Herkunft zensiert

Benotung und Schulempfehlung fördern Chancenungleichheit in der Bildung: Neue Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung untersucht Verhältnis von Leistungsdiagnostik und sozialer Ungleichheit an Schulen

Eine neue Studie hat die verschiedenen Herkunftseffekte für den Übergang zum Gymnasium untersucht und vorangegangene Studie bestätigt, die eine massive Diskriminierung von Arbeiterkindern belegen. In der von der Vodafone Stiftung finanzierten Studie „Herkunft zensiert?“ wurden vier Herkunftseffekte untersucht, die beim Übergang zum Gymnasium kulminieren:
1.unterschiedliche Leistung aufgrund des primären Effekts (Arbeiter- und Akadedmikerkinder stehen unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung),
2. unterschiedliche Benotung der gleichen Leistung durch Lehrkräfte
3. unterschiedliche Gymnasialempfehlung der Lehrkräfte bei gleichen Noten
4. unterschiedliche Präferenzen der Eltern je nach Status

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland mit dem Titel „Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule“. Durchgeführt wurde die Studie von den Bildungsforschern Prof. Dr. Kai Maaz (Universität Potsdam), Prof. Dr. Ulrich Trautwein (Universität Tübingen) und Prof. Dr. Franz Baeriswyl (Universität Freiburg/Schweiz). Auf Grundlage vorliegender Daten haben die Wissenschaftler in einer umfassenden Analyse den Zusammenhang zwischen Schulnoten und den Effekten der sozialen Herkunft ermittelt. Die Befunde basieren auf Daten der TIMSS-Übergangsstudie (Trends in International Mathematics and Science Study), der Berliner ELEMENT-Studie (Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis) sowie der TOSCA-Studie (Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren) sowie aus einer aktuellen Übergangsstudie aus der Schweiz.

Soziale Herkunft wird mit zensiert

Um den Effekt der unterschiedlichen Faktoren wie Familienhintergrund und Geschlecht zu messen, verglichen die Wissenschaftler die Schulnoten mit den Ergebnissen eines standardisierten, schriftlichen Leistungstests, der sowohl mathematisch-naturwissenschaftliche als auch sprachliche Kompetenzen misst. Hier zeigte sich bei gleichem Testergebnis ein deutlicher Effekt des sozioökonomischen Hintergrunds auf die vergebenen Zensuren. Die Notenvergabe lässt sich zu 49,4 Prozent mit der Leistung der Schülerinnen und Schüler erklären, aber die Noten korrelieren auch mit dem sozialen Status der Eltern und dem elterlichen Bücherbesitz als Anzeichen für die Bildungsnähe.

Für die manchmal geäußerte Vermutung, dass die Schüler aus sozial schwachen Familien die schlechteren Noten bekommen, weil sie weniger Anstrengungsbereitschaft zeigen, konnten die Forscher keine Belege finden, betonten aber die Notwendigkeit, dieser Frage genauer nachzugehen.

Die Annahme, dass Schüler mit Migrationshintergrund an der Übergangsschwelle von der Grundschule in die weiterführende Schule wegen ungerechter Notenvergabe benachteiligt werden könnten, wurde durch die Studie nicht bestätigt. Die Studie zeigt zudem, dass der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Notenvergabe in der vier- und der sechsjährigen Grundschule und in der Stichprobe aus der Schweiz gleich groß ausfällt.

Wie sich der soziale Herkunftseffekt zusammensetzt

Leistungsbewertung in Form von Noten und die Vergabe von Schulempfehlungen spielen hierzulande noch immer eine entscheidende Rolle für den weiteren Bildungsverlauf und die langfristigen Aufstiegschancen von Kindern und Jugendlichen. Die Wissenschaftler fragten daher, wie genau sich der soziale Herkunftseffekt zusammensetzt. Für die Bildungspolitik ergeben sich hieraus womöglich aufschlussreiche Erkenntnisse darüber, wie sich Herkunftseffekte reduzieren lassen. Fragt man nach dem Einfluss der sozialen Herkunft auf die Vergabe der Schulempfehlung, so zeigt sich zunächst, dass es vor allem die je nach sozialer Schichtzugehörigkeit unterschiedliche Leistung ist, die zu unterschiedlichen Schulempfehlungen führt. Dieser sogenannte „primäre Effekt“ macht über 51 Prozent des gesamten sozialen Herkunftseffektes aus und ist u.a. auf häusliche Bedingungen und mangelnde Förderung durch die Eltern zurückzuführen. Zu immerhin 23,4 Prozent aber entsteht die soziale Ungleichheit durch die Einschätzung der Lehrkräfte, die je nach Schichtzugehörigkeit der Schüler unterschiedliche Schulempfehlungen vergeben, und dies bei gleicher Leistung im standardisierten Test und gleichen Noten. Zu 25,5 Prozent entsteht die soziale Verzerrung bei der Empfehlungsvergabe durch ungleiche Notenvergabe bei gleicher Leistung während der Grundschulzeit. Wenn Benotungen und die Einschätzung der Schule sozial neutral wären, könnte der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Übergangsempfehlung um die Hälfte reduziert werden, so die Wissenschaftler.

Die Analysen zeigen, dass sich der Anteil der Arbeiterkinder, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28,5 Prozent erhöhen würde, wenn sie bei gleicher Leistung nicht mehr ungleich benotet würden. Würden sich die Eltern beim Übergang unabhängig von ihrer sozialen Herkunft für eine Schulform entscheiden, würde sich die Gymnasialquote sogar auf 32,5 Prozent erhöhen.

Beim tatsächlichen Übergang auf die weiterführende Schulform basiert der soziale Herkunftseffekt zu 29,9 Prozent auf sozialschichtabhängiger unterschiedlicher Benotung und Schulempfehlung bei gleicher Leistung. Auch das elterliche Entscheidungsverhalten (28,6 Prozent des Herkunftseffektes) spielt eine wesentliche Rolle. Schichtabhängige Leistungsunterschiede machen 41,6 Prozent des Herkunftseffektes aus. Diese Analyse zeigt insgesamt, dass soziale Ungleichheit auch, aber nur zu einem gewissen Teil an der Übergangssituation zur weiterführenden Schule entsteht. Der Anteil des sozialen Herkunftseffektes, der unmittelbar am Übergang zum Tragen kommt, macht etwas mehr als ein Viertel (28,6 Prozent) des gesamten Herkunftseffektes aus. Leistungsunterschiede und ungleiche Benotung während der Grundschulzeit sorgen schon sehr viel früher für soziale Disparitäten. Die Studie beschreibt auch die Haltung der Lehrkräfte. Diese messen dem familiären und sozialen Umfeld eine bedeutsame Rolle für den Schulerfolg bei. Potenziell könne die Berücksichtigung dieser Faktoren, auch vor dem Hintergrund des sozialen Hintergrunds der Lehrkräfte, zu einer Stabilisierung sozialer Ungleichheiten beitragen, etwa indem wegen mangelnder Förderung im Elternhaus die Noten der Übertrittsempfehlung angepasst werden.

Hinweis: Die Studie ist als ePub innerhalb der App der Vodafone Stiftung Deutschland im Apple-Store und Android-Market sowie unter www.vodafone-stiftung.de abrufbar.

Pressekontakt:

Danyal Alaybeyoglu,
Tel.: 0211 / 533-6786,
Mobil: 0172-2403359,
Fax: 0211 / 533-1898,
danyal.alaybeyoglu@vodafone.com,
www.vodafone-stiftung.de

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8 Antworten auf „Herkunft zensiert“


  1. 1 Delilah 11. Januar 2012 um 11:59 Uhr

    Woher sollen denn Lehrkräfte die Klassenzugehörigkeit von Schüler_innen kennen? Ich habe rückblickend nicht den Eindruck, dass die damals viel über meinen Hintergrund wussten, aber ich kann mich natürlich irren.

  2. 2 Oliver 09. Februar 2012 um 7:56 Uhr

    Kritik der traditionellen Sprachkritiker

    Es gibt Sprachkritiker, die treten im Gestus des Knigge auf. Als Beispiel möchte ich hier einen aktuellen Text der Rubrik ‚Zwiebelfisch‘ nennen, der sich mit der Passauer Posse vom Verbot des norddeutschen ‚Tschüss‘ beschäftigt:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814024,00.html

    Hier wird z.B. noch herablassend auf die Migranten geschaut.
    Dagegen empfehle ich als Antitext ein Interview zum Kietzdeutsch, das gestern in der SZ erschien, siehe:
    http://www.sueddeutsche.de/leben/jugenddialekt-kiezdeutsch-ich-bin-alexanderplatz-1.1278128

  3. 3 Dan 29. Februar 2012 um 18:43 Uhr

    Das stimmt. Es gibt viele „Ausländerfeindliche Schulen“. Und ich frage mich, wieso auf dem Zeugnis überhaupt der Geburtsort stehen muss. Reicht die Staatsangehörigkeit nicht aus.

    Allein schon wenn man einen Nicht-deutschen-Namen hat, ist man sofort abgestempelt, ohne die Leistung der Person näher zu betrachten.

  4. 4 Carl 11. Mai 2012 um 7:13 Uhr

    @ Delilah:
    Die Klassenzugehörigkeit eines Menschen kann man ziemlich leicht erkennen. Ich weiß nicht, woran man es genau festmachen kann. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich kann Leute meistens korrekt zuordnen.

    Ich glaube, dass es mit Kleidung, Sprache, Bewegungen, Werthaltungen und so weiter korreliert.

  5. 5 Administrator 11. Mai 2012 um 20:22 Uhr

    Bei den Elternsprechtagen lernt man zudem die Eltern kennen. Und oft reicht schon die Herkunft aus einer bestimmten Straße, um Kinder zuordnen zu können.

  6. 6 Carl 12. Mai 2012 um 11:08 Uhr

    Hier ist ja noch jemand. Ich habe schon befürchtet, dass die Diskussion ganz tot ist. Wo seid ihr denn alle? In der Yahoo-Group?

  7. 7 Carl 12. Juni 2012 um 18:06 Uhr

    Hier scheint leider nicht mehr viel los zu sein. Schade. Wie kommt das?

    Wie auch immer, ich habe zufällig einen Artikel über eine interessante Studie gefunden. „Sozial benachteiligte Kinder zeigen hohe Sozialkompetenz“ lautet der Titel. Lässt sich auch googlen.
    Das wäre doch ganz passend für diese Seite darauf zu verweisen, vor allem auch da wir hier schon eine ähnliche Studie hatten.

  1. 1 Ein perfides System: Herkunft zensiert – Andreas Kemper Pingback am 15. Dezember 2011 um 17:37 Uhr
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