Was soll ein Doktorgrad?

Von Andreas Kemper

Was soll ein Doktorgrad? Warum gibt es ihn? Pierre Bourdieu spricht von „institutionalisiertem kulturellen Kapital“. Der Doktorgrad gibt dem Habitus, bzw. dem „inkorporierten sozialen Kapital“ eine institutionelle Wahrheit: man ist Doktor. In Deutschland, Österreich und Tschechien kann der Doktorgrad im Personalausweis geführt werden (in allen anderen Staaten allerdings nicht), was nocheinmal mehr unterstreicht, das es sich bei Doktor_innen vor allem in Deutschland um „akademischen Adel“ handelt. Dieser Grad ist notwendig für die Stellenbesetzung. Durch die aufgeflogenen Plagiate von Spitzenpolitiker_innen in den letzten Jahren gerät diese Titelhuberei allerdings in die Kritik. Doch dies ist nur die eine Seite. Spannend ist die Frage: was ist denn unter „dem Neuen“ zu verstehen, welches eine Dissertation von anderen Arbeiten unterscheidet. Und was legitimiert, von Doktor_innen zu sprechen, vom Standpunkt akademischer/studierender Arbeiterkinder betrachtet? Gramsci spricht von „organischen Intellektuellen“. Mit meiner Dissertation möchte ich tatsächlich Neues in die Welt bringen. Ich würde mit Euch gerne diese Fragen diskutieren.

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1 Antwort auf „Was soll ein Doktorgrad?“


  1. 1 Teodor Webin 14. Juli 2011 um 16:29 Uhr

    Doktor ist m.E. nicht gleich Doktor. In einigen Fächern – z.B. Medizin, aber insgesamt in den Naturwissenschaften – ist er normaler als in anderen – den Geistes- und insbesondere Sozialwissenschaften. Der Titel gehört in einigen Fächern „einfach dazu“, ohne ist es schon schwer einen Job zu kriegen.

    Bei den Geistes- und Sozialwissenschaften sieht das m.E. anders aus: Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele einfach nur deshalb promovieren, weil ihnen nach dem Studium nichts besseres einfällt. Dann gibt es welche, die eine sehr genaue Idee von einem Thema haben, dass sie z.B. politisch wichtig finden (das könnten sie dann auch ohne Promotion publizieren, aber oftmals gibt diese ja – z.B. über ein Stipendium – den finanziellen Rückhalt, um das zu können). Und drittens jene, die den Titel eindeutig für irgendeine Art von Karriere wollen.

    Was auch in den Sozialwissenschaften nicht ganz unberechtigt ist: Wo ich arbeite, bekommt man nicht einmal ein Voluntariat ohne Doktortitel! Hier wird ziemlich „getitelhubert“, womit ein Arbeiterkind mit Titel, das hier arbeitet, schlecht klarkommt. Es ist vielen unangenehm, ständig mit „Herr Doktor“ angeredet zu werden.

    Noch ein Aspekt: Gerade für Akademiker_innen aus Arbeiterfamilien bedeutet der Titel durchaus nochmal mehr als für andere. Es ist nichts Neues, dass Arbeiter_innen normalerweise aus der Arbeit raus wollen und, wenn sie das nicht schaffen, dies zumindest für ihre Kinder erhoffen: Kinder von Industriearbeiter_innen suchen sich z.B. oftmals Bürojobs und in vielen der defensiven Streiks der letzten Jahre war zu hören, dass die Leute eine hohe Abfindung erkämpfen wollen, um sich z.B. mit einem kleinen Handwerksbetrieb selbstständig zu machen oder aber – um Abi nachzumachen, zu studieren, ein abgebrochenes Studium wieder aufzunehmen oder zu promovieren. Wenn ein Kind aus einer Arbeiterfamilie promoviert hat, insbesondere wenn es das erste in der Familiengeschichte (soweit die bekannt ist, Arbeiterfamilien haben meiner Erfahrung nach meist vergleichsweise wenig Geschichte) ist, ist der Rest der Familie für gewöhnlich stolz – ein Arbeiterkind hier in der Firma hat von seinen neuen Klingelschildern nach Umzug die Doktortitel, die seine Mutter mit draufgedruckt hat, erst wieder abschneiden müssen… diesen Stolz finde ich aber keineswegs falsch. Er ist Bestandteil des Klassenbewußtseins: Wir können auch und eineR von uns hat es gezeigt o.ä.

    „Organische Intellektuelle“ sind ein ganz anderes Thema. Erst einmal wäre dann zu definieren, was überhaupt „Intellektuelle“ sind: Entweder sind sie Berufsintellektuelle – Akademiker – oder aber es sind Leute gemeint, die ihre Erfahrungen zusammentragen und weitergeben. Gramsci meint letzteres, und das hat mit akademischen Titeln rein gar nichts zu tun. Trotzdem hat Gramsci das Konzept aber m.W. durchaus leninistisch gedacht, also dass es Intellektuelle gibt, die der Arbeiterklasse die Welt erklären müssen. Gramscis Intellektuelle sind daher auch nicht so sehr organisch einer Klasse verbunden als vielmehr einer Partei. So ein Konzept ist m.E. unbrauchbar für emanzipatorische Praxis. Jedenfalls: Ob es nun um Akademiker_innen oder um Arbeiterintellektuelle geht, sie sind _keine_ Klasse und können nicht z.B. Arbeiter_innen einfach gegenübergestellt werden. Es gibt intellektuelle Arbeiter_innen genauso wie intellektuelle Bourgoise oder intellektuelle Bauern etc.

    Dabei sollten wir auch nicht vergessen, dass „Intellektuelle“ ein ziemlich neues Konzept ist, in der Wissenschaftswelt meistens datiert auf die solidarischen Akademiker in der Dreyfus-Affäre. Etwas älter ist aber m.W. der russische „Intelligencija“-Begriff, der diesem Milieu eine besondere Rolle in der Revolution zuschreibt (da ja, laut Lenin, die Arbeiterklasse von alleine kein politisches Bewußstein erlangen können und sich die Welt von Intellektuellen erklären lassen müsse).

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