Tag-Archiv für 'marxismus'

Ernst Bloch: Der Schriftsteller in der Industriegesellschaft

Der Titel ist irreführend. Es geht vor allem um Revolte, Leitbilder und Utopie. Der Vortrag erscheint mir hochaktuell in Zeiten des Pragmatismus, der Wiederkehr von selbsternannten Kreuzrittern, der Aufstände in Tottenham und anderen britischen Städten und einem Bildungssystem, welches Arbeiterkinder systematisch ausgrenzt und dem Kultusminister vorstehen, die in ihrer Karriereorientierung ihre Dissertationen plagiierten. An einigen Stellen ist Bloch antiquiert („Wahrer Mann, wahres Weib“), aber so wie er von Marx sagt, dass dieser es ablehnte, als Marxist bezeichnet zu werden, so ist es prinzipiell durchaus im blochschen Sinn, Blochs Philosophie genderspezifisch zu korrigieren. Das Youtube-Video wurde von „denkentutgut“ eingestellt und er hat einige Passagen aus dem Vortrag zusammengefasst. Diese Lektüre ersetzt aber keinesfalls den Vortrag: (mehr…)

Marxistische Diskriminierungshierarchie

Von Andreas Kemper

Karl Marx spricht bereits in seinen Frühschriften vom Vorrang der Arbeiteremanzipation im Kampf gegen alle Knechtschaftsverhältnisse, da diese nur „Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses“ seien:

„Aus dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht, nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters Zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“ Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1. Manuskript

Gegen diese Analyse wandten sich spätestens seit den 1960er Jahren verschiedene Bewegungen, vor allem die Frauenbewegung. (mehr…)

Die Klassenfrage jetzt enttabuisieren

von Tobias Fabinger

Der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno, der maßgeblichen Einfluss auf die Studentenbewegung Ende der 60ger Jahre hatte, aber auch das kulturelle Klima in Deutschland insgesamt prägte, sprach von einer „neurotischen Angst vor Marx“. Eine neurotische Angst ist eine irreale Angst, eine Angst vor einem Phantasma. Wieso aber besteht diese Angst, sich mit den Theorien von Karl Marx auseinanderzusetzen, sind sie doch hochrational argumentierende Gebilde und kein Teufelswerk? Die Antwort ist einfach: Weil sie an ein gesellschaftliches Tabu rühren, nämlich an die Erkenntnis der Klassengesellschaft. Diese Erkenntnis ist, wie Adorno ebenfalls festgestellt hat, der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam peinlich, weil sie sich ja als Gesellschaft der Freien und Gleichen definiert.
Zunächst umreiße ich die klassische marxistische Klassentheorie, um dann zu fragen, welche Bedeutung diese Theorie in der Gegenwartsgesellschaft und in der Perspektive des Grundgesetzes und des demokratischen Verfassungstaates haben kann. Auch soll nach ihrem Erklärungswert für die Ungleichheit der Chancen im gegenwärtigen Bildungssystem gefragt werden.

Die marxistische Theorie – auch nach Marx im 20. Jahrundert, etwa bei Antonio Gramsci – bezeichnet das Proletariat als subaltern – also als nachgeordnet, randständig. Während das Bürgertum integriert ist, also im Kernbereich der Gesellschaft agiert, wird der Proletarier lediglich herangezogen, weil man seine Arbeitskraft braucht. (mehr…)




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