Kritik am Diss-Journal 21

Von Andreas Kemper

Das „Diss-Journal“ ist das Magazin des vor ca. 25 Jahren gegründeten „Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung“. Die Analysen aus diesem Institut finde ich in der Regel sehr gelungen und ich habe auch mit Begeisterung Siegfried Jägers „Kritische Diskursanalyse“ gelesen. Während jedoch der Band „Kritische Diskursanalyse“ durch seine Kritik an der Soziolinguistik und durch den Bezug auf die Tätigkeitstheorie Leontjews zu einer Sensibilisierung klassensspezifischer Fragestellung anregt, muss leider für die Veröffentlichungspraxis der letzten Jahre festgestellt werden, dass Klassendiskriminierungen vom Duisburger Institut kaum fokussiert wurden, jedenfalls sehr viel seltener als andere Diskriminierungsformen.

Vor diesem Hintergrund kritisiere ich auch die aktuelle Ausgabe „Diss-Journal 21″. Gleich der zweite Artikel bezieht sich auf die Herausgabe des Buches „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners, einer Kritik an die Sarrazins, Sloterdijks, Broders, etc. An sich ist die Rezension des Buches, die John Lünnen vornahm, und die auch eine Analyse der Reaktionen einbezieht, treffend formuliert. Jedoch fehlt in der Kritik der Hinweis, dass Sloterdijk und Sarrazin ja nicht nur Panik gegen den Islam machen, sondern auch vor der sogenannten „Unterschicht“. Und dass mit die „Die Panikmacher“ gleichzeitig andere Publikationen zu Sarrazin erschienen sind, die ebenfalls einseitig die „Migrationsdebatte“ oder seine Argumente zur „Integrationspolitik“ benennen, nicht aber seine eugenisch begründeten Angriffe gegen die sogenannte „Unterschicht“.

Im Artikel „Die Kritik an Sarrazin: Berechtigt und dennoch im Kern daneben!“ von Siegfried Jäger scheint genau dies auch kritisiert zu werden. Die Kritiken an Sarrazin würden den eigentlichen Kern verfehlen, der „darin besteht, eine als demokratisch postulierte Gesellschaft nahezu ausschließlich unter ökonomischen Kosten-Nutzen-Kalkülen zu interpretieren.“ Weiter heißt es bei Jäger im Diss-Journal: „Messlatte für Gut und Schlecht ist dann allein der wirtschaftliche Nutzen und nicht das Wohlergehen der
Menschen. Dieses Argument sucht man jedoch in der kritischen Debatte zu Sarrazin vergebens.“ Den letzten Satz könnte ich fast unterschreiben, da ich ja oben auch ähnlich argumentiert habe, muss dann aber doch protestieren, da ich ja seit Oktober 2009 genau auf die Sozialeugenik Sarrazins verwiesen habe: Sarrazins Sozialeugenik Also unmittelbar nach dem Lettre-Interview. Es kann natürlich auch sein, dass ich Siegfried Jäger hier falsch verstanden habe, und dass es ihm darum geht, Sarrazin als Kosten-Nutzen-Rechner zu sehen und nicht als Eugeniker. Dann hätten wir tatsächlich einen Dissenz. Eugenik passt nicht zum postfordistischen Modell des flexiblen und immer wieder genauen Rechnens. Eugenik ist in gewisserweise ein fordistisches Modell. Wenn es Sarrazin nur um Kosten-Nutzen-Kalküle ginge, dann dürfte er nicht vererbungstheoretisch argumentieren. Die Eugenik-Argumentation nutzt der gut situierten Mittelschicht, da gegen die immer wieder zu prüfende Leistungsfähigkeit eine endgültige vererbungsabhängige Begabung ins Spiel gebracht wird. Natürlich basiert Sozialeugenik auch auf eine Kosten-Nutzen-Bilanz, aber zu einer sehr viel groberen, in der obendrein Privilegierungen höher gewichtet werden als Gewinnmaximierungen. Sarrazin argumentiert somit nicht marktwirtschaftlich, sondern klassenrassistisch.

Um diesen Begriff „Klassenrassismus“ dreht sich schließlich der dritte Artikel, den ich kritisieren möchte. Es handelt sich um eine Rezension von Wulf D. Hunds Buch „Rassismus“, sie ist überschrieben mit „Die eliminatorische Funktion von Rassismus“. In der Rezension zeichnet Sebastian Friedrich die Argumentation nach, die Wulf D. Hund dazu führen lässt, von Rassismus als vernichtendem Rassismus zu schreiben. Sebastian Friedrich hierzu: „Hund plädiert dafür, den Rassismusbegriff auf andere Ausschließungsformen zu übertragen und das Eliminatorische als entscheidendes Merkmal für Rassismus anzusehen. In dieser Logik muss Rassismus als Steigerung von spezifischen Diskriminierungen verstanden werden; Rassismus gewissermaßen als Zusatzbegriff , um das Übertreten der Schwelle von Diskriminierung zu (vernichtender) Ausschließung zu bezeichnen.“ Daraufhin kritisiert er diesen Ansatz wie folgt: „Wenn Rassismus die Steigerung der Ausgrenzung ist, also aus Klassismus und Sexismus Klassen-Rassismus und Geschlechter-Rassismus werden kann, wird Rassismus schnell zu einem inflationären Begriff , der dazu dient, das „besonders Schlimme“ zu kennzeichnen. Alltagsrassismus und/oder teilweise sehr subtil formulierter Rassismus könnte somit als solcher nicht mehr bezeichnet werden. Letztlich bleibt außerdem die Frage, wer die Definitionsmacht hat, zu bestimmen, was Rassismus ist.“

Zu der Rezension gab es eine Vorgeschichte. Bei einem Treffen, wo über einen Sammelband zu Sarrazin diskutiert wurde, legten mir Sebastian Friedrich und der Verleger nahe, den Begriff „Klassenrassismus“ möglichst nicht zu benutzen. Wir diskutierten relativ aufgebracht über diesen Begriff und einigten uns darauf, dass ich den Begriff im Buch nicht verwenden sollte, da dies nicht der richtige Ort für die anstehende Diskussion sei. Diese sollte aber an anderer Stelle geführt werden. Leider ließ ich mich darauf ein und hatte vergessen, dass es ja nie um Begriffe geht, sondern um Denkweisen, die mit dem Begriff nicht so einfach abgelegt werden. Jedenfalls freute ich mich auf die Diskussion, startete eine Umfrage hier im Dishwasher zu den Begriffen und schrieb einen kurzen Artikel dazu. Sebastian Friedrich empfahl ich das Buch von Hund und einige Passagen von Michel Foucault. Leider blieb die Diskussion aus und was persönlich sehr ärgerlich war: mein umfangreicher Artikel über das Erbintelligenz-Paradigma wurde schließlich abgelehnt. Er passt genau genommen auch nicht in ein Buch mit dem Titel „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“, da im Artikel sowohl die Reduktion der Sarrazin-Debatte auf Rassismus (welcher eben explizit nicht Klassenrassismus einschließt) und die unglückliche Darstellung unserer Gesellschaft als „Leistungsgesellschaft“.

In der Frage selber, ob wir den Begriff „Klassenrassismus“ benutzen sollten, stellt Sebastian Friedrich die Frage, wer die Definitonsmacht hat, zu bestimmen, was Rassismus ist. Die Betroffenen? Aber wer ist von Rassismus betroffen? Einem Sprach- und Sozialforschungsinstitut wie dem DISS käme zu, hier die entsprechenden Diskurse zu analysieren. Es ist zu hoffen, dass das Institut seine eigene Schräglage erkennt, zumal es gegen die staatliche Diskriminierungshierarchie und einer entsprechen Forschungsvergabe (wo klassenspezifische Diskriminierung schlichtweg nicht problematisiert wird) korrigierend eingreifen sollte.

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