Aufgeschnappt: Den Hochschulen droht ein Studenten-Tsunami

Von Andreas Kemper

Thomas Vitzthum in der Welt-Online vom 18. Juni 2011:

Den Hochschulen droht ein Studenten-Tsunami
Die Bildungsrepublik droht im Chaos zu versinken. Oben müssen die Hochschulen Zehntausende neue Studenten verkraften. Unten sollen Haupt- und Realschulen verschmelzen.

Es folgt noch der Hinweis, dass in Deutschland 2010 224 Mrd Euro für Bildung ausgegeben wurden. Solche Zahlen lassen sich leicht propagandistisch nutzen, wenn sie isoliert dargestellt werden. 224 Mrd Euro Gesamtausgaben (staatlich und privat) ist nicht viel, wenn man es mit den jährlichen 330 Mrd Euro vergleicht, die vererbt werden. Auch ist zu hinterfragen, was denn als Bildungsausgabe gezählt wird. Setzt man die internationalen Kritierien von OECD, UNESCO und Eurostat an, dann sind die Ausgaben schon sehr viel geringer. Die Bildungsausgaben waren in Deutschland durchgehend auf einem sehr niedrigen Stand:

Die gesamten öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen lagen in Deutschland 2007 nach internationaler Abgrenzung bei 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, mit in den letzten Jahren rückläufiger Tendenz. Unter den OECD-Ländern, für die diese Zahlen vorliegen, gaben nur die Slowakei, Tschechien und Italien einen geringeren Anteil der Wirtschaftsleistung für Bildung aus. Bei den Spitzenreitern USA, Korea und Dänemark liegt der Anteil der Bildungsausgaben bei über sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (Siehe Tabelle B2.1)
Pro Schüler bzw. Studierenden lagen die Ausgaben in Deutschland 2007 kaufkraftbereinigt etwa im OECD-Schnitt. Im Primarbereich liegen die Ausgaben leicht unter dem OECD-Schnitt, in der tertiären Ausbildung leicht darüber. Zwischen 2000 und 2007 sind in fast allen OECD-Ländern die Ausgaben pro Schüler im Primar- und Sekundarbereich gestiegen, teilweise sehr deutlich. In der tertiären Ausbildung sind im gleichen Zeitraum die Ausgaben pro Studierenden in etwa der Hälfte der OECD-Länder gestiegen. In Deutschland haben sich in beiden Bereichen die Ausgaben dagegen kaum verändert. (OECD: Bildung auf einem Blick 2010

Von einer „exorbitanten Summe“ kann also gar nicht gesprochen werden. Zudem teilte die OECD mit, dass in Deutschland die Rendite für Bildungausgaben im Tertiären Sektor am höchsten ist: 155.000 Euro pro Bildungsplatz. Davon zu reden, dass die Hochschulen Zehntausende neuer Student_innen „verkraften“ müssen, ist da dann schon eine merkwürdige Wortwahl. Hochschulen gaben 2008 4000-7000 Euro pro Student_in aus. Teuer ist lediglich die Medizin: Hier betragen die Kosten das Fünffache, nämlich 30.000 Euro. Ich habe den Artikel von Herrn Vitzthum gar nicht weiter gelesen. Studierende als Tsunami zu bezeichnen, ist menschenverachtend, entspricht in etwa dem Vokabular der „Asylantenflut“; sie als etwas darzustellen, was Hochschulen zu „verkraften“ haben, verfehlt den Sinn der Hochschulen und ignoriert den gesellschaftlichen Wert von Bildung, sogar den der ökonomischen Rendite; dann auch noch eine Zahl abzufeiern, weil sie so viele Nullen hat, dass einem die „Augen verschwimmen“ und sie nicht in den internationalen Kontext zu stellen, der die Ausgabenhöhe ganz schnell relativiert – das alles reicht aus, um wieder mal einen Welt-Online-Artikel zu identifizieren, den man nicht gelesen haben muss.

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