Tag-Archiv für 'soziale-herkunft'

OECD empfiehlt Abschaffung der frühen sozialen Selektion

Von Andreas Kemper

Equity and Quality in Education. Supporting Disadvantaged Students and Schools

Ein neuer OECD-Bericht empfiehlt verstärkte Investionen im Schulbereich, Abschaffung des Sitzenbleibens, Selektion/Segregation erst ab Sek II, Einschränkung der freien Schulwahl durch Eltern.

Interessant ist die Formulierung: „Dort, wo Widerstände gegen eine Aufschiebung des Zeitpunkts der Selektion bestehen, empfiehlt es sich, die untersten Schulzweige abzuschaffen, um die negativen Effekte dieser Praxis zu verringern.“ Diese Formulierung irritiert mich, aber ich kann noch nicht genau sagen, warum. Vielleicht, weil einfach hingenommen wird, dass es diesen Widerstand gibt, obwohl er wissenschaftlich keine Grundlage hat?

Call for Papers: Buchprojekt „Strangers in ‚Paradise‘“

Call for Papers: Buchprojekt „Strangers in ‚Paradise‘“

Der Sammelband „Strangers in ‚Paradise‘“ wird herausgegeben von einer Gruppe von Akademiker_innen mit nicht-akademischen Klassenhintergründen. Der Sammelband zielt darauf ab, Dominanzverhältnisse innerhalb der Hochschulen, die mit Klasse/sozialer Herkunft zu tun haben (=Klassismus), zu benennen und zu kritisieren.

Klassismus innerhalb der Hochschulen ist überall spürbar und wird doch fast nie zum Thema gemacht: Working Class/Poverty Class-Academics werden an Hochschulen alltäglich mit Marginalisierungen, Ausschlüssen und Anpassungsdruck konfrontiert. Hochschulen werden so zu einer jener Instanzen, die zur Legitimierung und Unsichtbarmachung kapitalistischer Ausbeutungs- und Dominanzverhältnisse beitragen. (mehr…)

EU-Journalistenpreis gegen Diskriminierung

Von Andreas Kemper

Zum achten Mal wird der EU-Journalistenpreis gegen Diskriminierung vergeben. Artikel, die in Magazinen oder online im Zeitraum vom 18. September 2010 und 10. November 2011 das Thema Diskriminierung mit europäischen Bezug zum Thema haben, können vorgeschlagen werden. Allerdings sind nur die Diskriminierungen als Thema erlaubt, die von den europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien abgedeckt sind. Also keine klassenspezifischen Diskriminierungsgründe (Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsbenachteiligung, Niedriglohnpolitik, …). Daher hier meine Idee: Schreibt Artikel zur klassenspezifischen Diskriminierung mit europäischen Bezug, die ebenfalls von einer der sechs offiziellen Diskriminierungsgründe handeln, intersektionell oder irgendwie anders. Wir können dann die Artikel gemeinsam einreichen.

Hier die Teilnahmebedingungen: EU-Journalistenpreis – Gemeinsam gegen Diskriminierung

Flattr this

Diskriminierungsfreie Hochschule – Erster Projektbericht liegt vor

Wir hatten vor anderthalb Jahren interveniert, als die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu Diskriminierung an Hochschulen aufgrund der im AGG genannten Diskriminierungsgründe forschen lassen wollte – also unter Ausschluss des Diskriminierungsmerkmals „Soziale Herkunft“. Im ersten Projektbericht ist die Soziale Herkunft nun enthalten.

„3.2.5 Soziale Herkunft
Ebenso wie das AGG und die Europäischen Richtlinien lassen auch die europäischen und amerikanischen Bundesgesetze den sozioökonomischen Aspekt im Kontext der Antidiskriminierungsgesetze außen vor. Dementsprechend rar sind spezielle Maßnahmen an den Hochschulen, die sich speziell der Herstellung von Chancengleichheit für einkommensschwache Hochschulmitglieder widmen. Auf der Ebene abstrakter Absichtserklärungen kann bei einigen Hochschulen jedoch festgestellt werden, dass der sozioökonomische Aspekt zum Teil gleichberechtigt neben anderen Diskriminierungsmerkmalen oder gesondert Erwähnung findet.“

Bei Minijob kein Elterngeld mehr – wo bleibt der Aufstand?

Von Andreas Kemper

Das Familienministerium plante laut Süddeutsche Zeitung (Thomas Öchsner: Kein Kindergeld für Minijobber, Süddeutsche Zeitung, 16.07.2010) weitere Kürzungen beim Elterngeld bei armen Familien. Jetzt sind die MinijobberInnen dran. Bei einem Gehalt ab 2770 Euro wird nicht gekürzt. „Schröder argumentiert, dass es gerade für gut verdienende Männer weiter attraktive Anreize geben müsse, in den Elternurlaub zu gehen.“ heißt es in der Süddeutschen. Diese Pläne seien ein Skandal, der an den Äußerungen Westerwelles zur „spätrömischen Dekadenz“ erinnern, so Markus Horeld in seinem Kommentar „Elterngeld. Wie man sozialen Unfrieden stiftet“, Die Zeit 16.07.2010. Gerade erst wurde mit Daniel Bahr ein Politiker Gesundheitsminister („Erbgesundheitsminister“), der behauptet, dass in Deutschland die „Falschen“ die Kinder kriegen.
Soweit ich weiß, haben die seit Jahren anhalten Kürzungen beim Elterngeld für arme Familien und massiven Erhöhungen bei reichen Familien noch zu keinen sozialen Unruhen geführt, noch nicht einmal zu Demonstrationen. Arme Familien müssen sich politisch selbstorganisieren mit einem kämpferischen Selbstbewusstsein, dass ihre Kinder und ihre Arbeit für die Kinder genausoviel wert ist, wie die aus bessergestellten Familien. Studierenden Arbeiterkindern kann dabei eine unterstützende Funktion zukommen. Wir müssen die in der Verfassung festgehaltene Gleichwertigkeit der Menschen gegen den eugenisch motivierten Klassenkampf aus dem Familienministerium durchsetzen.

Flattr this

11. Studiensurvey: Bildungsbenachteiligung bleibt unverändert

Das 11. Studiensurvey der AG Hochschulforschung der Uni Konstanz teilt in der Kurzmitteillung zum Kriterium Soziale Herkunft mit:

Für die Studienaufnahme ist sowohl eine gute Abiturnote als auch die akademische Herkunft von fast gleichem Gewicht. 2010 gehören 42% der Studierenden zum Kreis der Bildungsaufsteiger (kein akademisches Elternhaus); ihr Zugang an die Hochschulen hat sich kaum erweitert. An den Universitäten ist ihr Anteil weit geringer als an den Fachhochschulen.

Die Verwirklichung von Auslandsaktivitäten ist abhängig von der sozialen Herkunft. Besonderes Gewicht als Barriere haben Finanzierungsprobleme und Notwendigkeiten der Umorientierung.

Weitere Infos: Zentrale Ergebnisse des 11. Studiensurvey

Uni Bayreuths sozialhomogene Biergarten-Gespräche

Von Andreas Kemper

Uni Bayreuth – Campus-Uni für bessergestellte Akademikerkinder

Uns geht es nicht um den Rücktritt Guttenbergs, sondern um die Analyse des Eisbergs, dessen Gipfel die Guttenberg-Affäre ist. In diesem Zusammenhang ist Guttenbergs Wahl der Uni Bayreuth interessant. Die Uni Bayreuth ist eine Campus-Uni mit einem extrem auffälligen Herkunftsprofil. Die DSW-Sozialerhebung listet leider seit der 15. Erhebung keine direkten Vergleiche der Hochschulen mit dem Herkunftsprofil der Studierenden mehr auf. In dieser Studie war Bayreuth jedoch die westliche Hochschule mit den wenigsten Studierenden mit dem Herkunftsmerkmal „niedrig“ (8% gegenüber dem damaligen Durchschnitt von 14%). Ein Alleinstellungsmerkmal war zu dem Zeitpunkt, dass nur 24% der Studierenden Eltern hatten, die weniger als 4000 DM Nettoeinkommen hatten, alle anderen Hochschulen wiesen Quoten zwischen 32% und 55% auf. Entsprechend sieht es bei der Quote reicher Eltern der Studierenden aus: die Uni Bayreuth ist eine sozial homogene Hochschule von Akademikerkindern aus reichem Elternhaus. (mehr…)

Leistungsorientierte Mittelvergabe sozial dimensionieren

Bei einem Besuch im AStA der Uni Münster legten wir heute Svenja Schulze, Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW (SPD), folgendes Papier vor, in dem wir unter anderem fordern, dass die Mittelvergabe des Landes an die Hochschulen in NRW um so höher ausfällt, je mehr Arbeiterkinder die Hochschule absolvieren bzw. promovieren.

Leistungsorientierte Mittelvergabe
sozial dimensionieren

Die Soziale Dimension ist nicht umgesetzt

Die geforderte Umsetzung der „Sozialen Dimension“ im Bologna-Prozess findet „nicht einmal ansatzweise“ statt, kritisiert der Präsident des deutschen Studentenwerkes, Rolf Dobischat. Die Landesregierung NRW kann daran mitwirken, die Umsetzung der Sozialen Dimension im Bologna-Prozess voranzubringen.
Es arbeiten bereits verschiedene Stiftungen (Friedrich-Ebert-, Hans-Böckler-, Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung) in Werstattgesprächen zusammen, um gezielt „Arbeiterkinder“ zu fördern.
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung legte in diesem Jahr eine Analyse der AG Hochschulforschung der Uni Konstanz vor, in der Tino Bargel ein „Social Mainstreaming und Monitoring“ empfiehlt. (mehr…)

ADS erkennt „Soziale Herkunft“ als potentiellen Diskriminierungsgrund an

Von Andreas Kemper

Wir hatten vor einem Jahr darüber berichtet, dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes einen Forschungsauftrag zu „Diskriminierung an Hochschulen“ vergab, mit dem über die im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verzeichneten Diskriminierungsformen untersucht werden sollten. Das Problem an dieser eigentlich lobenswerten Untersuchung bestand darin, dass „Soziale Herkunft“ nicht im AGG vorkam und dass somit von vornherein auch gar nicht untersucht werden sollte, ob es eine Benachteiligung von Arbeiterkinder an Hochschulen geben könnte. Wir intervenierten, schalteten die Presse ein, so berichtete bspw. die Frankfurter Rundschau über diese Form von Diskriminierungshierarchie und nahmen Kontakt zu einzelnen Wissenschaftlern auf, die an der Studie beteiligt sind. Wir freuen uns mitteilen zu können, dass nun „soziale Herkunft“ auch offiziell auf der Internetplattform der Antidiskriminierungsstelle des Bundes auftaucht:

Anhand des Modellprojekts „Diskriminierungsfreie Hochschule“ sollen Indikatoren entwickelt werden, die benachteiligende Strukturen und Mechanismen deutlich machen. Unabhängig davon, ob es um Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, sexuelle Identität oder auch soziale Herkunft geht.


Flattr this

Vollversammlung der studierenden Arbeiterkinder

Vollversammlung Donnerstag, 16.12. 18 Uhr AStA Uni Münster, Schlossplatz 1, Plenumsraum

Zum zehnten Mal wird es eine Vollversammlung von studierenden Arbeiterkindern an der Universität Münster geben. Während der Vollversammlung wird darüber beraten, wie die Situation von Arbeiterkindern im Bildungssystem verbessert werden kann. Es wird die Arbeit vom „Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende“ vorgestellt, die amtierenden Referenten sind gegenüber dieser Vollversammlung rechenschaftspflichtig. Und es werden für das nächste Jahr neue Referent_innen gewählt. Die Stelle im AStA wird mit einer Aufwandsentschädigung in Höhe des vollen Bafög-Satzes vergütet. Bislang war es üblich, dass sich zwei (oder drei) Interessierte diese Stelle teilten. (mehr…)

Viel Ungleichheit, kaum Bewegung

Die den GRÜNEN nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung hat eine Studie zu sozialem Auf- und Abstieg in Deutschland vorgelegt, die ein weiteres Puzzlestück in einer Vielzahl von aktuellen Studien zur Widerlegung der Leistungsideologie darstellt. Reinhard Pollak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung konstatierte in der Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“,

  • dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition bei den Jahrgängen 1960-1969 und 1970-1979 wieder stärker wird (S. 29ff.),
  • „dass der Einfluss des Elternhauses auf eigene Mobilitätschancen in kaum einem anderen Land so stark ausgeprägt ist wie in Deutschland“ (S. 38),
  • dass vielen „Bürgerinnen und Bürgern“ nicht bewusst sei, „dass wir uns deutlich mehr Chancenungleichheiten leisten als andere Länder und dass diese Ungleichheit nicht notwendig ist, um den Lebensstandard zu halten“ (S. 53).

(mehr…)

Andrä Wolter zu Hochschulbildung und soziale Ungleichheit

Auf den Nachdenkseiten findet sich die Zusammenfassung eines Vortrags von Andrä Wolter während des Workshops: Bildung für alle? der Hans-Böckler-Stiftung und IG Metall Frankfurt am 27./28. September 2010 zum Thema Hochschulbildung soziale Ungleichheit . Hier werden von einem Mitarbeiter des Hochschul-Information-Systems sehr knapp die empirischen Daten zur sozialen Bildungsbenachteiligung zusammengefasst und kommentiert.

Lars Schmitt: Probleme und Konflikte von Arbeiterkindern an der Universität und ihre mögliche Lösung

Veranstaltung vom Fikus-Referat Münster:

Lars Schmitt:
Probleme und Konflikte von Arbeiterkindern an der Universität und ihre mögliche Lösung

Der Soziologe Lars Schmitt, der auch Erfahrungen in der Studienberatung hat, referiert über die Konflikte und Identitätskrisen, in die studierende Arbeiterkinder geraten können. Oftmals schreiben sie sich ihre Probleme als individuelles Versagen zu. Dabei liegt die Ursache in „Habitus-Struktur-Konflikten“, in die die Arbeiterkinder in einer weitestgehend bürgerlich-akademischen Umwelt geraten. Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Studierenden mit unterschiedlicher sozialer Herkunft und Ausgrenzungserfahrungen können die Folge sein. Nach dem Vortrag gibt es eine Diskussion und einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch, sowie einige Tipps zum Umgang mit der Studiensituation. Das Ziel ist, entspannter und bewusster mit der sozialen Situation im Studium umzugehen. Auf der Veranstaltung wird das Arbeiterkinder-Referat des AStA seine neue Beratung vorstellen. (mehr…)

Blockierter Aufstieg

Von Andreas Kemper

Das aktuelle Magazin Böll.Thema 03/2010 der Heinrich-Böll-Stiftung widmet sich dem Thema „Sozialer Aufstieg. Strategien gegen die blockierte Gesellschaft“. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung erklärt im Vorwort, warum dieses Thema gewählt worden ist:

Weshalb ein Heft mit dem Oberthema sozialer Aufstieg und Chancengerechtigkeit? Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet wurde, gibt darauf eine plastische Antwort: «Deutschland weist im internationalen Vergleich eine sehr
geringe soziale Mobilität auf, oder anders formuliert: Die Chancen, gesellschaftlich auf- oder abzusteigen, sind in kaum einem anderen industrialisierten Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Wir leisten uns mehr Ungleichheiten als notwendig, und dies insbesondere zum Nachteil derjenigen Kinder, die mit ihrer geringen sozialen Herkunft vergleichsweise wenig Chancen haben, aus diesen nachteiligen Positionen aufzusteigen.»

Uns liegt die Studie, die im Herbst erscheinen soll, noch nicht vor. Allerdings gibt Jutta Allmendinger erste Ergebenisse bekannt. (mehr…)

Birth, not Worth

Von Andreas Kemper

In Deutschland separiert sich die Mittelschicht spätestens dann von ärmeren Familien, wenn die Kinder schulpflichtig sind. Die Einschulung führt oft dazu, dass Mittelschichts-Eltern in andere Stadtteile ziehen. In Großbritannien scheint es ein ähnliches Muster zu geben, wie dem Artikel „Endstation Kindergarten“ von Ralf Sotschek aus der taz vom 28.09.2010 zu entnehmen ist. Die Diskriminierung aufgrund der Sozialen Herkunft ist deutlich und trotz Wissen um diese Diskriminierung ändert sich nichts zum Positiven. Im Gegenteil. Die Europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien müssen dringend um diese klassenspezifischen Aspekte ergänzt werden.

Flattr this




kostenloser Counter