Political Correctness im Diskurs

Im gerade neu erschienenen Magazin Migrazine – „magazin von migrantinnen für alle“ ist ein Beitrag zum Thema PC enthalten, auf den wir hinweisen möchten:

Von Katrin Auer

Warum „Political Correctness“ im deutschsprachigen Raum noch nie etwas mit antidiskriminatorischer Sprachpolitik zu tun hatte.

[…]Anfang der 1990er wurde die PC-Debatte in den USA vollkommen von den Neokonservativen dominiert, als sie schließlich Europa erreichte. „Political Correctness“ tauchte also im öffentlichen deutschsprachigen Diskurs auf, nachdem der Begriff bereits eine inhaltliche Bedeutungsverschiebung erfahren hatte und von einem antifeministischen und rassistischen Backlash geprägt war. Auch hier wurde die Bezeichnung „politisch korrekt“ sofort von Rechtsextremen und Konservativen übernommen und ausschließlich als Schimpfwort eingesetzt.[…]

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8 Antworten auf „Political Correctness im Diskurs“


  1. 1 Carl 09. August 2011 um 8:13 Uhr

    Ich kenne „Political Correctness“ eigentlich auch nur als Schimpfwort. Mir ist aber auch schon aufgefallen, dass das Wort hier auch anders gebraucht wird.

    Ein klassisches Beispiel für „Political Correctness“ wäre zum Beispiel nach dieser Lesart, dass kleine Menschen als „vertikal unterpriveligiert“ bezeichnet werden.

    Hier reiht sich ein das Verbot des Zwergenwerfens ein. Diese Sportart wurde von… äh… vertikal unterprivilegierten Menschen freiwillig ausgeübt. Ich bin niht kleinwüchsig, weiss aber nicht wie das irgendjemanden was angehen kann ausser die Betroffenen selber. Das ist Political Correctness, wo sie schwachsinnig wird. Ich würde mich wirklich darüber aufregen, wenn ich klein wäre und jemand glauben würde mich aus diesem Grunde bevormunden zu müssen.

  2. 2 Andreas 09. August 2011 um 10:58 Uhr

    Das Problem mit „Political Correctness“ ist, das eine Gruppe von Menschen einer anderen unterstellt, sie würde aufgrund einer „Poltical Correctness“ handeln. Wenn ich bspw. den Begriff „sozial schwach“ kritisiere und dabei Argumente nenne, dann kann es passieren, das mit der Zuschreibung „Political Correctness“ die inhaltliche Kritik, die Argumentation, abgewehrt wird, ohne das man sich mit den Argumenten auseinandersetzen muss. Der Vorwurf, aus „PC“-Gründen zu handeln, ist eine der gefährlichsten Entpolitisierungen der Sprache. Gleichzeitig wird dann noch Orwells „Newspeak“ bemüht, wobei es dem Antifaschsisten Orwell immer darum ging, die Entpolitisierung der Sprache zu verhindern.
    Noch komplizierter wird das Ganze durch einen Arbeiterkinderstandpunkt, da Arbeiterkindern oft der Vorwurf gemacht wird, sie würden nicht die „korrekten“ Begriffe benutzen.

  3. 3 Irene 09. August 2011 um 11:53 Uhr

    Der Artikel behauptet, dass das Wort Gutmensch aus den Neunzigern stammt. Stimmt das? Es klingt irgendwie verstaubter.

    Für mich ist es mit Jörg Haider verbunden, der es oft verwendet hat, das kann durchaus ab den Neunzigern gewesen sein (die Wahl Haiders zum Parteivorsitzenden war 1986).

  4. 4 Irene 09. August 2011 um 12:03 Uhr

    In den Neunzigern war es auch, dass ich zum ersten mal das Wort „anders befähigt“ für „behindert“ hörte (von einer Sozialpädagogin). Das ist eine Sprache, die behinderte Menschen idealisiert und den praktischen Vorteil hat, dass es nichts kostet.

    Vor einigen Monaten habe ich den Ausdruck „kultursensible Pflege“ gehört. Das klingt erst mal so, als ob man dem Pflegepersonal in Deutschland (das selbst aus allen denkbaren Ländern stammt) unterstellt, bisher unsensibel mit anderen Kulturen umzugehen. Konkret gemeint war aber eine Pflege, die den Regeln des Islam entspricht. Wenn man shariakonforme Pflege fordern will, warum tut man das nicht direkt?

  5. 5 Andreas 09. August 2011 um 12:32 Uhr

    Hallo Irene, ich weiß nicht, ob das Wort „Gutmensch“ schon älter ist. Laut Wikipedia sollen Nietzsche und einige Nazis bereits ähnliche Formulierungen benutzt haben.

    Solange es Diskriminierung und Unterdrückung gibt, bleibt die Sprache schwierig, denn wenn eine Diskriminierung mit einer Unterscheidung und einem Werturteil von zwei Gruppen einhergeht, dann ist die sprachliche Benennung einer dieser Gruppen bereits schwierig. Jede Benennung kann pejorativ verwandt werden. Die Gruppen nicht zu benennen ist auch schwierig, wenn man politisch gegen die Diskriminierung vorgehen will.

  6. 6 Carl 09. August 2011 um 12:57 Uhr

    @ Andreas: Ich finde es auch nicht gut, wenn man Personen mit Begriffen wie „Gutmensch“ oder „politisch korrekt“ versucht verbal „tot zu machen“. Das wird ja gerne von Personenkreisen praktiziert, die selbst nicht die besten Argumente haben, so nach dem Motto „Ja, du magst vielleicht Statistiken haben, die deine Meinung stützen und ich habe keine… aber egal du bist ein Gutmensch und ein Ideologe und darum brauch ich dir nicht zuzuhören“. Das erinnert mich an kleine Kindergartenkinder: „Ist egal, dass Du findest, dass man Sand nicht essen kann… du hast doofe Ohren und darum höre ich nicht auf Dich und esse weiter Sand“. Gutmensch ersetzt also praktisch oft die doofen Ohren. Ich hoffe ihr kommt alle aus einer Gegend von Deutschland, wo man weiß, was doofe Ohren sind.

    Andererseits gibt es auch das Gegenteil, gewisse Worte, die man in bestimmten Kreisen nur zu erwähnen braucht und die Betreffenden reagieren, wie die Viktorianer, wenn einer Unterhose gesagt hätte. Nämlich vollkommen irrational und bescheuert. Dazu gehört zum Beispiel das von Irene erwähnte Wort „behindert“. Gibt es zum Beispiel auch nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der denkt einen Rollstuhl benutzen zu müssen wäre schlechter als gehen zu können? Daher ist es imho ganz eindeutig eine Behinderung. Wer einen anderen Menschen durch einen Unfall die Fähigkeit zu gehen raubt, muss saftig Schmerzensgeld bezahlen, Wissenschaftler versuchen Querschnittslähmung rückgängig zu machen, nicht sie absichtlich zu erzeugen… woran man erkennen kann: Es ist eindeutig besser nicht querschnittsgelähmt zu sein. Daher finde ich es in diesem Fall zum Beispiel ganz eindeutig falsch zu sagen dieser Mensch sei nur andersbefähigt, denn welche Spezialfähigkeiten hat er denn gegenüber einem Gehenden Menschen?

    Anders jedoch sieht es bei anderen Formen der Behinderung aus. Es gibt da eine „Behinderung“, die heißt Williams-Beuren-Syndrom. Die Betroffenen, sind eindeutig behindert, wenn es um Mathe, Naturwissenschaften oder IQ-Tests geht und haben einen Herzehler, haben aber andererseits tatsächlich Spezialfähigkeiten. Sie sind oft sprachlich sehr talentiert, meistens extrem musikalisch und haben außerdem ein sehr freundliches und aufgechlossenes Wesen.
    Diese Menschen würde ich tatsächlich als „anders befähigt“ bezeichnen.

  7. 7 Irene 09. August 2011 um 13:34 Uhr

    Letzten Endes kann das der einzelne Mensch am besten entscheiden, was tatächlich auf ihn zutrifft. Vielleicht hatte die Sozialpädagogin den Ausdruck „anders befähigt“ von Leuten übernommen, die es anging, aber es lässt sich halt schlecht verallgemeinern. Ich habe es damals als Idealisierung empfunden, was vielleicht nicht nur am Wort lag, sondern auch am Tonfall, an der Frau selbst, etc.

    Carl, es gibt schon Rollstuhlfahrer, die „ich bin nicht behindert, ich werde behindert“ sagen, weil sie ja fast überall mit Barrieren kämpfen.

  8. 8 Carl 09. August 2011 um 16:40 Uhr

    „Carl, es gibt schon Rollstuhlfahrer, die „ich bin nicht behindert, ich werde behindert“ sagen, weil sie ja fast überall mit Barrieren kämpfen.“

    Ja, aber eine gute Fee diese Menschen nun fragen würde, was sie lieber hätten:

    1. Gehen und tanzen können
    2. Rollstuhlrampen etc

    Denkst du nicht die würden 1. wählen? Ich weiß es ja nicht, ich kann ja gehen. Wenn ich jedoch einen Unfall hätte und das plötzlich nicht mehr könnte, dann wäre es mir ein extrem schwacher Trost in einer perfekt Rollstuhlfahrergerechten Umwelt zu leben, weil es mir persönlich auch extrem viel bedeutet rennen und tanzen und springen zu können.
    Es mag natürlich Menschen geben, denen das total schnurz wäre, weil sie sich sowieso ungern bewegen.
    Ich jedenfalls wäre behindert, würde nicht behindert, könnte ich nicht laufen… aber wer weiß, vielleicht ist das für manche Menschen ja tatsächlich anders.

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