Subroutine Todesdrohung

Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ basiert auf dem Erbintelligenz-Paradigma, dem zu Folge sich Intelligenz gruppenspezifisch vererbt. Ob es so etwas wie eine allgemeine Intelligenz überhaupt gibt, ist umstritten. Noch umstrittener sind daher die Annahmen, dass sich allgemeine Intelligenz vererbt, ja sogar gruppenspezifisch vererbt, und das ganze auch noch messbar sei. Aber selbst wenn das alles richtig wäre, hätten wir Laborsitutaionen vor uns und nicht die Wirklichkeit, die Alltagsrealität. Es ist vor allem unsere Gesellschaft, die über unser Denkpotential entscheidet. Herrschaft und Unterdrückung behindern Denkprozesse und zwar auf verschiednen Ebenen.

Zunächst entmutigt der entfremdete Arbeitsprozess, aber auch die Medien mit falschen Bildern, Begriffen und Geschichten die Menschen, zu denken. Es lohnt sich nicht, sich grundsätzlich Gedanken zu machen, wenn diese ja doch zu keiner Praxis führen. „Who told you to think? I don‘t give you enough information to think!“ herrscht in einer Filmszene in „Total Recall“ der Unternehmenschef einen Untergebenen an.

Zudem basiert unsere Gesellschaft auf Gewalt. Der Mehrwert der Arbeitsleistung wird privatisiert und es gibt kein Grundeinkommen, welches dem Menschen als Menschen zusteht. Wir haben dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und erhalten nur in diesem Rahmen die Möglichkeit, unsere Existenz aufrechtzuerhalten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, wohnen, medizinisch versorgt werden, etc. Sich die Sachen einfach anzueignen, die man zum Leben benötigt, wird als Diebstahl gewertet, mit Gewalt verhindert und mit empfindlichen Strafen sanktioniert. Die Todesdrohung ist in dieser Gesellschaft allgegenwärtig, wir haben sie verinnerlicht. Unter unseren Vorfahren gab es mit Sicherheit den einen oder die andere, die sich nicht an diese Spielregeln gehalten haben und die entsprechende Gewalt erfahren haben. Die Todesdrohungen wirken als Traumata und werden intergenerationell weitergereicht: „Man kann ja doch nichts machen“, „Schuster bleib bei deinen Leisten“, … Bei jeder unserer Handlungen, bei jedem Gedanken, muss diese Todesdrohung mitgedacht werden, ständig läuft diese Subroutine Todesdrohung mit.

Was wäre, wenn eines Tages Herrschaft abgeschafft würde. Wenn niemand Angst vor Deklassierung oder sozialem Tod haben müsste, wenn die Menschenrechte in der Weise greifen würden, dass jedem Menschen die Mittel zum Leben und zur kulturellen und politischen Partizipation formal und materiell zugänglich wären, unabhängig davon, ob er oder sie sich der Gesellschaftskritik enthält oder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Was wäre, wenn über Generationen Kinder ohne Selbstverwertungszwang und ohne Angst des (Schul-)Versagens aufwüchsen? Oder anders gefragt: was wäre, wenn wir uns die Subroutine Todesdrohung einfach sparen?

Ein zentrales Moment der Philosophie Ernst Bloch ist das „Dunkel des gelebten Augenblicks“. Damit ist ein Abstand zur Welt gemeint, wir können den Augenblick nie erfahren, sondern immer nur im Nachhinein nacherleben. Kann es sein, dass es sich dabei nicht um eine anthropologische Konstante handelt, sondern dass dieses Dunkel mit Herrschaft gekoppelt ist? Oder umgekehrt: Würden wir Menschen den Augenblick erfassen können, wenn nicht all unsere Gedanken und Handlungen erst dahingehend durchgecheckt werden müssten, ob wir unsere Existenz aufs Spiel setzen? Die Gedanken sind nicht frei solange Herrschaft aufrecht erhalten wird. Die Gedanken haben lange Umwege zu machen, je mehr potentielle Gewalt zu berücksichtigen ist, um so umständlicher muss man denken. In der Science Fiction Novelle „Distress“ („Qual“) versucht Greg Egan eine Beschreibung des Gedankenpotentials, welches Menschen zur Verfügung steht nach der Entschlüsselung der Weltformel, der „Theorie von Allem“. So ungefähr stelle ich es mir vor, wenn wir über Generationen in einer herrschaftsfreien Gesellschaft leben würden: Das Durchschauen komplexer Prozesse würde unmittelbarer.

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