Erfahrungsberichte

Das gemeingefährliche Sarrazin-Virus

Die Wut nach unten als Projektion gesellschaftlicher Missstände und persönlicher Abstiegsängste

Von Esra Ayse Onus

Ich bin eine türkischstämmige Migrantin, die in Soest in Westfalen geboren ist. Ich bin 28 Jahre alt und Kind der ArbeiterInnenklasse, des Prekariats und der Unterschicht. Die Grundschule habe ich in einem kleinen Dörfchen namens Oestinghausen besucht, in Soest bin ich mit dem über-ehrgeizigen Einsatz meiner damaligen 16jährigen Schwester auf das Gymnasium gegangen und habe anschließend mit einem glatten Zweier-Abitur an der Universität Münster angefangen, zu studieren. Besonders Glück hatte ich im Gegensatz zu den meisten gleichaltrigen türkischstämmigen Jugendlichen, weil ich eine engagierte und besorgte Schwester hatte, die sich mit ihren damals 16 Jahren energisch für mich gegen die mächtige Schulempfehlung, „Hauptschule geeignet, Realschule vielleicht geeignet, Gymnasium nicht geeignet“, durchsetzte und dafür mit semi-juristischen und emotionalen Anstrengungen sorgte, dass ich trotz aller schulrechtlichen Blockaden auf das Gymnasium kam. (mehr…)

Master für Reiche – Raster für Arme

Traurige Gedanken in einem Seminar / Sommersemester 2006

Von Esra Ayse Onus

Ich würde gerne eine Bemerkung anbringen, aber ich traue mich irgendwie nicht! Es ist halb 12. Eine intensive Diskussion über Studiengebühren ist wieder mal entfacht. Im Seminarraum zeichnet sich eine breite Zustimmung zur Einführung von Studiengebühren ab, vom Dozenten ganz zu schweigen, seine lang ersehnte Vorstellung von Harvard-ähnlichen Gebührensätzen kann man von seinen leicht dollarisierten Augen ablesen. Die Kühle in den Blicken der Kommilitonen und das Scheininteresse des Dozenten an wirklichen Studi-Problemen verbieten mir, jegliche Kommentierung vorzunehmen. So ruhen und gedeihen meine feigen Gedanken in mir. (mehr…)

Arbeiterkind…

Von Die 13
(Mit freundlicher Genehmigung von ihrem Blog Die 13’s Weblog Juli 28, 2010 at 2:24 pm)

Den folgenden Blogeintrag hätte ich schon länger gerne verfasst. Ich habe es immer wieder aufgeschoben. Wut, Unsicherheit, außerdem enthält er viel Persönliches. Der Artikel im SpOn gestern hat das Fass zum überlaufen gebracht. Ich habe überlegt, derartiges anonym zu veröffentlichen. Aber ich stehe zu allem was darin steht.

Es geht um den Bericht über HartzIV-Empfängerkinder, die von Arbeitsagenturen zur Ausbildung gedrängt werden.

Ich habe ähnliche Erfahrungen mit ARGE-Mitarbeitern gemacht, und möchte das hier einmal schildern: (mehr…)

Gender-Schräglage im Dishwasher

von Carl

Angesichts der Tatsache, dass es um Race, class, GENDER geht: Was gedenken wir (gedenkt ihr) eigentlich gegen die Tatsache zu tun, dass

  1. fast alle Artikel im Dishwasher von Männern stammen
  2. fast alle Erfahrungsberichte, sofern das Geschlecht ersichtlich ist, von Männern stammen
  3. die meisten Kommentatoren männlich sind?

Gerade zum letzten Thema (Gender) wären doch Einsichten von Frauen interessant.
Möglichkeit 1: Arbeitersöhne studieren signifikant häufiger als Arbeitertöchter. Dann wäre das Ergebnis nicht weiter verwunderlich
Möglichkeit 2: Irgendetwas schreckt Frauen ab
Ich würde gerne eine Diskussion darüber starten.

Erfahrungsbericht: „Die Bauernstimme“ oder „Schulden macht man nicht“

von Bernd Hüttner

Die Rüben- und Kartoffelernte war zu meiner Kindheit ein gesellschaftliches Ereignis, denn eine große Gruppe von Menschen ist daran beteiligt, die Oma, Nachbarinnen und deren Kinder arbeiteten gemeinsam auf dem Acker. Die Kartoffeln werden nach Größe sortiert, immer wieder werden die Körbe weiter vorgerückt, das trockene Kraut vom Opa auf dem Feld verbrannt, was diesen beißenden, nebligen Qualm erzeugt. Abends, wenn es schon ziemlich kalt und auch schon fast dunkel ist, fährt man auf dem Wagen nach Hause. Nach dem Vesper werden die Kartoffeln oder die Rüben noch von uns Kindern im Licht der einzigen Glühbirne des Kellers abgeladen, während die Erwachsenen im Stall sind.
Regelmäßig wurde geschlachtet. Das Schwein wird in einem Holzbottich enthaart und abgeschabt, dann wird es am Frontlader aufgehängt und zerteilt. Die Augen kullern über den Hof. Dann stank die ganze Küche Tage lang nach Fett. Ekelhaft.
Die ganze Familie ist beim Heu machen. Es ist drückend heiß und die “Bremsen” sind groß. Welche Geräte oder Maschinen wir dabei haben, weiß ich leider nicht mehr, (mehr…)

Man fühlt sich ein bisschen unsichtbar.

Erfahrungsbericht von Ronny

Im Jahr 1999 macht das Ruderteam der Schule einen Ausflug auf der Lahn. Es sind wunderschöne Tage und wir genießen sie mit allen Sinnen. Zum Ausklang haben einige von uns Jungs Sketche vorbereitet. Mehr oder weniger zufällig fällt unsere Wahl auf „four yorkshire men“, der aber (schlechte Englischkenntnisse der Mitschüler) auf Deutsch vorgetragen werden muss.
Ich verkörpere den Obadiah, in der Originalversion bekannt für seinen breiten Yorkshire-Dialekt. Da kann es nicht schaden, wenn ich selbst auch Dialekt spreche denke ich; und mich auch bewege wie ein Arbeiter, denn das ist Obadiah wahrscheinlich ursprünglich gewesen.
Die Mitschüler und die betreuende Lehrer sind ganz begeistert. (mehr…)

Workshop: Macht und Ohnmacht im Studium – wie setze ich mich besser durch?

03.07. Workshop für studierende Arbeiterkinder:

Macht und Ohnmacht im Studium – wie setze ich mich besser durch?
Die Bildung findet von Anfang an in einem bestimmten “Machtfeld” statt. Schüler aus akademischen, bildungsnahen Familien haben oft außerschulische kulturelle Lernorte und setzen sich so in der Schule besser durch. An der Uni setzt sich das fort: Die einen sind lockerer und souveräner, studierende Arbeiterkinder sind oftmals in der Sphäre der Universität zurückhaltender und haben mehr Probleme, ihre Rolle zu finden. (mehr…)

Erfahrungsbericht: Sie merken nicht, wie bürgerlich das eigentlich ist

Von Fatih
Erfahrungsbericht 2

Meine Noten waren nur durchschnittlich, weil ich neben der Schule arbeiten musste. Ich halte mein Abi eigentlich für eine gute Leistung. Doch ich musste feststellen, dass ich kein Einziges der Fächer studieren konnte, die mich interessierten. Über das Loswahlverfahren hatte ich aber doch noch Glück. Mein erstes Studienfach war leider nichts für mich. Das zweite war schon besser. (mehr…)

Erfahrungsbericht: Was ist ein guter Lehrer?

Von Fatih
Erfahrungsbericht 1

Ich bin früher nicht gern zur Schule gegangen. Schwänzen war mein liebstes Hobby und der Unterricht hat mich nicht interessiert. Meinen Eltern hat das nicht gefallen, aber was wollten sie tun? Dadurch, dass ich geschwänzt habe und unverschämt war, hatte ich den Repekt meiner Klassenkameraden… was wollte ich mehr? Dann in der siebten Klasse wurden wir von einem ausgezeichneten Deutsch-Lehrer unterrichtet. In den anderen Erfahrungsberichten habe ich es auch schon gesehen. Ein guter Lehrer kann viel ändern. (mehr…)

Workshop: Biographische Erfahrungen

04.-05. Juni 2010
Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt und im Bildungssystem „aufsteigt“, der macht oft ganz bestimmte biographische Erfahrungen: Man muss sich in dem ungewohnten Raum „Universität“ zurechtfinden, das Studium kann eine „krisenanfällige Sache“ sein, oder aber es entsteht eine zunehmende Ferne zu den Eltern. Bei einigen geht auch alles gut und die Eingeöhnung in die akademische Welt geschith recht reibungslos. Möglicherweise sind Erfahrungen aus dem Gymnasium vorhanden, wo sich ähnliche Effekte wie an der Universität zeigten. Trotz der Hürden im Bildungssystem hat man es geschafft! (mehr…)

Howard Zinn: Klassenbewusst aufwachsen

Von Andreas Kemper

2006 besuchte ich in New York eine Veranstaltung, in der verschiedene bekannte Menschenrechtsaktivist_innen Texte vortrugen aus der Geschichte der Vereinigten Staaten. Diese Texte hatte Howard Zinn zusammengestellt, der Autor von „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“. Es waren vergessene Texte von aus dem Alltagsbewusstsein verdrängten Kämpfen, beginnend mit der Gewalt von Kolumbus gegen die Arawak-Indianer_innen, über die Kämpfe gegen Sklaverei, Kämpfe der Frauenbewegung, Erzählungen aus den Stonewall-Riots und den Anti-Vietnamkriegs-Aktivitäten. Mir ging es so wie den vielen anderen im Saal, ich war sehr berührt. Im Folgenden zitiere ich eine Passage aus Howard Zinns Autobiographie „Schweigen heißt Lügen“, in der er von seinem klassenbewussten Aufwachsen in Brooklyn erzählt. (mehr…)

Erfahrungsbericht

Von Matthias

Erfahrungsbericht No. 3

Dieser ist kürzer. Nach dem Abitur habe ich angefangen, Jura zu studieren.
Ich bin mit einem anderen Jurastudenten, dieser war in dritter Generation Jurist, in eine WG gezogen. Das Studium war unheimlich stressig. Mein Ehrenamt musste ich aufgeben. Ich habe bestimmt (Nebenjob und Studium zusammengerechnet) 60 Stunden in der Woche gearbeitet und vieles einfach nur auswendig gelernt. Die Kommilitonen waren zum Teil sehr unsolidarisch. In der Bibliothek wurden die Bücher versteckt. (mehr…)

Erfahrungsbericht

Von Matthias

Erfahrungsbericht No. 2

Seit ich ganz klein bin, haben mich meine Eltern zur Arbeit angehalten. Ich habe sehr oft zum Beispiel bei Verwandten geholfen. Mit 16 hatte ich meinen ersten richtigen Job und habe seitdem immer neben der Schule und der Uni gearbeitet. (mehr…)

Erfahrungsbericht

Von Andrea

Ich komme aus Verhältnissen, die man heute als Prekariat bezeichnen würde:
Meine Mutter war Altenpflegehelferin, Putzfrau und die meiste Zeit arbeitslos. Sie war alleinerziehend, psychisch krank und alkoholabhängig.
Ich konnte aber bereits mit vier Jahren lesen und hatte am Ende der vierten Klasse in Bayern einen Notendurchschnitt von 2,0. Ich bekam eine Hauptschulempfehlung: Das Kind hat Stress mit dem Jugendamt, die packt das eh nicht. (mehr…)

Erfahrungsbericht

Von Matthias

Erfahrungsbericht No. 1

Es gibt in meiner früheren Heimatstadt zwei Gymnasien, das humanistische altehrwürdige (A.-Gymnasium) und das mathematisch-naturwissenschaftliche (B.-Gymnasium), das als Proletengymnasium galt. Die Schüler des humanistischen Gymnasiums hielten große Stücke auf ihre Schule. Sie hatten eine eigene Schulkleidung, ein Schullied und sie nannten sich nicht einfach A.-Schüler, sondern A.-ianer. (mehr…)




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