Kämpfst du noch oder siegst du schon?

Von Esra Ayse Onus

Soziale Ausgrenzung in gesellschaftlichen Engagements

Das Leben ist ein Spiel. Das kann ein Kind nicht früh genug lernen. Sei es im Kindergarten, in Grund-, Förder-, Haupt-, Realschulen, Gymnasien und anderen institutionellen Keimzellen. Sogar im sozialen Engagement, das vielleicht den Anspruch hat, die Lebensbedingungen zu verbessern und nach gerechten Verhältnissen zu streben. Selbst da entpuppt sich eine Wohltat zum zwischenmenschlichen Kampf nach Anerkennung, Leistung, Profilierung und Erfolg. Die heile Welt innerhalb hiesiger Grenzen funktioniert nur, solange man an die Verwirklichung seines ureigenen Glücks glaubt und darum strebt. Es gibt glücklicher Weise (noch) keinen Hunger, keinen Krieg und keine existenzielle Not. Diese Probleme gibt es zwar anderswo en masse auch gerade wegen der unverschämt unnatürlichen Lebensstandards und Überproduktionen für den Konsumbedarf der ersten Weltstaaten.1.

Dass hier keine existenziellen Nöte herrschen, ist für alle vom Glück getroffenen Menschen vorerst (noch) die gute Nachricht. Folglich müsste man sich entsprechend der Systemlogik mit den strukturellen Rahmenbedingungen dieser Wohlstandsgesellschaft auseinandersetzen, nach denen man sich nur zu richten braucht, um ein glückliches und selbstverwirklichtes Leben zu führen. Das schreibt und liest sich sehr einfach. Wer das und mehr macht, kann es im Leben sehr weit bringen. Aber eben nur größtenteils in der Gedankenwelt. Wenn man keine sehr robuste und gleichgültige Lebenseinstellung hat und generell nicht stabil und anpassungsfähig ist, wird man kaum aufsteigen. Und wenn, was besagt das Prinzip des sozialen Aufstieges, wenn die sozio-ökonomischen Verhältnisse permanente Ungleichheit schaffen müssen? Schon mal Aufsteiger hautnah erlebt? Da erübrigt sich jede systemische Schönfärberei. Die Aufsteigermentalität verlangt je gerade in ihrer Konsequenz eine verstärkte Verinnerlichung und Nachahmung von Charaktereigenschaften, die in ihren Ausprägungen eiserne Disziplin, Durchsetzungsvermögen, Leistungsfähigkeit, Flexibilität, Ausdauer voraussetzen.

Der in der Wissenschaftswelt bekannte Sozialforscher, Michael Hartmann, beschreibt die Gradwanderung von sozialen Aufsteigern auch sehr treffend:

„Soziale Aufsteiger haben verständlicherweise Angst, wieder dorthin zurück zu müssen, wo sie hergekommen sind. Sie wissen schließlich genau, wie es dort ist. Daher kämpfen sie auch so verbissen um ihren Aufstieg wie um die einmal erreichte Position. Genau diese Verbissenheit aber gereicht ihnen zum Nachteil, und zwar selbst dann, wenn sie es wie Christoph Daum oder Kajo Neukirchen bis nach oben geschafft haben. Ihnen mangelt es an eben der Gelassenheit und Souveränität, die jene auszeichnet, die man in den oberen Etagen wirklich als seinesgleichen akzeptiert (Hartmann, 2002:128).“ 3

„Von der Wiege bis zur Bahre, armes Kind, spare, spare…“

Die meisten Kinder aus unteren Klassen haben in der Regel einen unsicheren Lebenslauf vor sich, der von inneren und äußeren Unsicherheiten, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen gekennzeichnet ist. Gewöhnlich funktioniert das System natürlich in der Art und Weise, dass Arbeiterkinder nicht aus den vorgesehenen Bahnen fallen, sondern direkt von den stiefmütterlich konzipierten und geförderten Selektions- und Auffangbecken der Gesellschaft sozialisiert werden.
Der Soziologe, Klaus Hurrelmann, konstatierte auch in einer wissenschaftlichen Studie von 2007 zur Kinderarmut in Deutschland:

„(…) die schlechten Startchancen prägen alle Lebensbereiche und wirken wie ein Teufelskreis. Wie ein ‚roter Faden‘ zieht sich eine Stigmatisierung und Benachteiligung dieser Kinder durch das ganze Leben hindurch“. 4

Dabei verlangt diese millionenfache Tatsache kein gesellschaftliches Mitgefühl, sondern stellt insgesamt alles, was die Demokratie an individuellen Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte wohlklingend gewähren soll, infrage. Unsere gesellschaftlichen Leitwerte, die sich größtenteils auch aus emanzipatorischen Gerechtigkeitsvorstellungen speisen, sind in Wirklichkeit nichts anderes als leere Luftblasen. Gerechtigkeit wird gerade für jene Menschen zum inhaltsreichen und ausdrucksstarken Begriff, die von Unrecht am meisten und härtesten betroffen sind. Für jene, die ausgefüllt voller Lebensmöglichkeiten, Aufgaben sind und in Selbstverwirklichungsphasen leben, trägt das Wort Gerechtigkeit nicht mehr als eine tradierte kitschige Bedeutung. Solche sozialen Unterschiede halten natürlich den latenten und permanenten Klassenkonflikt am Leben, der durch das Recht und die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten der Stärkeren und Mächtigeren im Griff gehalten wird.

Das gesellschaftliche Verhältnis, welches die Ungleichheit als natürlichen und unveränderlichen Prozess im Leben glaubhaft machen will, wird von Michael Hartmann auch so erläutert:

„Der Blick des durchschnittlichen Bundesbürgers soll sich vorrangig nach unten richten, wenn es um die Kostenverteilung geht – und nicht nach oben. Nicht die Gewinner der letzten Jahrzehnte sollen ins Visier der Kritik geraten, sondern die Verlierer. Der Begriff der “Leistungsträger” ist dafür geradezu ideal, denn als Leistungsträger fühlt sich – zu Recht – auch die Masse an Durchschnittsverdienern (Hartmann, 2002:269).“ 2


Zirkulation der gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen

Es lohnt in diesem Dilemma mit einfachen Gedankengängen zu beginnen, die versuchen, die gesellschaftlichen Mechanismen zu beschreiben. Mechanismen, die den beinahe unentrinnbaren Teufelskreis für den von der sozialen Ungleichheit betroffenen einzelnen Menschen aufdecken und ins Bewusstsein rücken. Denn die gesellschaftliche Zirkulation ist nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert, sondern im Gegenteil, sie wird kraft Medien erfolgreich verdrängt, mit künstlichen Gesellschaftsthemen überspielt und somit wirksam ignoriert. Es gibt ohne Zweifel politische, soziale und wissenschaftliche Nischen, in denen Armutsforschung ein wichtiges Anliegen ist und trotz der Barrieren und knappen Mitteln mühsam betrieben wird. Jedoch schafft sie es aufgrund ihrer grundlegenden Problematisierung der Sozialstruktur nicht, Ergebnisse, Analysen und Verbesserungsvorschläge öffentlich und politisch wirksam zu verbreiten.

  • Der einzelne Mensch muss sich soziale und politische Engagements finanziell, zeitlich und intellektuell leisten können.
  • Menschen mit prekärem Hintergrund können das in der Regel aus sehr unterschiedlichen Gründen selten oder gar nicht. Sie werden somit aus sämtlichen gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen und in die Ausweglosigkeit und Isolation getrieben.
  • Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit solche und ähnliche Wörter sind längst zu illusorischen Begriffe wie Liebe, Hoffnung und Geduld verkommen. Der Glaube an sie und ihre Gültigkeiten sind nicht verbindlich, sondern schwammig und trügerisch.
  • Linke bzw. linksgemeinte soziale Politik rund um wirtschaftliche Probleme und sozial schwächer gestellte Menschen und deren Sorgen sind Teil des Systems, das in den seltesten Fällen gesamtgesellschaftliche Verbesserungen erzielt. Die gesellschaftlich ausselektierten Menschen werden gar nicht mehr angesprochen, sondern höchstens als Objekte analyisiert. Sie sind weitgehend abgeschrieben, ihre Probleme werden in geschlossenen elitären Zirkeln und Bewegungen instrumentalisiert und zweckentfremdet. Es gibt keinen kulturellen Anspruch, prekäre Menschen direkt zu erreichen, sie in Bewegungen einzubeziehen, ihnen in materieller, gesellschaftlicher und geistiger Hinsicht zur Hilfe zu kommen und Entwicklungsmöglichkeiten einzuräumen. Dieser Defizit an ernsthaften, gemeinsamen und langfristigen Konzepten und Programmen hinsichtlich sozialer Bildungsarbeit mit betroffenen Menschen hat sträfliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Parallelgesellschaften gibt es nicht – wie in Medien und Politik notorisch gezeichnet wird – zwischen kulturell unterschiedlichen Gruppen, sondern zwischen Klassen, Ständen, Schichten, egal wie man sie bezeichnen mag. Die gesellschaftliche Unterscheidung und Abgrenzung von Gesellschaftsgruppen erfolgen allein aufgrund der sozio-ökonomischen Hintergründe der Menschen. Trotz der unterschiedlichen Nuancen gibt es eine deutliche Tendenz zu gegensätzlichen Verhältnissen von unteren und oberen Klassen, welche mitunter die Institutionen, das Zusammenleben und somit auch die gesellschaftliche Kultur dominieren. Dabei ist der Drang und Hang zur Abgrenzung insbesondere ein typisches Erscheinungsbild im Bildungsbürgertum. In diesem Zusammenhang beschreibt die Journalistin, Kerstin Kohlenberg, in ihrem Artikel „Von oben geht es nach oben“ das Phänomen in der Namensvergebung bei Bildungsbürgern:

    „Der Berliner Kultursoziologe Jürgen Gerhards hat Tausende deutsche Geburtsregister aus mehr als hundert Jahren untersucht, von 1894 bis 1998. Er hat Vornamen und Berufe verglichen und festgestellt: »Der Geschmack ist sozial imprägniert.« Vor 1948 zum Beispiel waren christliche Vornamen bei Bildungsbürgern ziemlich unbeliebt. Damals hörten genug Mägde auf den Namen Johanna, gab es massenweise Fabrikarbeiter, die Paul hießen. Weshalb diese Namen in der Oberschicht kaum vorkamen. Heute, da in den Hauptschulklassen dutzendweise Jaquelynes, Justins oder Kevins sitzen, fangen die Akademiker wieder an, alte Namen zu mögen.“5

  • Die fehlende Orientierung, das mangelnde Vertrauen, verinnerlichtes Wettbewerbsdenken und weitere Eigenschaften der wirtschaftlichen Freiheit sind nicht nur typische Merkmale der Ökonomie, sondern sie beherrschen mittlerweile alle Ebenen des zwischenmenschlichen Miteinanders.
  • Der gesellschaftliche Zerfall der Individuen in ein misstrauisches und disharmonisches Gegeneinander ist das Resultat in unteren Gesellschaftsklassen. Frustration, Resignation und Ohnmacht gehen hier einher mit Verrohrung, Unterwerfung, Entmündigung und kultureller Entleerung von Menschen, die keine Perspektive mehr haben.
  • Streiten wir noch oder denken wir schon?

    Diese Thesen sind und bleiben nur ein kleiner Gedankenanstoß, die zur weiteren Diskussion und Auseinandersetzung einladen möchten. Der Diskurs um die mangelnde Erfolgsfähigkeit der sozialen Bemühungen nach allgemeinen Verbesserungen von Lebensbedingungen, welche im Ansatz auch die wirkliche soziale Gerechtigkeit zum Weg und Ziel haben, müssen notwendigerweise fortwähren, vernetzt und verbreitet werden. Die Analysen und Ideen stauen meist in politischen, elitären und abgeklärten Kreisen und erreichen aus unterschiedlichen Gründen nicht die ausgegrenzten Menschen, die vom Unrecht am meisten betroffen sind.
    Es gibt die systemerhaltenden Pragmatiker, die selbst beim besten Willen nur den Ist-Zustand als unveränderliches Lebensprinzip zur Kenntnis nehmen und jeden kritischen Verbesserungsgeist aufgegeben haben. Wir nehmen diese Stimmung überall wahr. Heute ist das gesamte Leben nur danach ausgerichtet, nicht um einen universellen gesellschaftlichen Weg zu bestreiten, sondern um das eigene Leben zu sichern und zu stärken. Es ist nicht nur die Sorge um die Selbsterhaltung, die uns treibt, sondern Gefühle, Ängste und negative Erfahrungen, die einzelne blockieren, lähmen und aufhalten. Aufopferung und Engagement sind gefragter, denn je, sie können nur dort gedeihen und gelten, wo Vorreiter, diesen Geist haben und solch ein soziales Leben auch vorleben.

    Umso erfreulicher und vorbildlicher sind die gesellschaftlichen Ereignisse in Nordafrika und gegenwärtig in vielen EU-Ländern wie Spanien. Insbesondere die Umstürze in Nordafrika beweisen, dass Massen selbst die mächtigsten und robustesten Systeme bewegen und verändern können. Auch wenn die dortigen Entwicklungen noch sehr offen sind. Ohne den friedlichen und reflektierten Aufstand, ändert sich nichts.

    1. Der bekannte und erfahrene Menschenrechtsaktivist, John Ziegler, zeigt die globalen machtpolitischen und wirtschaftlichen Verflechtungen in seinem Werk „Der Hass auf den Westen“ auf und beschreibt die verhehrenden Auswirkungen wie Armut, Elend und Unterdrückung auf die Bevölkerungen der unterprivilegierten Staaten, die weitestgehend in ihren politischen und wirtschaftlichen Strukturen von westlichen Ländern bestimmt und dominiert werden. Ziegler, John (2009): Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. [zurück]
    2. Hartmann, Michael (2002): Der Mythos von den Leistungseliten: Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus Verlag. [zurück]
    3. Hartmann, Michael (2002): Der Mythos von den Leistungseliten: Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus Verlag. [zurück]
    4. [3] World Vision Deutschland (Hrsg.): „Kinder in Deutschland 2007.“ – 1. World Vision Kinder-Studie, [online] URL: http://www.worldvision-institut.de/_downloads/allgemein/zusammenfassung-kinderstudie2007.pdf, Stand: 1. Juni 2011 [zurück]
    5. [4] Kohlenberg, Kerstin (2007): Von oben geht’s nach oben. Zeitungsartikel: Die Zeit vom 29.08.2007. [online] URL: http://www.zeit.de/2007/35/Aufsteiger, Stand: 1. Juni 2011 [zurück]
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    1 Antwort auf „Kämpfst du noch oder siegst du schon?“


    1. 1 flavo 03. Juni 2011 um 8:41 Uhr

      Klassendiskriminierung halte ich grundlegend für einen problematischen Begriff. Sie ist ganz anders als andere Diskriminierungen: deren Merkmale (Farbe, Geschlecht, Behinderung) sind natürliche (achtung nicht gleich in die postmoderne Denkstarre verfallen oder den Denkweg unterbrechen, weil Essentialismusverdacht), nicht die kulturelle Deutung dieser Merkmale aber. Klasse ist nichts, was präkulturell einem Menschen mitgegeben worden wäre. Sie ist durch und durch Produkt menschlicher Handlung.
      Es wirken Antidiskriminierende Instrumente hier grotesk: man denke an eine Klassenqoute. Oder die Diversity: Farbige, Frauen, Behinderte, und, Angehörige unterer Klassen. Das ist wie Vanilleeis mit Salz.
      Man naturalisiert also Klassenverhältnisse damit. Die Sonderrolle, und zwar die Schlüsselrolle, des Klassismus sieht man auch daran, wie in den letzten 20 Jahren die SoWis sich veränderten: die neoliberalen materiellen sozialen Verhältnisse der Klassensegregation gingen einher mit einer kulturalistischen Wende (und natürlich vielen anderen turns, aber immer in Wegdrehung vom Klassenproblem) in den SoWis und Philo insbesondere. Mit der Zeit meinte man alles nur mehr per Sprechakt verändern zu können. Nicht materielle soziale Verhältnisse, sondern Bezeichnungen wurden Problem und Lösung zugleich. Ein Paradebeispiel von Ideologie und Überbau eigentlich.
      Und natürlich, die Selbstermächtigung erntete Applaus nur bei kostengünstigen Gruppen wie Behinderten und farbige Frauen, on the long run gehts dann um deren Vetretung in Spitzenpositionen. Bei Klassen nennt sich Selbstermächtigung dann Populismus und Über-den-Verhältnissen-leben-wollen. Wenn man Holzkamps klare Formulierung bedenkt, dass kritische praxisorientierte Wissenschaft so eine Ermächtigung fördern sollte, schaut man heutzutage in eine Wüste diesbezüglich. Man darbt in einem teilweise weltfremden Objektivismus. Die neue Armut, die Exkludierten, die Segregation, als würde man einen Biologen auf dem Mars aussetzen, beäugt ein Trend der SoWis die Welt, in der er selbst lebt, mit fremden Augen. Vermutlich sind es in der Tat fremde Augen als Folge der klassistischen Ausdünnung der Wissenschaften. Intellektuelle Illusionen, wie Bourdieu das nannte. Die Welt, abzüglich des Klassenproblems, überdeckt mit Modellen, die das Klassenproblem nicht kennen.
      Dennoch, von Arbeiterkindern zu sprechen, hat vielleicht Einseitigkeiten in sich. Angestellte sind auch nicht viel anders betroffen.

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