LehrerInnen urteilen leistungsgerechter als Eltern

Pressemitteilung des IDW Universität Mannheim, 29.07.2011 10:50
Mehr Bildungsgerechtigkeit durch bindende Lehrerempfehlungen zum Schulübertritt für Viertklässler

Die Abschaffung verbindlicher Übertrittsempfehlungen für Viertklässler verstärkt soziale Unterschiede, sagt der Mannheimer Sozialwissenschaftler Jörg Dollmann / Lehrer urteilen leistungsgerechter als Eltern
Wohin nach der Grundschule? Kinder, Eltern und Lehrkräfte stehen am Ende der vierten Klasse unter Entscheidungsdruck. Zahlreiche Bundesländer überlassen diese Entscheidung mittlerweile den Familien, die Lehrkräfte geben nur unverbindliche Ratschläge für eine Schulart. Auch Baden-Württemberg will die bindende Grundschulempfehlung nach dem vierten Schuljahr abschaffen – in Sachen Bildungsgerechtigkeit wäre dies allerdings ein Rückschritt. Das zeigt eine Studie des Sozialwissenschaftlers Dr. Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim.

Dollmann hat in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderten Projekt 708 Kölner Grundschulkinder in zwei Kohorten untersucht – just vor und nach der Einführung einer verbindlichen Übertrittsempfehlung durch das Land Nordrhein-Westfalen im Jahr 2006. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Übertrittsverhalten ohne eine verbindliche Empfehlung stärker von teilweise unrealistischen, teilweise zu zurückhaltenden elterlichen Wünschen geprägt ist und die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Kinder eher in den Hintergrund tritt.“

Für Kinder aus weniger gebildeten Familien bedeutet das, dass der Besuch des Gymnasiums auch bei guten Leistungen unwahrscheinlich bleibt: „In unserer Studie stellte das Gymnasium für viele Eltern aus bildungsfernen Schichten keine realistische Option dar“, erklärt Jörg Dollmann. „Diese Eltern entschieden sich häufig auch dann für die Realschule, wenn die Leistungen ihres Kindes eigentlich für das Gymnasium sprachen.“ Nach Einführung der verbindlichen Empfehlung fanden deutlich mehr leistungsstarke Kinder aus bildungsfernen Familien den Weg auf das Gymnasium – und das obwohl eine Abweichung von der Bildungsempfehlung hin zu einer weniger anspruchsvollen Schulart auch in einem verbindlichen Kontext möglich gewesen wäre.

Entgegengesetzte Ergebnisse liefert die Studie des MZES-Forschers für Familien aus dem höheren Bildungsumfeld: Auch bei eher unterdurchschnittlichen Leistungen meldeten viele dieser Eltern ihr Kind auf einem Gymnasium an. Nach der Einführung der verbindlichen Empfehlung wurde die Verwirklichung dieser eher unrealistischen Bildungsziele unwahrscheinlicher.

Jörg Dollmann folgert aus diesen Befunden: „Die verbindliche Übertrittsempfehlung trägt dazu bei, die sozialen Herkunftsunterschiede bei der Bildungsentscheidung zu verringern.“ Ganz verschwänden die Unterschiede allerdings nicht, denn auch das Urteil der Lehrkräfte sei in gewissem Maße sozial selektiv. „Es wurde aber mittlerweile durch mehrere Studien belegt, dass sich die Bildungsentscheidungen der Eltern noch stärker an der sozialen Herkunft orientieren als die Empfehlungen der Lehrkräfte“, so der Sozialwissenschaftler weiter.

Aber nicht nur die soziale Selektivität der Lehrerempfehlung führt dazu, dass auch in einem verbindlichen Kontext weiterhin Disparitäten im Übergangsverhalten zwischen Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft bestehen bleiben. Dies ist in erster Linie auf die unterschiedliche Leistungsentwicklung der Kinder in der Grundschulzeit zurückzuführen, die mit der sozialen Herkunft im Zusammenhang steht. „In einem verbindlichen Kontext fallen die Übergangsentscheidungen aber immerhin leistungsgerechter aus als bei einer unverbindlichen Empfehlung und die schichtspezifischen Bildungswünsche werden im Gegensatz dazu eher zurückgedrängt. Die bindende Empfehlung durch die Lehrkräfte hat daher einen durchaus wünschenswerten Effekt“, fasst Jörg Dollmann zusammen.

In der Bildungspolitik ist die verbindliche Übertrittsempfehlung derzeit trotzdem auf dem Rückzug, wie nicht nur die Pläne Baden-Württembergs zeigen:
Auch Nordrhein-Westfalen hat die 2006 eingeführte verbindliche Übertrittsempfehlung im vergangenen Jahr wieder abgeschafft.

Jörg Dollmanns Studie „Verbindliche und unverbindliche Grundschulempfehlungen und soziale Ungleichheiten am ersten Bildungsübergang“ erscheint in einer der nächsten Ausgaben der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS).

Kontakt und weitere Informationen:

Dr. Jörg Dollmann
Arbeitsbereich A
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) Universität Mannheim
Telefon: +49-621-181-2851
joerg.dollmann@mzes.uni-mannheim.de

Nikolaus Hollermeier
Direktorat / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) Universität Mannheim
Telefon: +49-621-181-2839
Telefax: +49-621-181-2866
nikolaus.hollermeier@mzes.uni-mannheim.de

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5 Antworten auf „LehrerInnen urteilen leistungsgerechter als Eltern“


  1. 1 Andreas 02. August 2011 um 12:14 Uhr

    Verkehrte Welt: Ausgerechnet Rot/Grün wird jetzt auch in BW die verbindliche Grundschulempfehlung (GEW: „Folterinstrument“) abschaffen und die CDU protestiert, weil diese Abschaffung Einstieg in den Ausstieg aus dem Dreigliedrigen Schulsystem darstelle. Südwest Presse: „Eltern wollen frei wählen“ 02.08.2011

    Wahrscheinlich liegt diese Konfusion am „Gordischen Knoten“ Dreigliedrigkeit. Und daran, dass die CDU ideologisch argumentiert, während Rot/Grün die konkreten Interessen aus ihren Mittelschichts-Bekanntschaften vor Ort vertritt.

    Es gibt da nur eine Lösung: die Gemeinschaftsschule einführen und nicht weiter an Symptomen herumdoktoren.

  2. 2 Carl 03. August 2011 um 14:21 Uhr

    Hallo,

    Ich würde mich freuen, wenn der Mod das hier bloggen könnte. Es ist zwar etwas kontrovers, aber ich finde, man sollte trotzdem darüber diskutieren dürfen, nachdem das Thema schon mehrmals angesprochen wurde. In dem Forum ist ja leider fast nur Spam, sons würde es auch gut dort hin passen.

    Die Unterschicht – eine Erfindung der Massenmedien?

    Tja, wie fangen ich einen fesselnden Blogeintrag-Anfang an? Keine Ahnung, ich kann diese Dinge nicht gut… denkt euch hier einfach einen spannenden Einstieg.

    Jedenfalls kam das Gespräch in diesem Blog in letzter Zeit ein paar mal auf die „Unterschicht“. Ich denke wir sind uns so relativ einig, was man darunter verstehen würde.
    Eine Person zum Beispiel, die extrem viele Kinder mit verschiedenen Partnern hat, der das Wohlergehen ihrer Kinder sch…egal ist, die nicht in die Zukunft plant, aggressiv und ständig mit dem Gesetz in Konflikt ist, verantwortungslos und OHNE REUE ist, die würde ich als „Unterschicht“ bezeichnen, wenn sie auch noch ungebildet ist und als „geistige Unterschicht“ wenn sie reich und gebildet ist.
    Dann gibt es noch das, was man „migrantische Unterschicht“ nennen würde. Personen, die ihre Tochter umbringen, weil sie sich schminkt oder so. Ganz klischeehaft.

    Die Frage ist, wie häufig kommt so eine Person vor? Ist es tatsächlich eine Tatsache, dass eine Schicht von derartigen Personen existiert oder wäre das individuelle Pathologie, die in allen Schichten anzutreffen ist?

    Irene, du hast ja diese Schicht beschrieben, die in Neukölln anzutreffen sein soll. Eigene Erfahrung oder irgendwo gelesen?

    Ich bin in einem Stadtteil mit relativ vielen Migranten aufgewachsen. Es gab (beziehungsweise gibt) bei uns auch eine Drogenszene.
    Ich habe auch im Verlauf meines Lebens viele Leute getroffen, die Probleme hatten. Ich möchte hier nicht erläutern, welcher Art genau. Es wäre nicht gentleman-like sie hier zu Anschauungsobjekten oder Beweisen für meine Street-Cred zu degradieren.

    In den letzten Tagen habe ich überlegt, ob ich eine Person kenne, auch nur eine einzige, die „neue Unterschicht“ ist. Mir ist keine einzige eingefallen.
    Mir fallen Leute ein, bei denen dieses oder jenes im Leben sehr schief gelaufen ist und die dann zum Teil auch zeitweise sich selbst aufgegeben haben, aber keinen davon würde ich als Unterschicht bezeichnen.

    Nun ja, meine Erfahrungen sind nicht die Welt. Wie sind eure? Es ist ja unbestritten, dass manche Leute zum Beispiel ihre Kinder vernachlässigen oder Alkoholiker sind, die Frage ist nur: tun sie das, weil es ihrer Kultur entspricht?

    Gibt es tatsächlich psychisch gesunde junge Menschen, die sich sagen „Wenn ich älter bin, dann will ich Alkoholiker sein und das ganze Geld versaufen, so dass meine Kinder hungern müssen“? Wenn es nämlich so wäre, dann wäre es tatsächlich eine Unterschichtskultur. Wenn aber eine Person merkt, dass sie zu viel trinkt und ganz furchtbar darunter leidet, aber nicht damit aufhören kann, wo ist dann die kulturelle Komponente?

    Ja, Mod, kannst du das bloggen?

  3. 3 Administrator 03. August 2011 um 14:55 Uhr

    Hi Carl,

    dein Blogbeitrag ist online.
    Das Forum wurde bislang nicht angenommen, daher habe ich auch nicht mehr täglich rübergeschaut und daher wurde der Spam nicht entfernt. Bei Gelegenheit werde ich dort aufräumen, vielleicht kommt das Ding ja doch wieder in Gang. Voraussetzung ist, dass mindestens zwei Leute regelmäßig Beiträge posten.

    Liebe Grüße,
    Admin

  4. 4 Astraea 09. August 2011 um 7:58 Uhr

    Was soll denn an einer Schulempfehlung bei 10jährigen! Kindern schon aussagekräftig sein??

    Die nur 4jährige Grundschule war eine rein politische Entscheidung im Jahre 1920 und keine sachliche oder wissenschaftlich fundierte Entscheidung, die sich auf die Hirnentwicklungsprozesse bezieht. Das ist ein ganz individueller Prozess und ein ganz flexibles Organ, das trainiert werden muss und kann.

    diese ganze Diskussion ist damit absolut überflüssig. Die Entscheidung fällt hier im Grunde bereits in der 3. Klasse im Alter von 9 Jahren, denn dann beginnt die Dressur für den „Übertritt“ – ich meine, in Bayern fangen dann die ersten Vergleichsarbeiten an, sogenannte Proben.

    in irgendeinem Elternforum las ich was davon, dass von diesen Proben teilweise jede Woche geschrieben werden, um die Schüler einzuordnen. Das ist doch nicht normal sowas! Ab der 3. Klasse suchen da irgendwelche Eltern in Foren nach Probearbeiten und treiben sich in den Wahnsinn.

    es gibt einen guten Grund, warum in den meisten Ländern wesentlich später eine Aufteilung erfolgt. Diese Länder betreiben auch Bildungsforschung, vielleicht sollte man sich mal von unabhängigen Personen beraten lassen, die es nicht durch die „deutsche Brille“ betrachten. Aber wie wir alle wissen geht es hier ja nicht darum, sondern um die Reservierung von Allgemeinbildung für einen erlesenen Kreis und frühe Berufsfindung (mittlerweile in Bayern ab Klasse 5) für die anderen.Anderswo gibts übrigens bis Klasse 9, 10 oder 11 nur Allgemeinbildung für alle und das andere ist ein Projektspaß nebenbei wie z.B. Autoreparieren.

    http://www.google.de/url?q=http://www.br-online.de/bayern2/notizbuch/grundschule-grundschulabitur-uebertritt-ID127598472065.xml&sa=U&ei=RtdATrTIOMXGtAbr9sXYBw&ved=0CBUQFjADOAo&usg=AFQjCNENu33zo_w_GDyCywS_NOAaAT9zlg

    des weiteren passt die KMK das gesamte Bildungswesen immer ans Hauptschulniveau an! Es wird von ihnen immer herausgegeben, dass Grundlage für die Lehrpläne der Ausbildungen immer die Hauptschule sein muss. Wenn man sich dann noch verdeutlicht, dass der Besuch der Sekundarstufe 2 anderswo immer zum Abitur/Studienberechtigung führt und die Berufe dort schon längst in den tertiären/postsekundären und höheren (das heißt: höher als Schulbildung) Bildungsbereich gewandert sind, so kann man wohl von Anpasssung nach unten sprechen.

    http://www.kmk.org/bildung-schule/berufliche-bildung/rahmenlehrplaene-zu-ausbildungsberufen-nach-bbighwo.html

    http://www.google.de/url?q=http://www.data360.org/dsg.aspx%3FData_Set_Group_Id%3D1653&sa=U&ei=l9lATpa6IM31sga6u7mwBw&ved=0CBUQFjAC&usg=AFQjCNF471NCbWnZIT7BSSgUC9mUIF239A

    der Hauptschüler macht hier auch eine Sekundarstufe 2 – da ist andernorts immer mehr Allgemeinbildung mit drin und ne Studienberechtigung.

  5. 5 Astraea 09. August 2011 um 8:09 Uhr

    ich muss noch ergänzen: natürlich macht der Hauptschüler nur eine Sekundarstufe 2, sofern er überhaupt noch eine Ausbildung findet – das ist nicht immer üblich. Das Eintrittsalter für Ausbildungen liegt schon bei 19,4 Jahren oder so und 50% der Hauptschüler, in manchen Gegenden noch mehr kommen nicht mehr in die berufliche Sekundarstufe 2 = Ausbildung rein.

    http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/schuler-sammeln-erfahrungen-aus-erster-hand-1.1356965

    die Berufsfinder werden auch immer jünger, aber dennoch nicht erfolgreicher lt. diesem Artikel. Und die sogenannte „wissenschaftliche Begleitung“ sollte mal die „deutsche Brille“ abnehmen – ich halte derartiges wirklich für unüblich anderswo und hab damit sicher Recht.

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