Unterschätzte Geburtenneigung

Von Andreas Kemper
Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung hat die Geburtenrrate in Deutschland von 1,4 auf 1,6 Kindern pro Frau nach oben korrigiert. Der Fehler der bisherigen Erfassung der Geburtenrate lag im Übersehen des sogenannten „Tempo-Effektes“. Frauen schieben die Geburten immer wieder weiter nach hinten. Insbesondere Frauen, die nach 1970 geboren wurden, bekommen demnach sehr viel häufiger Kinder als angenommen. Der Dishwasher hatte bereits vor zwei Jahren ein Interview mit Professor Hufnagel-Person geführt, der auch auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht hatte und vor allem darauf verwies, dass die sogenannte Akademikerinnen-Kinderlosigkeit maßlos übertrieben würde. Denn es sind vor allem Akademikerinnen, die aufgrund ihrer Biografie später bekommen.
Vor dem Hintergrund der falschen Zahlen zur Akademikerkinderlosigkeit ist vor ein paar Jahren das sozialkompensatorische Erziehungsgeld abgeschafft und durch das einkommensabhängige Elterngeld ersetzt worden. Von dem Elterngeld profitieren vor allem Besserverdienende, während ALGII-Empfänger_innen leer ausgehen (und auch kein Kindergeld erhalten, da dieses mit dem ALGII-Satz verrechnet wird). Auch Thilo Sarrazin und Gunnar Heinsohn begründen ihre Attacken gegen die sogenannte Unterschicht mit einer demografischen Argumentation, die den Tempo-Effekt ausklammert.
Das MPI hat leider nicht nach sozialer Herkunft differenziert. Aber dass die späten Geburten sich so massiv auswirken und sich gerade im Gebäralter der sozialspezifische Unterschied zeigt, scheint Hufnagel-Persons Berechnungen zu stützen, dass Akademikerinnen sehr viel häufiger Kinder bekommen, als angenommen.
Hier der Link zur Pressemitteilung des MPI für demografische Forschung.

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8 Antworten auf „Unterschätzte Geburtenneigung“


  1. 1 Oliver 07. September 2011 um 6:07 Uhr

    Über die Entwicklung in Bayern, Zitat Sarrazin:
    Zitat: „Die eingeborenen Bayern sitzen auf ihren Misthaufen und entwickeln sich nicht.“ Ob denen jetzt wenigstens endlich aufgeht, welchen Quatsch Sararzin verbreitet?
    Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0907/feuilleton/0009/index.html

  2. 2 Carl 18. September 2011 um 12:36 Uhr

    @ Oliver: Darf ich mal sagen, dass ich – als Zugereister – sehr gerne in Bayern lebe? Ich bin positiv überrascht von der Freundlichkeit und Offenheit der Leute hier.

    @ Andreas: Du schreibst hier anscheinend über die TFR. Die TFR und die „korrigierte TFR“ sind imho zwei verschiedene Maßzahlen, die TFR ist in dem Sinne nicht falsch, sie ist einfach die TFR (und natürlich aufgrund ihrer Berechnungsweise noch nicht um den Tempoeffekt korrigiert). Die korrigierte TFR hingegen ist es.

    Das ist so wie mit R-Quadrat und dem korrigierten R-Quadrat.

    Ich schreibe das, weil ich mir nicht sicher bin, ob du das weisst, dass es immer schon möglich war die TFR um Tempo-Effekte zu korrigieren…

    Dieser kritisierte Mikrozensus hingegen der betrachtete imho die CFR (cohort fertility rate). Diese kann ebenfalls verfälscht sein, wenn man den cut-off zu früh wählt, d.h. bevor die Frauen das fruchtbare Alter verlassen.

    TFR und CFR sind zwei verschiedene Maßzahlen, die CFR ist in einem Land wie Deutschland (wo sich das mittlere Geburtenalter nach hinten verschiebt) meistens höher als die TFR. Insbesondere bei den Akademikern dürfte der Unterschied stark sein. Beides wird Geburtenrate genannt.

  3. 3 Andreas 18. September 2011 um 16:57 Uhr

    Hi Carl,

    magst du TFR und CFR definieren?

    Und ich verstehe noch nicht, was ich falsch wiedergegeben haben soll. Das hier ist die Pressemitteilung vom MPI für demografische Forschung:
    „Die offiziellen Geburtenraten (sog. „zusammengefasste Geburtenziffer“) unterschätzen die Geburtenneigung, da sie nicht die endgültige Zahl der Kinder angeben, die ein Frauenjahrgang in seinem Leben gebiert, sondern einen vorab berechneten künstlichen Wert (für 2010: 1,46 Ost und 1,39 West). Dieser unterschätzt die endgültige Kinderzahl, wenn Frauen die Geburt ihrer Kinder in ein immer höheres Alter aufschieben, was in Deutschland der Fall ist. Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist es nun erstmals für Deutschland gelungen, diesen so genannten „Tempo-Effekt“ der alternden Mütter aus den Geburtenraten herauszurechnen: Der korrigierte Durchschnittswert für die Jahre 2001 bis 2008 liegt demnach bei etwa 1,6 Kindern pro Frau sowohl für West- als auch für Ostdeutschland.“
    In Wikipedia hingegen ist noch immer die Fertilitätsrate mit unter 1,4 angegeben. Ist das jetzt richtig oder falsch? Meiner Ansicht nach liegt hier eine falsche Berechnung vor. Kann man das vergleichen mit der Geschwindigkeit eines Wagens, die man mit 200 Km/h angibt und einer „korrigierten Geswchwindigkeit“ eines Wagens, der den Reifen- und Luftwiderstand berücksichtigt und nur zu 150 km/h kommt? Ich würde dann aber immer die korrigierte Geschwindigkeit mit der Geschwindigkeit gleichsetzen und das andere als „unkorrigierte Geschwindigkeit“ benennen.

    Liebe Grüße und danke für deine wertvollen Hinwesie.

  4. 4 Carl 18. September 2011 um 17:46 Uhr

    „Geburtenziffer“ sagt erst mal nicht viel aus. Das ist, wie wenn ich sage „draußen hat es 30 Grad“. Sagt nicht viel aus, außer du weißt, ob ich Celius, Celvin oder Fahrenheit meine.
    Meistens ist mit der Geburtenziffer entweder die Anzahl der Geburten auf 1.000 Einwohner oder die TFR gemeint.

    Wenn von 1,nochwas die Rede ist, handelt es sich meistens um die TFR oder CFR. Hier anscheinend um die TFR.

    Um ehrlich zu sein weiß ich nicht, warum es jetzt ERSTMALIG gelungen sein soll, den Tempoeffekt herauszurechnen.
    Wenn du zum Beispiel mal in das Buch „Familienformen im sozialen Wandel“ guckst (S. 97), kannst du feststellen, dass da auch schon steht man habe in Rostock die tempostandardisierte TFR berechnet und als Beleg wird Tivig/Herze 2007 angegeben.

    Ich bin auch der Meinung, dass das eigentlich nicht nur in Rostock getan wird und dass eigentlich jeder weiß, dass die TFR eben nicht um Tempoeffekte bereinigt ist. Von daher sehe ich da jetzt nicht die neue Erkenntnis…

    Die TFR ist ja die zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer. Sie gibt an, welche Kinderzahl eine durchschnittliche Frau am Ende ihrer fruchtbaren Jahre zu erwarten hätte, wenn sie in jedem ihrer Altersjahre genau so viele Kinder kriegen würde, wie die Frauen des entsprechenden Alters es in diesem Jahr tun. Das bedeutet, diese Frau würde mit 15 Jahren so viele Kinder kriegen, wie der Durchschnitt der heute 15jährigen, mit 16 so viele wie der Durchschnitt der heute 16jährigen und so weiter, bis sie mit 45 so viele Kinder kriegt wie der Durchschnitt der heute 45jährigen.
    Die TFR ist natürlich eine künstliche Rate. Keine Frau der Welt ist innerhalb eines Jahres 15 und 16 und 17…. und 45.
    Durch diese Künstlichkeit ist die TFR anfällig für Tempoeffekte. Wenn sich die Geburten in ein späteres Alter verschieben, wird sie fälschlicherweise zu niedrig erscheinen. Wenn sich die Geburten dagegen in ein jüngeres Alter verschieben, was selten passiert, wird sie fälschlicherweise zu hoch erscheinen.
    Das ist aber eigentlich kein Geheimnis, das die in Rostock jetzt ergründet hätten. Das ist seit langem bekannt.

    Die CFR dagegen ist die Cohort fertility rate. Diese gibt an, wie viele Kinder die Frauen im Laufe ihres Lebens tatsächlich zur Welt gebracht haben. Die CFR ist für Tempoeffekte unempfindlich. Das ist ihr großer Vorteil. Nachteile sind andererseits, dass sie eigentlich nicht mehr aktuell ist. Man kann nur Frauen befragen, deren fruchtbare Phase sich dem Ende zuniegt, hat also die jungen Kohorten nicht drin.
    Ein weiterer Nachteil ist, das manchmal fälschlicherweise zu junge Frauen befragt werden. Zum Beispiel ist die CFR im Alter 40 eventuell nicht die endgültige CFR, weil einige Frauen nach 40 noch Kinder kriegen. Das ist aber kein Tempoeffekt.

    War die Erklärung verständlich?

  5. 5 Carl 18. September 2011 um 17:53 Uhr

    Auf welchen Artikel bei Wikipedia beziehst du dich genau? Wie dem auch sei; ganz korrekterweise müsste es so ähnlich heißen wie „Im Jahre 2011 betrugt die TFR in Tralalaland 1,2. Da die Geburten sich zur Zeit in ein älteres Alter verschieben, ist es wichtig zubeachten, dass die um Tempoeffekte bereinigte TFR bei 1,4 lag. Die CFR (im Alter von 45 Jahren) in Tralalaland lag bei 1,6 und es wurden neun Kinder pro 1.000 Einwohner geboren“.

    So, denke ich, würde man das korrekt ausdrücken.

  6. 6 Andreas 18. September 2011 um 19:52 Uhr

    Hier der Wikiepdia-Artikel:

    Übersicht der Fertilitätsraten

  7. 7 Carl 18. September 2011 um 20:14 Uhr

    Ich habe das überflogen. Der Artikel erklärt die TFR, die heißt auch die ZUSAMMENGEFASSTE Geburtenziffer und vergleicht sie mit der CFR, die hier „Kohortenfertilitätsrate“ genannt wird.
    Seltsam, dass der Artikel das Wort TFR nicht erwähnt, der englische Schwesterartikel heißt TFR.

    Tempoeffekte werden leider nicht erwähnt.

    Arbeitest du zufällig an dem Artikel, oder woher dein Interesse daran?
    Falls jemand von hier dort schriebt könnte man in den Artikel imho folgendes einfügen: „Die TFR liefert nur dann eine verlässliche Schätzung der durchschnittlichen Kinderzahlen pro Frau, wenn das mittlere Gebäralter längerfristig konstant ist. Verändert sich hingegen das durchschnittliche Alter der weiblichen Bevölkerung bei der Geburt ihrer Kinder wird die TFR durch Tempoeffekte verzerrt. Dies ließ sich zum Beispiel in den neuen Bundesländern beobachten, doch auch in Westdeutschland sind Tempoeffekte wirksam. (Quelle 1) In der demographischen Fachliteratur werden verschiedene Formeln zur Korrektur von Tempoeffekte vorgeschlagen (Quelle 2)“

    Die Quellen folgen in einem weiteren Post, das bestimmt mal wieder im Spamfilter landet. Bitte raus fischen….

  8. 8 Carl 18. September 2011 um 20:19 Uhr

    Hier die Quelle 1: http://books.google.de/books?id=bbAT8P4h6L0C&pg=PA126&lpg=PA126&dq=tempoeffekt+tfr&source=bl&ots=uXeTfgdG7f&sig=lTEebL_OxKHgmkHwVRiaoNg0xl4&hl=de&ei=x0B2Tq-UFM7AtAah0_jCCw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=5&ved=0CDoQ6AEwBA#v=onepage&q=tempoeffekt%20tfr&f=false in diesem Buch S. 126

    Hier die Quelle 2: http://www.zdwa.de/zdwa/glossar/content/t.php

    Der Wikipedia-Artikel ist aber imho nicht falsch, sondern nur unvollständig. Siehst du die extrem niedrige TFR in den neuen Bundesländern um 1995 in der Tabelle? Das ist imho ein sehr starker Tempoeffekt.

    Interessant ist vielleicht auch das hier, die CFR („cohort fertility rate) für den Geburtsjahrgang 1960 (der jüngste Geburtsjahrgang für den zum heutigen Zeitpunkt eine CFR vorliegt) ist sogar noch höher als die korrigierte TFR. Sie liegt bei circa 1,66. Hier die Quelle: http://www.bib-demografie.de/nn_1956774/SharedDocs/Glossareintraege/DE/E/endgueltige__kinderzahl.html

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