Lern nicht mit den Schmuddelkindern

Artikel von Brigitte Schumann im Freitag, 13.06.2011

Lern’ nicht mit den Schmuddelkindern
SPD und Grüne rücken vom Leitbild einer „Schule für alle“ ab. Die Bildungsreformer sollten von der Anti-Atom-Bewegung lernen

Brigitte Schumann ist Lehrerin und war von 1990 bis 2000 bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen

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22 Antworten auf „Lern nicht mit den Schmuddelkindern“


  1. 1 Irene 19. Juni 2011 um 17:37 Uhr

    … und heute in der Welt:
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13437242/So-chaotisch-geht-es-an-deutschen-Schulen-zu.html

    Was tun, wenn Eltern morgens nicht aufstehen, um ihre Kinder in die Schule zu schicken? Oder die Kinder abends nicht ins Bett schicken und ihnen einen Fernseher ins Zimmer stellen, auf dem sie bis Mitternacht die neueste Bordellrenovierungsreportage auf RTL glotzen? Wenn es den Eltern ganz egal ist, ob die Kinder was lernen? Oder wenn die Mädchen nicht raus dürfen, wegen Ehre und Gedöns? Soll man die alle in Internate stecken? Oder, wie Buschkowski fordert, zumindest das Kindergeld zur Sanktionierung verwenden?

    Andreas: Die Arbeiterschaft, die Du vor Augen hast, wenn es um Bildungsbenachteiligung geht, denkt und lebt ziemlich bürgerlich, schätze ich. Die ist wie Du.

  2. 2 Irene 19. Juni 2011 um 17:47 Uhr

    Schulbildung ist überschätzt.

    Meine Mutter ist Gastwirtstochter mit acht Jahren Volksschule und einem halben Jahr ländlicher Hauswirtschaftschule. Sie hat mich morgens geweckt, mit Pausenbrot in die Schule geschickt, mittags gekocht, nach dem Essen an die frische Luft geschickt, danach waren Hausaufgaben und Ranzen packen dran, und um halb acht ging es ins Bett. Sowas ist heutzutage in Berlin eine privilegierte Herkunft.

  3. 3 Irene 19. Juni 2011 um 17:54 Uhr

    OT zur Benachteiligung der Jungs:

    „Junge Männer werden ohnehin stark benachteiligt, wenngleich auch nicht von der Gesellschaft, sondern durch ihr eigenes Gehabe.“ (Max Goldt, via Twitter)

  4. 4 Mareike Kaa 20. Juni 2011 um 16:31 Uhr

    @Irene: „Schulbildung ist überschätzt.“

    Was die vermittelten Inhalte betrifft, gebe ich dir recht.
    Die Abschlüsse allerdings sind für das weitere Leben der Schüler hochrelevant.

  5. 5 Irene 22. Juni 2011 um 16:52 Uhr

    Natürlich sind Schulabschlüsse nicht egal. Meine Bemerkung steht ja in einem bestimmten Zusammenhang.

    Soll ich es nochmal erklären, damit es die Akademikerkinder auch verstehen, oder wie?

  6. 6 Irene 23. Juni 2011 um 10:13 Uhr

    So, ich machs freiwillig.

    Hier im Blog geht es um die Diskriminierung von „Arbeiterkindern“. Das ist zwar als Oberbegriff für Bildungsbenachteiligung gedacht, den man subjektiv definieren darf. Aber dabei verwischt man Unterschiede, die entscheidend sein können. Es ist ja nicht dasselbe, ob man aus einer Familie kommt, in der Arbeiter oder Bauern morgens aufstehen, um hart zu arbeiten, oder ob alle ausschlafen und die Kinder denken, dass man nichts arbeiten und lernen braucht, weil das Geld eh vom Amt kommt.

    Wenn womöglich noch der Imam predigt, dass der Islam überlegen ist und bald siegen wird, könnte das bei manchen jungen Männern zu dem Fehlschuss führen, dass man irgendwann alles geschenkt kriegt, nur weil man zufällig Türke ist. Das könnte man sich mal näher ansehen, Erdogans chauvinistische Sprüche wären ja Anlass genug.

    Wie auch immer, das kann jedenfalls nicht alles von Schulen kompensiert werden.

  7. 7 Andreas 23. Juni 2011 um 10:35 Uhr

    Hallo Irene,

    also erstmal malst du ein Teil eines Gemäldes in zu grellen Farben. Man müsste mal die Statistik befragen, mein Eindruck ist jedenfalls, dass die Jugendpsychiatrien gerade überlaufen sind. Eingewiesen werden vor allem Jugendliche und Kinder aus den Mittelschichten. Während Mädchen einen Großteil der Psychiatrisierten stellen aufgrund von Essstörungen, neigen Jungen eher zum Amoklauf. Das alles sind keine Probleme der sogenannten „Unterschicht“ und sie werden auch nicht durch den Islam importiert. Familienprobleme gibt es in allen sogenannten Schichten.

    Kinder, die in der sogenannten „Unterschicht“ groß werden, lernen in erster Linie nicht, dass man alles geschenkt bekommt und deshalb nicht arbeiten muss. Geschenke gibt es vor allem für die Kinder aus reichen Schichten. 330 Mrd Erbschaften stehen 40-50 Mrd an Gesamtausgaben für Arbeitslose jährlich gegenüber. Gutverdienende Familien erhalten Kindergeld, bis zu 1800 Euro Elterngeld und zahlreiche Steuergeschenke. Arbeitslose erhalten weniger als man zum Leben braucht.

    Irene, du argumentierst moralisch und zwar auf Grundlage einer schrägen Wahrnehmung der tatsächlichen Vermögensverteilung.

  8. 8 Irene 23. Juni 2011 um 11:57 Uhr

    Andreas, ich leugne überhaupt nicht die Privilegien der Oberschicht. Meinetwegen kann man gern eine Vermögenssteuer einführen und die Erbschaftssteuer erhöhen.

    Aber davon verschwindet RTL nicht aus den Kinderzimmern. Mir geht es darum, dass der Staat und die Schule nicht alles kompensieren können. Die Kinder abends ins Bett schicken wird z.B. an den Eltern hängen bleiben. Und da fängt die Ungleichheit an. Wie willst Du das denn ändern?

    (Gruppen, die häufiger zum Psychiater oder zur Therapeutin gehen als andere, müssen nicht unbedingt gestörter sein. Vielleicht wissen sie einfach besser Bescheid, wie Medizin und Therapie funktionieren und wie man sie für sich nutzt. Bildung ist sehr hilfreich, um eine ärztliche Versorgung zu bekommen. Es kann aber auch vorkommen, dass man überdiagnostiziert wird, wenn sich der bürgerliche Therapeut bevorzugt mit bürgerlich anmutenden Klienten unterhält.)

  9. 9 Irene 23. Juni 2011 um 12:02 Uhr

    (Amoklauf als männliches Pendant zur Esstörung ist mir zu grell. Esstörungen sind weit verbreitet, Amokläufe sind selten. Außer Du zählst verbale Entgleisungen und umgeworfene Tische dazu.)

  10. 10 Andreas 23. Juni 2011 um 12:18 Uhr

    Was die Therapie betrifft, da muss man natürlich sehen, dass Therapie bürgerlich ist. Tatsächlich werden Menschen aus den Unterschichten eher weg-psychiatrisiert als Menschen aus den Mittelschichten, die auf bürgerliche Therapien zurückgreifen können. Aber ich sprach ja nicht von Therapien, sondern von Jugendpsychiatrien. Und dort finden sich eben sehr viele Kinder und Jugendliche aus den Mittel- und Oberschichten.

    RTL-Fernsehen ist in erster Linie kein Unterschichten-Problem, sondern ein Problem des Lügenfernsehens. Und dieses wird von privilegierten Menschen gemacht.

    Das Problem sind die Familien- und Bildungspolitik, die dazu führen, dass Mittelschichten sich von sogenannten Unterschichten separieren. Das Problem ist die Isolierung von Menschen mit wenigen Ressourcen, ihre Viktiminisierung, die Reduzierung immer weiterer Ressourcen. Die Gesellschaft versagt nicht nur ihre Unterstützung, die Gesellschaft ist hier strukturell gewaltätig.

    Zum Amoklauf: Amokläufe sind nur die Spitze des Eisberges. Was muss passiert sein, dass ein Jugendlicher beschließt, sich selbst und so viele andere MitschülerInnen und LehrerInnen wie möglich zu ermorden? Bei wievielen Jugendlichen aus der Mittelschicht ist das Fass voll aber noch nicht übergelaufen? Warum wird das nirgendwo thematisiert? Warum werden immer nur die sogenannten Unterschichts-Familien problematisiert? Warum wird nicht thematisiert, dass es gerade in Mittelschichts- und Oberschichtsfamilien ein Defizit an Einfühlungsvermögen gibt?

  11. 11 Irene 23. Juni 2011 um 12:44 Uhr

    Mir ging es nicht darum, wer RTL macht, sondern darum, wem es am meisten schadet.

    Du wirfst mir vor, moralisch zu argumentieren. Das könnte damit zu tun haben, dass der Erziehungsauftrag an sich ein moralischer ist. Ich habs nämlich sonst nicht so mit dem Moralisieren von Problemen.

    Aber ich sprach ja nicht von Therapien, sondern von Jugendpsychiatrien. Und dort finden sich eben sehr viele Kinder und Jugendliche aus den Mittel- und Oberschichten.

    Und warum ist das so?

    Vielleicht landen auffällige Kinder aus der Unterschicht eher in der Sonderschule, und die kleineren Auffälligkeiten werden an Hauptschulen und deren Nachfolgern halbwegs hingenommen (siehe Welt-Reportage)? Und auffällige Kinder aus der Mittel- und Oberschicht kommen zum Psychiater, damit sie möglichst schnell wieder flott gemacht werden für die Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft?

  12. 12 Andreas 23. Juni 2011 um 12:53 Uhr

    Mir ging es nicht darum, wer RTL macht, sondern darum, wem es am meisten schadet.

    Naja, aber es geht doch um die Ursache des Schadens. Für die Probleme, die es in Familien mit wenig Ressourcen gibt, ist hauptsächlich die Gesellschaft verantwortlich, die ihnen Ressourcen vorenthält. Das muss sich zuallererst ändern. Die dann noch bleibenden Probleme in den Familien können sozialarbeiterisch angegegangen werden wie in anderen Familien auch.

  13. 13 Wayne 23. Juni 2011 um 13:16 Uhr

    In meinen Augen ein ganz schwieriges Thema. Eine Frage der Balance zwischen Individualisierung und Kollektivierung. Grundsätzlich mangelt es den Institutionen in der Bildung sowieso an finanziellen Mitteln. Die Eltern sind dann nochmal ein „Problem für sich“.

    PS: OT zur Benachteiligung der Mädchen:

    „Junge Frauen werden ohnehin stark benachteiligt, wenngleich auch nicht von der Gesellschaft, sondern durch ihr eigenes Gehabe.“

    Dies hat genau so viel Wahrheitsgehalt wie das Zitat von Max Goldt.

  14. 14 Irene 23. Juni 2011 um 13:22 Uhr

    Ich denke, dass Geld vor allem Kompensationsmöglichkeiten bedeutet.

    In allen Schichten gibt es Eltern, die ihre Kinder bis nachts um eins fernsehen lassen, aber nicht alle Schichten haben Geld, hinterher die Nachhilfe zu bezahlen, wenn das unausgeschlafene Kind die Arbeiten versemmelt.

    Dass die Unterschicht aus besseren, empathischeren Menschen besteht, halte ich übrigens für abwegig. Mit höherer Bildung kann man zwar intellektuell-arrogant sein, aber kalt und abweisend sein kann man auch auf andere Weise.

    Ist aber unter deutschen Linken weit verbreitet, diskriminierte Gruppen zu besseren Menschen zu verklären. Früher habe ich mich über den Songtext „auch schwarze lesbische Behinderte können ätzend sein“ gewundert, inzwischen sehe ich, dass er einen gewissen Sinn hat.

  15. 15 Andreas 23. Juni 2011 um 13:40 Uhr

    @Wayne, das Max Goldt-Zitat wird durch die Gew-Studie belegt. Falls gewünscht suche ich den Link.

  16. 16 Andreas 23. Juni 2011 um 13:42 Uhr

    @Irene,

    wieso verkläre ich die sogenannte „Unterschicht“, wenn ich darauf verweise, dass Einfühlungsvermögen in karriereorientierten Gruppen weniger gut ausgeprägt ist?

  17. 17 Wayne 23. Juni 2011 um 13:53 Uhr

    Ich stehe Studien, ob sie meine Meinung nun „bestätigen“ oder „widerlegen“, grundsätzlich skeptisch gegenüber. Die Studie habe ich schon gefunden. Mal sehen ob ich heute noch die Zeit finde mich damit zu beschäftigen.

  18. 18 Andreas 23. Juni 2011 um 13:56 Uhr

    @Wayne,

    man muss Studien kritisch lesen. Aber ebenso muss man seine eigenen Erfahrungen kritisch betrachten.

  19. 19 Irene 23. Juni 2011 um 14:24 Uhr

    Wieso setzt Du das Bürgertum pauschal mit extremer Karriereorientierung womöglich bis zur Gefühlskälte gleich? Das erscheint mir recht willkürlich, das Bürgertum ist doch nicht geschlossen ehrgeizig. (Und Kinder lassen sich den elterlichen Ehrgeiz nicht unbegrenzt einimpfen, irgendwann schlägt die Pubertät zu und der elterliche Einfluss ist zum guten Teil dahin.)

    Ich kenne diese gewisse Härte bei manchen Mittelschichtsfamlien zwar schon. Vor allem bei denen, die denken, dass sie sich alles hart erarbeitet haben und das Leben für andere bitteschön genauso hart sein soll – sowas ist sehr anstrengend für mich.

    Ich kenne aber auch etliche bürgerliche Leute, die (vielleicht dadurch, dass sie weniger unter Druck stehen) recht großzügig und wohlwollend gegenüber anderen Menschen eingestellt sind, auch wenn sie sich ihrer Privilegien nicht immer bewusst sind. Einen guten Teil meiner früheren Lehrerinnen und Lehrer würde ich so einordnen.

    Vielleicht sind ja die Karriereorientierten, die Dir Bauchschmerzen machen, gar nicht die Privilegierten an sich, sondern narzißtische Menschen? Narzißten sind in gehobenen Positionen überrepräsentiert, weil Narzißmus zu Verhaltensweisen führt, die der Karriere nutzen. Dass das so gut funktioniert, liegt auch ein wenig daran, dass sich zu wenig Menschen den Narzißsten in den Weg stellen. (Ich werfe jetzt freiwillig einen Euro ins Moralschwein.)

  20. 20 Irene 23. Juni 2011 um 14:26 Uhr

    Am Wochenende war übrigens ein ganz interessantes Interview mit Hans Maier in der Süddeutschen, dem ewigen Kultusminister meiner Schulzeit. Ein nachdenklicher Typ, vor allem im Vergleich zur restlichen CSU.
    http://www.sueddeutsche.de/bayern/csu-politiker-hans-maier-wird-voellig-ausser-kontrolle-1.1109874

  21. 21 Irene 23. Juni 2011 um 14:35 Uhr

    Die GEW-Studie zu Bildung und Geschlecht wird dort vorgestellt und als PDF zum Download angeboten:
    http://www.lizzynet.de/wws/30731812.php

  22. 22 Carl 27. Juli 2011 um 17:26 Uhr

    Ich finde es wird zu sehr dichotomisiert. Als ob es in der Gesellschaft nur zwei Gruppen gäbe:

    1. Total überforderte Unterschichtsmütter mit zehn Kindern von ebenso vielen verschiedenen Vätern, die sie Trichelle oder PepsiCoke nennen und größtenteils mit Hilfe von Kartoffelchips, Aspirin und schwarzem Cafe ernähren
    2. Hochgebildete Akademiker, die abends über Goethe palieren und ihre Lebensaufgabe darin sehen ihren kleinen Maximilian von der Unterschicht fernzuhalten.

    Gottseidank macht imho weder die eine noch die andere Gruppe einen nennenswerten Teil der Gesellschaft aus.

    Denn da gäbe es noch:

    2) hart arbeitende Arbeiterschicht, die versucht ihren Kindern ein gutes Beispiel zu sein, halbwegs gesund einzukaufen und gewisse Fernsehsendungen nur erlaubt, damit das Kind in der Schule kein Aussenseiter wird
    3) hart arbeitende Mittelschicht, die Abends viel zu müde ist für etwas anderes als sich mit Aspirin und Kartoffelchips vor den Fernseher zu knallen

    Es gibt sie durchaus die Arbeiterschicht die „ziemlich bürgerlich“ denkt, wie du das nennst, Irene. Kann man eine Lebenseinstellung eigentlich noch bürgerlich nennen, wenn sie auch in der Arbeiterschicht die Vorherrschende ist?
    Es gibt sie dann auch die Mittelschicht, die ziemlich „proletarisch“ lebt. So denke ich jedenfalls.

    Meine Meinung, mit der ich vielleicht falsch liege, ist das die Sorgen und Nöte im ärmeren Teil der Mittelschicht und oberen Teil der Arbeiterschicht eigentlich relativ ähnlch sind. So Dinge wie „wie kann ich erreichen, dass ich genug Geld zusammenkriege um mir endlich … leisten zu können“, „Ich hätte gerne ein (weiteres) Kind, aber was wird dann aus meinem Job“ (Sorge der Frau), „Ohje, das sind ganz ganz schlimme Zeiten, was passiert nur wenn ich meinen Job verliere? Was kann ich nur tun, damit ich ihn nicht verliere.“, „Die da oben machen ja doch nur, was die wollen“, „Was kann so jemand wie ich schon tun gegen …. (soziales Problem) tun“, „Die Welt heutzutage ist so kompliziert geworden“, „Wie kann ich meine Kinder nur vor … (soziales Problem) schützen“.

    Ich möchte euch aber fragen, ob ihr das auch so beobachtet habt. Vielleicht sehe ich das ja auch falsch.

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