohlen, davon weit über 200 aufgrund der Diagnose „erblicher Schwachsinn“, und nach dem Krieg trug ein Kommentar von ihm dazu bei, dass das Erbgesundheitsgesetz nicht als „Nazi-Gesetz“ beurteilt wurde – mit der Folge, dass die 400.000 Zwangssterilisierten bis in die 1970er Jahre kein Recht auf Entschädigung hatten.

Liegt hier also vielleicht die Ursache für Dohnanyis Sarrazin-Verteidigung, in der Abkopplung des Nationalsozialismus von der Eugenik? So wie seines Opas Eugenik-Weltbild unschuldig am Entstehen des Nationalsozialismus sei, so finde sich auch in Sarrazins Eugenik-Pamphlet nichts Verwerfliches.

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3 Antworten auf „Karl Bonhoeffer – Klaus von Dohnanyi – Thilo Sarrazin“


  1. 1 Andy 30. Mai 2011 um 19:21 Uhr
  2. 2 Andreas 30. Mai 2011 um 20:34 Uhr

    Ja, über die sozialdemokratische Tradition in der Eugenik-Debatte hatten wir schon vor dem Zeit-Beitrag berichtet: Warum Sarrazin noch in der SPD ist

    Aber die Rolle, die Klaus von Dohnanyis Großvater spielte, war mir nicht bewusst.

  3. 3 Andy 31. Mai 2011 um 22:46 Uhr

    Stimmt, Tschuldigung. Erst lesen, dann link setzen.

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