„Oben“ und „unten“ gibt es nicht – Kritik am klassenbezogenen Vertikalitäts-Diskurs

Von Andreas Kemper

Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde die Gesellschaft als Ständegesellschaft aufgefasst. Die Einteilung in Stände entsprach der gesellschaftlichen Produktionsweise des Feudalismus. Die Stände wurden dabei hierarchisch geordnet. Hierarchie heißt so viel wie „heilige Ordnung“. Diese Ordnung verortete Gott oben und das Schlechte unten. Oben zu sein hieß Gott näher sein. Das Gute floss von Oben nach Unten. Dies spiegelte sich auch architektonisch oder in anderen Dispositiven wider.
Ganz anders ist das Klassenkonzept von Karl Marx konzipiert. Es ist das einzige Konzept, welches kein Oben und Unten kennt, sondern dialektisch im Sinne Hegels aufgebaut ist. Demnach hat jede Gesellschaft zwei antagonistische Klassen, also zwei Klassen, die sich gegenüber stehen. Die Kapitalist_innen stehen nicht über den Arbeiter_innen. Es gibt kein Oben und Unten. Dieses Oben und Unten ist in der Hegelschen Dialektik zwar vorgesehen, aber nur in der „Aufhebung“ der Widersprüche. Auf einer jeweils höheren Stufe finden sich neue Widersprüche. Diese sind aber als ein Nebeneinander zu denken.
Im Zwanzigsten Jahrhundert wurde schließlich wieder zunächst mit dem Schichtmodell, dann mit einigen Milieu-Darstellungen die Vertikalität übernommen. Und die Zuordnung der Gruppen entsprechend ihrer Macht wurde ähnlich wie im Ständemodell choreographisiert.

Problematisch ist an diesem Modell, dass die Vertikalität normativ aufgeladen ist oder einfacher ausgedrückt, dass „Oben“ als etwas „Gutes“, „Unten“ als etwas „Schlechtes“ gilt. Die Kopplung von Positionen auf einer vertikalen Achse mit moralischen und ethischen Werten geschieht dabei nicht unabhängig von der bereits zuvor gedachten Positionierung von gesellschaftlichen Gruppen auf dieser Achse. Das heißt, „Oben“ wird auch als positiv bewertet, weil die Herrschenden als „Oben“ imaginiert werden. Gleichzeitig gilt aber auch, dass das „Unten“ positiv konnotiert wird und zwar über das vermeintliche „Untensein“ der Beherrschten.
Entsprechend stellt sich die Frage, ob die Begriffe, die die Klassenverhältnisse vertikalisiert benennen und für entsprechende Bilder stehen, grundsätzlich vermieden werden sollten, oder ob sie nach unten hin aufgehoben werden sollten, in dem Sinne, dass „die da oben“ dazu aufgefordert werden, „mal runter zu kommen“.
Unabhängig von dieser Frage steht mit der diskursiven Vertikalisierung der Klassenverhältnisse einer der größten Brocken der kritischen Diskursanalyse zur Disposition. Dass die Diskursforschung dieses Problem noch nicht angegangen hat, mag zum einen an der mangelnden Einbeziehung von klassenbezogenen Diskursen in der Diskursforschung selber liegen, zum anderen aber auch an der Gewalt dieses Bildes einer geschichteten Gesellschaft.

Rio Reiser sah es schon ganz richtig: Du bist nicht über mir, du bist nicht unter mir. Damit sich das einprägt, hier sein Liebenslied. Womit nicht gemeint sein soll, dass wir jetzt mit Kapitalisten kuscheln wollen ;-)

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1 Antwort auf „„Oben“ und „unten“ gibt es nicht – Kritik am klassenbezogenen Vertikalitäts-Diskurs“


  1. 1 Andreas 15. Juni 2011 um 16:43 Uhr

    Spannend sind hier ebenfalls Begriffe wie „Unterdrückung“ und „Erniedrigung“, die einen gewalttätigen Prozess vertikal darstellen.

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